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Das Tibetanische Totenbuch in Romanform

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Eines meiner ersten Bücher auf dem elektronischen Kindle- Lesegerät, dessen Nutzen und Nachteile ich bereits angesprochen habe, war „This Flawless Place Between“ von Bruno Portier. Ich wäre wohl nicht darauf gekommen, wenn es nicht im Kindle- Blog besprochen worden und an einem Tag zu einem Preis von etwa einem Euro angeboten worden wäre. Es gibt das Buch aber auch, in digitaler wie in konventioneller Form, in deutscher Übersetzung. Die Beschreibung für den Kunden lautet ziemlich euphorisch (ebenso wie auch der Titel in deutscher Übersetzung merkwürdig daher kommt): „Evan und Anne sind mit ihrem Motorrad in Tibet unterwegs. Beim Versuch, einem plötzlich auftauchenden Bauern auszuweichen, kommt es zum Unfall, Anne kommt ums Leben. Der tibetische Bauer kümmert sich um das Paar und praktiziert Übergangsrituale für die sterbende Anne. Getragen von ihrem Karma durchlebt sie einzelne Stationen ihres Lebens noch einmal. Beim „Bardo“, dem in der tibetischen Tradition so bezeichneten Zustand zwischen Leben und Tod, entscheidet sich Anne dafür, wiedergeboren zu werden. Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Thematik des tibetischen Totenbuchs in Romanform zum Leben zu erwecken.“

„Meisterhaft“ ist wirklich stark übertrieben. Man sollte keine große Literatur erwarten. Aber das Thema ist mutig gegriffen, und die Art der Darstellung berührt wirklich sehr. Das junge Paar auf seiner Tour durch abgelegene Wege im Himalaya verunglückt schwer, stürzt in einen Abgrund. Es hat ein Kind bei den Eltern der Frau zurück gelassen. Der Mann ist schwer verletzt und nicht in der Lage, Hilfe zu holen. Ein obskurer tibetischer Heiler vollzieht die Rituale des Tibetanischen Totenbuchs an der toten Frau, die als Verstorbene am Ort des Unfalls herum irrt und nicht realisiert, dass sie tot ist. Sie beginnt erst zu verstehen, was geschehen ist, als sie ihren eigenen Leichnam entdeckt. Sie ist in einem Zwischenreich gefangen. Alle Bemühungen des Heilers gehen darum, ihr den Übergang zu erleichtern. Dazu muss sie die verworrenen, ungeklärten Tatsachen ihrer Liebesbeziehungen aufarbeiten. Mit der Zeit, den Stunden der Durchführung des Rituals, wird sie losgelöst vom direkten Umkreis und gelangt innerlich zu ihrem Kind daheim. Auch die Beziehung zu ihrem jetzigen, verletzten Partner steht ihr vor Augen. Sie entscheidet sich nach meinem Verständnis nicht dafür, wieder geboren zu werden, sondern diesen Zwischenzustand zwischen Leben und Tod mit den direkten intensiven quasi-leiblichen Verbindungen zu den Liebsten aufzugeben. Es handelt sich darum, die Tatsache des Verstorbenseins anzunehmen, zu akzeptieren und in eine Verwandlung hinein zu gehen. Der Heiler sieht dabei Eile geboten. Er befürchtet eindringlich, es sei nur eine begrenzte Zeit für den Schritt vorhanden, da sonst Gefahren des dauerhaften Klammerns und Haftens bestünden. Das Ganze ist von ihrer Sicht aus geschildert und daher sehr bewegend und nachvollziehbar. Es gibt dabei keine seltsame „spirituelle“ Sprache, sondern ein nüchternes, sachliches, kühles Umgehen mit einer sehr verständlichen Problematik.

Der Autor schildert seine Intentionen auch ganz unprätentiös: „This Flawless Place Between was born of a desire to make The Tibetan Book of the Dead accessible to a wider readership, and, to inspire readers to turn to translations and studies of the original text. The novel follows, as scrupulously as possible, the different stages of the book and transcribes the key moments into a narrative rooted in a world more familiar to Western readers.“ Den ominösen Heiler gibt es übrigens nicht, wie sich am Ende des Buches heraus stellt- man kann ihn sich vielleicht als Projektion oder als übersinnlichen Helfer beim Übergang vorstellen. Aber das bleibt offen. Evan, der verletzte Mann, kehrt nach Hause zurück, kümmert sich um das Kind und um die Probleme, die Anne zurück gelassen hat. Es ist, wie gesagt, nichts Mystisches dabei. Es ist ein pragmatisches Buch aus der Sicht einer Sterbenden, ja, einer Toten- eine zweifellos merkwürdige Perspektive. Aber es ist doch ein Buch, das man nicht schnell vergisst.




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