Space Cowboy | EgoBlog | Die Egoisten

Space Cowboy

Sieh dich selber an, Cowboy. Sein Leben lang war er auf der Suche, schon damals beim Streit mit seinen Eltern, als er ihnen erklärt hatte, er wolle nicht Teil eines Systems sein, das ein Establishment wie sie hervor gebracht hatte. Er wollte kein Teil eines Systems sein, dessen Wachstum auf der Ausbeutung von ganzen Kontinenten und späteren Generationen beruhte, ganz zu schweigen von manchen reichen Freunden, die ihr kaum bezifferbares Vermögen mit dem Verschwinden jüdischer Freunde gemacht hatten, das für die ach so rechtschaffenen, nicht direkt nationalsozialistischen Bürger genau zur richtigen Zeit geschehen war, um Reichtum für Generationen aufzuhäufen. Kriegsgewinnler, Profiteure, vielleicht Schlimmeres. Nun, so etwas verlor man nach dem Krieg schnell aus den Augen, wenn man nur wollte.

Er wollte er selbst sein, fern von diesen Schatten, authentisch und „korrekt“. Er hatte keine Ahnung, dass er Teil einer ganzen Generation war, die dadurch angetrieben wurde. Aber Politik war seine Sache nicht. Er begann eine Suche, die ihn zum Zen führte, dann wieder in den Westen, in allerlei Experimente, ihn aber vor allem zu all dem führte, was er unternahm, um sich zu beweisen, dass er auf der richtigen Seite stand. Er suchte einen sozialen Beruf, er war stürmisch, er war erfolgreich, er fand Zugang, wo ihn niemand fand. Er verriet sich nicht. Es war Teil seiner Suche, dass er das in seiner Arbeit realisierte, was er für sich postulierte.

Aber das rechtschaffene Leben machte ihm auch zu schaffen. Die spirituellen Wege blieben vage, er probierte dies und das, er las viel, er wurde Kenner alter Mysterien und verkehrte in den richtigen Kreisen. Wenn man ihn fragte, war er durchaus selbstironisch, war sich aber sicher, dass er die richtige Richtung einhielt. Mit dem Älterwerden wurde die Arbeit mechanischer, und er wurde den Systemen und ihren Repräsentanten allmählich suspekt, weil man ihm unterstellte, zu subjektiv zu arbeiten. Intuition kam gänzlich aus der Mode, systemische Effizienz war die Forderung der Zeit. Das Kollektiv der Kollegen und Vorgesetzten sah ihn schräg an. Sie hatten recht, sie waren jung. Er suchte etwas in der Arbeit, was nicht allein aus ihr entsprang, es war persönlich, hatte etwas mit ihm selbst zu tun. Die Dinge kamen zu nah an ihn heran. Das machte man ihm nun zum Vorwurf.

Auch er selbst begann sich zu fragen, was seinen Altruismus, seine Ideale antrieb. Als man sich im gegenseitigen Einvernehmen trennte, verlor er die Selbstachtung, da seine Selbstdefinitionen zersprangen. Er war wohl einfach aus der Zeit gefallen, ein Relikt. Er war einer von denen, die auf der Strecke blieben; undenkbar, eigentlich, aber wahr. Die spirituelle Arbeit war schon lange etwas, was ein überlebenswichtiger innerer Rückzugsraum geworden war, etwas, um Kraft zu schöpfen, von der nie genug da war. Er fragte sich, ob sie, ganz unspektakulär, nichts als einen privaten Schutzbunker darstellte- nicht viel mehr als eine private Religion. Er wurde sich selbst suspekt. Er fühlte sich unter den früheren Mitstreiter als Sonderling, und er empfand ihre Gespräche über Spiritualität wie ein Austauschen von Vokabeln. Das, was früher ein Gefühl schwungvoller Gemeinsamkeit gewesen war, war verebbt. An dessen Stelle war Rechthaberei getreten; endlose ideologische Wortgefechte. Sich selbst gegenüber war er auch ein Sonderling geworden. Das Selbstbild als "spiritueller Mensch", als "Suchender", wurde ihm wie ein falsches Pathos, ein elitäres Selbstbild, das durch nichts gedeckt war, eine Illusion und Ego- Projektion wie alle anderen auch. Er fühlte sich nackt, wortlos, er hing nichts mehr an. Es war ihm, als hätte er die alten Kleider abgeworfen, die Haut, die Knochen seiner Identität. Als er so, von sich selbst entblößt, wieder in eine Meditation ging, öffnete sich sein Geist, und er nahm die Segnungen an, die er sein Leben lang gesucht hatte.


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