Buch

Michael Eggert: Hochstapelei

Sünden, sagte mir der Philosoph mit der glatten Haut im inzwischen vorgerückten Alter (so alt wie ich jetzt, in etwa), seien die verpassten Gelegenheiten. Die Situationen, meinte er, in denen man nicht gegenwärtig war und es doch, wie eigentlich immer, hätte sein sollen. Wir träumen uns durchs Leben.

Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.

Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.

Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.

Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“

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(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
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Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen

Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)

Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)

Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“

Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.

Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
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Dieses Leben das wir haben

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Lionel Shrivers Buch „Dieses Leben, das wir haben“ ist eine Zumutung für den Leser- eine Zumutung der bestmöglichen Art.

Shep, der Ehemann in diesem Buch, ist ein moderner Hiob. Seine Frau Glynis, mit ihrer unausstehlichen, allzu offenen Art, hat die Diagnose Krebs gerade dann erhalten, als Shep, auf die Fünfzig zugehend, sich endlich entschieden hat, sein bisheriges Leben aufzugeben und auszuwandern. Shep wollte nun seinen lang gehegten Traum verwirklichen. Aber- so zeigt sich- ein Träumer ist er nicht. Er stellt sich dem, was nötig ist. Das ist keinesfalls nur die letztlich tödliche Krankheit seiner Frau, die angesichts der Diagnose auf Rache an allen sinnt, die sie überleben werden. Sheps Vater wird zugleich pflegebedürftig, ein Freundin ist schwer erkrankt, die Schwester erweist sich als extrem egozentrisch, der beste Freund ist ein Bankrotteur, der die merkwürdigsten Dinge unternimmt, um sich und seine Ehe zu ruinieren. Und auch die Freunde, das ganze soziale Netzwerk und Umfeld schrumpft:

„“Eine Zeitlang“, sagte Shep, als die Besuche immer weniger wurden, hat sie noch relativ viele E-Mails bekommen. Wir drücken dir die Daumen, wir denken an dich, solche Sachen. Ich persönlich halte das Internet für ein Medium für Feiglinge. Aber diese Zweizeiler waren immer noch besser als gar nichts.“

Shep wächst angesichts der niederschmetternden Umstände. Er begleitet all diese Menschen, die da mit ihm verbunden sind- selbst als es ihn finanziell ruiniert, als die hoch bezahlten Therapeuten sich als Scharlatane erweisen, die nicht nur um Geld, sondern auch um Lebensqualität betrügen. Trotz des nahenden Todes, der Unausweichlichkeiten und Nackenschläge gelingt es Shep am Ende, dem Leben ein radikale Wende zu geben.

In diesem Buch wird sicher nichts beschönigt. Für Jeden, der Ehrlichkeit zu schätzen weiss und den Fragen des Lebens und Sterbens nicht ausweichen mag, wird dieses Buch ein Gewinn sein.
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Wer mehr davon erfahren möchte, sollte die Rezension von Felicitas von Lovenberg lesen.
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Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil"

Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ ist schon deshalb ein Phänomen, weil sonst kaum je ein Buch mit dem Thema Alzheimer bis in die Top Ten des deutschen Buchhandels vorgerückt ist. Da es das Schicksal des Vaters von Arno Geiger betrifft, handelt es sich auch um biografischer Material, vielleicht aber auch um ein Sachbuch? Einigen Kritikern macht die Einteilung Schwierigkeiten, andere sind berührt und überaus angetan, die Leser aber kaufen.

Arno Geiger bringt es fertig, liebevoll, aber kühl betrachtend, warmherzig und analysierend zugleich zu schreiben. Er blendet sich nie aus, auch nicht in seinem (allzu verständlichen) Versagen, jahrelang die Demenz nicht erkannt zu haben. Zu dieser Zeit wurde der Vater zu einem Sonderling, vor allem nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Dass er litt und sich zunehmend verwirrte, wurde erst nach und nach deutlich. Die Alzheimererkrankung schritt dann langsam weit über ein Jahrzehnt voran, bis hin zu Zuständen, in denen der Vater selbst einen Baum nicht mehr als solchen erkannte. Er sah ihn, aber hatte dafür keinen Begriff, keinerlei Vorstellung, was für ein Ding das war. Zwischendurch gab es immer wieder helle Augenblicke, in denen der Vater sich nicht nur in Selbstkenntnis seines Zustandes äußerte, sondern dies auch in ungewollt poetischer, ja imaginativer Art äußerte. Diese Momente berührten den Dichter Arno Geiger, und er protokollierte sie mit. Mit der Entdeckung dieser Poesie hat Geiger die Alzheimer- Erkrankung gewissermaßen geadelt, hat ihr und seinem Vater die Würde zurück gegeben. Inmitten dieser Verwüstung gedeihen die schönen und weisen Worte- manchmal gerade aus der Not geboren, auf den „richtigen“ Begriff zu kommen. Der Vater begründet eine Art Bildsprache, in der er seinen Zustand auch umschreibt und definiert.

An diesem Buch stimmt einfach alles- es ist mitfühlend und beglückend, nie larmoyant, nie „klinisch“, nie bloß tröstlich. Dennoch erlebt man den Zerfall sehr deutlich mit. Aber, so lehrt das Buch, es ist eben nicht nur Zerfall. Es ist, selbst in den späten Aufenthalten im Pflegeheim, nie so, dass die Person, die da die Kontinuität ihres Bewusstseins verliert, doch ganz verloren wäre. Inmitten des Zerbröckelns der Person besteht ein Charakter fort, der sich nur noch ab und zu aus dem Dickicht der Demenz erheben und sich äußern kann. Es ist nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern auch eine des Bestehens.

Deshalb und weil es so un-ambitioniert, so scheinbar anstrengungslos geschrieben ist, muss man das Buch mögen. Auch dann, wenn es gegen Ende etwas verflacht. Die Stringenz des Erzählens dieser Biografie und dieser Beziehung verebbt etwas- es wird fragmentarischer, stichwortartiger- so, wie das Leben des Vaters auch monotoner zu werden scheint.

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Als Gegenpol und Kontrast sei hier noch einmal auf das Buch von Judith von Halle zu diesem Thema in diesem Blog verwiesen.
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"Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie"

Robin Schmidts neues Buch „Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie“ setzt sich mit dem personellen, geistigen und organisatorischen Umfeld der Theosophie des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auseinander, aus dem sich Rudolf Steiners Anthroposophie entwickelt hat. Auch die Ursprünge der theosophischen Bewegungen - die in Abgrenzung zu in der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten spiritistischen Bewegungen entstanden sind- werden detailliert betrachtet. Obwohl man zu diesem Thema einiges gelesen hat und eine Reihe von Fakten bekannt sind, ist die sachliche und gradlinige Darstellung Schmidts erhellend. Anthroposophen blicken gern mit einer gewissen Herablassung auf die theosophische Phase herab. Schmidt dagegen unterlässt solche Bewertungen. Schließlich stellt Anthroposophie ihrerseits zwar eine Abgrenzung von den theosophischen Quellen dar, andererseits waren die persönlichen Bezüge Rudolf Steiners zu einigen Theosophen tief greifend:
„Man darf die Kontakte und den Austausch in diesem Kreis in ihrer Auswirkung für Rudolf Steiner daher nicht zu gering einschätzen; er spricht von einem „freundschaftlichen und intimen Verkehr“, der für ihn biografische und spirituelle Relevanz hatte. Möglicherweise waren das für ihn überhaupt die ersten freundschaftlichen und herzlichen Beziehungen mit Gleichaltrigen, bei denen er sich heimisch und verstanden fühlen konnte“. (S. 101)
Zu diesem interessanten, warmherzigen Kreis gehörte sein Freund Eckstein, aber auch die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder und deren Freundin Marie Lang. Die Begegnungen mit dem umtriebigen, geistig beweglichen und höchst aktiven Friedrich Eckstein gehörte nach Steiners Worten zu den „allerwichtigsten meines Daseins“. Er schrieb Eckstein später, „dass ich Ihnen unbegrenzt zu danken habe“. Ähnlich warmherzig schrieb er an Marie Lang, in deren Haus Steiner viele Beziehungen knüpfen konnte. Zu dieser Zeit- 1890- war Steiners Haltung zur Theosophie noch überaus kritisch. Mayreder schrieb, er habe sie ihr gegenüber als „Schwachgeistigkeit“ bezeichnet, die sogar „Gefahren für die geistige Entwicklung“ mit sich bringen könne. Damit waren wohl bestimmte mystische Strömungen um Franz Hartmann gemeint, die nach Steiners Worten „meiner Geistesrichtung völlig entgegengesetzt“ waren.
Dieser ganze Freundeskreis von Architekten, Schriftstellern und Komponisten war offensichtlich wohltuend für Steiner. Er hatte auch nichts dagegen, ab und zu in Kreise „unterzutauchen“ (eine Formulierung in einem Brief von 1891), in denen „recht flott über Yogi, Fakire und indische Philosophie gesprochen“ wurde. Er hatte eben ein verständliches Faible für eine offene Boheme, auch wenn er selbst schon innerlich beschäftigt war - „zwar nicht in mystischer, wohl aber in logisch- ideeller Weise“- mit seinen Arbeiten zur „Philosophie der Freiheit“. Auch 1894 bezeichnet er sich in einem Brief an Eduard von Hartmann als „Feind aller Mystik“.
Dass er wenig später nun ausgerechnet Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft wurde, erscheint vor diesem Hintergrund einigermaßen rätselhaft. Die Schritte dorthin stellt Schmidt dar. Das Spannungsfeld, in das Steiner damit eintrat- voller Intrigen, ständiger Streitigkeiten, Abspaltungen und obskurer Behauptungen- hatte von Anfang an innerhalb der Theosophischen Gesellschaft bestanden. Auch die Auseinandersetzungen zwischen eher „christlichen“ und eher „buddhistischen“ Richtungen bestanden sehr früh.
Schmidt arbeitet das „kulturgeschichtliche Umfeld“ (Buchumschlag) der theosophischen Bewegung heraus, und zwar auf spannende Art und Weise. Es ist einfach auch ein sehr gut geschriebenes Buch, das man ungern weglegt.
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