Haselberger

Ingrid Haselberger: Das Mysterium der Inspiration im Alltag

Jeder Sänger, jeder Gesangsstudent kennt das Problem: wir wollen eine längere Phrase singen, und mittendrin stellen wir fest, daß uns „die Luft ausgeht“. Wir müssen eine unfreiwillige und vielleicht sinnentstellende „Atempause“ machen, manchmal mitten im Wort – und natürlich versuchen wir, damit uns das nicht passiert, alles Mögliche, um einen „längeren Atem“ zu bekommen.
Zu diesem Zweck wurden verschiedene Atemübungen ersonnen – manche Gesangsleher schlagen sogar vor, nach kräftigem Einatmen (Sich-Mit-Luft-Anfüllen) mit der Stoppuhr zu üben, das Ausatmen so lange wie nur möglich auszudehnen...
Bei vielen dieser Übungen denke ich an diese Worte Rudolf Steiners:

»Leider werden heute vielfach leichtfertige Anweisungen auf diesem Gebiete gegeben, und wer diese Dinge versteht, blickt mit Grauen darauf, daß zahlreiche Menschen sich heute mit Atemübungen abgeben, ohne genügende Vorbereitung vorgenommen zu haben. Dem Geistesforscher erscheinen sie wie Kinder, die mit dem Feuer spielen.«

Nicht nur spielen wir mit dem Feuer und können uns ernstliche Schwierigkeiten einhandeln mit ganz und gar materialistisch aufgefaßten Atemübungen, bei denen es ausschließlich um Luft geht.
Wenn wir schließlich von den Atemübungen zur Arbeit an einem Lied oder einer Arie übergehen, müssen wir oft feststellen, daß wir trotz all dieser Übungen bei schwierigen oder auch nur ungewöhnlichen Phrasen noch immer das Gefühl haben, „mit unserer Luft nicht auszukommen“...
Das liegt daran, daß das Atmen nicht ein rein physischer, materieller Vorgang ist, sondern ein seelisch-geistiger.
In den alten Sprachen ist uns das noch deutlich: griechisch πνεῦμα, lateinisch spiritus und hebräisch ruach – diese Worte bezeichnen sowohl den menschlichen Atem als auch den Geist. Und auch altgriechisch ψυχή, lateinisch anima – was wir heute mit „Seele” übersetzen – schließen ursprünglich die Bedeutung „Atem” in sich ein.

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Ingrid Haselberger: Weichenstellungen

Es wird mir immer sehr unbehaglich zumute, wenn ich – wie es leider gar nicht so selten geschieht – Sätze höre wie „Alles, was Rudolf Steiner sagt, ist erst dem Eingeweihten wirklich erkennbar“, wenn behauptet wird, wir seien „als Intuitionslose eine Nullität vor Rudolf Steiner“, und überhaupt, wenn sachliche Schilderungen von Wirkungszusammenhängen als „Schulungsanleitung“ für etwas noch nie Dagewesenes, vollkommen Unbekanntes und schwer Begreifliches mißverstanden werden, das wir „Normalsterblichen“ uns aller Wahrscheinlichkeit nach trotz angestrengtesten Übens in diesem Leben nicht werden erringen können.
Das scheint mir eine „Weiche“ in eine ähnliche Richtung zu stellen wie die gängige – falsche – Übersetzung eines Ausspruchs des Sokrates: »Ich weiß, daß ich nichts weiß.«
Was Sokrates – in Platons Überlieferung – aber in Wirklichkeit gesagt hat, das läßt sich richtig so zusammenfassen: »Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen ist es mir bewußt, wenn ich etwas nicht weiß.«
Meiner Ansicht nach geht es Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“, und auch in vielen anderen seiner Schriften und Vorträge, zunächst nicht darum, den Leser dazu anzuleiten, ganz neue Fähigkeiten zu entwickeln, sondern es geht ihm darum, seinen Lesern zuallererst ihre längst vorhandenen und angewendeten Fähigkeiten bewußt zu machen…

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Piero Cammerinesi: Vorurteil und Freies Denken Überlegungen zu Judith von Halle

Vor kurzem hat Michael auf einen längeren Artikel Piero Cammerinesis aufmerksam gemacht.
Ich habe diesen langen englischen Aufsatz mit großem Interesse gelesen. Obwohl er nicht mehr ganz neu ist (er stammt vom 21. Juni 2011), scheint er mir aktueller denn je zu sein.
Ich bin nicht sicher, ob ich in allen Dingen zu demselben Ergebnis kommen würde wie der Autor, aber sowohl seine Gedanken als auch die auszugsweise wiedergegebene Rede Judith von Halles, mit der er seinen Artikel beschließt, sind es meiner Ansicht nach wert, von unvoreingenommenen (und erst recht von voreingenommenen ;-)) Menschen gelesen zu werden.
Um diese Gedankengänge auch solchen deutschsprachigen Lesern zugänglich zu machen, denen es schwerfällt, längere englische Aufsätze zu lesen, habe ich mir die Mühe gemacht, den Artikel zu übersetzen. Während mir die Steiner-Zitate im deutschen Originalwortlaut zur Verfügung standen, mußte ich die zitierten Stellen aus Judith von Halles Vortrag aus dem Englischen rück-übersetzen – ich bitte also, zu berücksichtigen, daß es sich dabei nicht mehr um wörtliche Originalzitate handelt.

Ingrid Haselberger

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Ich hatte gerade mit einer Dissertation über Friedrich Nietzsche und Rudolf Steiner meinen Abschluß in Philosophie gemacht und ein Forschungsstipendium an der Universität in Freiburg/Breisgau, Deutschland, erhalten.
Professor S., mit dem ich zusammenarbeiten sollte, ein sehr bedeutender Professor, empfing mich mit großer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in seinem Büro. Während unseres Gespräches aber sagte er mir, daß er meine Arbeit zwar sehr schätze, aber nicht begreifen könne, warum ich über einen solchen mystischen – das war das Wort, das er gebrauchte – Autor wie Rudolf Steiner arbeiten wollte. Ich fragte ihn, was er von Steiner gelesen hatte, um zu einer solchen Ansicht zu kommen. Er antwortete sehr ausweichend, konnte sich nicht an die Titel erinnern und gab mir zu verstehen, daß er nicht sehr viele Bücher von Rudolf Steiner gelesen hatte; es war vollkommen klar, daß er nur die Ansichten anderer wiederholte. Ich war bestürzt über seine Antwort und empfahl ihm, die „Philosophie der Freiheit“ zu lesen, ein durch und durch philosophisches Buch, das ihm sofort gezeigt haben würde, wie weit sein Vorurteil von der Wahrheit entfernt war.
Einen noch größeren Eindruck machte es mir, als ich Jahre später erfuhr, daß dieser Lehrer, Professor S., inzwischen ein führendes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden war! Das Schicksal hatte neue Wege genommen und vorgefaßte Meinungen und Vorurteile mit der Gewalt eines Tsunami hinweggefegt.
Nun – das genau ist es, was ich meine, wenn ich von vorgefaßter Meinung („pre-conception“) spreche.

* * *

»Der Aufbau einer Gemeinschaft ist eine Michaelische Aufgabe, und wenn wir sie nicht ausführen können, dann ist es unsere Pflicht als Mitglieder der Esoterischen Schule, in uns selbst zu blicken und uns zu fragen, warum es uns nicht gelingt.
Die jetzige Erdenrückkehr der verschiedenen Persönlichkeiten, die als Repräsentanten unterschiedlicher Strömungen damals gemeinsam mit Rudolf Steiner die Begründung der Anthroposophischen Bewegung erlebt haben, sollte nicht länger zu Konflikten führen, sondern zur Erfüllung.
Das ist nicht mehr das Zeitalter des Kampfes zwischen Platonikern und Aristotelikern, sondern in der heutigen Zeit sollte der tiefe Gehalt ans Licht kommen, der diese Strömungen durchdringt: Anthroposophie, das Christusereignis.
«
[...]
Es sei daher wichtig, daß die Menschen Rudolf Steiners Forderung sehr ernst nehmen – wenigstens jetzt, wenn es schon damals nicht gelungen sei - , auf die wichtigen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft zu blicken und anfangen, sich zu fragen, weshalb die anderen eine andere Ansicht haben. Warum geschieht das? »Nun, weil wir Menschen sind, weil mein Nachbar das linke Bein ist und ich das rechte. Nun begreife ich. Er ist nicht von irgendetwas besessen („compelled by anything“), er sieht nur alles in anderer Weise, aber es ist dieselbe Sache. Das ist der Impuls, auf den ich mich beziehe, davon rede ich
[...]
»Wir müssen uns fragen, welche Kräfte sich zeigen in den Initiativen der Gesellschaft. Arbeiten sie im Sinne der Dreigliederung, also für Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben? Wenn das der Fall ist, sprechen wir von christlichen Initiativen. Wenn nicht, dann sicherlich nicht. Wir haben die Mittel, das zu unterschieden, wenn es auch sicherlich schwierig ist
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Ingrid Haselberger: Kalenderblatt

Jede Woche schlage ich ein neues Blatt meines Arche-Musik-Kalenders auf.
Dieser Kalender trägt den Untertitel „Paare & Partner“ und enthält, in Gestalt von Bildern, prägnanten Aussprüchen, Briefstellen und Anekdoten, kurze Charakterisierungen sehr unterschiedlicher Zweier-Beziehungen von Musikern, Komponisten, Dirigenten, Tänzern – miteinander oder manchmal auch einfach „nur“ mit ihren Ehepartnern oder Lebensgefährten.
Der „Aufhänger“ für diese Woche ist der fünfte Todestag Karlheinz Stockhausens (5. Dezember).

Da lese ich:
»Sie lernten sich 1954 in Köln kennen: Karlheinz Stockhausen und John Cage, der zusammen mit David Tudor auf seiner ersten Deutschlandtournee war – zwei große Neuerer der Musik des 20. Jahrhunderts, deren Ansichten divergierender nicht hätten sein können.«

Das ist wohl wahr: Während Stockhausen seit 1951 daran arbeitete, die vollständige Kontrolle des Komponisten über das Klanggeschehen der Musik zu erreichen, und damit die Interpreten gewissermaßen (wie er selbst sagte) zu reinen „Abspielmaschinen“ degradierte, war es das Anliegen John Cages, Ereignissen Autonomie zu ermöglichen. Dazu arbeitete er viel mit Zufallsoperationen (indem beispielsweise die Länge eines Stückes für jede Aufführung neu mit dem I Ging ermittelt wird und obendrein die Sätze dieses Stückes – das heute, nach der Länge der Uraufführung, 4’33’’ heißt – aus „Stille“ bestehen, und damit aus den Geräuschen, die während der Aufführung zufällig dennoch zu hören sind... jedes Räuspern im Publikum wird so zum Inhalt dieser Kom-position).

Nun – und im Herbst 1954 schrieb Karlheinz Stockhausen an John Cage:
»Ich wäre gerne noch länger mit Ihnen zusammen gewesen. Ich zweifle, ob sich die Unterschiede in unserem Denken geändert hätten oder sogar die Unterschiede darüber, was sich in unserer Arbeit als nützlich erweist – außer in der Weise, wie sie sich aus sich selbst heraus ändern. Aber was mich anspricht, ist, wie Sie zu Ihrer Arbeit stehen, die emporsteigt in einer äußerst bejahenden und Leben- kommunizierenden Weise.«

Ich habe nur noch wenige Blätter in meinem Kalender aufzuschlagen – das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Bald beginnt (immer vorausgesetzt, wir überleben das Ende des Maya-Kalenders) die Zeit der „guten Vorsätze“...
Ich nehme mir schon jetzt vor, Karlheinz Stockhausen nachzueifern, wenn es darum geht, mit Andersdenkenden in Beziehung zu treten.
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Ingrid Haselberger: Erkenntnismöglichkeiten beim Lesen antiquarischer Bücher

Natürlich mag ich meine Bücher am liebsten neu. Es ist etwas ganz besonderes, der Erste zu sein, der ein noch niemals geöffnetes Buch aufschlägt. Ich erinnere mich gut an die - allerdings seltenen - Fälle, da man sogar noch die Seiten aufschneiden mußte und sich entscheiden konnte, ob man das gleich zu Beginn mit allen auf einmal tun wollte, oder erst beim Lesen, nach und nach. Das war dann freilich ein langsameres Lesen, aber man ersparte sich so das Lesezeichen.
Ja. Es ist herrlich, seine Blicke als Allererster über die noch jungfräulichen Seiten gleiten zu lassen und den noch „druckfrischen“ Inhalt in sich aufzunehmen. Ganz abgesehen von dem unvergleichlichen Duft nach „neuem Buch“, der aus den Seiten aufsteigt...

Vor kurzem aber habe ich mir bei einem Freund ein älteres Buch ausgeliehen, das längst vergriffen ist, die Dokumentation einer bewegten Zeitspanne des vorigen Jahrhunderts.
Es ist etwas ganz anderes, dieses Buch zu öffnen – es riecht anders, die Seiten fühlen sich nicht mehr neu an, und an einigen Stellen finden sich Bleistiftanmerkungen, die mein Freund an den Rand geschrieben hat.

Es ist ein schmerzliches Buch. Der Autor hat in mühevoller, sicherlich jahrelanger Kleinarbeit unzählige Dokumente, Briefe und auch mündliche Schilderungen von Zeitzeugen zusammengetragen, und vieles davon spricht eine sehr persönliche Sprache, die zu Herzen geht. Ich empfinde beim Lesen den Mut, den Zorn, den Schmerz und auch die Hilflosigkeit dieser Menschen, ich fühle die Wunden, die sie einander damals zugefügt haben, und in mir will unentwegt etwas ausrufen: „Wie konnte(n) sie nur!" oder „Warum hat er nicht...?“ oder auch einfach „Oh weh!!!“ - - -

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Ingrid Haselberger: Fokus

»Wenn nun der Mensch durch seine esoterischen Übungen seine Seele so erstarkt, daß er in der geistig-seelischen Wesenheit, die in der Nacht bewußtlos außerhalb des Leibes ist, erkennend, wahrnehmend, also geistig erkennend und wahrnehmend wird, wenn er das Geistig-Seelische wirklich erlebt als sein Menschliches außerhalb des Leibes, dann tritt für ihn eine neue Welt auf, eine geistige Umwelt, so wie für den Menschen eine physische Umwelt vorhanden ist, wenn er sich der Sinne und seines Gehirns bedient, das ja dem Denken dient. Diese geistige Umwelt, die man dann betrachten kann, ist durchaus nicht immer dieselbe. Der Mensch kann sich sozusagen in die Lage des Geistesforschers versetzen zu verschiedenen Zeiten, in verschiedener Weise. Und es wirkt eigentlich immer auf das, was der Mensch geistig sieht, die Absicht mit – aber die nicht eigentlich verstandesmäßige Absicht, sondern die in seinem ganzen Seelenleben mehr unbewußt instinktiv liegende Absicht –: was er eigentlich erkennen will. Wenn der Mensch zum Beispiel aus seinem Leibe herausgeht, um eine Beziehung zu finden zu einem verstorbenen Menschen, dann wirkt diese Absicht auf sein ganzes geistiges Bewußtseinsfeld. Er übersieht gleichsam alles, was nicht zu dieser Absicht gehört. Er steuert, wenn ihm die Sache überhaupt gelingt, auf den Toten los und dessen Geschick, um das zu erkennen, was er an dem Toten eben erschauen will. Die übrige geistige Welt bleibt gleichsam – nun, der Ausdruck ist ungeschickt – unbeachtet, bleibt unaufgehellt, und der Mensch erlebt eben dann nur den Zusammenhang mit dem Toten. So hängt es von seinen Absichten ab, was der Mensch gerade in der geistigen Welt sieht. Daher ist es begreiflich, daß das, was das hellsichtige Bewußtsein beschreibt von dem, was es in der geistigen Welt gesehen hat, in unendlicher Weise verschieden sein kann bei den verschiedenen hellseherischen Individuen. Jeder kann ganz richtig gesehen haben, was er eben sehen mußte nach der Tendenz, die in ihm lag, als er sich mit seinem Seelisch-Geistigen aus dem Physisch-Leiblichen herausgebracht hatte.«
(GA 153, Vortrag vom 9. April 1914)

Auf den ersten Blick scheinen wir als Nichthellseher keine Möglichkeit zu haben, diese Worte Rudolf Steiners zu überprüfen: Wer von uns könnte etwas darüber sagen, was er während des Schlafes „erkennt“ – wie Steiner ganz richtig sagt: da sind wir bewußtlos! Wir sind also offenbar ganz darauf angewiesen, das alles entweder zu glauben – oder eben nicht.
Und selbst wenn wir es glauben wollten – bedeutet das, was Steiner hier sagt, nicht: „Der Hellseher sieht nur das, was er sehen will. Und jeder einzelne sieht etwas anderes.“?
Wir fragen daher mit Recht:
Das will eine „Wissenschaft“ sein?
Und sehr begreiflicherweise lassen wir die „höheren Welten“ höhere Welten sein und halten uns lieber an die uns in jedem Augenblick umgebende, auch Nichthellsehern ohne weiteres zugängliche, mit unseren Sinnen wahrnehmbare „niedere“ Welt, die voller Erlebnisse und Abenteuer und Freuden ist, ja, natürlich auch voll Schmerz und Leid, aber es ist dann wenigstens unser eigenes Leid, und nicht etwas, das ein anderer uns glauben machen will...

Ja. Gehen wir also von der uns allen vertrauten Sinnenwelt aus.
Wir wollen ein Experiment machen, um zu erfahren, wie sich denn hier, in der Sinnenwelt, unsere Absichten auswirken auf das, was wir schließlich erkennen:
Bitten wir einen Menschen, sich einmal umzusehen und auf alles zu achten, was rot ist.
Und wenn er das getan hat, dann bitten wir ihn: „Nun schließe Deine Augen und sag mir, was Du alles gesehen hast, das --- grün ist.“

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Ingrid Haselberger: »Wir sind die Sklaven der Vergangenheit, aber die Herren der Zukunft«

1464 war Agostino di Duccio gescheitert. Und auch der Versuch Antonio Rosselinos zwölf Jahre später blieb vergeblich. 40 Jahre später hatte sogar der berühmte Leonardo da Vinci abgelehnt...
Ein anderer aber verliebte sich in den „verdorbenen“ Stein und nahm den Auftrag voll Freuden an: liebevoll setzte der erst 26-jährige Michelangelo sich mit dem riesigen Marmorblock auseinander – bis er seinen „David“ darin entdeckte und daraus „befreite“.

1999, zehn Tage vor der Première, brach Cecilia Bartoli sich den Fuß und wollte absagen. Doch Nikolaus Harnoncourt entgegnete: „Wo steht geschrieben, daß Donna Elvira sich nicht gerade den Fuß gebrochen haben kann?“ – und die mit Krücken agierende Elvira wurde zum „besten Regieeinfall“ und bejubelten „Kraftzentrum“ des Zürcher „Don Giovanni“.
Wohl in jedem Leben gibt es schicksalhafte Ereignisse, die auf den ersten Blick dunkel und unbegreiflich erscheinen und uns das Gefühl geben, ihnen ganz ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Oft erkennen wir erst in der Rückschau, wozu etwas „gut war“. Erst dann wird uns auch deutlich, wie wir selbst mitgewirkt haben an allem, was geschehen ist. Und wir begreifen, daß wir keineswegs so ohnmächtig sind, wie es uns zunächst schien.

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch.


So sagt Friedrich Hölderlin (zu Beginn seiner Dichtung „Patmos“). Ja: mit jedem „Schicksalsschlag“ erwachsen uns auch neue Kräfte.


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Ingrid Haselberger: Legende- Predella zu einem geplanten Triptychon

Zum Eingang möchte ich, ein wenig abgewandelt, meine eigene Version der alten Geschichte von den blinden Männern erzählen, die von ihrem König ausgeschickt wurden, um zu erforschen, was ein Elefant ist.

elefantus

Es waren zwölf sehr weise Gelehrte, die der König für diese Aufgabe ausgewählt hatte - und sie reisten also in ein Land, von dem sie gehört hatten, daß es dort Elefanten geben sollte, und baten einen Einheimischen, sie zu einem Elefanten zu führen. Er tat es und sorgte dafür, daß das Tier sich ruhig verhielt, während die zwölf blinden Weisen um es herumstanden und auf ihre Art versuchten, sich ein Bild von ihm zu machen. Dazu befühlte jeder einzelne der blinden Männer den Elefanten mit seinen Händen.
Danach kehrten sie zu ihrem König zurück, der sie nun aufforderte, ihm zu berichten, was sie herausgefunden hatten.

Der erste Weise sagte: „Ein Elefant ist etwas dicker als mein Arm und ziemlich lang, und dabei beweglich wie eine Schlange.“ - er hatte den Rüssel des Elefanten betastet.
Der zweite Weise sagte: „Du hast nicht ganz unrecht, ein Elefant ist tatsächlich lang und beweglich, aber er ist sehr viel dünner, als du sagst, viel eher wie ein Seil - und du hast vergessen zu erwähnen, dass er an seinem Ende eine Quaste hat!“ - denn er war am Schwanzende des Elefanten gestanden.
Der erste Weise widersprach und sagte: „Wie kommst du auf Quaste? Nein, an seinem Ende hat ein Elefant ganz im Gegenteil eine Art Öffnung... ähnlich wie ein Schlauch, aber sehr beweglich, fast wie zwei Finger, sodass er damit richtig zugreifen kann!“ - und die beiden wollten gerade einen Streit beginnen, da meldete sich der dritte Weise zu Wort und rief: „Wie seltsam ist alles, was ihr beide da gesprochen habt! Ein Elefant ist ganz und gar nicht wie eine Schlange oder ein Seil, sondern er ist im Gegenteil flach und sehr dünn, fast wie eine Art Tuch oder besser ein großer Fächer, der einen ordentlichen Wind machen kann, wenn er sich bewegt!“ - denn er war beim linken Ohr des Elefanten gestanden. Lebhaft stimmte ihm der vierte Weise zu, der das rechte Ohr des Elefanten betastet hatte – und jeder der beiden fühlte sich bestärkt durch die Bestätigung des anderen.
Der fünfte Weise widersprach allem, was bisher gesagt worden war, und meinte: „Was für Phantastereien ihr da erzählt! Ein Elefant ist etwas sehr Starres und Unbewegliches, er ist wie eine leicht gebogene Stange, die sich zu ihrem Ende hin verjüngt; und dabei ist er wunderbar glatt...“ „Ja, so ist es! Ein Elefant fühlt sich rundherum so an wie ein glattgeschliffener Opal - und meine Hände erinnern sich auch noch gut an seine Spitze, die von Stärke und Kraft zeugt“ pflichtete ihm der sechste Weise bei – denn diese beiden hatten ihre Hände über die beiden Stoßzähne des Elefanten gleiten lassen. Und auch sie wurden sich ihrer Sache noch sehr viel sicherer durch die bestätigenden Worte des jeweils anderen.
Vier weitere Weise ereiferten sich nun und widersprachen den ersten sechs - denn jeder von ihnen hatte ein Bein des Elefanten befühlt, und sie waren sich schnell einig: „Ein Elefant ist wie eine dicke Säule! Und jeder, der etwas anderes behauptet, verdient es nicht, ein Weiser genannt zu werden!“ - Und nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht nur zu zweit, sondern sogar zu viert waren in ihrer Einigkeit, schien ihnen das, was sie zu sagen hatten, sehr viel mehr Gewicht zu haben als alles bisher Geäußerte.
Der elfte Weise aber schüttelte zu alledem nur den Kopf - und als der König ihn schließlich nach seiner Ansicht fragte, sagte er: „Majestät, diese Männer haben alle Unrecht. Gleich, wie viele von ihnen sich auch einig sein mögen - ein Elefant ist sehr viel größer als alles, was einer von ihnen begreifen könnte. Er ist eine riesige gewölbte Wand, und wenn man versucht, dieser Wand mit den Händen zu folgen, kommt man gar nicht bis an ihr Ende...“ – denn er war an der linken Seite des Elefanten gestanden und hatte seinen Rumpf betastet.
Und der zwölfte Weise, der an der rechten Seite des Elefanten gestanden war, stimmte ihm zu: „Ein Elefant ist so groß, dass er sich nicht einmal von meinen beiden gewiss nicht kurzen Armen umspannen lässt!“ – und in ehrfürchtigem Ton fügte er hinzu: „Ein Elefant hat keinen Anfang und kein Ende – und wie könnten wir sterblichen, endlichen Menschen uns anmaßen, etwas von der Unendlichkeit zu wissen!“

Der König war eine Weile still und blickte die Streitenden nachdenklich an. Dann lächelte er, gebot ihnen zu schweigen und sprach: „Ihr weisen Männer, ich danke Euch für die Kunde, die Ihr mir gebracht habt. Dank Eurer Hilfe weiß ich nun, was ein Elefant ist: er ist ein riesiges Tier, das man selbst mit zwei wirklich langen Armen nicht umspannen kann. Er hat vier dicke Beine, auf denen sein Körper ruht wie auf vier Säulen, und er hat zwei große, flache Ohren, mit denen er sich wie mit zwei Fächern Kühlung verschaffen kann. Er hat zwei lange, spitze, leicht gebogene und wunderbar glatt geschliffene Stoßzähne. Und dazu hat er noch einen dicken, beweglichen Rüssel, mit dem er Nahrung ergreifen kann, und einen langen, dünnen Schwanz mit einer Quaste hintendran!“

Die weisen Männer schwiegen betroffen --- und nach einer langen Pause sagte einer von ihnen: „Majestät, Eure Weisheit ist doch von ganz anderer Art als die unsere... es ist recht, dass Ihr unser König seid. Mögen die Weisen dieser Welt zu allen Zeiten solche Könige haben!“
Da lächelte der König und sprach: „Mögen die Könige aller Länder dieser Welt zu keiner Zeit damit aufhören, die Fragen, die sie haben, ihren Weisen vorzulegen. Und mögen die Weisen dieser Welt sich zu allen Zeiten auf Reisen begeben, um ihrem König Kunde zu bringen.“
Der König schwieg eine Weile, und sein Lächeln vertiefte sich.
Dann fügte er hinzu: „Und mögen die Könige aller Länder dieser Welt zu keiner Zeit vergessen, dass es Dinge gibt, vor denen sie selber nicht anders stehen als ein einzelner blinder Mann, der seinem König Kunde davon bringen will, was ein Elefant ist.“
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