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Die Reisen des Christian Rosenkreutz

Nun habe ich Jostein Saethers neues Buch über die Reisen des Christian Rosenkreutz durch die islamische Welt des 14. Jahrhunderts vorliegen. Hier, im Egoistenblog, ein Textausschnitt. Saether bezieht sich im Buch vorrangig auf die Fama Fraternitatis- eine der berühmten Rosenkreuzer- Schriften, in denen der beschriebene Reisende mit dem Kürzel C.R. auftritt. Auch Rudolf Steiner hat in einer Anmerkung bestätigt*, dass „Christian Rosenkreutz“ ein Kunst- Name sei- die damit beschriebene Person bleibe anonym, sei aber gleichwohl authentisch. Saether geht ebenfalls von der Authentizität dieser legendären Person aus- sein Anliegen ist es, im Buch dem Einfluss nach zu gehen, den die kulturellen Einflüsse dieser frühen, einzigartigen Orientreise um das Jahr 1400 auf das Denken von Rosenkreutz gehabt haben mögen.

saether
Rudolf Steiners Betrachtungen nach war CR ein besonders herausragender Repräsentant des esoterischen Christentums, ein Eingeweihter, der in dicht aufeinander folgenden Inkarnationen bis hin zu direkten politischen Interventionen (im Vorfeld der französischen Revolution) erheblichen Einfluss gehabt hatte und hat. Für Rudolf Steiner war der naturwissenschaftliche Ansatz der rosenkreuzerischen Schulung von erheblicher Bedeutung, da dieser seinem eigenen entsprach: „Und so stellte sich für die Rosenkreuzerei das Merkwürdige heraus, dass wie in einem Übergangsstadium diese Rosenkreuzer sich bekannt machten mit allem, was über die Natur in der Zeitepoche erforscht werden konnte. Das nahmen sie in sich auf, verarbeiteten es. Sie hatten wirklich dasjenige, was die anderen nur zur Wissenschaft machten, bis zur Weisheit getrieben. (..)
So dass in der Tat gerade von den Rosenkreuzern eingesehen wurde, dass dasjenige, was man zunächst in der modernen Erkenntnis erhält, erst gewissermaßen den Göttern entgegengetragen werden muss, damit sie es in ihre Sprache umsetzen und es den Menschen wiedergeben. Dass das sein kann, ist ja bis in die Gegenwart geblieben. Studieren Sie heute, indem Sie von dem hier gemeinten rosenkreuzerischen Initiationsprinzip berührt worden sind, den Haeckelismus mit all seinem Materialismus, lernen Sie alles dasjenige darüber, was man durch äußere Naturwissenschaft lernen kann, und tragen Sie das dann den Göttern entgegen, und sie bekommen dasjenige, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft» über die Evolution erzählt ist.“**

Dass ein solches naturwissenschaftliches Denken dem jungen Rosenkreutz in Form der Hochblüte islamischer Wissenschaft entgegen kam- ebenso wie die verbreitete Mystik des Orients- erscheint ganz selbstverständlich. Er ist, wie am Ende der Fama zu lesen ist, schon damals mit einer solchen Einstellung und solchen Interessen im Westen - erwähnt ist das christliche Spanien- auf Ignoranz und Ablehnung gestossen.

Saether bezieht aufgrund der dünnen Quellenlage - etwa was die adlige Herkunft Rosenkreutz´, seine kindliche Erziehung in einem Kloster eventuell am Rhein betrifft- einiges mit ein, was einer strengen historischen Betrachtung als etwas gewagt erscheinen muss. Er sammelt Hinweise und breitet ein mögliches Umfeld aus. Saether schildert ein religiöses, politisches, soziales und kulturelles Milieu. Dies unternimmt er quer durch die ganze Reise hindurch- wodurch ein stimmiges Bild des Umfeldes entsteht. Die Details- ob Rosenkreutz ein genuesisches oder anderes Handelsschiff zur Überfahrt benutzt haben mag- bleiben nachrangig. Umstürze, Kriege, Schlachten- das alles waren Szenarien, denen Rosenkreutz nicht selbst ausgesetzt war, die aber gleichwohl während seiner langen Reise im seinem Umkreis stattfanden und die er höchstwahrscheinlich wahrnahm. Saether führt die Details der historischen Umstände daher aus. So entstehen beim Leser Bilder der inneren Spannungen des osmanischen Reiches, das Rosenkreutz in dieser Zeit bereiste. Saether geht dabei bis dahin, die übliche Kleidung, die Mühsale der Seereisen, die Schiffskonstruktionen und das damals verfügbare Karten- Material zu betrachten. Bei der Betrachtung der Handelswege kommt er zu der Vermutung, dass Rosenkreutz bis in die Stadt Petra - die über Handelsposten der Templer verfügt hatte- gekommen ist, und quer durch den heutigen Jemen gereist sein muss. Die in der Fama genannten Orte wie „Damcar“ kann man nicht eindeutig zuordnen. Daher ist die Untersuchung und Verfolgung der damals üblichen Handelsrouten - etwa die Weihrauchstrasse nach Südarabien- stimmig. So bildet Saether den wahrscheinlichen Reiseweg von Rosenkreutz bis über Marokko nach Spanien nach- immer wieder auch unterlegt von Aussagen Rudolf Steiners. Auch der Sufismus und die Mystik des ganzen bereisten Raums sind ein Schwerpunkt- Thema.

Ob seine Betrachtungen zum so genannten Voynich- Manuskript, das er als Hinterlassenschaft von Rosenkreutz interpretiert, stichhaltig sind, kann ich nicht beurteilen. Auch die Frage, ob Rosenkreutz die nach ihm benannte Geheimgesellschaft im Verborgenen hielt, um dem wachsenden Druck der Inquisition zu entgehen, mag etwas spekulativ sein. Dennoch bieten Saethers umfassende Recherchen ein ungemein eindrückliches Stimmungsbild der von Rosenkreutz bereisten Gegenden und seiner Lebensumstände. Es ist ein lesenswertes Buch auch für die, die sich nicht im Speziellen für die Rosenkreuzer interessieren, sondern für eine Epoche in heftiger Bewegung und in zahlreichen Umbrüchen.

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Jostein Saether: Christian Rosenkreutz und die islamische Welt. 400 Jahre Fama Fraternitatis, Hamburg 2015

*R. Steiner, GA 55, S. 176
**R. Steiner, GA 233a. S. 87f
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