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Das Zeitalter der Göttinnen

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Angesichts der vielen Figurinen wie Muttergottheiten, die man in der Vorzeit vor der Zeitenwende bis weit ins Neolithische hinein findet, gab es doch offenbar Kulturen, die einen besonderen Wert auf dieses weibliche Element legten, obwohl es zeitversetzt über die ganze Welt hinweg auftrat und ursprünglich sicherlich etwas mit dem Sesshaft- Werden schlechthin zu tun hatte- mit dem Element, was später als Demeter verehrt wurde, und wovon sich möglicherweise, in verwandelter Form, Elemente in die Muttergottes und in die Sophia entwickelten. Die Kultur, von der hier vorrangig die Rede sein soll, war im gesamten Gebiet der Donau ansässig, ab etwa 6500 vor Christus. Einige der Figurinen sind in einer Bildersammlung „BC“ bei Pinterest einsehbar.

In „Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas“ schreibt Harald Haarmann über den Ursprung dieser kulturellen Strömung, in der anatolische Hirtenvölker mit thessalischen Ackerbauern zusammen fanden und nach Norden weiter zogen: „Die Besiedlung Thessaliens durch sesshafte Ackerbauern markiert den Beginn einer Ära, die man als Inkubationszeit der Donauzivilisation bezeichnen kann. Hier manifestieren sich die Kontakte zwischen mesolithischen Jägern und Sammlern und neolithischen Ackerbauern in Familienbindungen und Kohabitaten. Als einige Generationen später Nachkommen der Erstsiedler die Region weiter nördlich (bis an die mittlere Donau) erkundeten, waren dies keine reinen Anatolier mehr, ihre Gene waren gemischt.“ Hier wurde das Töpferhandwerk entwickelt und entfaltet, Tiere wurden domestiziert, Saaten verfeinert, Niederlassungen gebaut. Das war auch deshalb nötig, weil um 6200 bC eine „kleine Eiszeit“ eingesetzt hatte, die eine ungewohnte Versorgung (und Vorratshaltung) erforderlich machte: „Offenbar war die Kunde von Pflanzenkultivation und Viehhaltung bereits im 7. Jahrtausend v. Chr. zu den Alteuropäern gedrungen, und zwar als Ideentransfer. Denn als die Thessalier mit den Einheimischen weiter im Norden Kontakt aufnahmen, hatten diese bereits den Hund domestiziert, sie hatten außerdem begonnen, Haselnusssträucher anzubauen und Wildschweine an bestimmten Plätzen als Fleischreserve zu halten.“

Sicher ist die Verehrung der Muttergöttin, da in jedem Haus neben dem obligatorischen Backofen eine Figurine zu finden war. Offenbar wurde das Backen des Brotes auch als ritueller Akt gesehen. Aber sonst ist trotz vieler archäologischer Funde in den letzten Jahren wenig über diese Donauzivilisation bekannt, obwohl sie zweifellos den Ursprung einer solchen Hochkultur wie der griechischen darstellte: „Wie sich die Alteuropäer nannten, wissen wir ebenso wenig wie den Namen ihrer Sprache oder Sprachen. Soweit die Strukturen des Alteuropäischen aus dem Lehnwortschatz des Altgriechischen aus vorgriechischer Zeit rekonstruiert werden können, war diese Sprachform nicht indoeuropäisch und auch nicht semitisch. Außer dieser negativen Identifizierung gibt es keine Anhaltspunkte für eine positive Zuordnung zu irgendeiner der bekannten Sprachfamilien.“

Viele zentrale kultische Symbole- wie der Zentaur- waren bereits in Alteuropa verbreitet und Teil der Kultur: „Denn die Gestalt des Zentauren ist kein griechisches Original – Darstellungen von Zentauren gibt es bereits in der Kunst Alteuropas.“ Das immer wieder auftauchende sakrale Zeichen („Gott“) aber war ein Rhombus mit Punkt darin: „Wie die Alteuropäer ihre Gottheiten nannten, ist nicht bekannt. Bestimmte logographische Zeichen der Donauschrift sind als Identifikatoren von Gottheiten interpretiert worden. Hierzu gehört unter anderem das rhombische Zeichen mit zentralem Punkt.“ Logografische Schriftzeichen waren in dieser Kultur weit vor den ersten Spuren von Zeichen im ägyptischen oder griechischen Raum verbreitet. Der Unterschied zu den späteren Hochkulturen bestand vor allem darin, dass es eine Verehrung des Weiblichen, keine hierarchische gesellschaftliche Ordnung, und auch keine zentralistische Struktur der Gesellschaft gab. Die gesellschaftliche Ordnung bestand eher in Netzwerken im engeren wie im weiteren Umkreis. Kulturellen und technologischen Austausch gab es, aber kein Dominanzstreben. Innergesellschaftlich gab es keine privilegierte Kaste: „In keiner der Siedlungen der Donauzivilisation sind Privathäuser gefunden worden, die reicher ausgestattet wären als andere Gebäude oder die sich durch eine auffällige Hortung wertvoller Güter von anderen abheben.“

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Die Figurinen und der damit verbundene Kult geht auf sehr alte Motive und auf Mysterien der Venus zurück: „Im Norden vermittelt die Erzähltradition uralischer, insbesondere finnisch-ugrischer Völker alte, im wahrsten Sinn des Wortes «vorsintflutliche» Vorstellungen über das Verhältnis der Menschen zur belebten Natur. Forscher sind sich einig darüber, dass elementare Motive und Stoffe der Mythologie uralischer Völker auf Relikte uralter religiöser Weltanschauung weisen, deren Entstehung auf die Ära gegen Ende der Eiszeit zurückgeht (Hultkrantz 2001). Dazu gehören insbesondere Vorstellungen von weiblichen Schutzgeistern und vom Fruchtbarkeitskult, die sich mit den «Venusstatuetten» der Eiszeit assoziieren.“ Ganz offensichtlich hat es einen Jahrtausende andauernden Übergang von animistisch- schamanistischen Naturgöttinnen und Schutzgeistern zur Kultivierung der Göttin gegeben. Dieser Übergang ist anhand der archäologischen Funde datierbar: „Vom 8. bis zum frühen 6. Jahrtausend v. Chr. wandeln sich die religiösen Vorstellungen bei den Ackerbauern des Südens vom Glauben an weibliche Schutzgeister der Natur zum Kult der Großen Göttin.“
Die Personifikation der Natur, des Wachstums und der Fruchtbarkeit war ein kulturschöpferisches Element, das seine Wege auch in den Islam fand: „Die Erinnerung an Kybele, die Ahnfrau der Artemis, hat sich in Anatolien über die Antike hinaus bis in die islamische Ära erhalten. Die arabischen Muslime blicken in Richtung Mecca, wenn sie beten, und diese Ausrichtung wird im Arabischen qiblah genannt (Glassé 1989: 323f.). Wenn man weiß, dass Kybele eine der drei Großen Göttinnen war, die in Mekka verehrt wurden, bis Mohammed den Polytheismus dort im 7. Jahrhundert v. Chr. abschaffte, dann könnte der Ausdruck qiblah durchaus eine Umdeutung ihres Namens sein. Das türkische Äquivalent von arab. qiblah ist kible.“

Die Figurinen dienten bei Reisen in andere Kreise des Umfelds , beim Handel und zur Begrüßung aber auch als Geschenke, die häufig durch Schriftzeichen verziert oder bezeichnet waren. Dadurch verbreitete sich die Schrift insgesamt, aber auch die spezifische Art der Logogramme: „Die Figurinen spielten nicht nur eine zentrale Rolle im Geschenketausch zwischen den Bewohnern der Siedlungen in der Donauregion (s. Kap. 3), diese Artefakte waren auch das kommunikative Medium, über das sich die Kenntnis von Kultursymbolen und Schriftzeichen verbreitete und überregionale Geltung erhielt. Ohne die unzähligen Figurinen wäre die relativ weite Ausstrahlung des Schriftgebrauchs in den Kulturprovinzen Südosteuropas kaum verständlich.“ Die Schrift hatte aber noch keinen praktischen Charakter (wie etwa bei den Sumerern und Ägyptern)- sie verwies noch ganz auf den rituell- religiösen Zusammenhang: „Der rituelle Charakter des Schriftgebrauchs liefert auch eine Erklärung dafür, dass die alteuropäischen Inschriften überwiegend kurz und formelhaft sind. Ihr Zweck war es, die Kommunikation mit dem Übersinnlichen sozusagen auf den Punkt zu bringen, also zu intensivieren und magisch zu verstärken. In ihrer Kürze sind sich die Inschriften Alteuropas und der Indus-Zivilisation ähnlich (...), und aus dieser Ähnlichkeit darf man in beiden Fällen auch auf Ähnlichkeiten der religiösen Funktionen schließen.“ Das „finstere Zeitalter“, das etwa um das Jahr 3000 bC angesetzt wird, bedeutet also keinesfalls die Entdeckung der Schrift, sondern die Säkularisierung der bislang rein kultisch verstandenen Zeichen. Es gab lange Perioden zwischen dem Ausklingen der alteuropäischen Kultur und dem Beginn neuer Hochkulturen, in denen sich gar keine Verwendung von Schrift nachweisen ließ- die kulturelle Entwicklung machte offenbar große Pausen. Etwa um 4000 bC schwand der Einfluss und die Struktur der Donaukultur unter dem dauernden Einfall von Steppen- Reiter- Clans dahin- Ursache waren erneute Verschlechterungen der klimatischen Umstände. So verschwand auch der Gebrauch der Figurinen für ganze Zeiträume, bis sie z.B. in minoischer Form wieder auftauchten: „Als Zeichen für den Umschwung, den die Gesellschaft Alteuropas durchmachte, wird auf das Fehlen eines der charakteristischen Marker der alteuropäischen Kunst und Religion hingewiesen: der Figurinen. Mit dem Beginn der Bronzezeit ist das Vorkommen von Figurinen in den Fundschichten drastisch reduziert und setzt schon bald ganz aus. Diese Tradition muss aber irgendwie im kulturellen Gedächtnis der Alteuropäer bewahrt worden sein, denn wenig später wurden wieder Figurinen hergestellt, erst auf den Kykladeninseln und bald auch im minoischen Kreta.“

Die alteuropäische Kultur ist nicht nur in den Schulbüchern, sondern auch in unserem kulturellen Bewusstsein noch nicht recht angekommen. Sie ist das Bindeglied zwischen einer animistischen Vergangenheit und einer Kulturwelt, die kultivierte Pflanzen, domestizierte Tiere, Schrift und Religion kennt. Die ältesten Symbole, aber auch Techniken und Fertigkeiten, die wir eher den „Hochkulturen“ zuzuordnen geneigt sind, finden sich bereits ein paar Jahrtausende früher in diesem europäischen Mutterboden der Kultur.



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