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Die verloren gegangene Perspektive

Natürlich tun wir es alle. Wir geben etwas mündlich weiter, was uns hintertragen wurde, wir formulieren etwas strategisch, wir lassen - scheinbar aus Höflichkeit oder Konvention - etwas aus, was man vielleicht hätte sagen müssen, wir sind uns nicht einmal klar, welche Interessen in einem bestimmten Augenblick gerade aus uns sprechen. Die vielen kleinen und großen Ungenauigkeiten, die wir nur auf der Goldwaage als verlogen bezeichnen würden, durchziehen unseren Alltag. Es kommt einem so über- moralisierend vor, wenn Rudolf Steiner vor jedem ungeprüften Wort warnt, wenn er unsere Lässlichkeiten quasi dämonisiert oder gar davon spricht, dass diese Lebenslügen, einmal gesät, buchstäblich Sturm ernten werden:
Unsere Seelenerlebnisse sind noch mehr, als wir gewöhnlich von ihnen denken. Da steht zum Beispiel ein Mensch vor uns, in seiner Seele leben Irrtum und Lüge, er steht vielleicht ganz unschuldig vor uns. Aber in dem Augenblick, wo der astralische Blick sich auf ihn richtet, toben Stürme, die sonst nur in den furchtbarsten Entladungen der Elemente der Erde im Bilde sich darstellen." (GA 125, S. 149)

Aber etwas deutlicher werden diese "Stürme", wenn wir mit einem Menschen sprechen, der - z.B.- etwas "entrückt" wirkt durch ein großes Maß von aktueller Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen, der gerade und deutlich formuliert, dass jede kleine Ungenauigkeit wie eine schmerzende Faust im Sonnengeflecht zu spüren ist. Oder wenn wir tatsächlich an der Schwelle stehend auf unser Leben schauen, und die kleinen und großen Lügen, Irrtümer, Verletzungen und Unterlassungen schmerzhaft peinlich heraus ragen- ohne je vergessen werden zu können, ohne je vergessen worden zu sein. Diese Punkte unseres Lebensfilms schimmern wie eiternde Wunden, unübersehbar. Aber es wird noch schlimmer.

Die Summe unserer Lässlichkeiten und Einseitigkeiten bestimmt die Wirklichkeit, so wie wir sie wahrnehmen und dann auch so, wie sie auf uns zurück wirkt: „Es hängt vom menschlichen Inneren ab, wie der Mensch die Außenwelt an sich herantreten lässt. Und gerade so, wie Sie mit einem Auge, in welchem etwas zerstört ist, wegen des inneren Fehlers die Außenwelt nicht richtig sehen, so bekommt der Mensch die Außenwelt durch den luziferischen Einfluss überhaupt nicht so zu sehen, wie sie ist." (GA 120, S.136)
Es gibt, darf man daraus schließen, ein gewisses Organ für bodenständige Wirklichkeitsauffassung, so wie es Organe gibt für soziale Verantwortung und die Bedürfnisse Anderer. Diese Organe sind allesamt korrumpierbar, zumindest auf lange Sicht. Im Alter, wenn die Systeme nicht mehr regelmäßig arbeiten, zeigt sich, wie wir in der Welt stehen, ebenso - auch eine Art, an die Schwelle zu gehen- in der meditativen Arbeit. Wer sich um eines kurzfristigen Vorteils willen hat korrumpieren lassen, verliert die Vorzüge einer tief gehenden, realitätsnahen Orientierung. Stattdessen kommen Einzelbedürfnisse hoch, rechthaberisch verteidigte Standpunkte, moralisierende Einengungen, Beklemmungen und Schuldzuweisungen. Der starrsinnige Geizhals hat keinerlei Sinn für seine innere Entstellung. Er hat den Verlust des Sinnes nicht einmal bemerkt. Aber wenn der Horizont enger wird, fokussiert sich der Mensch mehr und mehr auf irrelevante Details, an die er sich gewissermaßen verliert. Das menschliche Maß geht ihm verloren. Diese Hände werden niemals segnen, diesen Rat wird niemand einholen, und Partner werden an dieser Seite ein schweres Leben haben.

Aber diese Reduktion des lebendigen Geistes auf ein immer bizarrer erscheinendes, enges, Dickenssches inneres und äußeres Leben, dem die Weiten und Großzügigkeit, aber auch das Verständnis für den Anderen fehlen, wird noch einmal gesteigert, wenn doch- auf welche Weise auch immer- ein Zugang zur geistigen Welt gefunden wird: „Wenn des Menschen Wünsche, wenn des Menschen Leidenschaften schlimme Wege gehen und er sich gleichzeitig irgendwie an okkulte Kräfte hingibt, dann drängen sich die okkulten Kräfte, die dadurch herauskommen, in den Ätherleib hinein, und es erscheinen unter den Trugbildern, die manchmal ganz ehrwürdige Gestalten sein können, die verderblichsten, die schlimmsten Mächte.“ (GA 107, S.174). Es ist darunter nur eine weitere Eskalation des inneren Sturms zu verstehen, den die verloren innere gegangene Perspektive mit sich bringt.
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