Pädagogik
Pinkelprobleme
26.Mär.2009 22:38 Uhr Abgelegt in:Gesellschaft
Liebes Lehrertagebuch! Weiterhin Probleme mit dem Pinkeln in der ersten Klasse. Heute wieder den Hund durch genommen. Nach Vorträgen der Schüler, einem Hundequiz, Erkennen und Bezeichnen von Körperteilen des Hundes ging es am Ende darum, wie Hunde ihr Revier markieren. Wie sie dabei wieder und wieder ihr Bein heben. Die lebendige Vorstellung bewirkte, dass zwei Schüler dringend aufs Klo mussten. Dann sieben weitere. Dann vierzehn. Abruptes Ende der Stunde und Abgang in die Pinkelpause. Ich überlege noch, ob man die Stunde gelungen nennen kann.
(Beschliesse, das angedachte Thema Wasser (Schmelzwasser, Regen, Wasserfälle!) vorerst auszusetzen.)
(Beschliesse, das angedachte Thema Wasser (Schmelzwasser, Regen, Wasserfälle!) vorerst auszusetzen.)
Comments
In zwei Minuten Lesen gelernt
23.Mär.2009 23:04 Uhr Abgelegt in:Gesellschaft | Pädagogik & Psychologie
Der Junge hatte eine selten eindeutige Aufmerksamkeitsstörung, verbunden nicht nur mit einer überspringenden Ungesteuertheit, in der er manchmal einen Stein durch die Klasse warf oder -ebenso ohne Anlass- einem Mitschüler mit der Faust ins Gesicht schlug, er durchlitt in seinem Bewegungsdrang und seiner Manie- ähnlichen exaltierten Gemütsart die typischen Phänomene des ADHS. Neben dem geringen Speicher für das, was er in seinem Gegenwartsbewusstsein gleichzeitig halten konnte, war er durch sensorische Überschwemmung von allem, was ihn umgab, in seinem Lernen und Auffassen behindert. Schließlich hatte er auch das typische Problem, dass Vieles- vor allem Lerninhalte auf symbolischer Ebene wie Ziffern und Grapheme - nicht ins abrufbare Gedächtnis übernommen wurde. Bis heute hat er kein Rhythmus- und Zeitgefühl. Er wäre mit dieser Konstellation fast unweigerlich zum Legastheniker geworden, da er sich ein Alphabet absolut nicht verinnerlichen konnte.
Am Ende des ersten Schuljahrs wurde er medikamentös eingestellt. Die Verhaltensprobleme bauten sich innerhalb von 4 Wochen weitgehend ab. Er hatte richtige Arbeitsphasen, durfte aber auch ausgiebig spielen. Er war nicht mehr ganz der Outlaw der Klasse. Vor allem lernte er innerhalb von drei Monaten alle Buchstaben, Ziffern bis 20 und die mathematischen Operationszeichen obendrein. Aber er verstand nicht, wie man liest. Er blickte bemüht, aber hoffnungslos, wenn zahlreiche Bezugspersonen versuchten, ihm das Synthetisieren von Buchstaben zu vermitteln.
Es ist wie bei den Schwimm- Anfängern, die mit den Beinen in die eine Richtung, mit den Armen mit aller Kraft fast gegenläufig rudern. Wer Arme und Beine nicht koordinieren kann, wird beim Schwimmen viel Wasser schlucken. Er aber kannte die Buchstaben, aber er konnte sie nicht verflüssigen, nicht ineinander übergehen lassen. Die Eltern waren verzweifelt.
Heute morgen griff ich zu einem Buch voller Trolle, die - seltsam genug - Uli und Ada heissen. Sie wurden alle namentlich vorgestellt, erlebten allerlei Abenteuer in einer wild-kreatürlichen Umgebung. Es ist ein ganz modernes Schulbuch, Niemand sonst hier hat es. Der Junge wollte es unbedingt. Und so setzte er sich hin und las: Uli, Ada. Alle Trollnamen und das erste Abenteuer. Noch am Nachmittag rannte er durch die Schule und zeigte sein Buch: Soll ich dir etwas vorlesen? Da gab es kein Entkommen. Er war überdreht, aber nicht manisch. Er war ernsthaft und maßlos überrascht über sich selbst.
Am Ende des ersten Schuljahrs wurde er medikamentös eingestellt. Die Verhaltensprobleme bauten sich innerhalb von 4 Wochen weitgehend ab. Er hatte richtige Arbeitsphasen, durfte aber auch ausgiebig spielen. Er war nicht mehr ganz der Outlaw der Klasse. Vor allem lernte er innerhalb von drei Monaten alle Buchstaben, Ziffern bis 20 und die mathematischen Operationszeichen obendrein. Aber er verstand nicht, wie man liest. Er blickte bemüht, aber hoffnungslos, wenn zahlreiche Bezugspersonen versuchten, ihm das Synthetisieren von Buchstaben zu vermitteln.
Es ist wie bei den Schwimm- Anfängern, die mit den Beinen in die eine Richtung, mit den Armen mit aller Kraft fast gegenläufig rudern. Wer Arme und Beine nicht koordinieren kann, wird beim Schwimmen viel Wasser schlucken. Er aber kannte die Buchstaben, aber er konnte sie nicht verflüssigen, nicht ineinander übergehen lassen. Die Eltern waren verzweifelt.
Heute morgen griff ich zu einem Buch voller Trolle, die - seltsam genug - Uli und Ada heissen. Sie wurden alle namentlich vorgestellt, erlebten allerlei Abenteuer in einer wild-kreatürlichen Umgebung. Es ist ein ganz modernes Schulbuch, Niemand sonst hier hat es. Der Junge wollte es unbedingt. Und so setzte er sich hin und las: Uli, Ada. Alle Trollnamen und das erste Abenteuer. Noch am Nachmittag rannte er durch die Schule und zeigte sein Buch: Soll ich dir etwas vorlesen? Da gab es kein Entkommen. Er war überdreht, aber nicht manisch. Er war ernsthaft und maßlos überrascht über sich selbst.
Anregungsarme Kindheit
22.Mär.2009 22:56 Uhr Abgelegt in:Gesellschaft | Pädagogik & Psychologie
Das ist seit Jahren ein Thema, das mich aus beruflichen Gründen interessiert. Ich meine diese Schüler, die die Schule betreten und rudimentäre Sprachfähigkeiten, einen leicht erstaunten, erschreckten oder auch wütenden Gesichtsausdruck zeigen und eben daraus Verhaltensmuster und Vermeidungsstrategien entwickeln- Schüler, die so angespannt sind, weil sie Vieles, was gesagt wird, nicht verstehen und in ihrer Verunsicherung lieber andere Schüler nachahmen. Schüler, die die emotionalen Kommunikationsangebote ihrer Mitschüler nicht oder falsch verstehen- und daher schneller einmal zuschlagen, weil sie sich so unsicher fühlen. Sie haben einfach ein kognitives Problem. Die Gewaltspirale beginnt oft bei dieser Wut, nicht ganz zu verstehen, was Andere von einem wollen.
Als Gutachter und Lehrer erkennt man oft den geringen Wortschatz- sei es bei Migranten oder rein Deutschsprachigen. Ein Schüler war zu einer Pars-pro-Toto-Strategie übergegangen. Er nannte einfach alles Obst- und Gemüse- Artige „Apfel“, und jedes Tier, das ein Fell hatte und kleiner als ein Hund war, nannte er „Maus“. In der Not macht man sich so verständlich, aber eben nur rudimentär. Aber auch die Wahrnehmung war verkümmert- er nahm nicht differenziert wahr; ein Kaninchen und ein Biber waren für ihn nur „Maus“.
Das Hauptproblem aber waren fehlende kategoriale und logische Strukturen wie Oberbegriffe. Den meisten Schülern sind sie weitgehend geläufig. Sie können meist ganz gut Obst von Gemüse unterscheiden. Viele der anregungsarm aufgewachsenen Schüler aber haben in ihrem Leben noch nicht einen Supermarkt betreten. Wenn man mit ihnen ans Meer fährt, geraten sie außer sich und gruseln sich vor dem Schlick im Meer unter ihren Füßen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, so viel Matsch. Ein Mädchen, das ich interessiert testete, hatte einen sehr hohen IQ. Sie war auffällig geworden wegen ihrer regelrechten Begriffsstutzigkeit. Sie brauchte extrem lange, um Arbeitsanweisungen sprachlich zu dekodieren- das heraus zu filtern, was an Information oder Aufforderung darin relevant war. Sie hatte eben nie sprachlich komplexe - womöglich mehrdeutige oder ironische-, Bemerkungen zu hören bekommen. Sie hatte ihr Leben lang kein Spielzeug außer einer Puppe besessen und hatte das Haus selten verlassen. So blieb ihre hohe Begabung, abstrakte Schlussfolgerungen zu ziehen, ihre Fähigkeit, Sachverhalte in Beziehung zu setzen, vorerst ungenutzt, da ihr die Voraussetzungen fehlten, sie einzusetzen. Sie galt als dumm. Um diesen Schatz zu heben, werde ich hoffentlich ein paar Jahre Zeit erhalten, man weiss nicht, ob die Bürokratie es ermöglichen oder verhindern wird, es ist immer auch Glückssache. Gut situierte Kids aus den Mittelstandsfamilien der Vorstädte haben solche Probleme nicht.
Wenn solche sprachlich- intellektuellen Kaspar Hausers älter werden, bemerkt man, dass auch die Begriffe in ihrer Tiefe nicht erfasst werden. Unterhält man sich über Erdöl, wissen sie sehr wohl, dass man es zum Heizen und zur Benzinherstellung benutzt. Aber weiter haben sie keine Vorstellungen. Wie man es gewinnt, woraus es besteht? Keine Ahnung, sie vermuten mal, dass es sich irgendwie in den Tankschiffen bildet. Die Aktivität, die Suche nach Verzahnung und Kontexterweiterung in Bezug auf Begriffe, bleibt manchmal aus.
Wie lebt es sich mit so einer partiellen Blendung des Intellekts? Einer Verkümmerung des Muskelapparats des Verstandes? Da stehen Ding für Ding nebeneinander, Erlebnis an Erlebnis; Lerninhalt an Lerninhalt, aber man kann sie weder verbinden noch aus ihnen Schlussfolgerungen für weitere ähnliche Aufgaben ziehen. Die Generalisierung des Gelernten fehlt. Es bleibt im Konkreten, im Rudimentären verhaftet. Komplexe Abläufe wie z.B. eine Kochanleitung können nur Schritt für Schritt abgearbeitet werden, nicht aus dem Überblick heraus. Abkürzungen werden nie verstanden, da keine Vorstellung entwickelt wird - aus dem Kontext heraus-, was damit gemeint sein könnte. Arbeitsanweisungen und mathematische Textaufgaben bleiben unerklärliche Wortungetüme.
Natürlich kann man einiges aufholen. Aber je mehr die persönlichen Auffassungsschwierigkeiten ihm bewusst werden, desto mehr schämt sich der Schüler, wird wütend, abweisend oder „auffällig“. Es ist leichter und nahe liegender, sich negative Aufmerksamkeit zu verschaffen, als dieses Dickicht von fehlender Anregung zu durchqueren. Als Alternative bleibt die frühe Resignation.
Den Pädagogen bleibt nur die Aufgabe, Interesse und Neugier zu wecken, womöglich mit frühen praktischen Experimenten im Unterricht, vielleicht im Lernen mit handgreiflichen Elementen wie Schreinern und Kochen, vor allem in kooperativen Lernmethoden, die Teamarbeit und individuelles Zeitmanagement erfordern. Da lassen sich vorhandene Begabungen am besten entdecken, man kann aber auch schwierige Aufgaben vorerst Teammitgliedern überlassen. Dann muss, neben den sowieso vorhandenen Lernstoffen, die wunderbare Fülle unserer Welt vor den Schülern ausgebreitet werden. Was für eine Fülle von Details und Beziehungen sich in der Natur auftun! Man muss diese Begeisterung als Lehrer schon haben, um diese zögernden, willenserlahmten Schüler mit zu ziehen. Die Welt ist wunderbar. Diesen Schülern muss man das beweisen.
Als Gutachter und Lehrer erkennt man oft den geringen Wortschatz- sei es bei Migranten oder rein Deutschsprachigen. Ein Schüler war zu einer Pars-pro-Toto-Strategie übergegangen. Er nannte einfach alles Obst- und Gemüse- Artige „Apfel“, und jedes Tier, das ein Fell hatte und kleiner als ein Hund war, nannte er „Maus“. In der Not macht man sich so verständlich, aber eben nur rudimentär. Aber auch die Wahrnehmung war verkümmert- er nahm nicht differenziert wahr; ein Kaninchen und ein Biber waren für ihn nur „Maus“.
Das Hauptproblem aber waren fehlende kategoriale und logische Strukturen wie Oberbegriffe. Den meisten Schülern sind sie weitgehend geläufig. Sie können meist ganz gut Obst von Gemüse unterscheiden. Viele der anregungsarm aufgewachsenen Schüler aber haben in ihrem Leben noch nicht einen Supermarkt betreten. Wenn man mit ihnen ans Meer fährt, geraten sie außer sich und gruseln sich vor dem Schlick im Meer unter ihren Füßen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, so viel Matsch. Ein Mädchen, das ich interessiert testete, hatte einen sehr hohen IQ. Sie war auffällig geworden wegen ihrer regelrechten Begriffsstutzigkeit. Sie brauchte extrem lange, um Arbeitsanweisungen sprachlich zu dekodieren- das heraus zu filtern, was an Information oder Aufforderung darin relevant war. Sie hatte eben nie sprachlich komplexe - womöglich mehrdeutige oder ironische-, Bemerkungen zu hören bekommen. Sie hatte ihr Leben lang kein Spielzeug außer einer Puppe besessen und hatte das Haus selten verlassen. So blieb ihre hohe Begabung, abstrakte Schlussfolgerungen zu ziehen, ihre Fähigkeit, Sachverhalte in Beziehung zu setzen, vorerst ungenutzt, da ihr die Voraussetzungen fehlten, sie einzusetzen. Sie galt als dumm. Um diesen Schatz zu heben, werde ich hoffentlich ein paar Jahre Zeit erhalten, man weiss nicht, ob die Bürokratie es ermöglichen oder verhindern wird, es ist immer auch Glückssache. Gut situierte Kids aus den Mittelstandsfamilien der Vorstädte haben solche Probleme nicht.
Wenn solche sprachlich- intellektuellen Kaspar Hausers älter werden, bemerkt man, dass auch die Begriffe in ihrer Tiefe nicht erfasst werden. Unterhält man sich über Erdöl, wissen sie sehr wohl, dass man es zum Heizen und zur Benzinherstellung benutzt. Aber weiter haben sie keine Vorstellungen. Wie man es gewinnt, woraus es besteht? Keine Ahnung, sie vermuten mal, dass es sich irgendwie in den Tankschiffen bildet. Die Aktivität, die Suche nach Verzahnung und Kontexterweiterung in Bezug auf Begriffe, bleibt manchmal aus.
Wie lebt es sich mit so einer partiellen Blendung des Intellekts? Einer Verkümmerung des Muskelapparats des Verstandes? Da stehen Ding für Ding nebeneinander, Erlebnis an Erlebnis; Lerninhalt an Lerninhalt, aber man kann sie weder verbinden noch aus ihnen Schlussfolgerungen für weitere ähnliche Aufgaben ziehen. Die Generalisierung des Gelernten fehlt. Es bleibt im Konkreten, im Rudimentären verhaftet. Komplexe Abläufe wie z.B. eine Kochanleitung können nur Schritt für Schritt abgearbeitet werden, nicht aus dem Überblick heraus. Abkürzungen werden nie verstanden, da keine Vorstellung entwickelt wird - aus dem Kontext heraus-, was damit gemeint sein könnte. Arbeitsanweisungen und mathematische Textaufgaben bleiben unerklärliche Wortungetüme.
Natürlich kann man einiges aufholen. Aber je mehr die persönlichen Auffassungsschwierigkeiten ihm bewusst werden, desto mehr schämt sich der Schüler, wird wütend, abweisend oder „auffällig“. Es ist leichter und nahe liegender, sich negative Aufmerksamkeit zu verschaffen, als dieses Dickicht von fehlender Anregung zu durchqueren. Als Alternative bleibt die frühe Resignation.
Den Pädagogen bleibt nur die Aufgabe, Interesse und Neugier zu wecken, womöglich mit frühen praktischen Experimenten im Unterricht, vielleicht im Lernen mit handgreiflichen Elementen wie Schreinern und Kochen, vor allem in kooperativen Lernmethoden, die Teamarbeit und individuelles Zeitmanagement erfordern. Da lassen sich vorhandene Begabungen am besten entdecken, man kann aber auch schwierige Aufgaben vorerst Teammitgliedern überlassen. Dann muss, neben den sowieso vorhandenen Lernstoffen, die wunderbare Fülle unserer Welt vor den Schülern ausgebreitet werden. Was für eine Fülle von Details und Beziehungen sich in der Natur auftun! Man muss diese Begeisterung als Lehrer schon haben, um diese zögernden, willenserlahmten Schüler mit zu ziehen. Die Welt ist wunderbar. Diesen Schülern muss man das beweisen.
Am Menschen erwachen
09.Sep.2007 20:41 Uhr Abgelegt in:Anthroposophie | Pädagogik & Psychologie

"Rudolf Steiner, der Begründer der anthroposophischen Geisteswissenschaft, hat im Juni/Juli 1924, ein knappes Jahr vor seinem Tode, den „Heilpädagogischen Kurs“ gehalten – auf Bitten einiger weniger Menschen, die sich die Hilfe für geistig-seelisch behinderte Kinder zur Aufgabe machen wollten. Damit war für die Heilpädagogik ein Entwicklungsimpuls gegeben worden ähnlich weiteren wissenschaftlich-kulturellen Anstössen, die inzwischen zu fruchtbaren Erneuerungsbewegungen geworden sind – man denke etwa an die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Waldorf-pädagogik, die anthroposophische Medizin und grundlegende neue Ideen für verschiedene Kunstrichtungen und zur Gestaltung des sozialen Organismus. Heute gibt es in Deutschland etwa 165 und weltweit etwa 630 in diesem Sinne arbeitende heilpädagogische Einrichtungen, als der Film geplant wurde, waren es etwa 55 in Deutschland und ca. 200 in der Welt. "
So beginnt Wolfgang Garvelmann einen Artikel über die Anthroposophische Heilpädagogik im allgemeinen und seinen gerade erschienenen Film "Am Menschen erwachen" im besonderen. Weiter..
Mutti
17.Mai.2007 22:30 Uhr Abgelegt in:Web & Kultur
Ich bin immer noch mit Mircea Eliades* Schilderungen von den Pubertätsriten archaischer Völker beschäftigt. Welcher Aufwand damals betrieben wurde, den Jungen von seiner Mutter zu trennen! Nehmen wir die "rituelle Verkleidung" von Jungen als Mädchen und umgekehrt während der Initiationszeremonien. Die Absicht war es, die "Ganzheit" als Mann-Frau erlebbar zu machen. Das bedeutete auch die Trennung von der Mutter. Manchmal sollen die dabei verabreichten Drogen und "bewusstseinserweiternden" und schreckerfüllten so heftig gewesen sein, dass die Initianten ihr Gedächtnis verloren. Sie wussten nachher wirklich nicht mehr, wer ihre Mutter war. Bei australischen Ureinwohner musste der Initiant sein eigenes Blut trinken- um sich von dem seiner Mutter, dem "Erbkörper" endgültig zu trennen und sich zu reinigen. Es ging darum, das "schlechte Blut" auszutreiben. Das Zerreissen der Blutsbande war ein Urmotiv in den Völkern der ganzen Welt; die Methoden gingen bis dahin, den Jugendlichen schwere Wunden zuzufügen. Diese Pubertätsriten haben "die Tendenz..., immer dramatischer zu werden". Warum nur dieser Aufwand, den jungen Menschen von seiner Mutter zu trennen? Ein von unseren heutigen Idealen weit entferntes Motiv. Wir bemerken allerdings schon mit Sorge, dass Verhaltensauffälligkeiten aller möglichen Art sich heute bei Jungen in weit stärkerem Ausmass zeigen als bei Mädchen. Überhaupt wirken Jungen in der ersten Schulzeit infantiler. Ist das Muttis Einfluss bzw. die fehlende Abnabelung?
Im "Heilpädagogischen Kurs" beschreibt Rudolf Steiner die Muttermilch als die "gute Mumie": "Die ganze Mutter lebt in der Muttermilch." Die Kräfte der Milch sind lediglich "in der Organisation um eine Etage höher" gerutscht. Er sagt es nicht, aber meint offensichtlich den Uterus. Er meint also, die nährenden und gestaltenden Uterus-kräfte wirkten sich nun in der Milchbildung aus. Ein schönes Bild. Er meint auch, dass in diesen Kräften das Seelische der Mutter lebe (der "astralische Inhalt"). Leider tendieren diese Kräfte aber dazu, noch "eine Etage höher" zu steigen, nämlich "bis zum Kopf" der Mutter. Dann kommen die von ihm nicht näher spezifizierten "abnormen Erscheinungen" bei einer Mutter zu Tage. Dieses Klammern und Heften, diese Fernsteuerung der Kleinen, diese unaufhörliche Sorge, dieses Verfolgen in Gedanken. Ich vermute mal, dass Steiner dies meint. Das "das-Kind-nicht-erwachsen-werden-lassen-können".

Wir brauchen also dringend Initiationsriten, scheint es.
____________________
* "Das Mysterium der Wiedergeburt"
Im "Heilpädagogischen Kurs" beschreibt Rudolf Steiner die Muttermilch als die "gute Mumie": "Die ganze Mutter lebt in der Muttermilch." Die Kräfte der Milch sind lediglich "in der Organisation um eine Etage höher" gerutscht. Er sagt es nicht, aber meint offensichtlich den Uterus. Er meint also, die nährenden und gestaltenden Uterus-kräfte wirkten sich nun in der Milchbildung aus. Ein schönes Bild. Er meint auch, dass in diesen Kräften das Seelische der Mutter lebe (der "astralische Inhalt"). Leider tendieren diese Kräfte aber dazu, noch "eine Etage höher" zu steigen, nämlich "bis zum Kopf" der Mutter. Dann kommen die von ihm nicht näher spezifizierten "abnormen Erscheinungen" bei einer Mutter zu Tage. Dieses Klammern und Heften, diese Fernsteuerung der Kleinen, diese unaufhörliche Sorge, dieses Verfolgen in Gedanken. Ich vermute mal, dass Steiner dies meint. Das "das-Kind-nicht-erwachsen-werden-lassen-können".

Wir brauchen also dringend Initiationsriten, scheint es.
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* "Das Mysterium der Wiedergeburt"
Initiationsriten
12.Mai.2007 13:54 Uhr Abgelegt in:Religion | Web & Kultur
Ich lese gerade mal wieder in Mircea Eliades "Das Mysterium der Wiedergeburt" (Insel-Verlag). In diesem Buch geht es dem Ethnologen und Religionshistoriker Eliade um Praktiken der Einweihung- sei es als Initiationsritus in eine prämoderne Gesellschaft oder in ein bestimmtes Amt wie der Schamane, Medizinmann, etc. Typisch dabei sind in allen möglichen Gesellschaften Riten, die "mit einer bestimmten Anzahl von Prüfungen" verbunden sind, mit "zahlreichen Tabus und Nahrungsverboten".
Ich bin ja überzeugt, dass eines der wichtigsten Riten der Initiationsrituale in unserer Gesellschaft die Führerscheinprüfung darstellt. Auch hiermit sind eine ganze Reihe von Prüfungen verbunden. Man darf keinen Alkohol trinken und muss sich masochistisch einem aufgeblasenen Fahrlehrer unterwerfen, der maliziöse Kommentare über einen abgibt ("Wenn Sie mich umbringen wollen, junge Dame, dann sagen Sie das doch vorher"). Hat man den Schein, gehört man zur Gesellschaft der Erwachsenen. Falls man ihn zeitweilig wieder verlieren sollte, indem man einige spezifische Tabus im Strassenverkehrt wissentlich, dämlich oder beides verletzt hat, wird man wieder in den unmündigen Zustand zurück versetzt, muss entweder Bahn fahren oder liebe Freunde um eine Transportmöglichkeit fragen.
In Bezug auf den Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft fragt man sich, ob auch nicht bei einem solchen Schritt einige kleine Rituale dazu gehören sollten. Das wäre vielleicht würdevoller als das einfache Überreichen einer Mitgliedskarte. Wenn man bei Eliade allerdings die historischen Riten z.B. im alten Australien anschaut, bekommt man auch wieder Zweifel. Schließlich waren mit der Initiation auch bestimmte "Operationen" verbunden wie "Beschneidung, das Ausschlagen eines Zahns, die Subinzision, aber auch die Skarifikation oder das Ausreißen der Haare". Keine Ahnung, was Skarifikation und Subinzision sein sollen. Die Vorstellung, dass im Nebenzimmer des örtlichen Zweigs allen Novizen von einem Dornacher Abgesandten Haare ausgerissen, Zähne ausgeschlagen oder gar Vorhäute demontiert werden, wirkt irgendwie doch wenig attraktiv :-)

Ich bin ja überzeugt, dass eines der wichtigsten Riten der Initiationsrituale in unserer Gesellschaft die Führerscheinprüfung darstellt. Auch hiermit sind eine ganze Reihe von Prüfungen verbunden. Man darf keinen Alkohol trinken und muss sich masochistisch einem aufgeblasenen Fahrlehrer unterwerfen, der maliziöse Kommentare über einen abgibt ("Wenn Sie mich umbringen wollen, junge Dame, dann sagen Sie das doch vorher"). Hat man den Schein, gehört man zur Gesellschaft der Erwachsenen. Falls man ihn zeitweilig wieder verlieren sollte, indem man einige spezifische Tabus im Strassenverkehrt wissentlich, dämlich oder beides verletzt hat, wird man wieder in den unmündigen Zustand zurück versetzt, muss entweder Bahn fahren oder liebe Freunde um eine Transportmöglichkeit fragen.
In Bezug auf den Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft fragt man sich, ob auch nicht bei einem solchen Schritt einige kleine Rituale dazu gehören sollten. Das wäre vielleicht würdevoller als das einfache Überreichen einer Mitgliedskarte. Wenn man bei Eliade allerdings die historischen Riten z.B. im alten Australien anschaut, bekommt man auch wieder Zweifel. Schließlich waren mit der Initiation auch bestimmte "Operationen" verbunden wie "Beschneidung, das Ausschlagen eines Zahns, die Subinzision, aber auch die Skarifikation oder das Ausreißen der Haare". Keine Ahnung, was Skarifikation und Subinzision sein sollen. Die Vorstellung, dass im Nebenzimmer des örtlichen Zweigs allen Novizen von einem Dornacher Abgesandten Haare ausgerissen, Zähne ausgeschlagen oder gar Vorhäute demontiert werden, wirkt irgendwie doch wenig attraktiv :-)
