Einweihung

Mutti

Ich bin immer noch mit Mircea Eliades* Schilderungen von den Pubertätsriten archaischer Völker beschäftigt. Welcher Aufwand damals betrieben wurde, den Jungen von seiner Mutter zu trennen! Nehmen wir die "rituelle Verkleidung" von Jungen als Mädchen und umgekehrt während der Initiationszeremonien. Die Absicht war es, die "Ganzheit" als Mann-Frau erlebbar zu machen. Das bedeutete auch die Trennung von der Mutter. Manchmal sollen die dabei verabreichten Drogen und "bewusstseinserweiternden" und schreckerfüllten so heftig gewesen sein, dass die Initianten ihr Gedächtnis verloren. Sie wussten nachher wirklich nicht mehr, wer ihre Mutter war. Bei australischen Ureinwohner musste der Initiant sein eigenes Blut trinken- um sich von dem seiner Mutter, dem "Erbkörper" endgültig zu trennen und sich zu reinigen. Es ging darum, das "schlechte Blut" auszutreiben. Das Zerreissen der Blutsbande war ein Urmotiv in den Völkern der ganzen Welt; die Methoden gingen bis dahin, den Jugendlichen schwere Wunden zuzufügen. Diese Pubertätsriten haben "die Tendenz..., immer dramatischer zu werden". Warum nur dieser Aufwand, den jungen Menschen von seiner Mutter zu trennen? Ein von unseren heutigen Idealen weit entferntes Motiv. Wir bemerken allerdings schon mit Sorge, dass Verhaltensauffälligkeiten aller möglichen Art sich heute bei Jungen in weit stärkerem Ausmass zeigen als bei Mädchen. Überhaupt wirken Jungen in der ersten Schulzeit infantiler. Ist das Muttis Einfluss bzw. die fehlende Abnabelung?

Im "Heilpädagogischen Kurs" beschreibt Rudolf Steiner die Muttermilch als die "gute Mumie": "Die ganze Mutter lebt in der Muttermilch." Die Kräfte der Milch sind lediglich "in der Organisation um eine Etage höher" gerutscht. Er sagt es nicht, aber meint offensichtlich den Uterus. Er meint also, die nährenden und gestaltenden Uterus-kräfte wirkten sich nun in der Milchbildung aus. Ein schönes Bild. Er meint auch, dass in diesen Kräften das Seelische der Mutter lebe (der "astralische Inhalt"). Leider tendieren diese Kräfte aber dazu, noch "eine Etage höher" zu steigen, nämlich "bis zum Kopf" der Mutter. Dann kommen die von ihm nicht näher spezifizierten "abnormen Erscheinungen" bei einer Mutter zu Tage. Dieses Klammern und Heften, diese Fernsteuerung der Kleinen, diese unaufhörliche Sorge, dieses Verfolgen in Gedanken. Ich vermute mal, dass Steiner dies meint. Das "das-Kind-nicht-erwachsen-werden-lassen-können".



Wir brauchen also dringend Initiationsriten, scheint es.
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* "Das Mysterium der Wiedergeburt"
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Initiationsriten

Ich lese gerade mal wieder in Mircea Eliades "Das Mysterium der Wiedergeburt" (Insel-Verlag). In diesem Buch geht es dem Ethnologen und Religionshistoriker Eliade um Praktiken der Einweihung- sei es als Initiationsritus in eine prämoderne Gesellschaft oder in ein bestimmtes Amt wie der Schamane, Medizinmann, etc. Typisch dabei sind in allen möglichen Gesellschaften Riten, die "mit einer bestimmten Anzahl von Prüfungen" verbunden sind, mit "zahlreichen Tabus und Nahrungsverboten".

Ich bin ja überzeugt, dass eines der wichtigsten Riten der Initiationsrituale in unserer Gesellschaft die Führerscheinprüfung darstellt. Auch hiermit sind eine ganze Reihe von Prüfungen verbunden. Man darf keinen Alkohol trinken und muss sich masochistisch einem aufgeblasenen Fahrlehrer unterwerfen, der maliziöse Kommentare über einen abgibt ("Wenn Sie mich umbringen wollen, junge Dame, dann sagen Sie das doch vorher"). Hat man den Schein, gehört man zur Gesellschaft der Erwachsenen. Falls man ihn zeitweilig wieder verlieren sollte, indem man einige spezifische Tabus im Strassenverkehrt wissentlich, dämlich oder beides verletzt hat, wird man wieder in den unmündigen Zustand zurück versetzt, muss entweder Bahn fahren oder liebe Freunde um eine Transportmöglichkeit fragen.

In Bezug auf den Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft fragt man sich, ob auch nicht bei einem solchen Schritt einige kleine Rituale dazu gehören sollten. Das wäre vielleicht würdevoller als das einfache Überreichen einer Mitgliedskarte. Wenn man bei Eliade allerdings die historischen Riten z.B. im alten Australien anschaut, bekommt man auch wieder Zweifel. Schließlich waren mit der Initiation auch bestimmte "Operationen" verbunden wie "Beschneidung, das Ausschlagen eines Zahns, die Subinzision, aber auch die Skarifikation oder das Ausreißen der Haare". Keine Ahnung, was Skarifikation und Subinzision sein sollen. Die Vorstellung, dass im Nebenzimmer des örtlichen Zweigs allen Novizen von einem Dornacher Abgesandten Haare ausgerissen, Zähne ausgeschlagen oder gar Vorhäute demontiert werden, wirkt irgendwie doch wenig attraktiv :-)

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