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Tauchen unter dem Eis

Es gibt - jedenfalls in einer Existenz- Situationen, in denen sich der Körper seiner Benutzung weitgehend entzieht, vor allem, was die sensorische Verarbeitung betrifft, trotz aller Einschränkungen die Möglichkeit geistiger Präsenz. Das ist zum Beispiel bei einem Migräne- Anfall oder anderen chronischen Schmerzen der Fall. Stoffwechsel, Verdauung, Möglichkeiten, überhaupt motorisch, intellektuell oder sozial tätig zu sein, entfallen dann oder erscheinen doch sehr gestört. Tag und Nacht gehen ineinander über wie Schemen. Ein solches temporäres Schattendasein betreibt man in einer Nische der Welt, in der Rumpelkammer der Biografie. Medizinische Mittel gibt es gegen diese Art von Schmerz nicht; im Gegenteil, eine Reihe von Schmerzmitteln bewirken durch Anreicherung von Histamin den gegenteiligen Effekt und verlängern den extraterritorialen Zustand immer weiter. Mit anderen Worten: Man kann es nur ertragen.

Trotz des Mangels an geistiger Fokussierung ist es aber möglich, unter dem Eis zu tauchen. Zumindest in gewissen Ausnahmezuständen kann man eine geistige Kraft nutzen, die unter der intellektuellen Verarbeitungsaktivität gelegen ist- bemerkbar an einer Energie, die merklich mit der Aktivität der Chakren zusammen hängt. Man muss lauschen, ohne zu suchen, man muss die Welle nutzen und sich mit ihr auf offene Meer bewegen. Es ist offenkundig ein Bewusstsein möglich, das aus reiner Kraft besteht und das das momentan nicht nutzbare Instrument des Gehirns buchstäblich unterläuft.
Denn es gibt eine zweite (und dritte? und vierte?) Ebene des Bewusstseins, in der man aber wesentlich willenhafter, aktiver tätig ist als beim eher passiv- hinnehmenden intellektuellen Betrachten. Wenn der Intellekt durch ein schmerzhaftes Einfrieren praktisch unbrauchbar geworden ist, wenn der Körper ein toxisch zeitweilig überspülter fremder Mikrokosmos ist, dann bleibt gar nichts anderes übrig, als rein aus innerer Aktivität zu schöpfen. Es geht, tatsächlich, zumindest, wenn man in guten Tagen etwas Übung gefunden hat. Und man bewegt sich dann in einem nicht vom allgegenwärtigen Schmerz berührten Bereich.

Die reine Präsenz, die man aufbaut, leuchtet einen inneren Raum aus, der von jeder denkbaren und unvorstellbaren Tiefe sein kann. Es ist immer offen, was bei einem solchen Besuch geschehen kann, wobei doch bestimmte Regeln gelten. Die reine, sich selbst bewusste Geistesgegenwart kann z.B. an etwas rühren. Das gelingt nicht immer, hängt von dem Grad der Befreiung und der Stille ab. Wenn alles stimmt, dann kann dieser innere Raum, den man rein geistig schafft, an seiner Innenseite erhellt und belebt werden. Plötzlich werden imaginativ dynamische Kräfte erlebbar- manchmal farbig, in jedem Fall auf ganz typische Art und Weise belebt, ähnlich intensiven, dichten Wellen- und Wolkenformen, die aus ihrer eigenen Mitte entspringen und die Tendenz haben, sich von vorne spiralig auf das eigene Zentrum zuzubewegen.

An diesem Punkt der Erfahrung solcher Dynamik bin ich im Leben verschiedentlich gewesen. Früher war es so gewesen, wie auf eine Lichtung im tiefen Wald zu treten, in der plötzlich Licht und Himmel in den Blick treten. Man hat keine Ahnung, wie man da hin geraten ist und wüsste beim nächsten Mal den Weg dorthin nicht zu finden. Aber mit den Jahren wird diese Lichtung unter dem Eis eine Art Konstante, ein Orientierungspunkt. Und es vertieft sich.

Diese reine und unerschöpfliche Energie ist etwas, was man selbst nicht einfach hervor bringt. Es ist keine Vision. Diese Dynamik ist ein Teil der Lebenskräfte selbst, ein universelles ununterbrochenes Schaffen, dem man in diesem Augenblicke nahe kommt. Und man hat deutlich die Empfindung, dass diese Kraft mit dem Denken selbst zu tun hat - es ist die Lebens- Bewusstseinskraft schlechthin. Die auf einen selbst zielende Kraft begreift man in den heiligen, kostbaren Momenten auch als Wesensberührung, denn diese Dynamik ist Willen, in dem man etwas Wesenhaftes ahnen kann. Die Berührung ist zart.

In dem Augenblick, in dem man an Berührung denken kann, verwandelt man sich aber auch selbst. Es geschieht etwas wie das Aufkommen einer tiefen Frömmigkeit, einer hingebenden Aktivität, die es überhaupt erst möglich macht, die sich ständig wandelnden Kräfte in sich hinein zu nehmen. Und noch viel kostbarer kann etwas erlebt werden wie eine Antwort auf die Berührung, die dem Inneren des Innenraums zu entspringen scheint und die Charakteristika einer Naturkraft hat. Es erscheint ähnlich dem Vorgang in der Natur, wenn die Frühlingssonne die ersten Spitzen der Frühblüher aus dem Boden lockt. Man wird berührt, und dann erwacht eine Wachstumskraft, die persönlich ist, aber von einer solchen ursprünglichen Kraft, die wir sonst nie erleben, weil wir "zerstreut" sind in einer komplexen leiblichen Wahrnehmung und Steuerung. Jetzt ist jede "Zerstreutheit" aufgehoben. Die Kraft, die als Antwort aus dem Innersten erwacht, ist zweifellos ein Aspekt des Ich, aber so wesenhaft und ursprünglich, so ungeteilt, unmittelbar und rein, dass sie kaum vergleichbar ist mit der uns bekannten, dreimal gebrochenen, indirekten Art des Selbsterlebens. Wir erleben uns als das ungebrochene, ursprüngliche Selbst, eine geistige Aktivität ohne jede Brechung.

Das ist der Punkt, hier, unter dem Eis, an dem die geistige Arbeit beginnt. Nicht dass man Schmerzen und Krankheit dazu bräuchte. Aber es geht auch trotz des widerständigen körperlichen Systems.

Rudolf Steiner geht auf diese Konstellation von Erfahrungen im rein geistigen Raum ein in „Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst? (S. 94): „ Wenn man nun beginnt, so aus sich selber gleichsam herausströmend zu fühlen Gegengefühle gegenüber der Weisheit, Schamgefühle, Dankbarkeitsgefühle, wenn einem das gleichsam aus dem eigenen Organismus heraus aufstößt, dann macht man dadurch wiederum die erste elementare Bekanntschaft mit etwas, das dann weiter kennengelernt werden muss in der fortschreitenden okkulten Entwicklung. (..) Durch das, was da zurück sich staut, was da aus uns selber heraus dringt in dem Gefühl von Dankbarkeit und Scham, das einen Persönlichkeitscharakter hat, weil es aus uns herauskommt, durch das bekommen wir den ersten elementaren Begriff von dem, was man Archai oder Urkräfte nennt (..).“
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