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Michael Eggert: Die "Tröstung"

Worin nun die Tröstung eigentlich besteht, hatte ich mich gefragt, es ist doch nichts Sentimentales gemeint. Es war merkwürdig, sogleich zu bemerken, dass die Tröstung im Verstehen selbst besteht. Es sind keine vereinzelten Informationshäppchen, mit denen man umgeht, sondern die unmittelbare, direkte Erfahrung der Kraft des Verstehens, des verständigen Wollens, ein Verstehen, das sich selbst in reinem, strömenden Schaffen erkennt.

Die Tröstung besteht in der Erkenntnis, dass dieses Verstehen universell ist- nichts Geschaffenes ist ohne dieses Verstehen entstanden. Alles Geschaffene ist daher zu verstehen. Die gebildeten Formen und Körper sind wie Borken aus dem Verstehen heraus gewachsen. Beim Formwerden endet das aktive Verstehen, auch wenn die Gestalt ein Ausdruck des aktiven Geistes ist.

Ähnlich bilden sich Gedanken wie Krusten des schaffenden Geistes, kristalline Spuren auf einem nicht abzuschätzenden Strom.

Die Tröstung besteht in der Erkenntnis, dass das Verstehen keinen Lehrplan hat, keine lineare Entwicklung kennt. Im Mutterreich des Parakleten ist das Verstehen bodenlos. Es eröffnen sich aus einer winzigen Frage Weiten des Blickes. Die Perspektive hängt nur davon ab, was wir aushalten. Es ist nämlich auch bewegend, ja manchmal ergreifend. Wie wenn man als kleiner Junge zum ersten Mal vor dem Kölner Dom gestanden hat, oder gar vor dem Altar, und dann den Blick hob. Es ist eine Frage der Perspektive, nicht die eines Lehrplans. Der Trost besteht darin, zu wissen, dass wir hier zu Hause sind.

Die hier gemeinte Tröstung ist eine Antwort auf Buddhas Leiden. Auch dieser Begriff ist viel zu groß, um auch nur eine Spur von Sentimentalität aufzuweisen. Gemeint ist die Erfahrung des sartreschen "Geworfenheit ins Sein", wobei auch die Tatsache dieses Geworfenseins nur von dem bemerkt werden kann, der sich daraus zumindest so weit befreit hat, um das konstatieren zu können. Aus der Perspektive des Geistes ist das Leben so lange Leid, solange sich der Geist in ihm vergessen hat. Das Gewahrwerden ist der Beginn der Tröstung, und der Beginn zur Überwindung des existentiellen Leidens, das nur in der Selbstvergessenheit besteht.
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