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Sprache der Verführung

Die irrtumsfreie Möglichkeit, zu entscheiden, was von dem "Inhalte des geistigen Schauens weiteren Kreisen mitgeteilt werden" kann, besteht für Rudolf Steiner darin, dass man das heraus nimmt, was "der Forschende in solche Ideen kleiden kann, wie sie der Bewusstseinsseele eigen und wie sie ihrer Art nach auch in der anerkannten Wissenschaft zur Geltung kommen."

Es kommt also auf das Wie der Formulierung an, und auf das Einbeziehen, auf welche Art das Gesagte vom Hörer oder Leser aufgenommen werden kann. Dieses Wie entspricht der Sprache der Reflexion, des Diskurses, des nachvollziehbaren Denkanstosses. Die Nachvollziehbarkeit eines Gedankengangs, auch wenn womöglich unter Aufbietung einiger Mühen des Sprechenden und des Hörenden, ist die Sprache der Bewusstseinsseele, die stets die innere Souveränität des Hörenden, Sehenden, Lesenden achtet.

Nun leben wir heute trotz alledem, trotz unserer vorgeblichen Rationalität in einer Umwelt, die auf alles andere als diese emanzipierte Instanz appelliert. Die Sprache der Werbung und der suggestiven Bilder ist ja längst zu unserer eigenen geworden. Es gilt, das Ego mit glänzenden Außenwirkungen von sich selbst zu behängen, Statussymbolen jeder Art, je nach Kontext und nach Adressaten. Wir haben die Sprache der Verführung auch verinnerlicht- selbst dann, wenn wir ihr innerlich widersprechen wollen und ein Image des Unangepassten pflegen. Bald schon wird das Unangepasste zur neuen Mode, zum Punkstyle etwa, zum witzig- ironischen Hipster- Style, zum Crossover- Style, zum Grunge. Das ganze Ego ist ein Style, ein Modeartikel, ein Themenkatalog, an den wir selbst glauben, den wir verteidigen, vor dessen Verlust wir die grösste aller Ängste haben; der Gesichtsverlust ist nicht einmal erträglich vor uns selbst.

Auch in der Esoterik wird geworben und an bestimmte Bedürfnisse des Ego appelliert. Man sucht womöglich etwas wie "Reinheit"- ein innerer Bereich, der sich unseren Launen, Süchten und Begierden entzieht. Im auseinander fallenden Selbst soll wenigstens ein Punkt gefunden werden, der rein, wahr und dauerhaft ist. Aber auch das - als Selbstbild - kann eine Begierde sein, und wird daher beeinflussbar. Kritisch wird die Sache, "wenn die Geist- Erkenntnis nicht in der Bewusstseinsseele lebt, sondern in mehr unterbewussten Seelenkräften. Diese sind nicht genügend unabhängig von den im Körperlichen wirkenden Kräften. Deshalb kann für Lehren, die so aus unterbewussten Regionen geholt werden, die Mitteilung gefährlich werden. Denn solche Lehren können ja nur wieder von dem Unterbewussten aufgenommen werden." Sowohl Lehrender wie Lernender bewegen sich nach Steiner an diesem Punkt auf ganz dünnem Eis. Das Ego, das sich die Illusion von Reinheit und Objektivität geben möchte, saugt die eingebildete Transzendenz dort, wo es sie erhalten kann: Vom frömmelnden Sprecher, vom Christusschauer, vom Mann Gottes, vom Erleuchteten, vom Führer, der seine Worte in sanft wiegenden Bildern und glimmenden Assoziationen ins Publikum streut. Dass dieser selbst, von unserer Verehrung getragen, als Guru sein Ego bläht, und damit genau dem widerspricht, was wir in ihm suchen, lässt die Frage aufkommen, wer an dieser Stelle eigentlich das Opfer ist.

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Zitate: Rudolf Steiner, Mein Lebensgang, Kap. XXXII
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