Spirituelle Suggestion

Magiciankl

Wenn man sich über eine gewisse Zeit in diversen spirituellen Feldern und Gruppierungen umsieht, Vertrauen gewinnt und den Dialog pflegt, so fällt häufig die verstiegene Egozentrik auf, in der sich Viele doch seelisch wie einkapseln - entgegen ihren Selbstempfindungen und ihren Beteuerungen. Häufig ist die missionarische Tendenz auch unverkennbar, und man ist ihr in der Begegnung unmittelbar ausgesetzt. Man kann bei solcher Gelegenheit auch bemerken, dass die Suggestion, die solchen Gruppierungen entspringt, deutlich mit der Tatsache zusammen hängt, dass unter der bewussten Oberfläche ein seelischer Gruppendruck wirkt.

Bei gewissen suggestiv wirkenden Persönlichkeiten, denen man bei einem Seminar oder einem Vortrag begegnet, kann man empfinden, dass sie unter der Oberfläche ihres vielleicht brillanten oder aber auch belanglosen Vortrages sehr bewusst in ihre Zuhörerschaft hinein "schnuppern", um deren Intentionen, unbewusste Schwächen oder Bedürfnisse abzuschmecken. Ich habe das gelegentlich empfunden wie eine seelische Zunge, mit der diese Persönlichkeiten das Seelische ihrer Gäste verkosten- um sich dann geschickt exakt diesen Bedürfnisse anzupassen und den gebannten Zuhörern "wie aus dem Mund" zu sprechen. So schafft man sich Sympathien und stellt dem Kaninchen die ihm genau angepasste und angemessene Falle. Ernsthaft Suchende sind solchen Manövern "in der Dunkelheit" natürlich besonders ausgesetzt, denn bei ihnen ist das sonst wie bürgerlich erstarrte seelische Gefüge schon etwas gelockert: "Wenn der Mensch also seinen Astralleib von den übrigen Gliedern der Menschennatur emanzipiert hat, so haben auf ihn leicht die Impulse, die Kräfte Einfluss, die wiederum mit Hilfe von Astralleibern gewonnen sind. Und hier liegt auch die Möglichkeit, dass eine Persönlichkeit, die zur freien Benutzung ihres Astralleibes gekommen ist, wenn sie stärker ist als eine andere, die auch in gewisser Weise ihren Astralleib emanzipieren kann, dass die erste Persönlichkeit auf die zweite einen ungeheuren Einfluss gewinnen kann. Es ist dann förmlich wie ein Übertragen der Kräfte des einen Astralleibes der stärkeren Persönlichkeit auf den der schwächeren Persönlichkeit. Und wenn man dann hellseherisch die schwächere Persönlichkeit betrachtet, so trägt sie in ihrem Astralleibe eigentlich ganz die Bilder und Imaginationen der stärkeren astralischen Persönlichkeit." (Rudolf Steiner, "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen...", Seite 128)

Nun könnte man sagen: "Selber schuld. Wer sich in den Regen begibt, der wird eben nass!" So einfach ist es aber nicht. Einerseits lernt man im gelegentlichen Dialog mit solchen suggestiv wirkenden Individualitäten und Gruppierungen nicht nur das kleine 1x1 der Manipulation, sondern auch, wie man sich dagegen wehrt. Oder auch, wann es besser Zeit wird, das Weite zu suchen. Andererseits ist meine obere Formulierung von "spirituellen Feldern und Gruppierungen" insofern irreführend, als eine simple historische Betrachtung des 20. Jahrhunderts einem zeigt, dass solche Suggestion längst die Insel der Spiritualisten verlassen und ins offene politische Feld übergesprungen ist. Wenn man geneigt ist, auch bestimmte Methoden der Werbung einzubeziehen, ist unser aller Alltag geradezu gespickt von untergründiger Suggestion. Die viel beschworene anthroposophische Formel, die "Menschheit" habe im 20. Jahrhundert "die Schwelle überschritten", ist eben im Kern nur allzu wahr: Das oben beschriebene offene seelische Gefüge ist heute keine Ausnahmeerscheinungen mehr, sondern der Standard. Wir alle sind heute offen für solche Suggestionen, sei es von "Führern" oder aus einem gewissen Gruppendruck heraus. Insofern wird die Beschäftigung damit auch mehr und mehr nicht zu einem exklusiven exzentrischen Hobby für den Einzelnen, sondern zu einer Notwendigkeit in der Emanzipation.

Der politische und spirituelle Guruismus ist natürlich stets mit der Ausübung von Macht verbunden: "Das Verderblichste ist aber, wenn auf dem Felde des Okkultismus die stärkeren Persönlichkeiten noch irgendwie nach Macht für ihre persönlichen Interessen und persönlichen Intentionen streben." (Rudolf Steiner, s.o.)