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Michael Eggert: Intime Verhältnisse

Ein warmer Tag, ein langes Wochenende, es ist Oktober, aber die Leute können noch einmal Sommer spielen. Getränkemärkte explodieren, Grillfleisch ist ausverkauft, vor dem Supermarkt ist ein Wimmelbild entstanden. Anarchie auf den Parkplätzen, winzig erscheinende Menschen in ihren monströsen Limousinen und Vans versuchen zu rangieren, aber sehr alt erscheinende Menschen in ihren top gestylten Mini Coopers sind schneller und wendiger. Komm, sagt einer, wir gehen zum Aldi. Es ist weniger ein Geschäft oder Markt, es ist eine Institution, ja es ist fast personalisiert. Man geht zum Aldi wie zu Karin oder Peter. Beim Aldi sagt man zum Abschied nicht Auf Wiedersehen, sondern Schönen Tag noch- das ist zur Grußformel mutiert. Man pflegt mit seiner Kassiererin eine Art intimen Verhältnisses. Das hat keine sexuelle Konnotation, wie man denken könnte, sondern eher ein mütterliches, selbst wenn die Kassiererin viel jünger sein sollte als man selbst; schließlich bezieht man hier die Rohstoffe, die man zum Lebenserhalt braucht. Einige kleine Kinder haben einen Einkaufswagen gekapert, eines hat sich hinein gesetzt, die anderen schieben ihn johlend durch die Gänge. Hier schreitet die Kassiererin, die gerade Regale einräumt, ein, denn die Ordnung muss gewahrt bleiben. Wieder einmal sind Eltern nicht auszumachen, ducken sich womöglich hinter die Palette mit den Bierflaschen oder hinter die Laubstaubsauger. Die institutionalisierten Eltern, die sich ständig weg ducken und nicht zu entdecken sind, sind ein sehr häufiger Anblick. Ich habe nichts gegen Multikulti, sagt einer zu seiner Frau, aber es sollten halt nicht so viele Ausländer dabei sein. Er wirkt sehr ernsthaft und hat einen leicht polnischen Akzent. Die Kleiderordnung ist an diesem Tag doch stark auseinander gegangen, es ist ein warmer Tag im Oktober, die einen haben noch einmal knappe Tops und Shorts heraus geholt, um einen letzten Blick auf ihre in Mallorca gebräunten Schenkel zu erlauben, die anderen gehen streng nach Jahreszeit und tragen Herbstkleidung in gedeckten Farben, schwitzend. Gleich, zuhause, wird der Grill aus der Garage geholt, es gibt noch einmal Rose und leichtes Bier, die Schlange wird sich auflösen, der Parkplatz entwirren, und die riesigen PKWs werden von sich automatisch senkenden Garagentoren verschluckt.
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