In die Schmollecke
01.Jan.2009 16:20 Uhr Abgelegt in:Anthroposophie
Die diesjährige Neujahrsansprache stammt nicht von Bundespräsident Horst Köhler, sondern von Dr. Jens Heisterkamp, der sie im Info3 Blogland zum Besten gibt. Schon der erste Satz zeigt die innere Verwandtschaft der beiden Protagonisten: „Wir leben in einer Zeit des Wandels, der Krisen und Aufbrüche.“ Auch Alle- Welt- Aussagen wie „Alle Welt macht sich derzeit Gedanken über verantwortliches Wirtschaften, nachhaltiges Leben und neues Bewusstsein.“ könnten beinahe auch von Köhler stammen, bis auf das „neue“ Bewusstsein, das wenig zur präsidialen Würde zu passen scheint. Beide Redner werden auch vor allem bei medialer Präsenz aktiv: Köhler, wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind. Heisterkamp erfreut sich der neuen medialen Aufmerksamkeit durch Google News., wodurch seine Ansprachen in vielen Newsreadern gepostet werden, zwischen FAZ, Focus und „Themen der Zeit“.
Eine weitere Gemeinsamkeit besteht auch in dem Hang zum Klagen. Köhler bläst gern und ausgiebig Trübsal zu Fragen der Moral, der Bildung und der Wirtschaftslage und reagiert beleidigt, wenn die parlamentarischen Gremien seine diesbezüglichen Aussagen nicht recht zu schätzen wissen. Heisterkamp dagegen beschränkt sich auf das Klagen über den Zustand der Anthroposophischen Gesellschaft: „Genau von diesen Herausforderungen der allgemeinen Kultur hat sich jedoch Anthroposophie als Entwicklungsweg menschlichen Bewusstseins weitgehend abgekoppelt. Die lebendige Auseinandersetzung mit den realen Bedürfnissen der Zeit, wie sie in Waldorfpädagogik oder Medizin unausweichlich (und sinnvoll!) ist, wurde auf spirituellem Gebiet in der Anthroposophie nie wirklich gesucht, sondern weitgehend auf den Stand der Bezüglichkeiten zu Steiners Zeiten eingefroren. Das starke spirituelle Interesse unserer Gegenwart geht weitgehend vorbei an der Anthroposophie – weil sie glaubt, sich damit nicht befassen zu müssen.“ Heisterkamps Diagnose, Anthroposophie heute betreffend, lautet also: Ein „Zustand zeitentrückter Profillosigkeit“. Das ist seltsamerweise ein Begriff, mit dem wir ohne Bedenken auch Horst Köhler bedacht hätten.
Die Köhlerschen Rezepte zur Lösung aller Probleme haben stets etwas von der legendären Hau-Ruck-Rede seines Vorgängers Roman Herzog. Solche Durchhalteparolen sind Heisterkamp fremd. Er empfiehlt- wie übrigens inzwischen mantraartig seit Jahren- den „Dialog“ „mit anderen spirituellen Richtungen“. Lang und breit klagt Heisterkamp über viele Anthroposophen, die ein solches Aufpfropfen vor allem US- geprägter Spiritualität a la Wilber und Cohen nicht gerade schätzen. Ihre Abwehr gegen ein solches Vorhaben denunziert Heisterkamp generell als „in bester fundamentalistischer Manier“.
Als jemand, der die von Heisterkamp geforderte „Weite des Geistes“ exemplarisch im Sinne von Info3 repräsentiert, darf wohl Sebastian Gronbach bezeichnet werden. Die „Mission“, die dieser auf seiner Website und in einem Buch präsentiert, zeichnet sich dadurch aus, dass von einem „Dialog“ keine Rede sein kann. Es handelt sich wohl eher um ein ekstatisches Gebrabbel post- nietzscheanischen Übermenschentums, bei dem humanitäre Grundsätze, die als Essentials von Anthroposophie gelten können - ein selbstverantwortliches Ich etwa, aber auch christliche Werte und der Gedanke der Reinkarnation - längst expressis verbis über Bord gegangen sind. Der vorgebliche Dialog mündet also offenbar in dieser Lesart in der Aufgabe der Kernaussagen von Anthroposophie. Heisterkamp bezeichnet die Zweifel an solchem posthumanistischem Geschwätz als „Dünkel“ und „Angst vor der Verwässerung“. Heisterkamps Adlatus Christian Grauer setzt noch einen drauf und beschreibt die Zweifler generell als das „bornierte spirituelle Spießbürgertum, das sich in den hier wie anderswo nicht enden wollenden Anfeindungen gegen info3 niederschlägt, weil sie unbequeme Fragen stellt, weil sie Ernst macht mit dem "eigenständigen Erarbeiten" und weil sie die Anthroposophie schon für so gereift und salonfähig hält, dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren.“
Das Spiessbürgertum mag es geben. Es generell auf die Kritiker einer als fremdartig empfundenen Überstülpung US-. dominierter zeitgeistiger Spiritualität anzuwenden, ist aber tatsächlich ein Totschlagargument. „Themen der Zeit“ moniert dies ebenfalls und verdient mit dem Resümee „So mag es wohl sein, dass diese Diskussion Staub aufwirbelt, wie Grauer richtig bemerkt, entscheidend aber wird es sein, wer ihn entfernt, wenn er sich wieder gesetzt hat. Ich komme nicht umhin, zugegeben, dass ich den "alten Anthroposophen" eher zutraue, einen Staubsauger zu bedienen. Sie sollten es dann aber auch tun.“ zweifellos den Staubsauger des Jahres, falls es diesen Preis einmal geben sollte.
Heisterkamp, Grauer, Gronbach u.a. aber eröffnen in meinen Augen keinen Dialog, sondern forcieren mit geballter medialer Präsenz eine weitere „ketzerische“ Totgeburt am Rande der anthroposophischen Bewegung. Es hat viele Abspaltungen, lustvolle Ketzerecken und Trotzburgen in dieser Bewegung gegeben. Hier katapultiert sich ein wichtiges Organ wie Info3, das einmal für kritische, zeitgemäße Anthroposophie stand, systematisch und aus freien Stücken in die Schmollecke.
Eine weitere Gemeinsamkeit besteht auch in dem Hang zum Klagen. Köhler bläst gern und ausgiebig Trübsal zu Fragen der Moral, der Bildung und der Wirtschaftslage und reagiert beleidigt, wenn die parlamentarischen Gremien seine diesbezüglichen Aussagen nicht recht zu schätzen wissen. Heisterkamp dagegen beschränkt sich auf das Klagen über den Zustand der Anthroposophischen Gesellschaft: „Genau von diesen Herausforderungen der allgemeinen Kultur hat sich jedoch Anthroposophie als Entwicklungsweg menschlichen Bewusstseins weitgehend abgekoppelt. Die lebendige Auseinandersetzung mit den realen Bedürfnissen der Zeit, wie sie in Waldorfpädagogik oder Medizin unausweichlich (und sinnvoll!) ist, wurde auf spirituellem Gebiet in der Anthroposophie nie wirklich gesucht, sondern weitgehend auf den Stand der Bezüglichkeiten zu Steiners Zeiten eingefroren. Das starke spirituelle Interesse unserer Gegenwart geht weitgehend vorbei an der Anthroposophie – weil sie glaubt, sich damit nicht befassen zu müssen.“ Heisterkamps Diagnose, Anthroposophie heute betreffend, lautet also: Ein „Zustand zeitentrückter Profillosigkeit“. Das ist seltsamerweise ein Begriff, mit dem wir ohne Bedenken auch Horst Köhler bedacht hätten.
Die Köhlerschen Rezepte zur Lösung aller Probleme haben stets etwas von der legendären Hau-Ruck-Rede seines Vorgängers Roman Herzog. Solche Durchhalteparolen sind Heisterkamp fremd. Er empfiehlt- wie übrigens inzwischen mantraartig seit Jahren- den „Dialog“ „mit anderen spirituellen Richtungen“. Lang und breit klagt Heisterkamp über viele Anthroposophen, die ein solches Aufpfropfen vor allem US- geprägter Spiritualität a la Wilber und Cohen nicht gerade schätzen. Ihre Abwehr gegen ein solches Vorhaben denunziert Heisterkamp generell als „in bester fundamentalistischer Manier“.
Als jemand, der die von Heisterkamp geforderte „Weite des Geistes“ exemplarisch im Sinne von Info3 repräsentiert, darf wohl Sebastian Gronbach bezeichnet werden. Die „Mission“, die dieser auf seiner Website und in einem Buch präsentiert, zeichnet sich dadurch aus, dass von einem „Dialog“ keine Rede sein kann. Es handelt sich wohl eher um ein ekstatisches Gebrabbel post- nietzscheanischen Übermenschentums, bei dem humanitäre Grundsätze, die als Essentials von Anthroposophie gelten können - ein selbstverantwortliches Ich etwa, aber auch christliche Werte und der Gedanke der Reinkarnation - längst expressis verbis über Bord gegangen sind. Der vorgebliche Dialog mündet also offenbar in dieser Lesart in der Aufgabe der Kernaussagen von Anthroposophie. Heisterkamp bezeichnet die Zweifel an solchem posthumanistischem Geschwätz als „Dünkel“ und „Angst vor der Verwässerung“. Heisterkamps Adlatus Christian Grauer setzt noch einen drauf und beschreibt die Zweifler generell als das „bornierte spirituelle Spießbürgertum, das sich in den hier wie anderswo nicht enden wollenden Anfeindungen gegen info3 niederschlägt, weil sie unbequeme Fragen stellt, weil sie Ernst macht mit dem "eigenständigen Erarbeiten" und weil sie die Anthroposophie schon für so gereift und salonfähig hält, dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren.“
Das Spiessbürgertum mag es geben. Es generell auf die Kritiker einer als fremdartig empfundenen Überstülpung US-. dominierter zeitgeistiger Spiritualität anzuwenden, ist aber tatsächlich ein Totschlagargument. „Themen der Zeit“ moniert dies ebenfalls und verdient mit dem Resümee „So mag es wohl sein, dass diese Diskussion Staub aufwirbelt, wie Grauer richtig bemerkt, entscheidend aber wird es sein, wer ihn entfernt, wenn er sich wieder gesetzt hat. Ich komme nicht umhin, zugegeben, dass ich den "alten Anthroposophen" eher zutraue, einen Staubsauger zu bedienen. Sie sollten es dann aber auch tun.“ zweifellos den Staubsauger des Jahres, falls es diesen Preis einmal geben sollte.
Heisterkamp, Grauer, Gronbach u.a. aber eröffnen in meinen Augen keinen Dialog, sondern forcieren mit geballter medialer Präsenz eine weitere „ketzerische“ Totgeburt am Rande der anthroposophischen Bewegung. Es hat viele Abspaltungen, lustvolle Ketzerecken und Trotzburgen in dieser Bewegung gegeben. Hier katapultiert sich ein wichtiges Organ wie Info3, das einmal für kritische, zeitgemäße Anthroposophie stand, systematisch und aus freien Stücken in die Schmollecke.
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