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Hüter & Gezücht

Ein Hüter bringt es vor allem dazu, er selbst zu sein, indem er für das, was von ihm ausgegangen ist, Verantwortung übernimmt und auf heilvolle oder verhängnisvolle Art damit verbunden ist. Es war daher schon immer klar, dass Hüter keine ungefährliche Mission verfolgen- sie haben es schließlich mit dem unkalkulierbarsten aller Wesens zu tun, dem Menschen. Man muss auch nicht an einen Schutzengel glauben, um zu wissen, was Verantwortung ist. Auch diese Verantwortung wandelt sich bis zur Lebensmitte des Menschen vielleicht eher in eine neutrale Begleitung um - hoffentlich- in einem kontinuierlichen Prozess, erwachsen zu werden. Da stünden Engel ziemlich im Weg.

Unseren Kindern gegenüber können wir uns vielleicht als Hüter sehen- ihre Menschwerdung bedarf schließlich auch des Freiraums; sie sondern sich von uns ab und reifen. Wir tun nicht gut daran, dauerhaft ihr Hüter sein zu wollen- sie würden sich bedanken, sich dann aber entweder von uns trennen oder abhängig von uns bleiben Vielleicht ist es schwerer, nicht die Kinder aufzuziehen, sondern uns von ihnen zum richtigen Zeitpunkt im rechten Maß zurück zu ziehen.

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Gegenüber der Natur als Ganzes haben wir uns als schlechte Hüter erwiesen; sie war stets ein Raum der Domestizierung und Ausbeutung. Selbst wenn wir ihr Hüter werden könnten, bliebe sie doch etwas Eigenständiges, von uns autonom Wirkendes und Geschaffenes. Für das, was wir an Technik, Maschinen, abstraktem und mechanischem Geist von uns absondern, gilt es, dies zu begleiten. Das wird sich aus den katastrophalen Verirrungen ergeben - etwa dem missbräuchlichen Gebrauch der Atomkraft - in die wir technisch schon herein geraten sind. In einer fernen Zukunft aber wird es auch eine zunehmende Autonomie des materiellen, technischen Verstandes geben- ein quasi- kreatürliches Novum von ausgesuchter Hässlichkeit- so eine apokalyptische imaginative Darstellung Steiners für eine ferne Zukunft der Existenz. Unsere Kreaturen werden uns zwingen, Engel zu werden:

"Und aus der Erde wird aufsprießen ein furchtbares Gezücht von Wesenheiten, die in ihrem Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich drinnen stehen als automatenartige Wesen mit einem überreichlichen Verstande. Und der Mensch wird, insofern er nicht seine schattenhaften intellektuellen Begriffe belebt hat, statt sein Wesen mit den Wesen die heruntersteigen wollen seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, zu vereinigen, er wird sein Wesen mit diesen furchtbaren mineralisch-pflanzlichen Spinnentieren vereinigen müssen. Er wird selber zusammen leben mit diesen Spinnentieren, und er wird sein weiteres Fortschreiten im Weltendasein suchen müssen in derjenigen Entwickelung, die dann annimmt dieses Spinnengetier."
R. Steiner, GA 204, Seite 244f

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In der Gegenwart schiebt sich die technische Welt an die Stelle der Natur- deren Ressourcen werden z.B. ausgeschlachtet, um die Energie für die synthetische elektronische Cyberworld zu produzieren. Aber auch in der Beschäftigung des Menschen mit seinen Geräten hat sich eine Wegwendung vom natürlichen Bezug ergeben. Diese „Gegennatur“ wird nicht in der Weise, wie sich das Sciencefiction - Autoren vorgestellt haben, plötzlich etwas wie eigenen Willen entwickeln, Gefühl oder Absichten und Wünsche. Es ist dies aber - wenn man Steiner so verstehen mag - auch nur ein Probelauf für die ferne Zukunft, wenn es etwas wie eine Ausstülpung geistiger Mechanik aus dem Menschen geben wird- ein „Gezücht“. Das allerdings werden wir sehr gut hüten müssen.
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