"Innerlich trägt man die Nacht in sich"- Anfänge des Initiatenbewusstseins | EgoBlog | Die Egoisten

"Innerlich trägt man die Nacht in sich"- Anfänge des Initiatenbewusstseins

Am Ende seines wichtigen Vortragsbandes "Das Initiatenbewusstsein" (1924, GA 243) äußert sich Rudolf Steiner im 10. Vortrag ziemlich kryptisch über „Das lebendige Erfassen der Mondensphäre als Ausgangspunkt eines Initiatenweges“. Es ist merkwürdig, dass gerade nach dem ungemein weitgehenden, hoch geistigen Inhalt des Buches erst am Ende etwas - und dann noch recht knapp gehalten- über den Einstieg in den tatsächlichen Meditationsweg zu finden ist, denn Anfänger waren seine Zuhörer doch in den überwiegenden Fällen; Anfänger sind wir auch noch heute.

Jedenfalls besteht dieser Beginn in den Augen Steiners darin, „das sonst träumende Bewusstsein zu einem Werkzeug der Auffassung der Realität zu machen.“ Er meint dabei nicht den Traum der Nacht, sondern „das sonst chaotische Traumbewusstsein“, das wir unter dem Tagesbewusstsein in uns tragen, das mit dem mittleren Menschen und dem Atmen zu tun hat und in das alle möglichen Empfindungen und Impulse hinein schwappen. Es ist das halbbewusste Assoziative, das knapp unter dem klaren Gedankenablauf des Alltags liegt, aber auch immer wieder Anstösse und bildhafte Verbindungen ins Bewusstsein hinein trägt. Erst durch eine geeignete Schulung kommt dieses einem Meer gleichende schwappende Traumbewusstsein zu einer gewissen Ordnung- wenn es gelungen ist, die Fokussierung so weit zu treiben (und gleichzeitig wieder etwas loszulassen), dass eine willentliche Regelung in das Branden und Schwappen hinein gekommen ist- zumindest in Zeiten der aktiven meditativen Arbeit und sicherlich auch nicht nur im Sinne des „harten Willens“, sondern weich, sich zurück nehmend, anschmiegsam, warm.

Dann aber geschieht etwas, was wie die Schaffung eines freien inneren Raums erscheint, eines inneren Raums, an dessen Rändern und in dessen Mitte bei weiterem Fortschreiten Bild- und Gestalthaftes aufleuchten kann. Diesen inneren Raum, den man erst in meditativen Ausnahmesituationen und mit der Zeit als etwas stetig Begleitendes wahrnehmen kann, benennt Steiner als etwas, bei man sich fühle „wie von einem zweiten Menschen durchdrungen." Das ist das erste Bild, das Steiner dafür benutzt. Das zweite ist, dass man gewahr werde, „wie der im Wachzustande in seinem Ich bewahrte Mond dadrinnen ist". Dieser meditativ erschaffene innere Raum oder „zweite Mensch" ist etwas, was man im „beginnenden Initiatenbewusstsein" wie „in einer Hülle in mir trage". Diese Hülle ist in der Tat deutlich spürbar. Die Ursprünge ihrer Entfaltung liegen in den drei Chakrenpunkten von Stirn, Kehlkopf und Brust bzw. den Innenflächen der Hände. Die Chakren sind die Knoten, die Wurzeln des Entspringens dieser mondenhaften inneren Hüllenkraft.

Steiner macht in diesem Zusammenhang sehr deutlich, dass diese hell gewordene Traumebene bei zu geringer seelischer Haltung entgleiten kann. Es ist Disziplin und Übung nötig, „innere Festigkeit und Haltung, damit dasjenige, was heraus will, in einem drinnenbleibt und man es verbunden erhält mit dem ganz gewöhnlichen, nüchternen Bewusstsein, das man in seinem physischen Leibe hat." Ansonsten wären ekstatische Entgleitungen oder somnabules Abgleiten in „Stoffwechselwirkungen" möglich. Worum es geht, ist der feste Halt im Strömenden, d.h. ein bewusster und vom Ich kontrollierter Weg „durch die Ausgestaltung der Traumeswelt, durch die Realisierung, durch die Verwirklichung der Traumeswelt". Das ist die michaelische Komponente, im Natürlichen, Lebendigen, Traumhaften ein „intellektuelles“ - hellwaches- Moment weiter zu entfalten. Dann wird Denken (im Sinne von Bewusstsein) und Leben eins- oder, wie Steiner es ausdrückt: „es erwacht mitten im Tag etwas wie eine innerliche Nacht."
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