Die unwiderstehliche Sehnsucht. Über D.N. Dunlop

dunlop
Es ist ein großer Verdienst Thomas Meyers, die Quellen zu D.N. Dunlop* offen gelassen zu haben, der einst als Generalsekretär der englischen Anthroposophischen Gesellschaft vorgesehen war, aber im internen Krieg in den 30er Jahren von einem Dornacher Vorstand, der auf jeden einschlug, der sich mit Ita Wegman verstand, aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden war. Dabei war Dunlop ein international agierender, selbstbewusster Organisator, ein Repräsentant der Energiewirtschaft mit intimen theosophischen Wurzeln, ein von Kindesbeinen an geistig Erwachter, der von Rudolf Steiner überaus geschätzt worden war. Als Reprint ist auch sein Schulungsbuch „Path of Attainment“ erhältlich- bezeichnender Weise nicht in deutscher Sprache. Eleanor Merry Erinnerungen an Dunlop** sind gerade wieder aufgelegt worden.

Dunlops frühe Initiation geht - so berichtet Meyer - auf dessen Kindertage im Jahre 1882 zurück. Er lebte seit Jahren, nach dem Tod der Mutter, bei seinem Großvater auf Arran, einer isolierten kleinen schottischen Insel- dem Wirkensumkreis der Mönche um Columban in 6. Jahrhundert, auf der sich auch vorchristliche Steinkreise befinden. Die Isolation war vollkommen, die einzige Literatur für Dunlop bestand in der Bibel. Im genannten Jahr wachte Dunlop morgens in der Blutlache seines in der Nacht verstorbenen Großvaters auf. Das Kind erlebte im Schockzustand Imaginationen vom Großvater und sich selbst aus ägyptischer und griechischer Zeit - auch Tempelszenen: „Dann sah er sich als griechischen Jüngling, der in einem weißen Gewand mit einem goldenen Gürtel an eine Tempelsäule gelehnt stand. Er betrachtete eine Prozession, die eben den Tempel betrat. Er war in einem der heiligen Haine, die dem Kult der orphischen Mysterien geweiht waren, und er fühlte einen großen Schmerz, denn die Frau, die er liebte, wurde ihm genommen: sie sollte im Tempel eingeweiht werden. Er fühlte sich vollkommen verlassen.“ (Meyer. S. 31)

Erst als Erwachsener konnte Dunlop diese Imaginationen als Reinkarnations- Bilder verstehen. Wenige Jahre später machte Dunlop die Bekanntschaft mit Theosophen wie dem berühmten W.B. Yeats und G.W. Russell- Literaten, Maler und spätere Politiker; eine feste Clique, die sich mit Blavatsky beschäftigte und in Dublin zur theosophischen Szene gehörte. Yeats driftete ab 1890 in die obskuren „rosenkreuzerischen“ Logen wie den „Golden Dawn“ ab und betrieb zeremonielle Magie, während Dunlop, immer bodenständig, seine Spiritualität in ein konkretes Handeln einfliessen ließ- er war immer ein Mann der Tat. Sein dennoch überragendes und reales praktiziertes Arbeiten floss gelegentlich in Aufsätze ein wie den 1897 erschienenen „Abwege der okkulten Entwicklung“. Vor jeder Begegnung mit Rudolf Steiner zeigt sich Dunlop darin als westlicher Eingeweihter: „Die rechte Methode ist jedoch, das Denken zu regeln; dann werden sich die Lebensströme von selbst regeln. Es gibt einen kleinen Lebensgott in unserem Leibe, der viel besser weiß als wir selbst, wie die Ströme zu regulieren sind. Man überlasse die Atemregelung ihm und kümmere sich um sein Denken.“ Dunlop hat später die Gesamtheit aller Chakren im inneren Geistleib in Zusammenhang erlebt mit den Tierkreiszeichen. Aus autobiografischen Skizzen wissen wir, dass in dieser Zeit in ihm der Wunsch erwachte - eine „unwiderstehliche Sehnsucht“ (..), „einem physisch verkörperten Eingeweihten, einem Wissenden auf dem Felde spiritueller Erkenntnis zu begegnen, um mich dann auf meine Weise in den Dienst der Verbreitung dieser Erkenntnis zu stellen.“ (Meyer, S. 73) Dieser Eingeweihte wurde für ihn Rudolf Steiner.

Dunlop arbeitete ab 1899 für den Konzern Westinghouse und lebte zeitweise in den USA, aber meist in London. Ab 1911 begann er sich innerlich und publizistisch von der Theosophie zu distanzieren, die sich mit Annie Besant auf „gefährliche Neuerung“ eingelassen hatte, die „Berührung mit dem lebendigen Christus“ und „klares Unterscheidungsvermögen“ eingebüsst hatte (Meyer, S. 98). Dunlop dagegen suchte danach, einen inneren Altar aufzubauen, um „Glieder jener mystischen Kirche zu werden, welche den Christusleib in dieser Welt bildet“ (Meyer, S. 111). Dies sowie Dunlops eigenes Credo „skill in action“ führten ihn wie von selbst zu Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ mit ihrem Schwerpunkt auf „moralischer Phantasie und Technik“. Aber Dunlop kam eben in völliger geistiger Unabhängigkeit zu Steiner und zur Anthroposophie- als jemand, der seit je her die „Ur- Energie“ in sich selbst bearbeitet hatte, „welche die Hauptquelle ist von allem, was er ist, war und je sein wird“ (Meyer, S. 131) Dunlops Thema war die „bewusste Unsterblichkeit“. Ab 1918 studierte Dunlop Anthroposophie systematisch in einer Arbeitsgruppe- bis dahin hatte er sich Steiner vorsichtig angenähert. 1920 bewarb er sich um Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft. Die Begegnung mit Steiner erfolgte 1922- ein Händedruck, der „viele Minuten dauerte“- ein gegenseitiges Erkennen. Gegenüber E.C. Merry hat Rudolf Steiner ein Jahr später über Dunlop geäußert, dieser „sei mit allen antiken Mysterien verbunden gewesen.“ (Meyer, S. 177) Der Rat an Merry war: „Knüpfen Sie die Bande mit ihm, so fest Sie nur können“. Damit begann Dunlops energische, weitreichende Tätigkeit innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft- aber nach Rudolf Steiners Tod wurden seine kompromisslose Energie und seine innere Selbständigkeit gegenüber Dornach auch immer mehr zum Problem. 1934 wurde jede nicht von Dornach kontrollierte Bewegung zum Ausschlussgrund eines um Zentralisierung und reine Macht bemühten Vorstands.
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Thomas Meyer, D.N. Dunlop. Ein Zeit- und Lebensbild
Eleanor Merry, Erinnerungen an Rudolf Steiner und D. N. Dunlop
D. N. Dunlop Institut für anthroposophische Erwachsenenbildung Sozialforschung
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Die Welt ist der Makroanthropos. Über den Denkweg Friedrich von Hardenbergs

novalis3Über den so schönen, zarten und im besten Sinn kultivierten Friedrich von Hardenberg, der, vermutlich wegen Mukoviszidose, viel zu früh verstorben ist, hat sich auch Rudolf Steiner verschiedentlich geäußert. Dies weniger in Bezug auf den klassischen Frühromantiker, sondern geradezu im Gegenteil auf den mathematischen Denker Novalis: „Der gegenwärtige Mensch nimmt durch innere Erleuchtung ja nichts anderes wahr als Mathematisch-Mechanisches. Und nur auserlesene Geister, wie etwa Novalis, schwingen sich dazu auf, das Gedichthafte, das tief Phantasievolle von so etwas zu empfinden und auch dichterisch darzustellen, wie es eben das mathematisch-mechanische Innere ist, das Novalis in so schöner Weise, harmonisch geradezu, besungen hat.“ (GA 202.252f) An anderer Stelle deutet Rudolf Steiner an, dass dieses „Fühlen der mathematischen Harmonien“ eine besondere Erkenntnismethodik war, die Friedrich von Hardenberg das Wirken der gestaltbildenden Kräfte der Welt erfahren ließ: „Da mischt sich in das mathematische Erleben, das sonst rein intellektualistisch ist, bildlich gesprochen bloß unseren Kopf interessiert, da mischt sich etwas hinein, was nun den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und was im Grunde genommen bei solch jugendlich gebliebenen Geistern wie Novalis nichts anderes ist als ein Fühlen der Tatsache: Was du da als mathematische Harmonien erschaust, womit du die Phänomene des Weltenalls durchwebst, das ist ja im Grunde genommen nichts anderes, als was dich gewoben hat während der ersten Zeit deiner kindlichen Entwickelung hier auf der Erde.“ (GA 322, 42).

Dass Novalis tatsächlich intensiv mit den Fragen der Erkenntnis beschäftigt war, kann man in seinen „Fragmenten und Studien“ (hier IX, Das allgemeine Bouillon,1798/99) entdecken. Das Verhältnis von Seele zu Körper, von Geist und Mensch zur Welt interessierte ihn immer wieder. Seine Quintessenz ist vielleicht „Die Welt ist der Makroanthropos. Es ist ein Weltgeist, wie es eine Weltseele gibt.“ Im Menschen erkennt er Seele im Verhältnis zum Geist: „Der Geist wird durch die Seele gebildet - denn die Seele ist nichts als gebundener, gehemmter, konsonierter (d.h. mitschwingender, ME) Geist.“ Auch das Verhältnis zwischen Schlafen und Wachen interessierte ihn: „Der Schlaf muss die Folgen der übermäßigen Reizung der Sinne für den übrigen Körper wieder gut machen. (..) Einst wird der Mensch beständig zugleich schlafen und wachen. Der grösseste Teil unsers Körpers, unserer Menschheit selbst schlägt noch tiefen Schlummer.

Er konnte solche Aussagen machen, weil ihm die „Geisterwelt“ beständig offen stand: „Die Geisterwelt ist uns in der Tat schon aufgeschlossen - Sie ist immer offenbar.“ Das Weghafte der Erkenntnis formuliert er als ein ununterbrochenes, fortschreitendes Begreifen des Menschen: „Was sich nicht begreifen lässt, ist im unvollkommnen Zustande (Natur) - es soll allmählich begreiflich gemacht werden.“ Dazu ist es nötig, sich geistig unabhängig zu machen, durch ein von sich selbst absehendes (heute sagt man: sinnlichkeitsfreies) Denken, indem die Gedanken zum „selbständigen, sich von euch absondernden - und nun von euch fremd (..)“ erscheinenden Prozess werden.

Grundlegendes Prinzip für eine solche geistige Arbeit ist die Bildung - die „Affizierung“ des eigenen Denkens durch offene Adaption der Gedanken Anderer: „Man studiert fremde Systeme, um sein eigenes System zu finden. Ein fremdes System ist der Reiz zu einem eignen. Ich werde mir meiner eignen Philosophie, Physik etc. bewusst - indem ich von einer fremden affiziert werde versteht sich, wenn ich selbsttätig genug bin. Meine Philosophie oder Physik kann mit dem fremden übereinstimmen oder nicht.“ Novalis nennt dieses bewegliche Denken auch eine „Ehe der heterogenen Systeme“.

Dieses offene Mitdenken des immer Neuen und Widersprüchlichen, diese jugendliche Lernfreude nennt Novalis auch „absolute Elastizität“ oder „echte Unschuld“. Dies sieht er als eine Kraft an, die „nicht zu überwältigen“ ist.
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Der Tausendblättrige

tausend1Standort: Museumsinsel Hombroich/ Rhein-Kreis-Neuss. Foto: Michael Eggert

Unterhalb des zum Stammhirn gehörenden Sehhügels liegt das Zwischenhirn, das als die höchste Instanz des Lebensnervs gilt. Wärmegleichgewicht, Zell- Stoffwechselprozesse, Pulsschlag etc. werden von ihm reguliert. Wie Ausstülpungen nehmen sich die zum Befehls- Lotos gehörige Hypophyse (nach unten) und die Epiphyse oder Zirbeldrüse (nach oben) aus. Beide stehen in polarem Spannungsverhältnis zueinander. Die Zirbeldrüse gehört zur Region des „1000blättrigen“, der nach seiner Lage im Haupt auch Scheitel- Lotos genannt wird. Die Yogalehre sagt, dass Sahasrara am Ende des mittleren Rückenmarkstromes (Sushumna) liegt. Der Strom war von „Feuernatur“; er ist saturnisch und führt auch zu dessen Zentrum unter dem Scheitel im Hinterhaupt. Im Gegensatz zu den anderen Chakras haben die Blätter, auch wenn Bewusstsein in die Zentren geschickt wird, die Tendenz nach unten. Die Tonsur der Mönche hat wahrscheinlich mit dem äußeren Ansatzpunkt des Zentrums zu tun.“
Werner Bohm, Die Wurzeln der Kraft. Chakras- die Kraft der Lotosblumen, Bern München 1982
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The Circle- die apokalyptische Social- Media- Vision

circleDies ist kein ausgedachter, ideologisierter oder erneuter Weltuntergangs- Plot, sondern ein die heutige Social-Media- Wirklichkeit klug ausspinnender Roman (Dave Eggers, The Circle, Pinguin 2013)- eine Art Essay in gut lesbarer, spannender Entwicklung. Klug auch deshalb, da wir die Provinznudel Mae mitsamt ihrem schlichten Holzfällerhemd- Freund und ihren etwas Eltern auf ihrer Karriere in das neue Medienunternehmen The Circle begleiten. Wir sind als Leser quasi dabei.

Mae hat durch Protektion ihrer ältesten Freundin zu ihrer Freude und Überraschung einen Job in der Kundenbetreuung - einem durch rigide Feedbacks und permanente enge Kontrolle gekennzeichneten Callcenter- des Weltunternehmens in einer fiktiven Stadt in Kalifornien erhalten: „There were over ten thousand employees on this, the main campus, but the Circle had offices all over the globe, and was hiring hundreds of gifted young minds every week.“ Die Kundenbetreuung ist das Standard- Karriere- Sprungbrett für jeden der über 10000 Mitarbeiter in dieser Start-Up-Firma, deren Gründer Ty in fast jeder Hinsicht (auch was das Alter und die Umtriebigkeit betrifft) dem Facebook- CEO Mark Zuckerberg gleicht. Zuckerberg hat Facebook 2004 entwickelt und besitzt heute ein Vermögen von etwas unter 20 Milliarden Dollar. Tys Neuerung besteht darin, dass The Circle einerseits Email, Social Media und Kommerz in einem System integriert hat - andererseits scheint das Unternehmen in seiner Marktmacht, mit der es Facebook, Twitter, Amazon, Google geschluckt hat, extrem engagiert zu sein- es fördert durch seine digitale Präsenz Transparenz in Politik und Gesellschaft und engagiert sich in vielen konkreten kleinen NGOs weltweit- seien es Frauenfragen im Sudan, Kindesmissbrauch oder das Wohlergehen der Wale. Die ständigen Petitionen erhalten durch die wirtschaftliche und kommerzielle globale Präsenz erhebliche Durchschlagskraft, ziehen engagierte junge Leute ins Unternehmen und fördern permanente technologische Innovationen. Die globale Marktmacht der Gutmenschen hat hier ihr Medium gefunden.

Ty selbst, der aufgrund seiner Genialität und seines Outputs von Ideen den Beinamen „Niagara“ erhalten hat, ist innerhalb des ständig wachsenden Campus des Unternehmens unsichtbar geworden: „Watchers of the Circle wondered, Where is Ty and what is he planning? These plans were kept unknown until they were revealed, and with each successive innovation brought forth by the Circle, it became less clear which had originated from Ty himself and which were the products of the increasingly vast group of inventors, the best in the world, who were now in the company fold. Most observers assumed he was still involved, and some insisted that his fingerprints, his knack for solutions global and elegant and infinitely scalable, were on every major Circle innovation. He had founded the company after a year in college, with no particular business acumen or measurable goals. “We used to call him Niagara,” his roommate said in one of the first articles about him. “The ideas just come like that, a million flowing out of his head, every second of every day, never-ending and overwhelming.“"

Eines seiner wichtigsten Innovationen war die Einführung einer eindeutigen Identifikation jedes Users des umfassenden Systems, dem inzwischen nahezu 80% der Bevölkerung angehörten: "Instead, he put all of it, all of every user’s needs and tools, into one pot and invented TruYou—one account, one identity, one password, one payment system, per person. There were no more passwords, no multiple identities.“ Zudem entwickelt sich auf dem Campus eine permanente Unterhaltung- Bands, Politiker, Stars, Parties, Meetings füllen auch das, was man früher einmal „Freizeit“ nannte. Es entsteht auf dem Campus eine „Insel der Gelehrten“, wobei diese Idealisten, Geeks und Technokraten meist jünger als 25 Jahre alt sind. Die vom Virus des Unternehmens infizierte Mae, die ständig, rund um die Uhr mit mindestens 3 Displays kommuniziert, sieht sich immer weniger in der Lage, sich auf ihr zäh erscheinende analoge Gespräche einzulassen: "“But now you’re hyperventilating.” “I guess I’m just so easily bored by this.” “By talking.” “By talking in slow motion.”" Die medizinische Versorgung der Mitarbeiter ist mehr als umfassend- mittels implantierter Chips wird der gesamte körperliche Zustand für den User auf mitgeführten Displays transparent- allerdings auch für die Firma, die diese Daten in ihrer Cloud analysiert. Eine weitere Innovation besteht darin, ähnliche Chips in die Knochen Neugeborener zu implantieren, um sie vor Entführung, Missbrauch und Mord zu schützen. Ein Bruch entsteht aber erst in der Einführung von Mini- Cams, die per Satellit kommunizieren und in allen Krisenregionen der Welt massenhaft platziert werden. Damit können politische, militärische und polizeiliche Übergriffe jederzeit in Echtzeit dokumentiert werden. Um Korruption und Lobbyismus zu verhindern, erlauben erst einzelne und dann immer mehr Politiker, mittels einer Mini- Cam selbst permanent präsent zu sein- wer nicht mitzieht, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, er hätte etwas zu verbergen.

Auch Mae selbst geht zwar auf diese totale Art online („And along the way, I intend to show how democracy can and should be: entirely open, entirely transparent. Starting today, I will be wearing the same device that Stewart wears. My every meeting, movement, my every word, will be available to all my constituents and to the world.“), hat aber doch einige Geheimnisse wie nächtliche Kayak- Fahrten oder heimliche sexuelle Begegnungen auf der Damentoilette. Aber sonst folgt sie der Devise des neuen Zeitalters, das da lautet „ALL THAT HAPPENS MUST BE KNOWN.“, und wird mit ihrer Dauerberichterstattung vom Campus zum medialen Aushängeschild des Konzerns, der sich nach und nach zur Staatsmacht entwickelt. Denn durch die eindeutige Identifikation entwickelt sich eine Möglichkeit der Neuorganisation der politischen Wahlen - ja, sogar eine Wahlpflicht. Missliebige Kritiker werden durch inszenierte Skandale aus dem Verkehr gezogen. Nach und nach knickt das gesamte politische System vor dem schönen neuen Totalitarismus ein. Die totale Transparenz wird zur humanitären Pflicht: "If you care about your fellow human beings, you share what you know with them.“ Die letzten vereinzelten Kritiker, die in dem so entstandenen Überwachungssystem etwas sehen wie "the world’s first tyrannical monopoly“, werden gejagt oder auf dem Campus isoliert- darunter auch der Gründer Ty selbst. Die schöne neue Welt bewegt sich Richtung totaler Gemeinschaft und Einheit ("a world moving toward communion and unity“)- wer könnte sich gegen diese Segnungen noch wehren? Notfalls wird er als Soziopath von Drohnen selbst in der Wildnis gejagt. Das vergebliche Aufbegehren Typ - auch gegen die Hardlinerin Mae - fasst er, vor seinem endgültigen Verschwinden in die Worte "But I didn’t picture a world where Circle membership was mandatory, where all government and all life was channeled through one Network.

„The Circle“ ist natürlich Science Fiction- aber nicht sehr. Die Sorgen, die sowohl durch die heute existierenden sozialen Netzwerke, aber auch durch die Nachrichtendienst- Affäre des NSA virulent sind, werden in diesem Roman aufgegriffen und gekonnt fortgesponnen- in systematisch ausgebreiteten Was-wäre-wenn- Szenarien. Der Punkt, an dem das Netz totalitär wird, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern aus den bestehenden Potenzialen heraus weiter entwickelt. Wie wollen wir in Zukunft Humanismus als vernetzte Weltgemeinschaft definieren? „The Circle“ zeigt den Irrweg und wird damit zu George Orwells „1984“ für das 21. Jahrhundert.


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Grafik Michael Eggert
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Rudolf Steiners letzte Inkarnation

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Rudolf Steiner hat sich zwar selbst nicht expressis verbis zu eigenen früheren Inkarnationen geäußert, aber doch Wilhelm Raths Untersuchung* über das Verhältnis von Steiner und Thomas von Aquin kurz vor seinem Tod gelesen und mit den etwas galligen Worten gelobt „Wenn mehr solches in unserer Gesellschaft geschrieben würde, brauchte ich nicht krank zu sein.“* Die Bemerkung war zuerst gegenüber Ita Wegman gefallen und ist Rath dann sofort hinterbracht worden. Dass Rudolf Steiner damit auch zum Ausdruck brachte, dass er das anthroposophische Gesellschaftsexperiment als krank machend - und damit als nicht tragfähig - erachtete, kommt mit dieser Bemerkung ebenso zum Ausdruck wie der von Rath nahe gelegte karmische Zusammenhang zwischen Thomas von Aquin und Steiner.

Rath hatte alle Bemerkungen Rudolf Steiners - vor allem in Rahmen von dessen karmischen Betrachtungen - gesammelt und im Kontext untersucht. Steiner hatte z.B. intensiv über die scholastischen Denker in der Auseinandersetzung mit Averroes - den Vertreter eines „arabischen“ Aristotelismus gesprochen - intensiv auch im Ausdruck: „Ja, so konnte man sitzen in der damaligen Zeit und die Lehre von der individuellen Unsterblichkeit mit allen scharf einschneidenden Gedanken verteidigen, polemisch werden gegen Averroes (..) Da saß man und versuchte, den Individualismus zu begründen..“ Averroes hatte fünfzig Jahre vor von Aquin die Lehre von der universellen, einen Intelligenz für alle Menschen formuliert - eine Intelligenz, in die der Mensch nach dem Tod aufging, und die somit keinen persönlichen Charakter hatte. Die sehr lebendige Auseinandersetzung des 13. Jahrhunderts wurde von Rudolf Steiner wieder aufgenommen- so dass man insbesondere in der ausformulierten Reinkarnationslehre eine Fortsetzung des Thomismus sehen kann. Dass Steiner so viel über diese Zeit - über das Wirken der Zisterzienser und Dominikaner im Besonderen - berichtet hat, führt er auf eine Begegnung mit einem Zisterzienser- Ordenspriester zurück - Pater Wilhelm Neumann, Professor an der Theologischen Fakultät der Wiener Universität, mit dem er sich in den 1880er Jahren traf, und der Steiner ins Gesicht gesagt habe: Die Keime zu diesem Vortrage, den Sie heute uns gehalten haben, die liegen schon bei Thomas von Aquino!“ (Rath, S. 35) Diese Bemerkung muss Steiner so tief berührt haben, dass er 40 Jahre später berichtete, er hätte (ohne den Namen Neumanns zu erwähnen) damals etwas gesagt bekommen, „in dem gelegen war seine Erinnerung an ein Zusammensein von ihm mit mir in einem früheren Erdenleben“ (Rath. S. 41). Dies ist die einzige konkrete Situation, in der sich Rudolf Steiner öffentlich über sein persönliches Karma geäußert haben soll.

Betrachtet man die Fülle von Äußerungen Rudolf Steiners über Thomas, darf man sie doch - mit aller Vorsicht- wohl auch als Selbstbeschreibungen betrachten. So beschreibt Steiner von Aquins sicheres "Urteil und Überzeugung“, was daran gelegen habe, dass Thomas in seinem eigenen Astralleib „denjenigen des Christus einverwoben bekommen hatte“ - mithin dauerhaft inspiriert gewesen sei. (GA 109,71). Thomas habe auch noch von den Ursprüngen des Schicksals gewusst- das „gelenkt (sei) von den Sternenintelligenzen“ (GA 199, 244). Thomas habe „frei von Irrtum..göttliche Gedanken“ wahrnehmen können, nicht als Mystiker, sondern als denkender Scholastiker: „Auf diese Weise finden wir in Thomas aufs neue gedacht die vorschöpflichen göttlichen Gedanken, frei von Irrtum und Täuschung, wie sie nur gedacht werden konnten in einer Klosterzelle, weit entfernt von dem Lärm der Welt. Der Mensch der Welt beeilt sich zu verstehen, sich schnell eine Auffassung zu eigen zu machen und alles zu vereinfachen. Aber die Gottheit ist nicht so einfach! Mit Thomas von Aquino erhebt sich der menschliche Gedanke. Er ist nicht weniger Mystiker als Scholastiker. Er konnte nämlich solche Beschreibungen geben, weil er die geistigen Hierarchien sah, so wie sie der Seher Dionysius der Areopagite uns gegeben hat, und in seinen langen nächtlichen Meditationen vor dem Altar konnte er die schwersten Probleme lösen. So finden sich in ihm vereinigt der Mystiker und ein Denker so hell wie ein Diamant und nicht von den Sinnen beeinträchtigt.“ (GA 109, 71f)

Die unmittelbare Inspiration - im Denken, fern von jeglicher Mystik - Thomas von Aquins führt Rudolf Steiner auch noch in anderen Worten aus: „Man kann zum Beispiel bei Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert nicht sagen, was in seinen Büchern steht, sei auf eine solche Art gewonnen, wie heute Begriffe und Vorstellungen gewonnen werden. Das wäre falsch vorgestellt. Sondern was in seinen Büchern steht, müssen Sie sich so vorstellen, dass ihn fortwährend ein Geist aus der Hierarchie der Angeloi dazu inspiriert, und dass er dasjenige niederschreibt, was aus dem Bewußtsein eines höheren Geistes kommt. Nur auf diese Weise kann man alles Entstehende, alles Werdende begreifen. Nur auf die Weise, dass man zuhört, geistig, wie das einen inspiriert oder Imaginationen spendet, kann man über Werden, über Entstehen reden.“ (GA 176, S. 319)

Steiner sieht Thomas klar in der Reihe der Denker der spirituellen Intelligenz („Man sieht in dem, was Thomas von Aquino und seine Schüler, was andere Scholastiker geltend machen, die irdische Ausprägung dessen, was dazumal Michael- Strömung war: Verwaltung der lichtvollen, der spirituellen Intelligenz“.GA 237, 114), und zwar als den Bedeutendsten dieser Denker: „Erst die Auffassung Thomas’ von Aquino, des bedeutendsten christlichen Denkers, sucht die aristotelischen Gedanken in einer tief gehenden Art in die christliche Ideenentwickelung so weit einzuweben, als es in der Zeit dieses Denkers möglich war.“ ( GA 6.34f)

Da Rudolf Steiner, wie oben ausgeführt, nach der Begegnung mit dem „besonders ausgezeichneten Menschen“ (Rath, 41) Pater Wilhelm Neumann nach eigenem Bekunden früh klar war, dass „er sich als ein Fortsetzer des Thomas von Aquino in der Gegenwart fühlen durfte“ (Rath, S. 35), mögen die Äußerungen Steiners über Thomas als Selbstbeschreibungen betrachtet werden dürfen, aber andererseits als Erklärung dafür dienen, dass er selbst auf Wilhelm Raths direkte Frage danach nie eindeutig geantwortet hat.

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*Quelle Wilhelm Rath, Rudolf Steiner und Thomas von Aquino, Basel 2010/ 2
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Die Entfaltung der Lotosblumen

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buddhayell
...Diese Befreiung gelingt schrittweise und ist spürbar in der Aktivierung der wesentlichen Chakren, vom Stirnbereich über den Kehlkopf, vom Herz bis hin zum Nabel. Mit der Aktivierung des Herzchakras beginnt das Erleben ungeteilter Aufmerksamkeit und existentiell strömender Energien. Die Loslösung von den Rückmeldungen der Körpergrenzen gelingt wohl erst ganz auf der Ebene der Nabelkraft. Erst dann kommen wir zur Erfahrung des "unberührbaren Wesens" oder der Reinheit des „Spiegels“: „Die Selbst- Natur ist wie ein klarer, glänzender Spiegel, der Bilder widerspiegelt. Wenn der Spiegel dies tut, leidet dadurch in irgendeiner Weise seine Klarheit? Nein, keineswegs. Leidet sie dann vielleicht, wenn keine Bilder widergespiegelt werden? Nein, keineswegs. Weshalb nicht? Weil die Verwendung des klaren Spiegels keinen Einwirkungen ausgesetzt ist und seine Spiegelfläche dadurch nie verdunkelt wird. Ob Bilder widergespiegelt werden oder nicht, ändert nichts an seiner Klarheit. Weshalb nicht? Weil dasjenige, das keinen Einwirkungen ausgesetzt ist, inmitten der Bedingtheiten keinen Wechsel kennt.“

Der Prozess der damit angedeuteten spirituellen Metamorphose vollzieht sich in mehreren um der Systematik willen einzeln dargestellten Schritten zur Entfaltung der Chakren, der in der Praxis aber durchaus diskontinuierlich verlaufen mag – manchmal auch chaotisch- und mit schmerzlichen Selbsteinsichten verbunden sein muss, wie später noch dargestellt werden soll.

Viele – vor allem junge Menschen- empfinden eine gewisse Loslösung im Bereich des Kopfes, sind sich aber nicht bewusst, dass es sich um eine beginnende innere Bewegung im Bereich des Stirnchakras handelt. Meist fließen die gewonnenen Möglichkeiten in soziale Tätigkeiten, in das Wahrnehmen und Entfalten kommunikativer und systemischer Prozesse. Es wird leichter, intuitiv festzustellen, in welche Richtung sich soziale Dynamiken entwickeln, ihnen zu folgen und sie formulierbar zu machen. Das Internet mit seinen Möglichkeiten zur permanenten Abstimmung, aber auch die wachsende Evaluationskultur in Wirtschaft, Politik und Bildung sind mögliche technische Grundlagen für das sich entwickelnde lebendige Denken im Rahmen sozialer Verantwortung. Nicht zuletzt beginnt an diesem Punkt auch eine Kultur der Selbst-Evaluation im Sinne von Supervision- einer Betrachtung persönlicher, intimer Entwicklungsschritte- im Spiegel des Teams, in dem sich der Einzelne befindet.

Wenn die Ausweitung auf das Kehlkopfchakra gelingt, wird diese frei schweifende Potentialität allmählich weiter konzentriert und fokussiert. An diesem Punkt kommt ein deutliches Willenselement in die Entwicklung hinein. Das meditative Leben vertieft sich, da nun auch eine Gerichtetheit der freien Kräfte möglich wird. Die erste echte Loslösung von Rückmeldungen der Körperlichkeit wird erlebbar, indem man sich in einem meditativen Strom mitgenommen fühlt; die bislang eher punktuelle Konzentration wird zuerst im Rahmen der meditativen Arbeit dauerhaft. Allmählich wird die Empfindung, am Rande dieses Kraftstroms zu leben, zunehmend den ganzen Alltag durchziehen und ständig als Hintergrund- Strömen bemerkbar sein. In schwierigen Situationen, in Konflikten oder in scheinbar ausweglosen Konstellationen lässt man etwas los, so dass ein Agieren aus der geistigen Präsenz heraus möglich wird. Die eigenen Intentionen stehen hinter der intuitiven Wahrnehmung des Willens aller Beteiligten zurück. Man kann aus „moralischer Phantasie“ heraus handeln- in konzentrierter Improvisation. ..

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Das Erwecken des inneren Lichtorgans

E
chakra
ines der älteren Bücher (1966), die sich vor anthroposophischem Hintergrund mit Chakras beschäftigen- Werner Bohms „Die Wurzeln der Kraft“- hat mich zeitweilig etwas ratlos zurück gelassen. Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau schreibt im Vorwort, dass dieses Buch in einer Sprache abgefasst sei, die nicht Berufenen unverständlich bleiben müsse- dies ergebe sich von selbst. Das sei der „diesen Dingen eigene Selbstschutz vor Unberufenen“. Zudem wendet sich Veltheim-Ostrau heftig gegen die „Geheimnis- und Wichtigtuerei westlicher Pseudo-Okkultisten“, bringt aber der sorgfältigen Arbeit vieler indologischer und sinologischer Übersetzer Sympathie entgegen. Meine Ratlosigkeit entspringt der überquellenden Fülle von Bohms Mixtur aus allen möglichen Kulturbausteinen- vor allem solchen der indischen und asiatischen Welt. Konkret bezieht er sich stark auf tantrische Literatur und orientiert sich am Yogasutra des Patanjali- eine Yogi- Schulung, die immerhin zwischen 400 vor bis 400 nach Christus entstand und aufgrund ihrer Sprachform starker Interpretation bedarf. Bohm nimmt eine Strukturierung der Schulung vor, ohne diese als seine Interpretation kenntlich zu machen, bedient sich aber zugleich der darin (und anderswo) vorherrschenden Bilderwelt. Seine Zusammenschau z.B. zwischen Stufen dieses Yoga und Phasen des christlichen Einweihungsweges erscheint mir z.T. doch etwas erzwungen. Zudem interpretiert Bohm immer wieder anthroposophisch- problematisch, Tausende von Jahren alte okkulte Bilderfolgen ohne Übergang auf die Seelenwelt des modernen Menschen zu beziehen. Zudem leitet Bohm Anweisungen ab, die stimmen mögen - oder auch nicht; sie haben für mich dennoch dogmatischen Charakter. So dürfe man auf keinen Fall im Liegen meditieren, da dies die Haltung des Tieres sei. Andererseits solle die Sitzhaltung nicht nur artistisch im Sinne des artifiziell aufgefassten Yoga sein. Der westliche Mensch habe eine andere „Konstitution“ als der östliche. Zeitgebunden sind auch Bohms ständige Abgrenzungen gegenüber einer technisierten Zivilisation, die vor der Katastrophe stehe und sich in völligem moralischem Verfall befinde. Im Vergleich dazu bekommt die östliche Zivilisation bei Bohm einen schwärmerisch vorgetragenen, idealisierenden Anstrich. Im Nachwort der Buchauflage aus dem Jahre 1974 stellt Bohm allerdings resignierend fest, dass selbst in Indien die junge Generation Tradition und Bhagavad Gita beiseite gelegt und sich den Aufgaben „dieser Welt“ zugewandt habe.

Sei´s drum. Bohm ist sicherlich kein esoterischer Theoretiker, und man kann vor allem in der zweiten Hälfte des Buches einige konkrete Entdeckungen machen. Es geht immer mehr im engeren Sinne um die Chakren- ihre Lage, Entwicklung, Beziehung zu physischen Organen, Zusammenhänge mit dem natürlichen und kosmischen Umfeld. Bohm ordnet jedes Chakra planetarischen Sphären (im antiken Sinne) zu. So sieht er den 4blättrigen Lotos „innermenschlich“ im Zusammenhang mit dem Mond, den 6blättrigen mit Merkur, den 10blättrigen mit Venus, den 12blättrigen mit der Sonne, den 16blättrigen mit dem Mars, den 2blättrigen mit Jupiter und schließlich den 1000blättrigen mit Saturn. Das ist meditativ nachvollziehbar. Im letzten - umfangreichsten- Teil des Buches stellt er jedes einzelne Chakra in seinen Charakteristika vor, wobei ein Schwergewicht auf symbolisch- vedischen, kulturhistorischen, sakralen und lautlich- mantrischen Bezügen liegt. An anderen Stellen fließen zweifellos eigene meditative Erfahrungen des Autors ein. Bohm geht auch auf einige Neben- Chakren ein- so etwa auf das für das Herzdenken so elementare 8blättrige: „Unter dem 12blättrigen ist auch noch ein kleiner 8blättriger roter Lotos, der zur Herzregion gehört und auch innerhalb derselben erschaut werden kann. Er ist ein Nebenorgan. In ihm ist der juwelengeschmückte Altar mit dem Schutzdach, einem Baldachin, darüber. Hier stehen die „heiligen Bäume“ des heiligen Hains. Es ist der innere Ort einer geistigen Gottesverehrung. Im Herzen soll sie erfolgen.“ Im Vergleich dazu erscheint in der 12blättrigen Blüte einerseits die seelische Wärme, andererseits die „Stimme der Stille“; eine Region, „wo die Sonnen- und Sphärenharmonie erlebt wird“. Das Beispiel mag zeigen, wie konkret, persönlich und imaginativ Bohm an einigen Punkten auch wird. Daraus kann man viel Gewinn ziehen. Einen Satz wie „Das Herzorgan ist jener Ort, wo der Mensch von außen das geistige Lichtorgan entfacht“ kann man tatsächlich in sich bewegen. Es wird durchaus auch noch konkreter, worauf ich in weiteren Beiträgen noch eingehen werde.

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Werner Bohm, Die Wurzeln der Kraft. Chakras- die Kraft der Lotosblumen. Wilhelm Barth 1982
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Die Welle, die bricht

Wenn hier im Blog die Rede von Chakra- Arbeit ist, dann verstehe ich darunter eine Kontinuität in gedanklicher Arbeit, in Fokussierungsübungen und in immer wieder - über Jahrzehnte - verfolgter Teilnahme an der Menschenweihehandlung. Persönlich war für mich die konzentrierte Arbeitshaltung etwas, was praktisch von Kinderzeit an in Fleisch und Blut übergegangen war, weil ich durch eine Aufmerksamkeitsstörung im Sinne eines ADS behindert war. Das forderte den Willen früh heraus, als faktisch existentielle Herausforderung. Das innere emotionale Chaos, die blank liegende Gefühlsebene, aber auch die Zeitumstände führten früh zu einer spirituellen Suche, die mit Zen und Sri Aurobindo, aber auch mit Timothy Leary begann. Das Erleben der Aktivität des Stirn- Chakras war eine Selbstverständlichkeit, aber es blieb das Problem, dies zu einer kontinuierlichen Erfahrung zu machen, trotz der andauernden, vor allem anthroposophischen Arbeitspraxis. Dagegen sprachen emotionale Auf und Abs, familiäre und berufliche Herausforderungen und eine im Laufe der Jahre kränkelnde Konstitution. Hinderlich waren auch Ernährungsgewohnheiten - vor allem der Konsum von Alkohol und Zucker -, die übliche Ego- Fixierung gerade als „spiritueller Mensch“ und die Subsumierung aller Kräfte durch die Anforderungen, den Alltag zu bestehen. Die Vertiefung konnte nur durch eine umfassende Krise gelingen, durch den Nullpunkt, in dem die Spiegelbilder zerschellen. Das ist einfach der Fels, an dem die selbstbezogene Welle bricht. Vorher sind die noch so spirituellen Bemühungen nicht frei von Selbstliebe.

Danach erst, nach dem sich selbst Aufrichten, gewinnt das seelische Meer zumindest überwiegend die Stille, die bis zum existentiellen Grund vordringt. Nun erst kann der Stier sich in seiner Reinheit erheben, die Marskräfte des reinen Wortes im Kehlkopf erweckend. Nun erst dringt die Reinheit des Willens in die Sonnenregion des Brustraums. Die großen Empfindungen, jenseits aller Selbstfühligkeit, klingen in der Seele auf. Die spirituelle Arbeit hat nichts Aufgesetztes, sondern erscheint als Kraft, die eine Kontinuität des klaren Denkens darstellt. Es beginnt ein tiefes Vertrauen darin, dass die weitere Entwicklung einem inneren Curriculum folgt und folgen wird. Wer einmal die Lebenskraft des Geistes gespürt hat, dem wird sie sich entfalten, auch über dieses Leben hinweg. „Rudolf Steiner betonte in Hinblick auf das Michael- Fest die Notwendigkeit, dass ein tragendes Vertrauen zu den Gedanken des Geistigen in erster Linie entwickelt werden müsse- ein wirkliches Erleben des Geistigen an Ideen, an „bloßen Gedanken“. Die klaren Ideen des Menschen- und nicht eine diffuse, übersinnliche Wahrnehmungswelt im Sinne verzerrter Esoterik- müssen verstärkt und als solche in ihrer Lebenskraft erfahren werden; der Mensch müsse die Fähigkeit entwickeln, von den Gedanken über das Geistige so erfasst zu werden wie durch physische Gegebenheiten; Ideelles muss in seiner Geistrealität, Lebens- und Wirkungskraft in den Bereich der menschlichen Erfahrung treten.“

Peter Selg, Der Wille zur Zukunft, Arlesheim 2011, S. 70
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Das Ende der Welt. Inquisitorische Stereotypen und Verschwörungstheorien

Anzumerken ist hier noch, dass die Vorwürfe einer angeblichen Verschwörung mit den Sarazenen bereits im Prozess gegen die Templer erhoben worden waren. Nach einer Periode gewisser Ruhe, in der viel jüdische Kaufleute und Familien zurückgekehrt waren – in der trügerischen Hoffnung, der Wahnsinn sei vorbei -, wurden die Judenverfolgungen ab 1347 wieder virulent, da in diesem Jahr – nach sechshundert Jahren "Ruhe", aus den genuesischen Häfen und aus Sizilien kommend, eine große Pestepidemie Europa durchzog. In Südfrankreich starb daran etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Für die Epidemie wurden die Juden verantwortlich gemacht, wiederum anhand der "Brunnentheorie". Aber auch die anderen Theorien, etwa die des rituellen Mordes durch Juden, wurden neu angefacht. Im Laufe des Jahrhunderts kamen allerdings wieder Gegenstimmen auf, die inmitten der Massaker feststellten, dass ja auch die Juden an der Pest starben. Die Verschwörungsobsession ebbte allmählich, im Laufe von dreissig Jahren, ab; zumindest vorerst. Sie sollte im letzten Jahrtausend wieder und wieder aufflammen.

Unter der Oberfläche waren aber bereits neue Verdächtigungen aufgeglommen. Man witterte, speziell auf Seiten der Inquisitoren, „neue Sekten und verbotene Riten". Es sah so aus, als sollte sich die Grundlage der Verfolgungen verbreitern; schließlich waren die Personengruppen der Ketzer, Juden und Aussätzigen doch begrenzt. Erst mit dem Vorwurf der Hexerei geriet nahezu jeder ins denunziatorische Sperrfeuer, wenn das Schicksal, der Nachbar oder die kirchliche Obrigkeit es so wollten. So publizierte Papst Alexander V. 1409 eine Bulle, die aussagte, dass viele „Christen und Juden, die Hexerei, Wahrsagerei, Dämonenbeschwörungen, magische Verwünschungen, Aberglauben, böse und verbotene Künste praktizierten", noch aufzufinden seien, um „unschuldige Christen" vor dem Unglück und Verderben zu bewahren.( Ginzburg, S. 83). Damit konnte nun die Christenheit selber in ihrer ganzen Breite, nicht nur überschaubare Randgruppen, "gereinigt" werden.

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Das Buddha- Bewusstsein

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Die abgebildete Figur, die ich auf der Kunstinsel Hombroich in einem Pavillon fotografiert habe, hat eine außergewöhnliche Kraft. Das ist einer der Buddhas, die man verstehen möchte - d.h. ihr sich so annähern, dass man die dargestellte innere Gesamt- Gebärde wenigstens im Ansatz mit vollziehen kann. Ein ähnliches Bedürfnis, wie es, auf andere Art, in der Begegnung mit vielen Mariendarstellungen aufkommen kann- oder auch mit Darstellungen des Letzten Abendmahls.
Allerdings ist die Visualisierung der Kundalini- Kraft im Rücken des Buddha etwas, der man sich nicht unmittelbar aussetzen möchte; es ist ein korrumpierter Bereich. Magier und fragwürdige Meister wie Baghwan- Osho wirkten darüber, indem sie Einfluss auf den Schüler nahmen; daher die ursprüngliche Verbindung mit sexuellen Energien, die Osho später allerdings zurück gedrängt hat - spätestens nachdem er mit seinem Expansionsdrang in den Westen innerlich und äußerlich gescheitert war. Dass er nicht einmal davor zurück geschreckt ist, mit biologischen Kampfstoffen zu operieren, ist in einem Artikel in The Atlantic nach zu lesen.

Auf selbstbestimmte, transparente Art und Weise gehen wir, das Denken meditativ belebend, vom Stirn- Chakra aus. Im Laufe von Jahren der Übung werden Kehlkopf- und Herz- Bereich angeregt, so dass eine Kraftsammlung im Zusammenwirken dieser drei Bereiche erreicht wird. dadurch wird eine neue Qualität der Versenkung erreicht- offenbar indem die achtblättrige Lotosblume in der Nähe des Herzens ihre Aktivierung erlangt. Möglicherweise beginnt auch ein zartes Regen der Kräfte aus der Region der Zirbeldrüse. Es ist schwer zu sagen, da eine generelle Kraft mit einer Fülle von Erfahrungen erweckt wird. Schließlich sind sowohl imaginative als auch energetische und wesenhafte Erfahrungen berührt, ohne im geringsten irrational zu wirken. Es ist alles voll bewusst- eine willenhaft, wesenhaft durchzogenes Denken, das aber losgelöst von der nur physisch vermittelten, gespiegelten Hirntätigkeit erscheint. Schließlich erweitern sich die energetisch erlebten Felder des empfangenden hellen Willens, indem sie in die Hände und schließlich in die Füße fliessen. Man tritt in die Ungeborenheit, in das Buddha- Bewusstsein ein. Nun ist es möglich, eine innere Linie durch die Leiblichkeit zu erleben, an deren Spitze die tausendblättrige Lotosblüte spürbar wird. Man kann sie mitunter tatsächlich im Hirnstamm festmachen. Dadurch wird ein anfängliches Miterleben und Verstehen dessen möglich, was der abgebildete Buddha aussagt. Allerdings ist für den Menschen des 21. Jahrhunderts ein bewusster Weg unabdingbar, der seine Autonomie sichert, und der daher in der Linie der Chakras von oben nach unten - in stetiger Transparenz - vor geht. Die überwältigende Wucht der Kundalini- Energien wird dabei nicht berührt; diese bleiben im Hintergrund.
Der Denkpol kann sich gleichwohl, auf moderne Art, der Buddha- Sphäre öffnen.
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Das Pfingsterleben in der Belebung des Geistselbst

Man kann sich der anthroposophischen Begrifflichkeit leider nur mit Mühen, einigem Studium und dem Versuch der aktiven inneren Nachvollziehbarkeit annähern. Im Zentrum mancher langwieriger Überlegungen steht vermutlich der Fachbegriff Bewusstseinsseele, der eben das typische und reife Bewusstsein der Menschheit heute über alle Grenzen hinweg beschreiben will. Er charakterisiert einen Zustand der Möglichkeit, von sich selbst weitgehend abzusehen und das eigene Leben sehr weitgehend analytisch anzusehen- alles, was an einem selbst Vergangenheitscharakter hat oder mechanisiert ist.
Dazu gehören biografische Abläufe, emotionale Gestimmtheiten, Bedürftigkeit, Anhaftungen, Neigungen, suchtartige Mechanismen, gedankliche Reflexe, typische Reaktionsmuster, Ängste usw. Die Verästelungen eines gesamten Ich- Konstruktes können einerseits nahezu objektiv mit psychologischem Rüstzeug betrachtet werden, ohne sie allerdings im Einzelnen auch beeinflussen und ändern zu können. Denn dieses Ich wird korrumpiert nicht nur durch die Wucht der emotionalen Reflexe, sondern auch durch die Mechanik der - ein weiterer Fachbegriff - Verstandesseele, die, in ihrer rationalen Ausprägung, stets den Vorteil in den Gegebenheiten sucht, stets im Dienst der Egoität einen Weg aus den ungelösten Dilemmata anstrebt. Daran muss nichts Falsches sein. Nur zu häufig führen die Leitung durch den Egoismus in einer globalisierten und vernetzten Gesellschaft zu allenfalls kurzfristigen Lösungen.

Gleichzeitig ist in der Qualität des Zeugen- des aktiven Betrachters der Bewusstseinsseele, der das Da- Seiende aktiv anschaut - eine Instanz vorhanden, die auch die raffiniertesten Winkelzüge der Egoität (die sich so häufig in Gutmenschentum kleidet) anschauen kann, die, wenn sie sich ihrer selbst gewahr wird, eine Position innehaben kann, die von einem rein menschlichen, über- individuellen Standpunkt aus auf das innere und äußere Drama zu schauen in der Lage ist. Wird diese Präsenz meditativ gestärkt - über das bloße Moralisieren, Besserwisser oder die Selbstverurteilung hinaus- entstehen zumindest zeitweilig innere Freiräume. Die gedankliche Vertiefung - etwa über die Arbeit an den Chakras- führt zu einer inneren Beweglichkeit, die durch die ausgehaltene Leere hindurch zur geistigen Empfänglichkeit führt, zu einer vollkommen befreiten Offenheit. An dieser Stelle kann das Geistselbst als eine Kraft im Menschen erwachen als geistige Präsenz ohne Verwicklung in die Mechanismen und Scheingefechte der Egoität. Es wird erfahren als reiner Wille - oder als eine gedankliche und emotionale Klarheit, die sich als Kraft auslebt- eine Präsenz, die zugleich über dieses eine irdische Leben hinaus verweist, ein Verstehen, das sich nicht als kurze gedankliche Intuition präsentiert, sondern bestehen bleibt.
In diesem Zusammenhang ist eine sonst rätselhaft bleibende Bemerkung Rudolf Steiners verständlich wie "Die Bewusstseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt, aber das Geistselbst ist mit der Bewusstseinsseele verbunden nicht vermischt.“*

Das Geistselbst ist als aus sich selbst bestehende geistige Entität nicht korrumpiert, nicht mit den Winkelzügen der Egoität „vermischt“.

An diesem Punkt kann man verschiedene Wege der Betrachtung anschließen. Eine Spur der Betrachtung verfolgt die zunehmende Verselbstständigung und Veräusserlichung alles dessen, was mechanisch am menschlichen Intellekt und an der Emotionalität geworden ist und weiter wird- denn all dies ist zum digitalisierten Inhalt geworden. Das Wissen, Erinnerungen, emotionale Reflexe wandern in einer elektronischen Spiegelwelt aus dem menschlichen Inneren heraus in ein Netz und in Medien, die sich seinerseits verselbständigen und immer weiter entwickeln. Die Auswirkungen des digitalen Doppelgängers ziehen in jeden Winkel des Alltags hinein. Entscheidungen, die wie gedankliche Intuitionen, wie Verstehen aussehen, werden durch pure elektronische Rechenkraft simuliert. Der von sich selbst entkleidete Mensch wird immer mehr auf die Frage geworfen, was an ihm originär menschlich ist. Er, der noch immer im eigenen Drama gefangen ist, kann nur sein Verstehen vertiefen, muss sich seiner selbst als nicht- mechanisiertes Geistselbst bewusst werden, um nicht in den elektronischen Spiegelwelten als passiv bespaßtes Reaktionswesen unter zu gehen.

Eine andere Spur führt nach Rudolf Steiner auf die Entwicklung, die mit dem Pfingstgeschehen zusammen hängt. Denn es gibt in dem Drama, das zugleich die Geburt des autonomen Geistselbst hervor bringen kann, eine Parallelität zum Geschehen auf Golgatha. Die Verleiblichung des Christus in Jesus hatte eine Art kosmischer Vorbildfunktion für das heute im Menschen stattfindende Drama- das Christus- Wesen war ein kosmisches Geistselbst: "Es ist die Voraussetzung , daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseele hineinkommt, um zu verstehen wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseelennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. (..) Man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt (..) zwischen dem Christus, entsprechend dem Manas, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung.“* Diese Reinheit der Einweihung ist das Urbild für das, was heute auf menschlicher Ebene in der Erlangung der wirklich menschlichen Würde in der Selbstgewahrwerdung als Geistselbst möglich ist.
Das Christusgeschehen seinerseits hatte Ähnlichkeit mit dem menschlichen Drama, ohnmächtig auf sich als Egoität zu schauen, denn das göttliche Ich ging durch eben dieses Drama selbst hindurch im "Augenblick der höchsten göttlichen Ohnmacht, um jenen Impuls zu gebären, den wir dann als den Christus-Impuls in der weiteren Evolution der Menschheit kennen.“**

Die Erfahrung des Geistselbst heute hat aber noch eine andere, bislang nicht genannte Dimension. Das innere meditative Leben, das auch mit der Imagination des menschlichen Ideals einher geht, erlaubt ja nicht nur den nüchternen und befreiten Blick auf die eigene Gebrochenheit, sondern auch den auf das Mühen und Ringen der Mitmenschen. Die eigenen Rechtfertigungswälle, der andauernde Reflex, das Ego zu stabilisieren und zu verteidigen, bestehen nicht mehr. So ist man in der Lage der Jünger Christi zu Pfingsten: "Dennoch trat der Zeitpunkt ein, wo es den Aposteln so vorkam, als ob sie eine lange, tagelang dauernde Zeit verlebt hätten wie in einem traumerfüllten Schlafe, aus dem sie nun mit diesem Pfingstereignis erwachten. Schon dieses Erwachen fühlten sie, wie wenn aus dem Weltenall niedergestiegen wäre auf sie etwas, was man nur nennen könnte die Substanz der allwaltenden Liebe. Und den anderen Menschen, die sie beobachten konnten, wie sie nun sprachen, kamen sie ganz fremdartig vor. Jetzt kamen sie den Leuten wie verwandelt vor: wie Menschen, die in der Tat erlangt hatten eine ganz neue Verfassung, eine ganz neue Stimmung der Seele, wie Menschen, die alle Engigkeit des Lebens, alle Eigensüchtigkeit des Lebens verloren hatten, die ein unendlich weites Herz, eine umfassende Toleranz im Inneren gewonnen hatten, ein tiefes Herzensverständnis für alles, was menschlich auf der Erde ist, die sich so ausdrücken konnten, daß jeder, der da war, sie verstand. Man empfand gleichsam, daß sie in eines jeden Herz und Seele schauen konnten und aus dem tiefsten Inneren heraus Geheimnisse der Seele errieten, so daß sie einen jeden trösten konnten, dasjenige sagen konnten, was er gerade brauchte.“***



*Rudolf Steiner, 165, Seite 212f
**Rudolf Steiner, 148, Seite 54
***Rudolf Steiner, 148, Seite 23ff
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Zu Andreas Meyers "Die letzten Templer" II

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Andreas MeyersDie letzten Templer. Band II“ gehört zu den ganz raren Büchern, in denen ein neuer Standard definiert wird- in einem Zusammenfliessen von methodischer Reinheit, umfassender Quellenkenntnis und -verarbeitung, Verarbeitung von Angaben Rudolf Steiners, Blickrichtung auf kulturelle, politische, geistesgeschichtliche Entwicklungsströme und auch ganz eigenständige geistige - d.h. vor allem karmische - Forschung. Dieses Zusammenfliessen der Impulse hebt das Buch schon weit heraus.

Das Thema der Templer, ihrer Vernichtung und der von ihnen ausstrahlenden Impulse, steht in der Mitte einer solchen umfassenden Kaskade von Betrachtungen. Die methodische Sauberkeit wird u.a. dadurch gewährleistet, dass alle Quellen - auch die eigenständige Forschung - jeweils als solche gekennzeichnet werden. Zu diesen Forschungen gehören auch karmische Betrachtungen zu einzelnen Handelnden, die überraschende, aber sehr erhellende Schlaglichter auf das Verhalten der Personen im historischen Kontext werfen. Es werden aber auch Mysterien eines geschlossenen Kreises innerhalb des Templerordens, dessen innere Struktur, die Funktion und Bedeutung einzelner Personen geschildert, und dies mit einer klaren und einsichtigen intimen Kenntnis, dargelegt. Zu der herrschenden Transparenz gehört auch, dass einzelne schwer wiegende Fehlurteile innerhalb der Literatur - beispielsweise aus der Feder der notorisch spekulierenden Judith von Halle - korrigiert und zurück gewiesen werden. Andreas Meyer setzt einfach die historischen Fakten dagegen.

Schließlich gehört zur Methodik auch, dass der vorliegende zweite Band schon im Untertitel - „Geisteswissenschaftliche Forschungen zur Entstehung, Vernichtung und Fortentwicklung des Templerimpulses“ - deutlich macht, dass es hier eben um die hinter den historischen Vorgängen (die im ersten Band erschöpfend behandelt werden) liegenden Bedeutungs- und Deutungsebenen geht. Der Leser weiß, worauf er sich einlässt. Die Vorsicht Andreas Meyers ist gerade bei diesem Thema, das von so vielen Seiten und häufig auf entstellende Art und Weise missbraucht worden ist, bitter nötig; das Templermotiv ist stets ein historischer Schock gewesen - der erste staatsterroristische Akt, und der Verrat des papistischen Katholizismus an den eigenen spirituellen Impulsen. So spricht Meyer auch vom „schneidende(n) Lufthauch der neueren Geschichte." Ein Trauma für die Kirche wie für ihre Opfer.

Mit einigen sentimentalen Verzerrungen räumt Meyer allerdings auch auf - vor allem in Bezug auf die Person und Rolle des Großmeisters Jakob von Molays, der häufig idealisiert worden, zum „Eingeweihten“, zur „weitschauenden Führerpersönlichkeit“ und zum Held gemacht worden ist. Meyer zeigt, dass er tatsächlich der einfache und tapfere Mann gewesen ist, als der er sich vor den Tribunalen selbst beschrieben hat. Er hatte zweifellos einige diplomatische Erfolge, war aber strategisch, intellektuell und spirituell keinesfalls - so wiederum eine verzerrende Behauptung auch Judith von Halles - der schwierigen Situation des Ordens gewachsen. Diese Art von Idealisierung und Mystifizierung Molays ist eigentlich ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich diente Molay, da innerer spiritueller Kreis und äußere Führung bei den Templern stets getrennt waren, mehr als eine politische Repräsentationsfigur. Auch in dieser Hinsicht hat er, der eine Renaissance des Ordens in einem neuen Kreuzzug sah, die Zeichen der Zeit völlig missdeutet. Es gab durchaus „andere Zukunftskonzepte für die weitere Entwicklung des Ordens“, aber Molay setzte sich gegen Widerstände durch, die Tatsache ignorierend, dass „die Zeit der geistlichen Ritterorden im Orient vorbei war“ (S. 98). Womöglich erkannte Molay auch die Brisanz der Anfeindungen, Gerüchte und Intrigen gegen den Orden nicht, weil er von 1296 bis 1306 durchgängig auf Zypern residierte - bis zur fatalen Berufung durch Papst Clemens V nach Frankreich.

Im Gegensatz zum Insider Hugo von Pairaud, der in die Initiationsrituale des Ordens schon lange eingeweiht war, u.a. als Visitator und Schatzmeister von und in Frankreich diente und die vermutlich bessere Alternative zu Jaques des Molay gewesen wäre, wurde letzterer erst im letzten Augenblick vor der Verhaftung - und auch nur ansatzweise - in gewisse geheime Rituale des Ordens eingeweiht. Pairaud hat dagegen lange und tiefe Einblicke in die inneren Zirkel und Initiationsriten gehabt (die Meyer im vorliegenden Buch auch umfassend schildert) - er war „den Geheimriten am leidenschaftlichsten ergeben“ (S. 102). Pairaud wusste um den kommenden Vernichtungsschlag gegen den Orden, trat mutig und öffentlich gegen Philipp den Schönen auf, hatte diesem kraft seines Amtes als Verwalter des Vermögens des Königs aber auch erst einen Einblick in die „Schätze des Ordens“ gegeben und damit dessen Begehrlichkeit geweckt. Darin sieht Meyer die besondere „karmische Schuld Pairauds“ (S. 103). Es war auch Pairaud undenkbar, von seinem Papst Clemens V. derartig betrogen und verraten zu werden. Meyer deutet auf die ganz besondere karmische Konstellation, die auf Pairaud lastete, die auf den Herodes- Johannes - Konflikt zurück verweist. Letztlich waren es auch die inneren Probleme des Templerordens selbst, sowie dessen gescheiterte Mission im Osten nach dem Fall von Akkon 1291, die eine Angriffsfläche für den völligen Vernichtungsimpuls Philipps des Schönen bildeten.

Einen besonderen spirituellen Aspekt schildert Meyer im Weg des Peter von Bologna, eines Ordenspriesters und „tiefen Kenner(s) der Menschennatur“. Ein Dominikaner, der Schüler Thomas von Aquins gewesen war, verhalf dem inhaftierten Templer Peter von Bologna, der durch die erfolgte Folter schwer verletzt war, am 12. Mai 1310 zur Flucht. Er wurde in einem Klarissenkloster bei Besançon versteckt und nahm von dort aus kurz vor seinem Tod Kontakt auf mit einer sehr kleinen Bruderschaft im Jura bei Neuchatel. Der nun erfolgende Austausch stellte die Verbindung her vom spirituellen Wissen des Templerordens zu der sich erst konstituierenden Rosenkreuzer- Gruppe, die in ihrer Mitte ein Kind aufzog.

Dies sind nur einige Motive aus dem reichen, klugen Buch, das Andreas Meyer hier vorlegt. Es ist eben nicht nur methodisch heraus ragend, sondern auch substantiell. Eine Bereicherung.

Zur Templer-Seite bei den Egoisten
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Hans Büchenbacher- Wo der Hammer hängt

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Ansgar Martins zeigt in „Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933- 1949“*, wo der Hammer hängt, nämlich wie man heute ein anthroposophisches Sachbuch schreibt. Es geht um methodische Vielfalt, um Kontextualisierung, vor allem gelungen durch einen die historischen Erinnerungen begleitenden Text in Form von Anmerkungen, in denen nicht nur Textvarianten, Erklärungen von Orten, Worten, Umständen einfließen, sondern auch biografische Kurzabrisse aller im Text auftretenden Personen- und das sind eine Menge, das Who is Who der Anthroposophischen Gesellschaft. Martins schafft so einen Hypertext, der, gut lesbar, die eigentlichen Erinnerungen Büchenbachers, des esoterischen Schülers von Rudolf Steiners, führenden professionellen Vortragsredner in Sachen Anthroposophie, der in den Vorständen von Stuttgart und Dornach ein und aus ging, des Netzwerkers und Organisators, begleitet. Diesem Text folgt eine umfängliche Biografie Büchenbachers von Ansgar Martins, Anmerkungen zur politischen Orientierung der frühen Anthroposophie und Ausführungen zu den „politischen Sünden“ der Dornacher in Bezug auf den Nationalsozialismus. Weitere Anmerkungen und Dokumente ergänzen den umfangreichen Band.

Man muss dazu wissen, dass der prominente Hans Büchenbacher aus nationalsozialistischer Sicht als „Halbjude“ einzustufen war und bereits 1933 erfahren musste, dass seine und die Positionierung des damaligen deutschen Vorstands, „keine unanthroposophischen Kompromisse“ mit dem Nationalsozialismus einzugehen, ja, die Gesellschaft lieber „freiwillig“ zu schließen, vom Dornacher Vorstand nicht im geringsten geteilt wurde. Ganz im Gegenteil. Günther Wachsmuth und Marie Steiner galten als pronazistisch, Albert Steffen hielt sich in der Öffentlichkeit (nicht in seinen Tagebüchern) heraus. Marie Steiner protegierte den psychisch kranken, absolut nationalsozialistisch positionierten Roman Boos, und bezeichnete die Vorgänge in Deutschland mit „es ist offenbar dort alles in bester Ruhe und Ordnung.“

Es ging dabei nicht nur um politische Bewertungen- es ging auch die Sorge vor einem Wegbruch der Gelder der mitgliederstarken deutschen Anthroposophenschaft im Falle eines Verbotes. So sollte es ja auch kommen. Statt in irgend einer Weise Flagge zu zeigen gegenüber der immer mächtiger werdenden Gewaltherrschaft entfernte die Anthroposophische Gesellschaft lieber in vorauseilendem Gehorsam die jüdischen und „halbjüdischen“ Mitglieder aus ihren Reihen und Gremien. Bereits 1934 erfuhr auch Büchenbacher von diesem Ansinnen- man verlangte selbstverständlich von ihm, „ganz freiwillig“ aus dem deutschen Vorstand auszutreten. Marie Steiner beeilte sich, Büchenbacher umgehend schnellstens seine Wohnung im Zweighaus zu kündigen. Wachsmuth hatte sich ja bereits 1933 öffentlich zu seiner Sympathie gegenüber allem, „was z Zt. in Deutschland geschieht“ bekannt und versuchte zu verhindern, dass sich jüdische Mitglieder in Dornach einzuschreiben gedachten: „er könne doch nicht am Goetheanum einen Judenstall haben“. Trotz dieser Umstände blieb Hand Büchenbacher als Vortragsredner sehr aktiv. Von der international, dezentral orientierten Ita Wegman hielt Büchenbacher übrigens gar nichts- er unterstützte trotz aller Fragwürdigkeit Marie Steiner darin, Wegman endgültig kalt zu stellen.

Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 zog Hans Büchenbacher nach Arlesheim bei Dornach, was ihm den, wie er später sagte, „Verrat der anthroposophischen Sache an den Nazismus“ so nahe vor Augen führte, dass er das Angebot, 1946 in den Dornacher Vorstand einzutreten, ablehnte.

Ansgar Martins umfassende Untersuchung, auf die noch an vielen Stellen eingegangen werden kann und wird, stellt einen wesentlichen Baustein, ja einen Meilenstein zur Aufarbeitung der anthroposophischen Historie dar. Die fundierten Materialien ermöglichen eine weiter gehende Forschung. Selbst die schweren internen Konflikte - etwa zwischen den Fraktionen, für die Marie Steiner und Ita Wegmann standen, erhalten eine ganz andere, nämlich politische und wirtschaftliche Dimension. Man stelle sich eine engagierte, mutige Gesellschaft vor, die sich 1933 für ihre jüdischen Mitglieder eingesetzt und sich gegen Faschismus positioniert hätte, um sich strukturell dezentral und global aufzustellen! Man stelle sich vor, die Impulse seien von Dunlop, Büchenbacher und Wegman ausgegangen! Die Anthroposophische Gesellschaft hat diese Chance leider restlos verpasst, hat Zweifel an ihrer humanitären, esoterischen und politischen Integrität genährt, und sich der vielen initiativen Menschen durch Ausschluss entledigt, um weiter im eigenen trüben Saft zu schmoren.

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*Ansgar Martins: Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933-1949. Zugleich eine Studie zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus, Mayer Info3, Frankfurt 2014
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Die Mysterien von Stier, Löwe und Adler

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In alten Mysterien sind die genannten Tiere als Symbole für Lebenskräfte, schaffende Lebensmächte verehrt worden, von Ishtar über die Isis- Kulte bis hin zu Zeus, wie Maria Röschl-Lehrs* ausführte: „Wir sehen, wie da in den ältesten Kulturperioden der Stier, die Kuh, als Leben tragende Macht besonders verehrungswürdig war. An vielen Mythen und einzelnen Zügen uralter Menschheitsdokumente, auch der altpersischen Zeit, könnte man dies nachweisen. Noch in der 3. Periode wird die Isis mit Kuhhörnern abgebildet. Und in etwas späterer Zeit sehen wir am babylonischen Ischtar- Tor und auch in der übrigen assyrisch- babylonischen Kunst den Löwen vorherrschen. Der Löwen- bespannte Wagen der Göttermutter spielt bis nach Kleinasien herein im Kulte eine große Rolle. Und diese asiatische Priesterkultur wird abgelöst von den denkenden, listengewandten Königen der kriegerischen Griechen,die Zeus als König der Götter und Menschen verehrten. Des Zeus Vogel ist der Adler, das Symbolum des neuen Weltregenten, der selber Repräsentant ist der plastizierenden Weisheit der Haupteskräfte in ihrer kosmischen Wirkensgröße.“ (S. 110)

Es fand also eine gewisse Entwicklung statt von vegetativ- natürlich und kosmischen Kräften des Stiers über die Sonnen- verehrenden Löwenkulte bis hin zur Kultivierung von Kräften, die auch mit dem selbständigen Denken zusammen hingen. Die in den frühen Kulten verehrten kosmisch- göttlichen Kräfte haben aber, wie uns heute bewusst ist, auch ihre Entsprechung im Menschen. Die Stierkräfte im Menschen hängen vor allem mit dem Stoffwechsel, Verdauung, Fortpflanzung zusammen und sind in den Aspekten des Wirkens völlig unbewusst. Die Komplexität des Verdauungsvorgangs wird erst heute, durch die Forschung der letzten Jahre, mehr und mehr bewusst. Es ist ein „intelligenter“ Prozess, der Wahrnehmungsanteile unter der Schwelle des Bewusstseins hat, aber derartig umfänglich in Kommunikation mit den Stoffen der Außenwelt interagiert, dass man z.B. in Bezug auf den Darm auch von einem „zweiten Hirn“** spricht. Auf dieser Ebene agiert ein biologisch- vegetatives Selbst, das unabhängig von unseren bewussten Gedanken ist, etwa eine eigene bakterielle Welt umfangreichster Art unterhält, und das einen Großteil unseres existentiellen „Willens“ ausmacht. Die Löwe- Sonne- Kräfte schaute Rudolf Steiner im Menschen mit auch zum großen Teil unbewusst aufflammenden Empfindungen zusammen- vegetativ mit Herz- und Lungenbereich. Auch hier findet eine ständige Kommunikation mit der umgebenden Welt durch die Atmung und die Aufnahme des Sauerstoffs statt. Die „Löwenkräfte unserer Physis“ (R-L, S. 37) sind die mittleren und vermittelnden „Kräfte des Physisch- Ätherischen“. Im Bild des Adlers schließlich werden die Kräfte erfasst, die an der Bildung des gesamten nervösen Systems beteiligt sind, wodurch im Spiegelprozess am Gehirn das physische Bewusstsein erwachen kann - der erste Schritt der Selbstgewahrwerdung des Menschen.

In den alten Mysterien schwangen sich auserwählte Menschen in besonderen Situationen, geführt und behütet durch Priester, in diese Kraftwirkungen hinein, die sowohl im menschlichen Körper, als auch in der gesamten umgebenden Natur tätig sind. Askese, völliger sozialer Rückzug, Vorbereitung von Kindesbeinen an, Hilfestellung durch ekstatische Erlebnisse und spezifische Drogen, mögen mit zu diesem Ausnahmezustand geführt haben.

Heute ist der Pol des Adlers in uns potentiell so weit verselbständigt, dass die früher nur in der ekstatischen Vereinigung mit Naturkräften mögliche Bewusstwerdung auch im Alltag möglich wird. Das Denken kann sich so weit verselbständigen und kräftigen, dass es in reiner Improvisation, aber zugleich im hohen Grad fokussiert das geistige Pendant der Stier-, Löwen- und Adlerkräfte erfahren kann. Es wird dies auch nicht zu einem Rückzug, zu exotischen Haltungen oder esoterischer Sonderbehandlung führen- ganz im Gegenteil, die zunehmende existentielle Verletzung des Menschen in seiner tiefen inneren Widersprüchlichkeit in seinem Denken, Fühlen und Wollen kann nur durch ein solches Bewusstwerden harmonisert werden. Sich verhärtende Gefühle, Seltsamwerden im Denken und Willensimpulse, die der Mensch an sich beobachtet und selbst nicht versteht- das ist heute die Lage. Zunehmend ist kaum jemand nicht merkwürdig- und die Entgleisungen werden selbstzerstörerisch, suchtartig und antisozial. „In den Menschen, der sich geistig geschult und sein Wesen auf eine bestimmte höhere Stufe der Vollendung gebracht hat, wird - wie Rudolf Steiner es im Jugendkurs ausdrückt - reines Denken zu reinem Wollen. Die zerstörenden Gegensätze werden eben da aufgehoben.“ (S. 119)

Der Prozess der fortschreitenden Selbstgewahrwerdung ist in erster Linie heute ein Loslösen, ein Selbständigwerden von den physischen Prozessen: „Durch richtig fortgeschrittene Schulung kann die Fähigkeit erlangt werden, dass der Mensch sich - nicht im Schlafe, sondern aus dem wachen Tagesbewusstsein heraus- willentlich in eine innere Haltung versetzt, durch die der Ätherleib sich löst.“ (R-L, S. 51) Das „Bestehen“, ohne assoziativ, erinnernd oder grübelnd an etwas Vergangenes anzustossen, führt auch zu einem „leibfreien Miterleben mit dem Seelischen der ganzen Umgebung“ (R-L, S. 50)- sowohl, was das komplexe Innenerleben anderer Menschen, als auch, was natürliche Prozesse in Jahreszeiten, Pflanzenwachstum und Auswirkungen kosmischer Prozesse auf die Lebenskräfte betrifft. Nicht selten kommt es dabei zu einer biografischen Krise, zu einer Neuorientierung, ja, zu einer moralischen Wiedergeburt. An dieser „Schwelle“ kann es zu einer Wahrnehmung der Kräfte kommen, die die Leiblichkeit tragen - eben von Stier-, Löwen- und Adlerkräften. Aber der „zweite“, sich rein geistig erfahrende Mensch kann sich nach und nach auch in der Dynamik seiner selbständigen Existenz erleben. Dabei senkt sich sein bewusster Pol (Adler) in die existentiell- natürlichen Stierkräfte hinein, während seine Willenskräfte (Stier) das Denken entfachen und verlebendigen. Während die Chakren von der Lotosblüte an der Stirn nach unten hin in eine erste Bewegung geraten, dabei innere freie Räume gestalten, beginnt sich der geistige Mensch - die Entität - in derselben Richtung zu formen - aber in umgekehrter Gestalt im Vergleich zum physischen Menschen. Die transformierten, freien, nicht mehr körperlich gebundenen Lebenskräfte entfalten sich, als Stier den Adler belebend (reines Denken), als Adler die unbewussten Stierkräfte verständig gestaltend (reiner, empfangender Wille). Was aber geschieht, wenn mittlere Löwenkräfte auf den physisch gebundenen Löwen stoßen- wenn das „Herzdenken“ erwacht?

Röschl- Lehrs zieht zur Illustration eine Legende der mittelalterlichen Rosenkreuzer heran: „In alten Darstellungen namentlich der rosenkreuzerischen Alchemisten sehen wir daher den Leu - als den Repräsentanten des mittleren Menschen- auch in zweifacher Gestalt auftreten, oft in zwei Farben; es wird vom roten und vom grünen Leu gesprochen. Auch finden beide sich so dargestellt, dass der eine Löwe den anderen verschlingt. Das will sagen: so muss die irdische Kraft der Mitte sich verschlingen lassen von der anderen, der des zweiten Menschen. Dann wird menschliches Fühlen zu kosmischem Fühlen, es wird vom Weltenfühlen abgelöst: es weitet sich über die Grenzen der egoistisch engen Persönlichkeit. (…) Nicht Polarität, sondern Steigerung wirkt auf einem solchen Wege.“ (S. 120)

Das ist die Alchemie des Ich; das Aufflammen der alten Mysterienweisheit im zeitgenössischen Individuum.


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*Maria Röschl-Lehrs: Vom zweiten Menschen in uns, Dornach 1972
** „Wer bestimmt, ob ein Mensch gute oder schlechte Laune hat und wie er sich verhält? Sein Bewusstsein oder Milliarden von Bakterien in seinem Bauch? Was weiß die Forschung über den Magen-Darm-Trakt, der voller Neuronen ist und ein eigenständiges Nervensystem bildet? Vor einigen Jahren entdeckten die Forscher, dass Magen und Darm des Menschen rund 200 Millionen Nervenzellen enthalten. Nur allmählich gelingt es, den ständigen Dialog zwischen den beiden Steuerzentralen Bauch und Kopf zu entziffern.“ Link ARTE
Foto Michael Eggert; Museumsinsel Berlin
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Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner

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Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner umfassen etwa 30 Seiten, stammen aus dem Jahre 1928, und finden sich als Anhang in Ludwig Polzer- Hoditz „Erinnerungen an Rudolf Steiner“. Klima stammte aus Prag. Sie hat Rudolf Steiner meist dort vor Ort getroffen- durch ihren Ehemann („mein teurer, verewigter Gatte“), der mit Steiner dienstlich zu tun hatte und selbst eigentlich keinen oder nur spät einen Zugang zu ihm fand. Rudolff Steiner äußerte in Bezug auf ihn: „Die sind mir die liebsten, die so schwer herankommen.“ Für die „ganz klerikal“ erzogene, später völlig atheistische, auch in ihrer Ehe recht unglückliche Julie war Steiner von der ersten Begegnung an der „Meister“- sie nannte ihn nie anders, und empfand überhaupt mit einer Unmittelbarkeit und Stärke, die in ihrer Schilderung berührt. Julies Unglück bestand in ihrem Umzug ins fremde Prag, in ihren Schwierigkeiten mit ihrer Tochter, und später in der chronischen Untreue ihres Mannes. Als sie nach einem ersten Vortrag Rudolf Steiners einen Augenblick mit diesem allein ist, erkennt -empfindet- sie sofort dessen Größe: „Ich wusste damals noch nichts von Hellsichtigkeit. In einem Moment aber, da wusste ich, dass er alles wisse, was in mir vorgeht. Eine tiefe Scham überkam mich. Kein Wort brachte ich über meine Lippen, ich hatte nur das Gefühl, in den Boden versinken zu wollen. Ich floh von dannen wie eine Geächtete.“

Nach diesem bodenlosen Erlebnis beginnt sie konsequent an sich zu arbeiten, um Steiner ein Jahr später wieder unter die Augen treten zu können: „Aber diesmal hielt ich den Blick bereits aus.“ Mehrmals fragt Rudolf Steiner sie, wie es ihr gehe. Wieder schleicht sie davon. Aber diese Scham ist etwas, was sie, die Atheistin, in Steiners Vortrag innerlich beschwingt und belebt: „Ich sah die Aura des Meisters.“ Später tritt Steiner auf sie zu, reicht ihr die Hand und drückt seine Freude über die Begegnung aus. Von nun an bis zu Steiners Tod besteht diese Beziehung in immer neuen Begegnungen.

Die anfängliche Scheu gegenüber dem „Meister“ schwingt bald um in ein sehr vertrautes Verhältnis. Julie bespricht ihre intimsten Probleme mit ihm, erhält aber auch persönliche Meditationsanweisungen. Als die jahrelange Affäre ihres Mannes mit einer anderen Frau offenbar wird, die zudem wohl schwierig im Sinne eines Borderline- Syndroms war, rät ihr Steiner, sich mit dieser Frau anzufreunden. Julie Klima befolgt nicht nur diesen Rat, sondern lässt diese Frau bei der Familie einziehen. Es folgt ein jahrelanges Psychodrama bis zum Tod des Mannes, das Steiner immer wieder beratend begleitet. Julie wird zur ersten Anlaufstation für die Familie Steiner, Polzer-Hoditz und Andere in Prag: „Es war die schönste Zeit meines Lebens.“ Steiner dient in vielerlei Hinsicht als Familientherapeut: „Ihr Fall ist eine Tragödie. Aber wollen Sie denn keine Tragödie erleben? Nur banale Menschen erleben keine Tragödien.“

Einen besonderen Höhepunkt erreicht die Beziehung zwischen Julie Klima und Steiner bei einem langen Ausflug zur Burg Karlstein 1918. Steiner war bester Laune, zeigte aber auch schon mal Differenzen im Verhältnis zu seiner Frau Marie: „Renommieren Sie schon wieder?“ In der Kapelle von Karl IV. empfand Julie „plötzlich ein wunderbares Seligkeitsgefühl in der Nähe des Meisters“- sie zieht sich wie alle anderen dezent und sensibel zurück. Steiner bestätigt später im Anblick der Fresken, dass darin die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz dargestellt werde.

Julie Klima gehörte zu denen, die mit Steiner innerlich mitgingen, ihm Freundin und Begleiterin war. Es gab diese sehr persönliche Ebene, für die sie sich, als er kränker wurde, auch schämte, aber auch eine Ebene des Erkennens und Anerkennens, die ihre Darstellung so einzigartig macht. Sie war Steiner zu wichtigen Zeitpunkten eine treue und innerlich tief mitempfindende Freundin. Man spürt das bei ihr in jeder Zeile.
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