Nächtliche Krisengespräche vor dem Ouzo | EgoBlog | Die Egoisten

Nächtliche Krisengespräche vor dem Ouzo

Vielleicht liegt es ja an den Ärzten im Kreis der Freunde, an den Hospizmitarbeitern, oder einfach daran, dass wir alle langsam in ein etwas fortgeschritteneres Alter kommen- genauer gesagt, in ein Alter, das man bei unserer Geburt noch für "Alter" gehalten hat. In der Zeitung, die auf dem Tisch liegt, werden zwei hundertjährige Damen interviewt, die nicht im geringsten als dement erscheinen, ganz im Gegenteil. Deren Lebenserwartung lag bei ihrer Geburt noch bei fünfzig Jahren. Wen man heute als alt empfindet, hängt von der Perspektive ab. Natürlich finden Jugendliche alle über Dreißig ziemlich alt. Bei denen, die gerade Fünfzig werden, klingelt die innere Alarmglocke. Was ist alt?

Am Abend kommt die Rede auf den Freitod. Ab welcher Grenze würde man zu diesem Mittel greifen? Es kommt auf die Perspektive an. Die, die gesund sind, sehen die Grenze bei einer entwürdigenden Entstellung- etwa einem Krebs, dessen Geschwür nach außen aufbricht. Aber der Stand der heutigen palliativen Medizin macht ein bewusstes, schmerzfreies Leben selbst unter solchen extremen Bedingungen durchaus lebenswert. In den Schrecken eines Wegbrechens der körperlichen Integrität kann man sich durchaus auch einrichten- mit Einschränkungen, gewiß, aber nicht unter dem Zwang, diesen Zustand beenden zu wollen. Wenn das Flämmchen kleiner wird, hütet man es mehr denn je. Der Überschwang derer, die im Saft stehen und aus dem Überfluss leben, ist eine Sache. Aber die, die näher rücken an das Unvermeidliche, kosten doch im überwiegenden Maße die verbleibenden Tage bis an den Rand aus.

Und wie ist es mit den Dementen? Wenn das Gehirn sich mit Eiweiß- Verklumpungen verstockt und vernebelt: Welches Bewusstsein hat man da noch? Weiß man um die missliche Lage? Gibt es ein Bewusstsein, wenn es sich körperlich gar nicht mehr artikulieren kann? Jemand sagt, die Buddhisten hätten auch Flugangst, und was der Steiner sage, sei doch sehr theoretisch. Aber im Hirnscan von Meditierenden, die so weit entrückt seien, wären doch signifikante Wellen- und Aktivitätsmuster, die auf ein Bewusstsein deuteten, das für sich und aus sich bestünde und vermutlich wenig vergleichbar sei mit dem körpergebundenen Alltagsdenken. Vermutlich. Man ist sich einig, dass das die Fragen sind, die die Menschen seit Tausenden von Jahren begleiten. Es ist nicht so, dass man die Fragen unbedingt sucht, aber sie finden einen: Da ist ein Partner, der stirbt, da ist ein Junge im Wachkoma, da begleitet jemand Krebskranke im Endstadium, und eine sucht als Notärztin die Selbstmörder dieser Stadt auf, einer ist krank, und einer kommt nicht gut klar damit, jetzt über Fünfzig zu sein. Gut, jetzt haben wir das mal besprochen. Horst holt endlich den Ouzo aus dem Eisfach, und gegen drei Uhr morgens verrutscht die Diskussion vom Alter ins Nirgendwo, jedenfalls irgendwo jenseits der Eiweß- Verklumpungen.
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