Der selbstverliebte Mystiker

„Ein gut Teil Egoismus über dieses Leben hinaus kann uns so aus der Geisteswissenschaft erwachsen, und darin liegt eine Gefahr. So kann es geschehen, dass die in der Seele zu unrecht aufgefasste Geisteswissenschaft eine Versucherin werden kann, das ist die Verlockung der Geisteswissenschaft. Sie liegt in ihrem Wesen. (..) Wir können also beobachten, dass die Liebe auftritt zu etwas, was in uns selber ist.

Der Mensch hat vielfach versucht, den Impuls der Liebe zu etwas, was in uns selbst ist, in einem höheren Sinne zu überbrücken. Wir finden zum Beispiel bei Mystikern das Bestreben, den Trieb der Selbstliebe im Sinne der Liebe zur Weisheit zu entwickeln und diese in einem schönen Licht erstrahlen zu lassen. Sie versuchen durch Vertiefung in das eigene Seelenleben in sich den Gottesfunken zu finden, ihr höheres Selbst als diesen Gottesfunken zu empfinden. (...)

Man interpretiert es nun so, weil man sich geniert, sich einzugestehen, dass man es doch nur selbst ist, dieser Geistessame.“

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Rudolf Steiner, Die Liebe und ihre Bedeutung in der Welt, Zürich, 17. Dezember 1912
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