The Circle- die apokalyptische Social- Media- Vision | EgoBlog | Die Egoisten

The Circle- die apokalyptische Social- Media- Vision

circleDies ist kein ausgedachter, ideologisierter oder erneuter Weltuntergangs- Plot, sondern ein die heutige Social-Media- Wirklichkeit klug ausspinnender Roman (Dave Eggers, The Circle, Pinguin 2013)- eine Art Essay in gut lesbarer, spannender Entwicklung. Klug auch deshalb, da wir die Provinznudel Mae mitsamt ihrem schlichten Holzfällerhemd- Freund und ihren etwas Eltern auf ihrer Karriere in das neue Medienunternehmen The Circle begleiten. Wir sind als Leser quasi dabei.

Mae hat durch Protektion ihrer ältesten Freundin zu ihrer Freude und Überraschung einen Job in der Kundenbetreuung - einem durch rigide Feedbacks und permanente enge Kontrolle gekennzeichneten Callcenter- des Weltunternehmens in einer fiktiven Stadt in Kalifornien erhalten: „There were over ten thousand employees on this, the main campus, but the Circle had offices all over the globe, and was hiring hundreds of gifted young minds every week.“ Die Kundenbetreuung ist das Standard- Karriere- Sprungbrett für jeden der über 10000 Mitarbeiter in dieser Start-Up-Firma, deren Gründer Ty in fast jeder Hinsicht (auch was das Alter und die Umtriebigkeit betrifft) dem Facebook- CEO Mark Zuckerberg gleicht. Zuckerberg hat Facebook 2004 entwickelt und besitzt heute ein Vermögen von etwas unter 20 Milliarden Dollar. Tys Neuerung besteht darin, dass The Circle einerseits Email, Social Media und Kommerz in einem System integriert hat - andererseits scheint das Unternehmen in seiner Marktmacht, mit der es Facebook, Twitter, Amazon, Google geschluckt hat, extrem engagiert zu sein- es fördert durch seine digitale Präsenz Transparenz in Politik und Gesellschaft und engagiert sich in vielen konkreten kleinen NGOs weltweit- seien es Frauenfragen im Sudan, Kindesmissbrauch oder das Wohlergehen der Wale. Die ständigen Petitionen erhalten durch die wirtschaftliche und kommerzielle globale Präsenz erhebliche Durchschlagskraft, ziehen engagierte junge Leute ins Unternehmen und fördern permanente technologische Innovationen. Die globale Marktmacht der Gutmenschen hat hier ihr Medium gefunden.

Ty selbst, der aufgrund seiner Genialität und seines Outputs von Ideen den Beinamen „Niagara“ erhalten hat, ist innerhalb des ständig wachsenden Campus des Unternehmens unsichtbar geworden: „Watchers of the Circle wondered, Where is Ty and what is he planning? These plans were kept unknown until they were revealed, and with each successive innovation brought forth by the Circle, it became less clear which had originated from Ty himself and which were the products of the increasingly vast group of inventors, the best in the world, who were now in the company fold. Most observers assumed he was still involved, and some insisted that his fingerprints, his knack for solutions global and elegant and infinitely scalable, were on every major Circle innovation. He had founded the company after a year in college, with no particular business acumen or measurable goals. “We used to call him Niagara,” his roommate said in one of the first articles about him. “The ideas just come like that, a million flowing out of his head, every second of every day, never-ending and overwhelming.“"

Eines seiner wichtigsten Innovationen war die Einführung einer eindeutigen Identifikation jedes Users des umfassenden Systems, dem inzwischen nahezu 80% der Bevölkerung angehörten: "Instead, he put all of it, all of every user’s needs and tools, into one pot and invented TruYou—one account, one identity, one password, one payment system, per person. There were no more passwords, no multiple identities.“ Zudem entwickelt sich auf dem Campus eine permanente Unterhaltung- Bands, Politiker, Stars, Parties, Meetings füllen auch das, was man früher einmal „Freizeit“ nannte. Es entsteht auf dem Campus eine „Insel der Gelehrten“, wobei diese Idealisten, Geeks und Technokraten meist jünger als 25 Jahre alt sind. Die vom Virus des Unternehmens infizierte Mae, die ständig, rund um die Uhr mit mindestens 3 Displays kommuniziert, sieht sich immer weniger in der Lage, sich auf ihr zäh erscheinende analoge Gespräche einzulassen: "“But now you’re hyperventilating.” “I guess I’m just so easily bored by this.” “By talking.” “By talking in slow motion.”" Die medizinische Versorgung der Mitarbeiter ist mehr als umfassend- mittels implantierter Chips wird der gesamte körperliche Zustand für den User auf mitgeführten Displays transparent- allerdings auch für die Firma, die diese Daten in ihrer Cloud analysiert. Eine weitere Innovation besteht darin, ähnliche Chips in die Knochen Neugeborener zu implantieren, um sie vor Entführung, Missbrauch und Mord zu schützen. Ein Bruch entsteht aber erst in der Einführung von Mini- Cams, die per Satellit kommunizieren und in allen Krisenregionen der Welt massenhaft platziert werden. Damit können politische, militärische und polizeiliche Übergriffe jederzeit in Echtzeit dokumentiert werden. Um Korruption und Lobbyismus zu verhindern, erlauben erst einzelne und dann immer mehr Politiker, mittels einer Mini- Cam selbst permanent präsent zu sein- wer nicht mitzieht, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, er hätte etwas zu verbergen.

Auch Mae selbst geht zwar auf diese totale Art online („And along the way, I intend to show how democracy can and should be: entirely open, entirely transparent. Starting today, I will be wearing the same device that Stewart wears. My every meeting, movement, my every word, will be available to all my constituents and to the world.“), hat aber doch einige Geheimnisse wie nächtliche Kayak- Fahrten oder heimliche sexuelle Begegnungen auf der Damentoilette. Aber sonst folgt sie der Devise des neuen Zeitalters, das da lautet „ALL THAT HAPPENS MUST BE KNOWN.“, und wird mit ihrer Dauerberichterstattung vom Campus zum medialen Aushängeschild des Konzerns, der sich nach und nach zur Staatsmacht entwickelt. Denn durch die eindeutige Identifikation entwickelt sich eine Möglichkeit der Neuorganisation der politischen Wahlen - ja, sogar eine Wahlpflicht. Missliebige Kritiker werden durch inszenierte Skandale aus dem Verkehr gezogen. Nach und nach knickt das gesamte politische System vor dem schönen neuen Totalitarismus ein. Die totale Transparenz wird zur humanitären Pflicht: "If you care about your fellow human beings, you share what you know with them.“ Die letzten vereinzelten Kritiker, die in dem so entstandenen Überwachungssystem etwas sehen wie "the world’s first tyrannical monopoly“, werden gejagt oder auf dem Campus isoliert- darunter auch der Gründer Ty selbst. Die schöne neue Welt bewegt sich Richtung totaler Gemeinschaft und Einheit ("a world moving toward communion and unity“)- wer könnte sich gegen diese Segnungen noch wehren? Notfalls wird er als Soziopath von Drohnen selbst in der Wildnis gejagt. Das vergebliche Aufbegehren Typ - auch gegen die Hardlinerin Mae - fasst er, vor seinem endgültigen Verschwinden in die Worte "But I didn’t picture a world where Circle membership was mandatory, where all government and all life was channeled through one Network.

„The Circle“ ist natürlich Science Fiction- aber nicht sehr. Die Sorgen, die sowohl durch die heute existierenden sozialen Netzwerke, aber auch durch die Nachrichtendienst- Affäre des NSA virulent sind, werden in diesem Roman aufgegriffen und gekonnt fortgesponnen- in systematisch ausgebreiteten Was-wäre-wenn- Szenarien. Der Punkt, an dem das Netz totalitär wird, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern aus den bestehenden Potenzialen heraus weiter entwickelt. Wie wollen wir in Zukunft Humanismus als vernetzte Weltgemeinschaft definieren? „The Circle“ zeigt den Irrweg und wird damit zu George Orwells „1984“ für das 21. Jahrhundert.


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Grafik Michael Eggert
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