Hans-Jürgen Bracker & Regina Reinsperger: "Ist die Anthroposophie braun oder gar schwärzlich angehaucht?"

Der jüngste Prospekt des Verlags Johannes M. Mayer (Mayer. Die Welt in Worten. Verlagsprogramm 2007/2008) liegt seit Längerem auf meinem Schreibtisch, aber erst kürzlich fiel mir die S.6 auf, wo das Buch "Falsche Propheten" vorgestellt wird, das allerdings nicht ausgeliefert, sondern kurz vor der Frankfurter Buchmesse (Oktober 2007) zurückgezogen wurde. Der "Stern" berichtete darüber am 16.11.2007.

Dort heißt es, Lorenzo Ravagli, einer der "führenden Denker" der "Waldorf-Bewegung in Deutschland", hat "ein Buchmanuskript mit einem NPD-Funktionär geschrieben - es aber vor der Veröffentlichung zurückgezogen. [...] In den Auszügen des Buches, die stern.de vorliegen - dazu gehören nicht die Einleitung und das Schlusskapitel - vertritt Ravagli zwar ausdrücklich die Ansicht, dass Nationalismus und Waldorf-Ideale nicht vereinbar seien. Dennoch sorgte er mit dem gemeinsamen Projekt dafür, dass Molau ein Forum für seine rechtsextremen Ansichten bekam. Dass es möglicherweise auf ihn selbst zurückfällt, wenn er Molau hoffähig macht, hat Ravagli mittlerweile wohl auch selbst erkannt. Zu seinem Rückzug sei es gekommen, weil 'ein Buchprojekt mit einem bekennenden Rechtsaußen derzeit von der Öffentlichkeit im falschen Kontext bewertet werden könnte', sagte er stern.de. Und über seine Motivation zu diesem Buch: 'Mir war und ist es wichtig, rechte Ideologen nicht pauschal abzulehnen. Ich halte eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihnen für notwendig.'" -- Den zweiten Teil (von dreien) des Buches "Falsche Propheten" bildet ein Briefwechsel Ravaglis aus dem Jahr 2006 mit dem NPD-Funktionär und ehemaligen Waldorflehrer Andreas Molau.

Ich will hier lediglich auf den ersten Satz des Textes im Verlagsprospekt hinweisen; er lautet:

"Ist die Anthroposophie braun oder gar schwärzlich angehaucht?"

Ich frage mich, welche politische Farbenlehre der Autor oder die Autorin dieses Textes kennt. Kann es etwas anderes als Naivität, Unwissenheit sein, wenn man "schwärzlich angehaucht" für schlimmer hält als "braun angehaucht"? Wer politische Bücher in seinem Verlagsprogramm hat, der müsste doch eigentlich dafür sorgen, dass ein solcher Faux-pas nicht passieren kann. -- Höchstens im NS-internen Jargon kann man "braun" (für die SA) für weniger schlimm halten als "schwarz" (für die SS).
Nochmal für nicht politisch farbensichere: schwarz steht traditionell für christliche oder katholische Parteien, rot für Kommunisten oder Sozialdemokraten,gelb für die Liberalen, grün für die Grünen und braun für die Nationalsozialisten. Der oben zitierte Satz macht also nur Sinn wie o.a.innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie. Mir stellt sich auch die Frage, warum wir uns inhaltlich mit Menschen auseinandersetzen sollen, die den Holocaust leugnen, sich geschichtliche Fakten nach ihrem Gusto biegen oder Halbwahrheiten verbreiten. (Ein Literaturhinweis für die schnelle Information: Markus Tiedemann "In Auschwitz wurde niemand vergast" 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie wiederlegt. Verlag an der Ruhr, 1996, ISBN 3-86072-275-1, ab 12,50 Euro bei Amazon)
NB. Erinnert sei hier noch daran, dass Lorenzo Ravagli schon einmal vor gut 10 Jahren mit einer zurückgezogenen Publikation zum Thema Rechtsextremismus zu tun hatte: Er hatte (zusammen mit Rudolf Saacke) den umstrittenen russischen Autor Gennadi Bondarew zu dessen Buch "Anthroposophie auf der Kreuzung der okkult-politischen Bewegungen der Gegenwart" (Basel 1996) interviewt, die Zeitschrift "Novalis" (ich war seinerzeit dort Mitarbeiter) lehnte den Abdruck jedoch ab. Daraufhin wurde das Interview im Internet von Bondarews Verleger Willi Lochmann veröffentlicht.
blog comments powered by Disqus





Kommentare

Powered by Disqus


Blogs

Waldorfblog
Uribistan Daily
Michel Gastkemper
Zooey
Canaillo


Informationsportale

Institut für anthroposophische Meditation
Steiner Gesamtwerk Datenbank
Jörgen Smit
Anthromedia
Georg Kühlewind
Alanus Hochschule Alfter
Themen der Zeit
Nachlass Rudolf Steiners
Zeitschrift Die Drei
Info3
Online Archiv Rudolf Steiner


Historiker

Klaus Popa
Peter Hammerschmidt