Scaligero

Logos & individuelles Denken

Das Denken gehört nicht dem Menschen, sondern dem Logos an:
und doch wird es im Menschen individuell, damit der Mensch durch das Denken zum Logos gelangen kann
.“

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Massimo Scaligero, Traktat über das lebende Denken, Stuttgart 1993, S. 48
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Die Ruhe

„Die Ruhe“, schreibt der auch umstrittene Massimo Scaligero, „wird nicht verwirklicht, wenn man sich vorsätzlich in die Einsamkeit begibt. Sie behauptet und erprobt ihre Tiefe im Tumult der Welt. Diese Ruhe ist zu entdecken: trotz der Welt, die ihr widerspricht.“ („Traktat über die unsterbliche Liebe“, S. 328)
In der Tat. Die „Welt“ sind allerdings auch wir selbst. Wir sind es ja, die „die Gereiztheit, die Aufgeregtheit, den Unfriede(n), die Angst“ nicht nur produzieren, sondern uns daran als Individuum auch konstituieren. Das Rädchen, in dem wir emotional rennen, wird schon von uns selbst angestossen; wir fühlen uns darinnen selbst. Das seelische Tasterlebnis, ein umgrenztes Etwas oder ein Jemand zu sein, entspringt vor allem dem Anstossen an dem Krach, der Aufregung, der Empörung, der rechthaberisch vertretenen Idee. Aber: „Wer in den Leidenschaften und Emotionen die Ruhe wiedergewinnt, der hat die Ruhe wirklich und darüber hinaus Kräfte, wie sie die Welt nicht erwartet: Kräfte, die in der Seele strömen können, ohne von ihr entstellt zu werden, denn die Ruhe ermöglicht nun den tieferen Kontakt mit der Seele.“

Nun gibt es so viele Ausweichmanöver dabei, wie es Individualitäten gibt. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber ein Konstruktivist wie Watzlawick hat völlig recht damit, dass die behauptete oder von Anderen geforderte Ruhe („Sei doch mal entspannt“) vollkommen absurd ist. Man kann das so wenig wollen wie man sich mit den Haaren selbst aus dem Sumpf ziehen kann. Man kann die Ruhe festmachen an Reisen & Wellness & Sport & Lesen & Sex & einem anderen Partner & einem Zweitageseminar im buddhistischen Retreat. Häppchen davon erzeugen Hunger nach Mehr- die avisierte Ruhe wird zu einem Konsumgut wie andere auch, entzieht sich aber immer wieder auf Neue.

So ist Scaligero auch der Meinung, man solle stattdessen die Ruhe suchen „in der Entschlossenheit, die den Durchgang durch den Tumult auf sich nimmt.“ Nichts vergessen, nichts beschönigen, nichts behaupten. Die „nicht erkannte Unruhe“ ist das Problem: „Die Unruhe ist das Nichts, das Geltung erlangt: aber sie ist das Nichts, das man als solches erkennen kann. Wird dieses Nichts als Nichts erkannt, dann kann auch seine Wesenlosigkeit verschwinden. Dann aber ist es die tiefe Ruhe, die zuvor nicht erkannt wurde.“

Das Paradoxon besteht eben darin, dass man die Unruhe „nährt (..), weil man ihr entgehen will“. (S. 330) Von solchen Paradoxen profitieren ganze Industrien- etwa Unterhaltung und Tourismus. Scaligeros Weg ist ein ganz anderer: „Man kann dahin gelangen, im Inneren der Unruhe zu ruhen. Denn in Wirklichkeit ist das Ich losgelöst von ihr. Die Unruhe wird hingenommen, damit sich das Ich ihr gegenüberstellt, so dass die Unabhängigkeit des Ich verwirklicht wird, das in Wahrheit von nichts ergriffen werden kann.“ (S. 330)

Das Rohr im Wind dreht sich mit den Luftströmungen. Man kann das nicht verhindern oder verleugnen. Man kann es aber anschauen. Der, der das eigene Getriebensein, den Unfrieden, die inszenierten Probleme ansieht, ohne davon mitgerissen zu werden, tut dies in einer Ruhe, die keinen Grund und keinen Boden findet: „Die Ruhe ist die Tiefe, in die man schrankenlos hinabsteigt: zu den Wurzeln des Seins, die unauffindbar sind, da sich immer wieder ein noch tieferer Grund auftut.“ (S. 332)
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Scaligero und Evola

Hans-Peter Dieckmann hat in den Kommentaren bereits darauf hingewiesen, wie wenig wir von den Einflüssen auf Massimo Scaligero wissen, wie wenig über die Art, Dauer und Intensität. Die vorliegenden Dokumente sind mehr als dürftig, selbst die fünf in deutsche Sprache übersetzten Bücher Scaligeros sind für mich noch nicht alle greifbar. Ergänzt werden sie durch einige Bruchstücke aus Scaligeros autobiografischen Notizen in „Dallo yoga alle rosacroce“. Aus diesen Bruchstücken lässt sich aber immerhin ablesen, dass Scaligero nicht immer diesem „rosenkreuzerischen Schulungsweg“ gefolgt ist. Als die Bruchstelle stellt er seinen erzwungenen Gefängnisaufenthalt am Ende des Weltkrieges dar. In der Zelle kam er dazu, etwas für sich auszubilden, in dem Anthroposophie keine „Lehre“ im Sinne aufsagbarer Vokabeln mehr für ihn war, sondern etwas, was ihn im Innersten berührte: „Im Gefängnis kam ich dazu, meine konkrete Methode der Meditation auszubilden. Es war für mich die Möglichkeit, durch klare, reine Gedankenkraft, die Lehre von Rudolf Steiner erfahren zu können (…). Hier konnte ich beginnen, die Kraft der Einsamkeit und Stille mit meinem innersten Wesen zu erleben (…) Ich nahm die Synthese aller meiner vorherigen esoterischen Erfahrungen und begann diese auf die Geisteswissenschaft Steiners auszurichten.“

An dieser Nahtstelle fragt man sich, auf was sich diese „Synthese aller meiner vorherigen esoterischen Erfahrungen“ eigentlich bezieht. Aus manchen der übersetzten Bruchstücke wird deutlich, dass sich diese Synthese auf Fragen bezieht, die denkbar weit entfernt sind von dem, was den Inhalt dessen, was Rudolf Steiners Geisteswissenschaft ausmacht, tangiert. Es handelt sich um die „Magia Sexualis“, um die Sexualmagie, um das Erleben einer „Natur, die das Ich mit sich reisst“, um „die höchsten Kräfte, in denen die Widersachermächte wirken“. Der Weg nach Scaligeros innerer Wende 1945 (soweit diese tatsächlich stattgefunden hat) bestand in einer Aufarbeitung einer Positionierung, in der „man“ (..) „geneigt ist, sich für einen geistigen Führer zu proklamieren“ und in einer Arbeit in Bezug auf die „Erlösung des Eros“ („Dallo yoga alle rosacroce“), wobei der Schlüssel „das gereinigte Denken“ sei. Massimo Scaligero war der Auffassung, dass diese spezifische Arbeit schon im Sinne Rudolf Steiners sei, auch wenn dieser „in seinem Werk nicht vom Sexus“ („Dallo yoga alle rosacroce“) spräche. Scaligero ist der Ansicht, dass der Gralsweg derjenige ist, „der das Ich in das Herz der Erde führt“. Für ihn selbst bedeutet dieser so gesehene Weg vor allem - ohne falsche Askese- „die Erlösung der menschlichen Seele von dem Eros.“ Er findet diese Erlösung in einer geistigen „androgynen Wiederherstellung“- schon immer war der Eros für Scaligero „die tiefste Sehnsucht, das verlorene Paradies wieder zu erlangen.“ Im Reinen Denken beginnt der Erlösungsprozess für Scaligero, der in eine „Auferstehung des Fühlens“ mündet, eine Art „Sonnen- Alchemie“, in der der Eros im „Mittelpunkt des Herzens“ frei von der „begehrenden Hitze“ aufersteht. Am Ende erlebt Scaligero „das Fliessen der kosmischen Willensströmung in die Ätherstrukturen seines Denkens und Fühlens“.(„Dallo yoga alle rosacroce“)

Diese sehr spezielle Darstellung, dieses in meinen Augen höchst individuelle Ringen um „absolute Reinheit“ und „ursprüngliche Keuschheit“ („Dallo yoga alle rosacroce“) muss eine Vorgeschichte haben. Den rosenkreuzerischen Schulungsweg aufzufassen als eine Befreiung von der Determiniertheit durch Begierden und Sexualität im Speziellen, verweist auf eine konkrete und schwer wiegende Vorgeschichte.


weiter zum ganzen Aufsatz Michael Eggerts
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Massimo Scaligero: Im Gefängnis

„Es war mein Schicksal und mein Karma, das mich in das Gefängnis „Regina Coeli" gebracht hat. Ich kam in die sog. politische Abteilung des Gefängnisses, aufgrund der Tatsache, dass ich zwei anthroposophischen deutschen Freunden geholfen hatte. Diese Beiden hatten mir dann, als ich im Gefängnis war, allerdings nicht weiter geholfen.
All dieses war eine vorgeburtliche Entscheidung von meinem Ich. Es war für mich wie für jedes Individuum von grosser Bedeutung, das Schicksal so zu durchschauen, dass man die führende Kraft des Ich in den erscheinenden Ereignissen erfahren kann.
Im Gefängnis kam ich dazu, meine konkrete Methode der Meditation auszubilden. Es war für mich die Möglichkeit, durch klare, reine Gedankenkraft, die Lehre von Rudolf Steiner erfahren zu können. Anfangs war es schwierig, mit der neuen Situation umzugehen und sich an sie zu gewöhnen, es gab herumlaufende Tierchen und kalte, nasse Wände. Nach ein, zwei Wochen etwa verbesserte sich meine Lage: Die für mich verantwortlichen Aufseher und Wärter erkannten anscheinend etwas an meiner Persönlichkeit, was sie überzeugte, dass ich nicht ein sog. „politischer" Häftling sei und ich deshalb in eine Einzelzelle gesperrt wurde. Nun hatte ich eine Zeile für mich, es war in der Abteilung 322.“

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Massimo Scaligero: Die Politik als Maya

„Was ich in jener Zeit schrieb, könnte ich in jeder Zeitung, linker, rechter oder Mitte-Ausrichtung wieder veröffentlichen, nur mit dem Ersetzen des Wortes „Faschismus" z.B. durch den Ausdruck „soziale Vision" oder „moralische Instanz".“- ist eine der geradezu zynischen Verharmlosungen Massimo Scaligeros zu seiner faschistischen Vergangenheit. 1972 erschienen, zeigt diese absurde Verteidigungsschrift, dass Scaligero keineswegs zu einer inneren Wandlung durchgestossen war. Im Gegenteil- während der Verfassung seiner spirituellen Arbeiten glaubte er, er könne seine faschistische Ära dadurch rehabilitieren, dass er einfach ein paar Begriffe austauschte.
Die Banalität dieses Versuchs einer Reinwaschung spricht aus dem Text selbst. Er selbst - so stellt er sich dar- war nur eine Randfigur, die angeblich ihren Status nutzte, um Anderen zu helfen. Seine selbstlose Nächstenliebe war auch der einzige Grund für seine Inhaftierung. Dieser Text erinnert nicht nur an Benesch, er ist auch genauso erbärmlich wie dessen Selbstdarstellung. Benesch in seiner herrischen Art machte allerdings nicht einmal den Versuch einer Rechtfertigung, er ließ die Wirklichkeit einfach weg.

Zu Scaligeros Text..
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Hans-Peter Dieckmann: Zu Scaligeros „Die Politik als Maya“

Auf Anregung von Georg Kühlewind und dem Übersetzer einiger Bücher von Scaligero ins Deutsche*, Georg Friedrich Schulz, war ich während der ersten Hälfte der 90er Jahr des vergangenen Jahrhunderts zu einem begeisterten Leser der meditativen Texte von Scaligero geworden. Ich verdanke ihnen wertvolle Anregungen für meine meditative Praxis, was aus einigen Beiträgen von Michael Eggert über diesen wichtigsten Aspekt seiner Nachkriegsarbeiten meines Erachtens gut nachvollziehbar ist. 1994 führte meine Beschäftigung mit Scaligeros Büchern zu einem Arbeitskreis zu seinem “Traktat über das lebende Denken“, den ich zusammen mit einem anderen Leser von Scaligero gründete.

Wie mein Mitbegründer hatte ich der dem “Traktat über das lebende Denken“ beigefügten biographischen Skizze vertraut, die auf Scaligeros Tätigkeit als Chefredakteur einer faschistischen Zeitung von 1932 bis 1944 hinweist, ihn aber vom Faschismus frei spricht.

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Peter Staudenmaier: Über Massimo Scaligero

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„I think most anthroposophists are still unaware of Scaligero's racial writings. Even Italian anthroposophists, who have ready access to the texts themselves. Scaligero denied his own racism in his autobiography (in fact he cast his racial writings from the Fascist era as anti-racist), and lots of anthroposophists have simply taken this at face value. What is a little more surprising is that anthroposophists seem entirely unaware of the existing scholarship on the history of Fascist race policy, which discusses not only Scaligero's role in the racist campaign, but that of other Fascist anthroposophists as well, such as Ettore Martinoli and Aniceto Del Massa. In any case, Scaligero's racist publications are not hard to find in Italy. I think it would be good if anthroposophical admirers of Scaligero would familiarize themselves with this aspect of his work.“

weiter zum Text von Peter Staudenmaier..
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Mehr zu Scaligero

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„Reines Denken“ hin oder her: Massimo Scaligero scheint ein Beleg, ja ein Musterbeispiel dafür zu sein, dass meditative Erfahrung keinesfalls davor schützt, in verdrehte, anrüchige und reaktionäre Positionierungen abzudriften. Im Falle Scaligero ist der faschistische Hintergrund offensichtlich. Eine Einbettung auch seiner Position in die politisch rechte Szene Italiens nimmt Antonio Carioti in einem Buch vor: „Überdies bedienten sich die jungen Neofaschisten einer idealistischen Esoterik, die an die antidemokratisch-aristokratischen Ideen von Julius Evola und Massimo Scaligero anknüpften. Für diese beiden umstrittenen Intellektuellen, die sich der RSI angeschlossen und zu den wichtigsten Fürsprechern eines rassistischen Antisemitismus in Italien gezählt hatten, war mit der Demokratie das Maximum der Dekadenz erreicht, während sie - nach mittelalterlichem Vorbild - für ein streng hierarchisch organisiertes und von einer aristokratischen Leistungselite autoritär geführtes Gemeinwesen als politisches Ideal eintraten. Die RSI blieb für viele junge Neofaschisten der Referenzpunkt ihrer Identität. Sie verherrlichten den Krieg, der zwischen 1943 und 1945 in Italien geführt wurde, als den Kampf weniger Idealisten für eine verlorene, aber ihres Erachtens nach edle Sache - den Kampf gegen Demokratie, Bolschewismus und Judentum.“

Die heutige Alleanza Nazionale versteht sich als Nachfolgerin der RSI und ist mit Berlusconis Forza Italia ein Bündnis eingegangen.
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Dank an Barbara für den Link.
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Das leuchtende Gewand

Nach den Recherchen von Peter Staudenmaier war Massimo Scaligero vor und während des 2. Weltkriegs aktiver Faschist in Norditalien. Seine Schriften, die während und nach seiner Gefangenschaft (1945) entstanden, vor allem in den 60er und 70er Jahre bis zu seinem Tod, haben den Titeln nach spirituellen Charakter. Da sie nur zum geringen Teil übersetzt und - auch antiquarisch- schwer zu bekommen sind, kann ich nur das beurteilen, was ich vorliegen habe, und das ist das sehr anregende Buch „Traktat über die unsterbliche Liebe“. Es geht im Kern um das Verhältnis von Reinem Denken und Sexualität. Scaligero schreibt wie ein Blogger. Er schreibt nur zum geringen Teil zielgerichtet, linear: Seine Methode ist eine kreisende Aneinanderreihung von Meditationen über das Thema- so als wären es separate kleine Betrachtungen. Das Niveau ist schon deshalb hoch, da er offensichtlich aus der Vertiefung heraus schreibt, nicht nur über sie. Das ist also nichts für ungeduldige Leute. Das Thema entwickelt sich von innen heraus- in dem Maß, in dem man es mitvollzieht. Daher schreibt Scaligero, seinen Anspruch formulierend, im Vorwort auch: „Dieses Buch kann nicht einfach gelesen oder studiert werden. Es ist vielleicht nicht einmal der Meditation zugänglich, es sei denn, der Meditierende setzt das Denken so in Bewegung, dass es in seinen eigenen Inhalt eingeht.“ Man kann also nicht erwarten, Rezepte, Anleitungen oder auch nur eindeutige Aussagen Scaligeros zum Thema zu erhalten.

Ich habe mich an manchen Punkten auch gestossen. Scaligero ist keiner, der einfach und simpel irgend eine Art von Askese predigt. Er ist keinesfalls lustfeindlich. Auch wenn er eine Sublimierung der Begierde schlechthin beschreibt und sich im Grunde an die Quellen der Lust begibt, um sie spirituell zu fassen, verbrämt er sie nicht und zieht an keiner Stelle aus seiner Erfahrung heraus moralisierende Schlüsse. Aber selbst das ist nur schwer und über lange mitgehende Denkbewegungen eindeutig bei ihm fest zu machen. Manchmal klingt es auch anders, manchmal rührt er eindeutig an das, was in östlichen Traditionen als Kundalini- Kraft bezeichnet wird.

Aber Scaligero bewegt sich immer wieder an Grundlagen des Denkens überhaupt- etwa an die Beziehung zwischen Bewusstsein und Leben: „Der Widerspruch, der dem Bewusstsein anhaftet, besteht darin, dass es außerhalb seiner selbst das Leben sucht, das es von sich ausgeschlossen hat, um Bewusstsein zu sein. Dadurch, dass es zum Bewusstsein wurde, hat es das Leben zu etwas anderem gemacht. Zwar ist es der Ansicht, es in den Sinnesempfindungen dennoch zu haben, hat es dort aber immer nur so, dass es ihm zur Abstraktion gerät und verloren geht. Es kann das Leben nur berühren, das ihm aus der Tiefe als das noch unberührte oder nichtdialektische Denken entgegenblickt: als jenes Denken, das für einen flüchtigen Moment - im Wahrnehmen selbst- mit dem Lebendigen vereinigt ist.“

Das Bewusstsein kann auf der Ebene des Alltagsdenkens nur existieren, indem es „das Leben von sich“ stösst. Statt der reinen Erfahrung des Lebendigen wird ein Vorstellungsbild oder eine „persönliche Empfindung“ produziert: „Es nimmt das Leben nicht wahr, denn es sucht es außerhalb seiner selbst - unwissend, wie es seine eigene Grenze überschreiten kann. Es sucht es in einem Bild von der Welt, das schon des Lebens beraubt ist.“

In der Empfindung oder Vorstellung verlöscht das Lebendige. Eine „Fortsetzung“ in der Seele „könnte sich nur in der Bewegung des reinen Denkens ergeben, die das Leben tragen kann, weil sie von dessen sinnlichen Manifestationen unabhängig ist.“ Im reinen Denken kann sich die „Verknotung“ des Bewusstseins lösen; es werden „die Kraftlinien des Denkens, das sein eigenes Licht verstrahlt, wirksam: des Denkens, das undialektisch - als objektives Wollen - im leiblichen Willensstrom anwesend ist.“ (S. 153)

Vielleicht wird aus dieser Textstelle deutlich, in welchem Maß hier ein meditativer Text vorliegt, der eigentlich mantrischen Charakter hat und meditativ mitvollzogen werden will. Bei aller Skepsis in Bezug auf die Integrität des Autors: Diese Qualitäten wird man dem Buch gerne zugestehen. Die Erfahrung, die Scaligero an diese Textstelle anschliesst, lautet: „Dadurch ist die Seele selbst wie neu geboren, als zöge sie ein leuchtendes Gewand an, kann sie doch erst jetzt ihre eigene Wahrheit verwirklichen: die Unabhängigkeit vom Begehren. Das ist die Unabhängigkeit, durch die es möglich wird, die Erfahrung selbst als Leben in ihrer wunderbaren Unpersönlichkeit wahrzunehmen.“

So kreist Scaligero in seiner meditativen Praxis, die er in diesem Buch mitvollziehbar darstellt, um seine persönlich- unpersönliche Interpretation einer „Philosophie der Freiheit“. Sonntagsreden erspart er sich und uns. Es ist ein Arbeitsbuch, aus und für die konkrete Arbeit geschrieben.
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Die Mystik des Denkens

Es ist wahr, was dem ursprünglichen anthroposophischen Schulungsweg von New-Agern vorgeworfen wird: Dieser Weg lehnt eine Mystik vor dem Denken ab. Das Ver-inbrunsten von Devotion, Emotion, Engelmystik usw. zum Zwecke höherer Gefühle - vielleicht auch spezifischer „Erfahrungen“- ist hier schlicht nicht das Gewollte. Die mystischen Sehnsüchte sind eben auch etwas, in dem sich das Ego spiegeln kann- sie sind nicht frei von innerer Korruption. Gefühle sind nun einmal keine transparente Instanz- das Denken kann das aber sehr wohl sein.

Wie in den letzten Tagen auch in den Kommentaren beschrieben, wagt die Disziplin des „Reinen Denkens“ auf vielerlei Art den Sprung von der Konzentration in die eigene „Weite“, in das „Fliessende des Denkens“, in die willensgetränkte Selbstrealisation. Den Begriff „Meditation“ für dieses Tun zu verwenden, ist vielleicht etwas gewagt, denn in der gemeinten Art und Weise steigt man lediglich in den Fluss, der die Steine am Ufer bewegt: Das lebendige Denken, einmal erwacht, erscheint als das Normalste der Welt. Als nicht normal dagegen erlebt man das Alltagsdenken, das krampfhaft fixiert auf die Inhalte seiner Betrachtung ist und dabei sich selbst vergisst.

Das Reine Denken ist sich dabei an jedem Punkt seiner selbst bewusst. Auch im übertragenen Sinne, denn die damit verbundenen spezifischen Körpergefühle hängen augenscheinlich mit Kraftfeldern zusammen, die in manchen Kulturen als Chakren bezeichnet werden. In dieser Hinsicht spricht der anthroposophische Schulungsweg sicherlich andere Kraftbereiche an als das in mystischen und ekstatischen Umwelten üblich zu sein scheint. Bei ersterem geht die Entwicklung von oben nach unten, beginnend im Bereich vor der Stirn.

Die Mystik folgt dem lebendigen Denken schon von selbst. In den Tiefenschichten der Ruhe werden die grossen Empfindungen von selber wach. Man „hat“ sie nicht wie eine simple Emotion. Man weiss, sie sind da, und man ist darin zu Hause. Die damit verbundenen Evidenzgefühle allerdings, die bis an den Punkt kommen, an dem man an einen Bereich der Wahrheit heran rühren kann, einer moralischen prima materia, können auch zu Irrwegen führen, wenn man sich dabei zu ernst nimmt und das mystische Erleben personifiziert. Es ist kein persönlicher Verdienst damit verbunden, kein Grund, kein Vorteil, kein Gewinn. Man erfährt eine Art von moralischem Denken, von dem man weiss, dass es da ist, dass man tief damit verbunden ist- aber es ist kein Denken, das man produziert. Das moralische Denken erweist sich als ein Da-sein.

Man könnte das als eine Mystik des Denkens bezeichnen. Man muss nur beachten, an welcher Stelle, unter welchen Vorzeichen und vor allem, in welcher Transparenz diese Mystik auftritt.

„Das in der Finsternis leuchtende Licht ist in der Seele das lebendige Denken, das in den gespiegelten oder abstrakten Gedanken hineinstirbt. Wenn aber das Denken seine eigene Natur vergisst, dann verkommt auch sein Licht. Es nimmt die Form von Instinkten und Leidenschaften an, die sich wollend und fühlend in einer abstrakten Welt bewegen, die im Grunde nichts als das Resultat des gespiegelten Denkens ist, in welchem das Licht erlosch. Dennoch ist es dasselbe Licht, das, wenn es sich aus dem Farben- und Formenspiel der Welt befreien kann, in der Seele als imaginatives Leben oder Licht-Denken aufblüht: ein Leben, vor dem die Finsternis der instinktiven Natur ihren verkehrten Glanz verliert ...“

(Massimo Scaligero, „Traktat über die unsterbliche Liebe“, S. 133)
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