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Als ich gestorben war

kingsson
An diesem Tag gleich ins Tal hoch gefahren, im immer dichter werdenden Nebel. Es war Anfang Dezember, wir hatten nichts anderes erwartet. Gegenüber vom Kloster Sankt Trudpert in der ehemaligen Mühle der großen Klosteranlage eingecheckt. Dann ein Spaziergang, bevor es ganz dunkel wurde, steil hinauf und einmal um die ganze alte Anlage herum. Eine Pause an der Quelle, die der Einsiedler und Gründer im 6. Jahrhundert frei gelegt hatte und die bis heute gepflegt wird und in einem überdachten kleinen Bau sprudelt. So viele Orte wie diese in Europa gehen ja auf einen solchen Einsiedler und auf ein entspringendes Gewässer zurück- meist sind sie ja noch viel älter als das Christentum selbst.

Danach etwas essen und sich frisch machen. Es war eine lange, unangenehme Fahrt gewesen. Irgend etwas stimmt nicht mit mir, die Wand kommt mir plötzlich ungewohnt entgegen, der Boden wallt auf, ich lege mich lieber hin. Auf das Bett zu klettern hat etwas von einer Bootsbesteigung, kaum auf den Rücken gedreht kommt der Nebel an mich heran und hüllt mich ein. Ich bin ganz klar, aber etwas stimmt nicht. Ich bin nur Bewusstsein, nur ich, nur lose verbunden, ohne jegliche Schwere. Noch nehme ich es nicht ganz ernst- ein Schwindel, vielleicht. Aber dann wird mir klar, dass ich nur noch durch einen silbernen Faden mit dem Leben im Körper verbunden bin.

Undeutlich vor mir, gestaltlos, aber präsent, ein strenges Etwas. Wieder mache ich Scherze im Geist, sage sogar erheitert: Oh, der Abt ist da. Und wirklich scheint es mir so, offensichtlich angeregt durch die vertraute Klosterumgebung, als schaute mich ein eiserner Abt an- kühl, mit einem Blick, der alles und alle gesehen hat, eine lange Ahnenreihe von Sündern, die er neutral betrachtet. Ein letzter Scherz: Och, bitte nicht katholisch sterben!
Aber dann wird mir klar, das es ernst ist. Ich kann nicht einfach zurück. Und ich war schon mehrmals hier, an dieser Stelle, ohne das damals zu wissen, lose verbunden, einen winzigen Schritt entfernt vom reinen Bewusstsein, das keinen Spiegel mehr in einem Leib hat:

(Damals, mit 18, in Amsterdam, zwischen all den Hippies, Blumenkindern und Hare- Krishna- Sängern. Jemand hatte mir etwas ins Getränk getan, das viel zu stark für mich war- so stark, dass ich das Königreich der Schmerzen kennen lernte, aus der Bahn geworfen wurde, die silberne Schnur verwickelt, in der Hand von Notfallmedizinern. Damals, mit 35, geschwächt durch eine schwere Infektion, in der Krypta der florentinischen San Miniato del Monte, als ein Geist voller Güte vor stand und mit mir sprach - von Mensch zu Mensch, aber völlig entkörpert. Wie immer bei solchen Gelegenheiten zwischen Leben und Tod streng sachlich, das Leben und seine Möglichkeiten konkret betrachtend.)

Nun, wieder solch eine Gelegenheit. Der Abt allerdings kennt keine Güte. Ich sehe mit seinen eisernen Augen auf mein Leben. Ich weiß jetzt, dass es sehr knapp werden wird. Ich beginne mit ihm zu argumentieren. Habe ich es nicht verdient, zu leben? Habe ich nicht Güte bewiesen und mich zumindest bemüht? Und wieder beginne ich mit den eisernen Augen des Abtes durch mein ganzes Leben zu wandern, als wäre es eine Landschaft. Meine Intentionen, meine geheimen Leidenschaften, meine Verbohrtheit und die vollkommene Illusion eines Jedermann, der sich selbst für wichtig hält, wie jedermann. Ich wandere mit diesen Augen durch das Leben und erkenne, dass ich meine tiefsten Anliegen verfehlt, dass ich versagt, verzagt und nichts verdient habe. Wieder stehe ich vor dem Abt. Ich fühle, dass er mich mit sich nehmen wird. Es ist vorbei, ich habe nichts, was ich auf die Waagschale werfen könnte. Ich bin ohne Gewicht, mitten im Abgrund, eine Feder im Wind.

Dann, mit aller Demut, bitte ich, noch ein wenig verweilen zu dürfen. Ich sehe meine Schuld, die Verstrickung. Ich sehe, dass ich bin wie sieben Milliarden mit mir, sich Mühende, Bemühte, sich Verlierende, ihre Herkunft Vergessende, sich selbst entfremdete menschliche Wesen. Mein Körper ist weit unter mir. Ich bin einverstanden, wie es auch sei, was auch geschehe. Ich bin ganz ruhig, ich bin demütige Erwartung. Aber so gerne würde ich noch einen Tag lang, eine Woche lang den Wind auf der Wange fühlen und den Geruch des Frühlings wahrnehmen. Und zu meinem Erstaunen schwindet die Präsenz des Eisernen. Die Sehnsucht, ein wenig körperlich zu empfinden, wenn man es nicht mehr kann! Da, ein Stück Haut, da, ein wenig Arm. Das Körpergefühl kehrt unendlich langsam und tastend zurück. Ich bin wieder im Körper, im Bett, im Zimmer, und denke: Der Abt war sehr streng mit mir. Aber ich darf noch eine wenig hier verweilen-
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