Kronzeuge Albert Steffen? | EgoBlog | Die Egoisten

Kronzeuge Albert Steffen?

Wie sehr ich es begrüsse, dass Bodo von Plato stellvertretend für den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft auf der diesjährigen Generalversammlung der deutschen Gesellschaft eine Art Paradigmenwechsel in Bezug auf die Aufarbeitung der anthroposophischen Bewegung zum Nationalsozialismus eingeleitet hat, habe ich schon im egoistenblog erläutert. Von Plato hatte übrigens nicht vor, eine innere Verwandtschaft zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus zu behaupten, sondern nur angemerkt, dass teleologische Vorstellungen im Sinne einer Entwicklung des Individuums und der Menschheit auch pervertiert werden können. Bei NNA, der anthroposophischen Nachrichtenagentur, liest sich das so: „Auf dem Podium diskutierten u.a. Bodo von Plato vom Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach und der Historiker Uwe Werner. Von Plato vertrat dabei die These, dass es so etwas wie eine „anthropologische Disposition“ gebe, die zur besonderen Wirkung des Faschismus auf die Menschen in Mitteleuropa beigetragen habe. Diese Disposition basiere auf „einer tiefen Sehnsucht nach dem, was wir verloren haben“ und verlange nach einem mystischen Verstehen der Gegenwart. Sie sei auch in der Anthroposophie zu erkennen, wobei jedoch diese als Gegenbild des Nationalsozialismus und im Wesen damit unverwandt zu sehen sei.

So weit, so gut. Dass allerdings im selben Bericht und auf derselben Versammlung auch Albert Steffen zum Kronzeugen des Widerstandes gegen Nationalsozialismus stilisiert wurde, stieß mir doch etwas auf: „Hatten Anthroposophen die Situation durchschaut? Erwähnt wurde der Zeitzeuge Albert Steffen, der früh das Geschehen erkannt und es in seinen Dramen künstlerisch verarbeitet habe.“ Das erinnerte mich an einen fünf Jahre alten Beitrag hier bei den Egoisten, in dem dieses Thema behandelt worden war: (Albert Steffen becirct Hitler“) „Immer wieder peinlich: Die Briefe des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft aus den Jahren 1933- 1935 vor und nach der Auflösung der deutschen Sektion und Einordnung als "staatsfeindlich". Steffen, von Sievers und Wachsmuth beschwören Hitler in einem Brief an "ew. Excellenz", diese "Aufloesung gütigst" rückgängig machen zu wollen und versichern den Diktator "unserer ausgezeichnetesten Hochachtung". Dass zugleich versichert wird, dass die Anthroposophische Gesellschaft nicht "zu irgend welchen freimaurerischen, jüdischen, pazifistischen Kreisen irgend welche Beziehungen oder auch nur Berührungspunkte" gehabt habe, geht aber deutlich über eine reine Anbiederung hinaus.
Wachsmuths an anderem Ort (Ekstrabladet, Kopenhagen, 6.6.1933) geäußerte Sympathie und "Bewunderung" ("es soll kein Geheimnis sein, daß wir mit Sympathie auf das schauen, was z. Zt. in Deutschland geschieht") lässt vermuten, dass es sich nicht nur um strategische Positionierungen der Anthroposophen gehandelt haben kann. Der Höhepunkt ist vielleicht ein Brief Albert Steffens an die Gauleitungen im Deutschen Reich (20.5.1933), in dem selbst Rudolf Steiner persönlich instrumentalisiert wird: Denn Steiner sei "aus katholischer Konfession hervorgegangen und rein arischer Abstammung". Selbst der Totenschein von Steiners Vater wird zitiert, da darin bestätigt wird, es sei "vollkommen ausgeschlossen, daß irgendwie eine jüdische Abstammung möglich ist". Irgendwie.


Mag sein, dass Steffen die nationalsozialistische Katastrophe in Dramen verarbeitet hat. Als Vorstandsvorsitzender hat er offensichtlich eine anbiedernde Haltung eingenommen.
blog comments powered by Disqus