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Vernünftige Unvernunft

Der Schritt vom Konstruktivismus zur spirituellen Fragestellung ist nicht so weit, wie er manchmal dargestellt wird. Zunächst wird im Radikalen Konstruktivismus von einer "Kritik des naiven Realismus" ausgegangen: "Er setzt jenem einen Relativismus entgegen, der Objektivität zur Unmöglichkeit erklärt. Vor allem subjektive Beobachterpositionen erscheinen ihm wesentlich." (Quelle Wikipedia).

Der Begriff des Konstrukts kann aber auch auf die Identität des Aussagenden selbst erweitert werden. Das an der eigenen Person zu Beobachtende, selbst die Erinnerungen, Gefühle, Impulse sind keine objektiven Tatsachen; der Schritt zur spirituellen Positionierung gelingt mit der Frage an den Zeugen- an diejenige Instanz, die in der Lage ist, die Relativität und den Kontext des personalen Konstrukts, das wir „Ich“ nennen, zu erkennen. Es ist eine Instanz, die offensichtlich die gegebenen Subjekt- Objekt- Bezüge übersteigt, da sie sonst nicht das eigene Subjekt mit seinen Objektbezügen zum Objekt machen könnte.

Bei Fragestellungen dieser Art bewegen wir uns schon weit im Feld der Paradoxien. Paul Watzlawick, der verstorbene konstruktivistische Philosoph und Therapeut, sprach von einem Gefängnis, von einer Illusion der Alternativen, solange "die Lösung nämlich innerhalb der Dichotomie von z und nicht-z gesucht wird" (1): "Was nämlich sein Dilemma verewigt und es ihm unmöglich macht, die der Vernunft scheinbar widersprechende Lösung zweiter Ordnung zu sehen, ist eben gerade die blinde Annahme, dass man zwischen z und nicht-z zu wählen habe und dass kein anderer Weg aus dem Dilemma führe." (1)

Lösungen zweiter Ordnung entziehen sich dem, was aus dem Kontext der Person und ihrer sozialen Bezüge heraus als "vernünftig" gelten könnte. Watzlawick war ja ein Meister darin, Situationen auch aus dem Alltagsleben zu finden, die nur durch eine paradoxe Reaktion aus dem Teufelskreis ihrer Selbstbezüglichkeit, ihrer Zirkularität (2) in Reaktion und Gegenreaktion, zu lösen sind. Er setzte das auch als therapeutische Methode ein. Den inneren Bezug solchen Handelns sah er in Zen und im Taoismus:
"Dies ist ein uraltes, besonders in der Mystik und den ihr verwandten Geistesströmungen in verschiedenster Form immer wiederkehrendes Motiv. Im Taoismus klingt es im Begriff des wu-wei, der "absichtlichen Absichtslosigkeit" an"; oder ab in einem "Zen koan, dessen Zweck es ist, das menschliche Erleben der Wirklichkeit aus dem Käfig des Denkens in Gegensatzpaaren heraus zu jenem Quantensprung auf die nächsthöhere logische Stufe, dem satori, zu verhelfen. Zum Ausdruck des Verschwindens der Gegensatzpaare stehen unserer Sprache nur paradoxe Formulierungen offen." (1)

Watzlawick bringt ein Beispiel aus dem Zen: "Als Graf Dürckheim im Gespräch mit Altmeister Suzuki diesen "mit Bezug auf das vom Menschen immer wieder gesuchte und ihn doch ja stetig um- und durchflutende Sein fragte, ob es etwa so sei, wie der Fisch, der nach dem Wasser sucht, antwortete er mit leisem Lächeln: "Es ist noch mehr. Es ist so, wie wenn das Wasser nach dem Wasser sucht.""

Der meditative Schulungsweg verschärft die Positionierung auch in Bezug aus existentielle Fragestellungen, da in der Suchbewegung nach einem Selbst ein dualistisches Ich- Konzept nicht mehr funktionieren kann. Das bringt den Suchenden ganz ohne Zweifel an einen existentiellen Nullpunkt, an einen Punkt, an dem man vor dem Nichts steht. Dazu Kühlewind: "Jede Erhöhung der Erfahrungsebene stellt die Seele vor ein Nichts oder einen Abgrund, weil sie im nächst höheren Gebiet zunächst nicht strukturieren, das heißt unterscheiden kann." (3) Das ist das Grundproblem, an dem die meditative Bemühung ohne Zweifel häufig scheitern muss: Hier werden auch die Axiome unseres Selbstkonzepts in Frage gestellt. Wir müssen lernen, uns in der Paradoxie einzurichten.

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1) Watzlawick, Weakland, Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels, Bern 1974, S. 113f
2) „In der Kybernetik bezeichnet man das Resultat von Rückkopplungsprozessen mit dem Begriff der Zirkularität.[1] Zirkularität beschreibt das zentrale Prinzip kybernetischen Denkens[2] oder kybernetischer Prozesse.[3]
Darin wird ein Verhalten einer systemischen Einheit beschrieben, indem die Wirkungen des eigenen Verhaltens (Outputs) rückgekoppelt werden, um das zukünftige Verhalten des Systems direkt und unmittelbar beeinflussen zu können. Zirkularität bildet hier die Grundlage für selbstorganisierende Systeme.“ Wir beziehen diesen Begriff aus der Kybernetik auf soziale Rückkopplungsprozesse, aus denen wir uns als Person konstituieren.
3) Georg Kühlewind, Meditationen über Zen-Buddhismus, Thomas von Aquin und Anthroposophie, Stuttgart 1999, S. 71
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