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Mondknoten im Lebenslauf


Mit der in anthroposophischen Kreisen so beliebten "Biografiearbeit" hatte ich es nie so recht, sondern hielt es lieber mit Georg Kühlewind, der dem Sinne nach mal äußerte "Irgend eine Krise ist schließlich immer", und dabei wölfisch grinste. Das Ganze hatte auch für mich einen Beigeschmack der Mit-Sich-Selbstbeschäftigung, mit so einem Wellness-Touch. Man kann, wenn man nur gründlich gräbt, alles Mögliche finden und Bezüge ohne Ende herstellen, wenn man nur will.

Daher ging ich auch an dem Buch von Florian Roder, "Die Mondknoten im Lebenslauf", zunächst achtlos vorbei. Ja, das ist ein richtig anthroposophisches Buch, im klassischen Sinne. Da reiht sich manche "Menschenkundliche Betrachtung" (wortwörtlich) an die andere, da herrscht eine umfassende Bildung, da wird manches Zitat aus Gedichten aneinander gereiht, da findet sich ein eingestreutes Essay über Goethe in Marienbad. Denn die vier Mondknoten mit etwa 19, 37, 56 und 74 Jahren werden mit Biografien bekannter Persönlichkeiten wie Goethe, Harrer, von Kues, von Humboldt, Scholl, Handke, Hammarskjöld, Dante u.v.a.m. gegeneinander gehalten. Astronomische Hintergründe werden sorgfältig eingebunden, ebenso wie Mythologien aus allen möglichen Kulturkreisen.

Tatsächlich ergeben sich in den sorgfältig dargestellten Lebensläufen etwas wie Rhythmen und wiederkehrende Spuren, bei den Einen mehr im Verstärken eines inneren Impulses, bei den Anderen in einem "kathartischen Charakter der Knotenauslösungen". Bei den Einen kommen mit dem 19. Jahr idealistische Motive auf, die sich vertiefen, realisieren und schließlich ganz neu gegriffen - oder bis hin zu einer sich selbst aufopfernden Hingabe gesteigert werden. Krisenhaft kann auch das auftreten. Bei den Anderen - so auch bei Goethe- kulminieren in manchen Mondknoten schwere gesundheitliche Krisen oder biografische Einschnitte wie eine Amour fou. Man kann es auch so betrachten, dass die Ideale und Vorstellungen, die bis zum 19. Lebensjahr vermittelt wurden, am folgenden Knotenpunkt selbst ergriffen sein sollten- gewissermaßen biografisch belegt und belebt. Mancher- so etwa Rossini- hat zwischen dem 18. und dem 37. Lebensjahr auch seine eigentliche Schaffensperiode, ist unglaublich produktiv, und verliert in der Folge seine Ausdruckskraft oder verlagert sie. Offensichtlich herrschen bis zum zweiten Mondknoten nicht selten Kräfte, die wie mitgebracht erscheinen- naturhaft gegeben. In den folgenden Lebensabschnitten müssen sie neu gegriffen werden, das übersprudelnde kreative Potential erscheint erschöpft. So wird die Krise um das 37. Jahr nicht selten als etwas erlebt, bei dem man auf seine Umgebung plötzlich wie durch eine Glaswand schaut, manchmal wie betäubt, manchmal ängstlich, manchmal sinnentleert gegenüber Allem, dem man bislang nachgelaufen ist. Manchmal bricht eine schwere Krankheit aus. Rudolf Steiner sagte dazu: "Im fünfunddreissigsten Jahr beginnt der Mensch segensreich die Kräfte in sich zu verarbeiten. An seiner Seele arbeitet bis dahin an dem Zeitlichen dasjenige, was er mitgebracht hatte aus früheren Verkörperungen; für das Ewige fängt der Mensch nun an, nach innen zu arbeiten. Deshalb wird alles, was wir gelernt haben, erst vom fünfunddreissigsten Jahr an reif, etwas zu werden, um es der Welt zu geben. Es ist die Zeit, wo er in sich selbst fest wird, in sich selbst Gewicht erhält." (Steinerzitat in Roder, S. 67)
Gefordert ist der Tätigkeitsquell des Ich selbst, da das Tragende, was aus der Vergangenheit stammt, nun verglommen ist. Andersherum formuliert: "Indem wir 35 Jahre alt werden, kommen wir überhaupt in der Gegenwart erst an!" (Roder, S. 67)

Während im Vergangenen das Thema häufig im inner-familiären Kreis bleibt, in der Frage nach der Umwandlung mitgebrachter und erworbener Ideale und Vorstellungen, greift die Krise um das 56. Jahr manchmal universeller- und wirft die Frage auf, was am realisierten Leben wesentlich ist. Daher finden sich in dieser Zeit häufig jähe Karriereabbrüche und Infragestellungen dessen, welche Stellung man im Leben und in der Gesellschaft eingenommen hat. Natürlich können schwere gesundheitliche Krisen hinzu kommen. Es ist, als ob der scheinbar feste Boden einer in bestimmten Bahnen verlaufenen Biografie plötzlich aufgerissen wird, und man hat als Person dem Nichts gegenüber zu bestehen. Bei Peter Handke war es ab 1996 seine ostentative, tatsächlich problematische Hinwendung zu Serbien, die ihn in der Öffentlichkeit am Pranger stehen ließ. In direkter Folge gab er erworbene Auszeichnungen zurück und trat aus der Kirche aus. Den biografischen Umschwung hatte Handke bereits zuvor in einem Roman vorher gesehen und daran seine Philosophie der Langsamkeit entwickelt- eine spirituelle Qualität des kontemplativen Schauens, der allerdings seine haarsträubenden politischen Stellungnahmen in meinen Augen diametral entgegen stehen, ungebrochen bis heute.

Nur Wenigen gelingt es, mit dem vierten Mondknoten im 74. Jahr eine neue Schaffensperiode einzuläuten. Manchen - so Roder- wird an diesem Punkt die Maske endgültig abgerissen, die sie womöglich lebenslang getragen haben, Krankheit, Depression oder Verwirrung drohen. Bei Goethe waren es schwerste Herzbeschwerden, "Massen von Krankheitsstoff (..) seit dreitausend Jahren" (S. 133) fühlte er aus sich heraus quellen. In der Erholungsphase in Marienbad verliebte er sich in eine sehr junge Frau und läutete im Gefühlsaufruhr eine neue höchst kreative Phase ein, begründete in der und durch die Krise das Entstehen seines Alterswerks. Goethe selbst sprach von "wiederholten Pubertäten" (Gespräche mit Eckermann), die er durchgemacht habe. Auch so können die Mondknoten- Krisen gedeutet werden- Wachstumsprozesse mit entsprechenden Schmerzen sind sie auf jeden Fall- oder, wie Roder sie nennt, "Tore der Selbsterkenntnis".

Auf die weiteren mythische, kosmischen und spirituellen Betrachtungen im zweiten Teil des Buches möchte ich bei anderer Gelegenheit zurück kommen.
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