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Souverän

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Ich denke, eigentlich gibt es die meditative Leere gar nicht. Es ist nur ein Moment gemeint, in dem das Gefülltsein (mit Inhalten, Vorstellungen, Gefühlen, Erinnerungen..) aussetzt und die Zeitlosigkeit (der Flow) einsetzt. Von da an ist das Gefühl des Glücks da. Man sieht dann auch die Natur anders- als drücke sich in ihr jeden Augenblick etwas anderes aus, sie spricht.. das macht glücklich. Ja, es ist ein sehr freundlicher Zustand, wenn man nicht mehr in sich gefangen ist und sich nur in Anderen und in der Umgebung spiegelt. Man wird ja offener und neugieriger, man ist interessiert am Wesenhaften- einfach weil man nicht mehr in dem bisherigen Maß von sich selbst absorbiert ist.

"‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly." Ja, wir sind in diesem Zeiterleben gefangen, und sicherlich kommt es durch reine Fokussierung und Willen dazu, mit vollem, wachen Bewusstsein in die Zeitlosigkeit einzugehen und darin zu bestehen. Eine Zu- Mutung ist es, aber auch ein Teil des menschlichen Seins, der durchaus vertrauten Charakter hat. Wir sind ja immer Übergangswesen. Die Illusion von Zeit ist ein Teil der Struktur, mit der uns als geistige Wesen in einer zunächst zerrissenen Art (in einer wenn auch im Alter in immer schnellerem, ruckartig laufendem Springen), vollkommen definieren. Aber das nimmt je nach dem, mit dem man es zu tun hat, die Konsistenz eines trockenen Schwamms an, wenn der Mensch in diesen inneren und äußeren Rastern gefangen bleibt. Er bemerkt nicht, dass er auch seelisch die Struktur von totem Holz annimmt. Daher ist es ein unfassbares Glück, in der Ungewissheit des Lauschenden, in der puren Aktivität, verweilen zu können.

Und schließlich lauscht man ja nun auch in der Stille- bislang ist es nur Ahnung oder eine zarte Berührung- aber es ist alles Wesen. Man ist nicht allein. In bestimmten Augenblicken hat man unvermittelt einen klaren Blick auf Menschen, die schon gestorben sind- ganz Bestimmte, nicht unbedingt die Nahestehenden. Und man fühlt sich auch wahrgenommen. Insofern taucht man in die Welt der Freundlichkeit - um Deine Frage zu beantworten- mit der meditativen Erfahrung ein. Sie ist freundlich, weil sie Freund ist, weil sie sprechend wird.

Das Sich- Selbst- Verurteilen, streng mit sich zu sein ist auch eine Geste des unreifen Ich - man zersplittert sich selbst und beurteilt sich und Andere vehement „moralisch“, bis hin zu einem erstarrten Verhaltenskodex, Ritualen, Normen, Ausgrenzungen. Das führt nicht weiter. Wir haben alle das Problem, zersplittert zu sein in Impulse des Denken, Fühlen und Wollens. In der Meditation beurteilen wir uns nicht, sondern sind so fokussiert, dass alles zusammen fällt, in eine starke Kraft, die zugleich vor allem voller Friede ist. Man kommt ja auch wieder da heraus, sieht durchaus die inneren Widersprüche, weiß aber, dass es den Frieden gibt. Es lebt dann erst allmählich in alle Lebensbereiche hinein, und in manche vielleicht auch nicht. Und es geht auch nicht immer, wieder in den Frieden hinein zu kommen. Wir sind halt Naturen, die mit sich ringen, und der Friede ist auch ein Geschenk. Er ist nicht einfach abrufbar, denn wir können nicht immer "ganz" sein. Ich finde es manchmal hilfreich, längere Zeit nur über Frieden nachzudenken, konkret, sexuell, politisch, im Dialog, im Beruf, in meiner Beziehung, abstrakt, spirituell. Vielleicht gelingt es dann auch manchmal, den Begriff mit der Person etwas zu füllen und Friede zu sein.

Im Alter hat man keine spezielle Übung mehr. Das Gefühl kommt von selbst, wenn die innere Balance da ist- es ist ein Ausdruck der Lebensfreude, der Freude des Seins selbst. Das Ich erscheint dann in Erfahrung als sich schenkende Sonne, in jedem Moment sich neu schöpfend. Allerdings, genau betrachtet, erscheint die Sonne als kein in sich statisches Gebilde, sondern in Union mit dem Umkreis, astronomisch der Oortschen Wolke. Man kann das Eine nicht ohne das Andere denken. Das führt uns dann zu Steiners Punkt- Kreis- Mediation. Letztlich geht es darum, dass man sich selbst wesenhaft- existentiell erlebt, und dann eben auch als zutiefst verbunden. Man ist einfach real; kein Mensch ist ein isoliertes Kopfwesen, kein seine Ziele erreichendes Willenswesen, kein schmachtender Emotionserhitzer. Der Mensch pendelt die widersprüchlichen Impulse - wenn es gut geht (und auch nicht immer) aus - womöglich in der radikal dialogischen Haltung des Meditierenden, der die lastenden Selbstbilder, Fixierungen und inneren Bannungen zwar nicht überwunden hat, aber doch souveräner damit umgeht.
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