Der anthroposophische Salon

Waldos anthroposophischer Lese- und Arbeitskreis war eigentlich eine Galerie. Es hingen eine Menge Bilder an den Wänden, aber es gab auch eine Reihe von Bildhauerarbeiten. Waldo war besonders stolz auf einen grossen verglasten Holzschrank, denn dieser war seine Eintrittsarbeit für den Kunstprofessor Beuys gewesen. Beuys verlangte von seinen engeren Schülern eine handwerkliche Arbeit, bevor sie irgend etwas anderes begannen. Waldo lebte aber nicht wirklich von der Kunst, sondern von der Rahmung von Bildern betuchter Kunden in dieser guten Gegend direkt am Rhein.

Waldo war ein Holländer im künstlerischen Exil, ein gross gewachsener Mann, der mit diesem charmanten Akzent mit allen und jedem redete, immer an einem Projekt dran war und allerlei bewegte. Ich habe immer diese Männer bewundert, die so leicht und direkt mit jedem umgehen können, dass man schon nach wenigen Minuten meinte, mit ihm werweisswie vertraut zu sein. Wir waren in einem Hinterhof an der Stadtgrenze, wo es allmählich ins Bergische Land übergeht Nachbarn. Hier wohnten viele Künstler, aber auch junge Leute und Ältere, die ein gewisses Problem hatten, denn die Psychiatrie war nicht fern. Auf unserem Flur in diesem uralten Haus z.B. lebte eine Dame, die nachts mit einer Kerze, mit Nachthemd und schlohweissen Haaren durch die Gänge schlich. Ihr stiller Ehemann, der auch schon weit über 70 war, fing sie immer wieder ein, bevor sie etwas anstellte, wirre Reden hielt oder gar davon lief. Waldo lebte mit seiner Waldorffamilie in einer riesigen Wohnung unten im Hof- ein offenes Haus, Kinder, Kunst und immer Gäste. Sehr viel später wuchsen ihm die Probleme mit Familie und Freundinnen über den Kopf und er floh nach Amsterdam, um ganz neu anzufangen. Er hinterließ, vermute ich, eine ganze Reihe trauernder Frauen in dieser Stadt. Wenn man ihn kannte, wenn man sah, wie er leichthändig und freundlich, aber auch mit sicherer Hand eine Art Lebensstil um sich verbreitete, konnte man die Frauen verstehen.

Dienstags trafen wir uns im Laden, um "Die Geheimwissenschaft im Umriss" zu lesen: Beuysschüler, Anthroposophinnen, angehende Jungpolitiker bei den Grünen und Niemande wie ich. Es artete regelmäßig in regelrechte Streitgespräche aus, aber wenn es zu arg wurde, gab Waldo heiter eine neue Runde Tee aus, man schluckte, man lachte, man beruhigte sich. Niemand hier gehörte zu den etablierten Kreisen, aber man biss sich gern an diesen Steinertexten die Zähne aus. Selbst wenn der Text verrückt erschien, war er doch anregend und vermittelte etwas wie eine andere Sicht auf die Welt, die den Geist reinigen konnte, weil er die Perspektiven verschob.
Einer, der sich besonders aufregte und die ganze Zeit über Steiners Unsinn schimpfte ("ein Leib ist ein Leib, zu allen Zeiten und in allen Umständen"), verschwand für eine ganze Weile. Er hatte im Haus seiner Eltern in deren Abwesenheit die Decke durchbrochen und durch das Loch einen Felsen befestigt, der nun, vom Dachfirst baumelnd, im Wohnzimmer schwebte. Seine Eltern hatten für solche Aktionen wenig Verständnis und benachrichtigten den Notarzt.
Aber ansonsten pflegten wir unseren wöchentlichen Salon mit Tee, durchforsteten etwa zwei Jahre lang Steiners Werke. Zwischendurch besprachen wir Politisches und begutachteten neue Arbeiten der anwesenden Künstler. Die Belegschaft wechselte, aber der unverwechselbare Stil von Waldo blieb, diese Mischung von Offenheit, Neugier und wachsamer, freundlicher Präsenz, die Räume eröffnete.

Als er ging, zerstoben die Leute mit ihm. Wahrscheinlich war es für mich eine Zeit, in der ich bei ihm in die Lehre ging. Das Raum- Schaffen ist eine Kunst, die man eben nicht an jeder Ecke lernen kann.
blog comments powered by Disqus





Kommentare

Powered by Disqus


Blogs

Waldorfblog
Uribistan Daily
Michel Gastkemper
Zooey
Canaillo


Informationsportale

Institut für anthroposophische Meditation
Steiner Gesamtwerk Datenbank
Jörgen Smit
Anthromedia
Georg Kühlewind
Alanus Hochschule Alfter
Themen der Zeit
Nachlass Rudolf Steiners
Zeitschrift Die Drei
Info3
Online Archiv Rudolf Steiner


Historiker

Klaus Popa
Peter Hammerschmidt