Die Egoisten

Albert Speer auf Acid

calvert screen

Wie so oft, war ich beim virtuellen Blättern im russischen Calvert Magazin - in dem russische Top- Fotografen und Journalisten ein ganz anderes Russland vorstellen- das der kulturellen und künstlerischen Experimente, in einer Vielfalt von Subkulturen, in die auswärtige Betrachter nie Zutritt erhielten- auf etwas gestossen: Ein reich bebilderter Beitrag über den Schrecken der post- stalinistischen Architektur in Russland und dessen Trabanten.

Das Grauen einer post- humanen - einer jedem menschlichen Maß entwachsenen und somit monströsen- Bauweise sieht man sich am besten selbst an.

Ich hatte den englisch- sprachigen Artikel also überflogen, auf die übliche Art: Auf der Suche nach dem Strang der Kernaussage des Textes, der Positionierung des Autors, eventueller Brüche oder Ungereimtheiten im Text. Diese wunderbar schrecklichen Bilder angesehen, fasziniert von der Komplexität des Materials, Textes und Zusammenhangs. Den Link bei Facebook gepostet, danach selbst kommentiert: „Albert Speer auf Acid.“ Natürlich ist eine solche Bauweise ohnehin Eigenart und Ausdrucksform totalitärer Regime, aber die spezifisch post- stalinistischen Bauten haben dann noch diesen surrealen Touch.

Dies nur eine Bemerkung am Rande - obgleich mit architektonischer Galle versetzt-; das Problem war, dass ich das für einen originellen Einfall von mir hielt. Danach las ich den Artikel in den Details und gründlich, und schluckte dann nur an dem Punkt, an dem da stand: "The 12-storey house with a tower of 18 stories connects seamlessly to the monumental buildings of the Stalin era. “It is terrible to say it” — Belov hesitates for a moment — “but it is still true: Mussolini, Stalin, and Hitler’s chief architect, Albert Speer, simply had good taste.”“ Da war sie hin, die Originalität. Ich hatte das nicht bewusst gelesen. Es schwebte vermutlich in einer Wolke halbverdauter Information unter der besonnten Oberfläche meines Bewusstseins. Wie viel, dachte ich, mag an uns Mimikry sein- ein imitierendes Halbbewusstsein, aus dem die Blasen unserer Originalität aufsteigen? Aus dem Pool, in den Pool. Jemand hält eine Fackel in der Faust, über einem endlosen Meer. Woher, aus welchem Film stammt jetzt dieses kitschige Bild, das ich eben noch für meinen Einfall hielt?
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Der radikale Wandel in Rudolf Steiners Werk - zu Christian Clements „Kritischer Ausgabe"

frommann
Die SKA 7 (Kritische Ausgabe ausgewählter Schriften Rudolf Steiners*) thematisiert Meditation und anthroposophische Erkenntnisschulung im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung des modernen Menschen angesichts einer globalisierten Welt, aber auch einer sich stark ändernden Selbstwahrnehmung des Menschen der Neuzeit. Von beiden Seiten erscheint der moderne Mensch bedroht von Leere und, wie Rudolf Steiner es nannte, dem Erleben der „Ohnmacht“:

"»Ich bleibe mit meiner Fassungskraft hinter dem, was ich eigentlich anstrebe, zurück; ich empfinde meine Ohnmacht gegenüber meinem Streben. – Es ist dieses Erleben ein sehr wichtiges [...] denn dieses Ohnmachtsgefühl ist nichts anderes als das Empfinden der Krankheit [...] Dann, wenn man genügend kräftig diese Ohnmacht empfindet, dann kommt der Umschlag [...] Suchen Sie in sich, und Sie werden finden die Ohnmacht. Suchen Sie, und Sie werden finden, nachdem Sie die Ohnmacht gefunden haben, die Erlösung der Ohnmacht, die Auferstehung der Seele zum Geist« (GA 182, 180 f.).“ (1) Christian Clement äußert in diesem Zusammenhang die Ansicht, dass die so benannte Ohnmacht (übrigens nennt Steiner im Heilpädagogischen Kurs als Ursache für Depression aufgestaute Gefühle) inmitten der „Krise der Moderne“ mit der heute so genannten Depression im Zusammenhang steht: "Was das Individuum als »Depression«, was die Menschheit als »Krise der Moderne« erlebt, ist nach Steiner Ausdruck jener inneren Entwicklungskräfte, die den Menschen aus den Tiefen seines Wesens heraus von seinen früheren instinkthaften Bindungen an Natur und Gesellschaft emanzipieren und ihn gewaltsam zum Erlebnis seiner inneren Freiheit drängen.“ (2)

Der Schulungsweg Steiners soll - analog zur psycho-therapeutischen Selbstbewusstmachung - als notwendiges Instrument der inneren Stärkung, Fokussierung und Emanzipation des modernen Menschen dienlich sein können, wenn er recht verstanden wird: "Die Herausforderung der anthroposophischen Erkenntnisschulung an den Menschen der Gegenwart ist somit im Grunde nicht die: Ob der Einzelne die beschriebene innere Entwicklung will oder nicht; sondern vielmehr die: Ob er diese faktisch sich bereits vollziehende Entwicklung bewusst in die eigene Hand nehmen will oder es dem allgemeinen Evolutionsgeschehen, der »Natur« oder der »Gesellschaft« überlässt, diese Wandlung an ihm zu vollziehen.“ (3)

Derjenige, der selbstbewusst, analytisch und engagiert mit dieser Erkenntnisschulung beschäftigt ist, wird auch dem Lehrer Steiner selbst radikale Wandlungen und Entwicklungsschritte zugestehen -und nicht annehmen, Steiner sei quasi als Menschheitslehrer fertig gebacken zur Welt (und zur Reife) gekommen. Dies kann man nirgends besser erkennen als in den Änderungen, die Rudolf Steiner selbst im Laufe stetig neuer Auflagen an seinen Schriften zur Erkenntnisschulung vorgenommen hat. Diese gehen, wie Christian Clement beweist, über die formale Änderung vom theosophischen zum anthroposophischen Lehrer weit hinaus. Clement nennt diese Veränderung "Vom Einweihungsritus zum individuellen Schulungsweg“ (4). 1904 sieht („Das Christentum als mystische Tatsache“) die Einweihung - als Ziel der Erkenntnisschulung - nach Steiner "der Form des antiken Mysterienkults (bzw. der steinerschen Rekonstruktion desselben) noch sehr ähnlich“, wird in geheimen „Tempeln“ vollzogen und entstammt einer „Geheimüberlieferung“. In „Wie erlangt man..“ verfolgt Clement von Auflage zu Auflage, wie "zunehmend die Konzeption eines modernen Schulungswegs, der von jedem individuell und überall, ohne Einbindung in institutionelle oder personelle Bindungen praktiziert werden kann“ (5), in den Neuformulierungen Steiners zutage tritt. Das von Steiner skizzierte Lehrer- Schüler- Verhältnis ändert sich vollständig: "Der Schüler »begibt« sich nicht mehr in eine »Geheimschule«, sondern »lässt sich ein« auf die Schulung (WE, 107). Aus der »Aufnahme« in eine Schule wird der »Antritt« der Schulung (WE, 96) und die »Geheimlehrer« heißen nun »Berater«, »Lehrer des geistigen Lebens«, »Kenner der Geheimwissenschaft« oder »geistig Geschulte«, die statt strenger »Forderungen« und »Anweisungen« jetzt »Ratschläge« und »Empfehlungen«“ (6) geben. "Der reduzierten Rolle des Lehrers in der geistigen Schulung entspricht eine zunehmende Betonung der Autonomie des Schülers.“ (7)

Im Grunde hat sich in Steiners Arbeiten im Laufe der Jahre das gesamte Konzept einer „Geheimwissenschaft“ und eines klüngelnden Mysterienwesens restlos überlebt: "Hatte Steiner zuvor stets betont, dass bestimmte esoterische Vorstellungen geheim gehalten werden müssten, so verschiebt sich das traditionelle Schweigegebot der alten Mysterien immer mehr in Richtung des Gedankens, dass das Esoterische sich selbst vor unberufenen Augen und Ohren schützt.“ (8) Damit ändert sich auch der elitäre „Wissensvorsprung“ der „Eingeweihten“: "Zudem wird der exzeptionelle und elitäre Charakter der Einweihung entschärft, indem das frühere Ziel des Eingeweihten, zu einem »Führer des Menschengeschlechts« zu werden, soweit herabgestuft wird, dass er nunmehr zur Befreiung der Menschheit nur noch »beizutragen« habe (WE, 219).“ (9)

Insgesamt sieht Christian Clement in den Textveränderungen Anzeichen einer "Deinstitutionalisierung der »Einweihung« zum »Schulungsweg« und ihre Entkopplung von Lehrer, Institution und Ritus“ (10). Dieser lange Weg einer völligen Neuorientierung Steiners in Bezug auf die Rollen von Lehrer und Schüler, Ziel und Organisation der Schulung - und damit verbundenen Methoden- kann man sich gar nicht radikal genug vorstellen. Steiner hat sich keineswegs nur von theosophischen Vorstellungen getrennt, sondern vom gesamten traditionellen Konzept der „Einweihung“. Er ist Stück für Stück mit seinen Adaptionen in die Moderne gerückt und hat damit den aufgeklärten, autonomen, sich selbst infrage stellenden und im sozialen Zusammenhang lebenden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung genommen: "Aus der alten Idee einer Initiation unter Anleitung eines spirituellen Führers wird so nach und nach ein Weg der Selbsteinweihung des gut informierten und daher weitgehend autonomen Schülers.“ (11)

Parallel dazu ist Rudolf Steiner dazu übergegangen, dem naiven Realismus des Lesers entgegen zu wirken und den bildhaften Charakter der Hinweise in den esoterischen Schriften heraus zu stellen- die selbst gewonnene Erkenntnis soll schließlich nicht dem Glauben an wortwörtlich vorgestellte geistige Wesen zum Opfer fallen. Als ein Beispiel mögen die „geistigen Wahrnehmungsorgane“ dienen, deren exakte Lage im Körperschema nicht mehr als feste Tatsache hingestellt wird; in „Wie erlangt man..“ heißt es stattdessen in späteren Auflagen, solche Organe könnten geistig wahrgenommen werden, wobei die Drehbewegung dieser Organe "als bildhafte Ausdrucksweise zu verstehen und nicht wörtlich zu nehmen“ (12) sei: "Insgesamt herrscht die Tendenz, sämtliche Beschreibungen übersinnlicher Phänomene als uneigentlich und bildhaft auszuweisen und stets davor zu warnen, sich von der Konkretheit und Bildlichkeit nicht dazu verführen zu lassen, die beschriebenen seelisch-geistigen Erlebnisse im naiven Sinne als Objekte oder Dinge misszuverstehen.“ (13)

In Bezug auf die vermittelten Übungen selbst fällt in den Textveränderungen auf, dass sich "die Tendenz (zeige), Übungsbeschreibungen, die zuvor in relativ normativer Weise dargestellt worden waren, nunmehr als bloße Beispiele zu verstehen“: "Offensichtlich will Steiner den eigenen Meditations- Anweisungen den autoritativen Charakter nehmen und den generellen Charakter bestimmter Techniken betonen, die dann der Übende gemäß seiner persönlichen Präferenzen individuell gestalten kann.“ (14)

Besonders stark sind Steiners Eingriffe in den Text in der 8. Auflage von „Wie erlangt man..“ zu konstatieren. Aber sie gehen alle weiter in die bislang von Clement skizzierte Richtung des sich selbst bemühenden, eigenverantwortlichen Zeitgenossen: "Zentral ist nicht mehr, dass er von einem autorisierten Lehrer unterwiesen wird, sondern dass er in der rechten Weise bestrebt ist.“ Weiterhin überarbeitet Steiner seinen Text und insbesondere die Begriffe, die "einen Institutionscharakter der Einweihung implizieren und die 1914 stehen geblieben waren“; sie "werden jetzt durch solche ersetzt, die den Prozesscharakter sowie die Flexibilität und Freiheit in der individuellen Verwirklichung des Schulungsweges betonen.“ (15)

So bildet Rudolf Steiner in den durch die Forschungsarbeit Christian Clements dargestellten Text- Veränderungen eine Neuorientierung spiritueller Schulung ab, wobei Steiner erst nach und nach, wie es Zeit, Einsicht und Umstände erlaubten, seine früheren Texte einer Revision unterzog. Sein dabei sichtbar werdendes Ziel war es, ein "Konzept eines allgemeinen, sicheren und von Lehrerautorität unabhängigen Schulungsweges“(16) zu entwickeln. Er hat dabei seine frühere Einstellung zum Thema „Einweihung“ sehr weitgehend revidiert.

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*Steiner, Rudolf: Schriften. Kritische Ausgabe (SKA). Band 7: Schriften zur Erkenntnisschulung
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? – Die Stufen der höheren Erkenntnis. Samt einem Anhang mit Materialien aus Rudolf Steiners erkenntnisschulischer und erkenntniskultischer Arbeit. Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement. Mit einem Vorwort von Gerhard Wehr. 2014. CXXX, 498 S. 17,4 x 25 cm. Ln.

Leseprobe

1 Zitiert nach: Christian Clement, SKA 7, lxxxix, „Schulungsweg und Psychotherapie“, Anmerkung 137
2 CC, SKA 7, Einleitung, XC
3 dito
4 CC, SKA 7, Einleitung, CXII
5 dito
6 dito
7 dito
8 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII
9 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII f
10 CC, SKA 7, Einleitung, CXIV
11 dito
12 CC, SKA 7, Einleitung, CXV
13 dito
14 CC, SKA 7, Einleitung, CXVII
15 CC, SKA 7, Einleitung, CXIX
16 CC, SKA 7, Einleitung, CXX
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Novemberlicht

november
Im Vorübergehen, am Feld, die kleine Erinnerungstafel an einen jüngst verstorbenen Erwanderer der Gegend, die Pferdekoppel, die voller Schlamm steht, und mittendrin die schweren Klötze der bäuerlichen Pferde. Ein Blick herum, ins weite Feld, die von Blättern kahl gewehten Weiden, die sonst so plappermäuligen Pappeln, nun stumm. Die ganze weite Landschaft bis zu den Ausläufern des Neubaugebiets überblickend die Frage: Was spricht die Landschaft, wenn ich das alles zusammen nähme, jetzt?

Die ziehenden Wolken,
des Glückes beraubt.


Und wirklich, ja, das Licht, selbst wenn es schiene, wäre nun fahl, ein des Leuchtens und Wärmens entfallenes Element, ein seines Kreatürlichen Beraubtes. Das könnte man wirklich gut fotografieren. Die Weite ist ausgeleuchtet wie ein seiner selbst beraubtes Abbild. Wohin ist es gegangen, das Kreatürliche, das uns Menschen tröstet und physisch aufbaut, während sich Schönheit über Schönheit aus der Natur entwickelt, das Auge erfüllend, es ist fort.

Das Herz geht horchend mit den Wolken, der Atem verkriecht sich unter dem Feld. Meine Stirne wird frei vom Mark der Steine. Ich habe unter den losen Wurzeln der Bäume in den Rhein- Armen gesucht, bin die alten Pilgerwege von Emmerich gegangen, bin ihnen bis in die Pyrenäen gefolgt, und endlich bis ans Cap Finstrere. Ich habe die Novembersonne nicht gefunden.
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Music for the end of time

Über Richard Powers „Orfeo"

Ja, das mag sein, vielleicht trägt Richard Powers in seinem neuesten Roman „Orfeo“ zu dick auf. Und ja- es ist dieselbe alte Geschichte - ein genialer moderner Komponist -Peter Els- trifft auf die amerikanische Wirklichkeit nach dem 9/11, geht beinahe daran zugrunde und schreibt am Ende die beste Musik seines Lebens. Und ja, er hat einen guten Freund - einen genial- getriebenen Regisseur - und eine beste Frau, die ihn mitsamt gemeinsamer Tochter verlässt, weil das Künstlerleben nicht ihren Vorstellungen entspricht. Und ja, sie sprechen sich am Ende, nach Jahrzehnten, wenigstens aus, nachdem dieses Leben von Richard Powers auserzählt worden ist.
Bildschirmfoto 2014-11-18 um 17.32.09

Aber dennoch- wenn auch kaum ein Klischee ausgelassen wird - Richard Powers ist eben ein kraftvoller Schriftsteller, der mit dem Quast arbeitet, nicht mit der kalligraphischen Feder. Seine Personen werden in 3d und in Farbe ausgemalt. Bei einem, der Musik liebt wie die Protagonisten dieses Buches, liegt der Friede schon im Hören von Musik: „Wordless peace fills him at the sight of his own crumpled, listening body. And pity for anyone who mistakes this blinkered life for the real deal. (..) Lines echo and overlap, revealing where the music has been heading from the opening Do. They plait together too tightly for Peter’s ear to make out everything that happens inside the five-way weave. The sound surrounds him, and Peter is immanent, inside it all, a small but crucial part of everywhere.

Musik öffnet hier - in zahllosen intimen Schilderungen - ein inneres Auge, um in ihr in einer bewussten Transzendenz aufzugehen: "Only keep still, wait, and hear, and the world will open.“ Dies ist der Punkt, das innere Anliegen, das den Komponisten umtreibt, das aber sprachlich - etwa gegenüber seiner Frau - nicht vermittelbar ist: "Music, he’ll tell anyone who asks over the next fifty years, doesn’t mean things. It is things.“ So kommt es zur Erfahrung eines unsterblich- Existentiellen: "Perhaps we all know deep down . . . that we are immortal.

Die Unsterblichkeit schützt unseren Helden allerdings nicht vor unfassbaren Dummheiten. In seiner Suche nach dem Immanenten verwirklicht er sich nicht nur in der Komposition, sondern überträgt seinen Wissensdurst auf die Chemie. Nicht im alchemistischen Sinn, sondern ganz handgreiflich in Versuchen der Manipulation von DNA. Das Labor weckt das Misstrauen von Mitbürgern und Institutionen wie dem amerikanischen Heimatschutz; es kommt durch eine Medien- Kampagne sogar zur öffentlichen Hexenjagd, da der verrückte Künstler, der den Klang und die Komposition in den Stammbaum von Bakterien bringen will, als Terrorist verdächtigt wird. Er versteckt sich im Ferienhaus seiner Therapeutin, mit der er einmal eine Affäre gehabt hat, und pflegt seine einsamen Obsessionen: "His whole history, recorded in a few haphazard splashes of water: the idea was mad. But music itself—the pointless power of it—was mad, too. A six-chord sequence could chill a soul or make it see God.“ Während wir doch alle umgeben sind von einem Schwall sinnlosen, entrückten Wall von Geräuschen und Informationsbits ("The air fills with trivial ecstasies.“) findet der verfolgte, verlassene und von der menschlichen Gemeinschaft ausgestossene Komponist Kraft für einen musikalischen Durchbruch: "music for the end of time."
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„Anthroposophische Spiritualität“. Zu einem Buch Jens Heisterkamps

Ganz in dunklem Blau, mit kräftigen Spuren eines komplementären Orange, das den Rahmen einer sich öffnenden Tür umrandet- so präsentiert Jens Heisterkamp sein Büchlein mit dem Titel „Anthroposophische Spiritualität“*. Nicht nur die Untertitel, sondern vor allem der Autor selbst geben die Gewähr, dass es sich keinesfalls um eines der zahllosen anthroposophischen Schriften mit großem Anspruch und wenig Originalität handelt, sondern vielmehr um eine Positionsbestimmung, in die Erfahrung, Umsicht, Zeitgenossenschaft, ein selbständiger sprachlicher Duktus und Mut zum persönlichen Statement einfliessen.

Heisterkamps Betrachtung umfasst fünf Abschnitte, die durchaus auch in sich abgeschlossen bestehen könnten. Zunächst widmet er sich einer prägnanten Betrachtung von Rudolf Steiners Denkentwicklung, die Heisterkamp auf knappe Art und Weise in ihren Umbrüchen charakterisiert. Er verzichtet dabei fast vollständig auf das typische anthroposophische Vokabular, sondern beschränkt sich auf knappe Zitate mit einer modernen Interpretation: „Im Bemerken der Tatsache, dass die Geistigkeit der Welt in das menschliche Innere nicht nur hineinragt, sondern in ihm sogar neu zu Bewusstsein kommt, geht Steiner der Sinn des Menschseins auf. Dabei meint er mit seiner platonisch anmutenden Rede von der „Ideenwelt“ nicht das intellektuelle Denken des Verstandes, dessen kombinatorisches Vor-sich-hin-Laufen ja jede spirituelle Entwicklung hemmt, sondern die bewusst gemachte Anwesenheit des Einen spirituellen Urgrundes, der in Form einer Denk-Spur durch unser Bewusstsein zieht - mit den Merkmalen tiefer Verbundenheit ausgestattet und jederzeit dazu in der Lage, uns denkend über unsere Begrenztheit in ein tieferes Verstehen hinauszuführen.“ (S.19) In Vergleichen zu Denkern wie Heidegger und der Zen- Philosophie versucht Heisterkamp, den Logosbegriff Steiners („der Welt und Mensch übergreift“) ebenso zu charakterisieren wie dessen Vorstellung von Freiheit („Die Erfahrung an der All- Einheit im Bewusstsein ist ja eine Erfahrung von Freiheit: Freiheit im Sinne einer prinzipiellen Unbegrenztheit und Ungetrenntheit, der „Aufgehobenheit“ des Individuellen im All- Einen…“). Besonderes Gewicht in der Darstellung - im Sinne einer inneren Metamorphose- erhält Steiners zeitweiliges Aufgehen im mystischen Rahmen der Theosophie, aber auch seine Emanzipation gegenüber der „östlichen Weisheit“ durch Steiners Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Der eigentliche spezifische spirituelle Schulungsweg Steiners findet sich fragmentiert in seinem gesamten Vortragswerk verteilt. Um eine „rezeptartige Übernahme“ der vielen vorgetragenen „Forschungsergebnisse“ Steiners kann es für den modernen Leser nicht gehen, zumal manches „inzwischen zeitlich überholt“ (S. 37) erscheint- manchmal auch in dem Sinne, dass die „Aussagen Steiners“ z.B. über Menschen mit anderer Hautfarbe „diskriminierenden Charakter“ haben.

Im zweiten Teil versucht Heisterkamp, Steiners Grundansatz, eine „Spiritualität vom Denken her“ zu entwickeln, seine „Mystik des Denkens“ sprachlich zu fassen und damit Motive für eine „moderne, aufgeklärte Spiritualität“ (S.39) heraus zu arbeiten. Das Nachdenken über das Denken im Sinne Steiners führt eben nicht nur zur postmodernen Position, im Denken „lediglich ein subjektives Konzept“ zu sehen, sondern auch zur „zentralen Eigenschaft des Denkens: Seine Universalität und seine Allgemeingültigkeit.“ (S. 45) Die „mystische“ Erfahrung des Denkens führt in den Worten Heisterkamps zu der Erfahrung: „Nicht ich denke die Gedanken, sondern ich bewege mich denkend in einem in sich selbst begründeten (organischen) Weben des Denkens..“. (S. 47) Die „Schlüsselerfahrung“ moderner Spiritualität mündet schließlich in der Fähigkeit, „Bewusstsein als Bewusstsein selbst“ zu erfassen - in der Leere eines fokussierten Denkens, das sich aber nicht mehr in seinen Inhalten verliert. Damit ist auch die Erfahrung verbunden, dass das Denken uns erst als Subjekt konstituiert. Der anthroposophische Weg führt zur Ursprünglichkeit eines reinen Bewusstseins, ohne sich dabei in einer „Selbstauslöschung“ aufzugeben. Die dualistische Weltsicht wird in dieser meditativen Denkaktivität nach und nach überwunden, indem die „Denktätigkeit“ (S. 57) selbst erfahrbar wird. Dies ermöglicht es, etwas „zuvor nicht Vorhandenes in die Welt zu bringen“ (S. 60) und somit unabhängig, kreativ, auch sozial schöpferisch tätig zu werden. Die Evolution der Dinge und Wesen bis hin zur Selbstgewahrwerdung wird in dieser Sicht durch eine „Involution“ des Geistes in die Materie ergänzt. Heisterkamp ist an diesem Punkt der Betrachtung bemüht, die widersprüchlichen Signale zwischen Individualismus, Kultur, reaktionären Tendenzen und ungehemmter Freizügigkeit als zeitgenössische Wegmarken verständlich zu machen und zugleich existentielle Grundbedingungen des Menschen zu erfassen: Menschen sind „grundsätzlich unfertig und unbestimmt“ (S. 69). Das schließt Probleme, Hemmnisse, Schmerzen und die „vielleicht auch dunklen Seiten“ (S. 73) des Individuums mit ein. Das „Evolutionäre“ bedeutet für Heisterkamp an diesem Punkt weniger, individuell nach „Erleuchtung und höherer Erkenntnis“ zu verlangen, als im Sinne Steiners „das Erwachen am anderen Menschen“ zu suchen- und damit praktisch und konkret tätig zu werden. Das „Interesse am anderen“, an einer „Zukunft dieses Menschen“ ist das Credo dieser Spiritualität, die ihr Potential in einer „neuen Achtsamkeit für Gemeinschaftsbildungen“ gewinnt. Hier sieht Heisterkamp auch die gemeinsame Schnittmenge mit anderen spirituellen Richtungen, die er im dritten Teil des Buches („Stufen der Entwicklung“) weiter ausführt.

Die Vertiefung der Grundmotive einer so angedeuteten evolutionären Bewusstseinsentwicklung führt Heisterkamp zur Darstellung kosmischer und menschlicher Entwicklung im Sinne von Bewusstseinsstufen, die sich zwar entfalten, aber zugleich in den „transformativen (freien) Möglichkeiten, Bewusstsein zu entwickeln“ (S. 89) auch, da es sich keinesfalls um einen linearen Prozess handelt, „Brüche und Abstürze“ frei legen- das 20. Jahrhundert war von diesen Abgründen geprägt. Totalitarismus und Terror sind die Schattenseiten dieser Evolution des Bewusstseins, das, in anthroposophischer Terminologie zum „Berührt- Werden vom Geist“ im Sinne der Entfaltung des Geistselbstes führen kann. Heisterkamp spricht an dieser Stelle von einer Einverleibung des Geistes, oder, in Worten Andrew Cohens, vom „Authentischen Selbst“.

Die eigentliche meditative Arbeit daran stellt Heisterkamp im vierten Teil („„Schulungsweg“: Spirituelle Transformation durch Weltbegegnung“) - wiederum in einer spezifischer werdenden Darstellung- vor. Auf der einen Seite steht eine Umwandlung des „intellektuell- emotionalen Apparat(es)“ (S. 101), auf der anderen eine zunehmende Verankerung im Sinne einer zu entdeckenden Ruhe („sein Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu führen“- nach Steiner). Die Darstellung der meditativen Schritte führen Heisterkamp auch zu einer Darstellung der Entfaltung der Chakren.

Im letzten, recht kurzen Abschnitt wagt Heisterkamp einen Ausblick auf die weitere Entfaltung der Anthroposophie im 21. Jahrhundert. Die „exklusiven Lehrinhalte“, die ritualisierten Arbeitsformen und die relative Abgeschiedenheit der anthroposophischen Bewegung sollten in seinen Augen überwunden werden zugunsten einer umfassenden Dialogbereitschaft auch mit anderen spirituellen Strömungen. Dabei geht es nicht um Vermischung und Verwässerung der Impulse, sondern um ein „Sondieren und Fruchtbar- Machen von geistigen Schnittmengen“ (S. 123). Die Zeiten haben sich natürlich seit Steiners Lebens- und Wirkenszeit verändert - heute findet sich die anthroposophische Bewegung wieder in einer Ära der „globalisierten Spiritualität und Religiosität“ (S. 125). Dazu gehört für Heisterkamp einerseits das Besinnen auf die „philosophisch- gedanklichen Grundlagen der Anthroposophie“ (S. 127), andererseits das Überdenken mancher (häufig lediglich als Phrase benutzten) anthroposophischen Maximen wie z.B. dem viel beschworenen „Christus- Impuls“.

Das zentrale Anliegen Heisterkamps, was die Anthroposophische Gesellschaft im 21. Jahrhundert betrifft, ist aber die Notwendigkeit eines fortlaufenden und sich vertiefenden Dialoges - eben das, was er auch als zentrales spirituelles Motiv für das Individuum heraus gearbeitet hat. Das Büchlein ist dafür selbst ein Beispiel, da es - ohne den Ballast anthroposophischer Nomenklatur - zentrale anthroposophische Anliegen und Bestrebungen darstellt und damit „Einsteigern“, aber auch Anhängern anderer spiritueller Bewegungen näher bringen kann.

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*Jens Heisterkamp, „Anthroposophische Spiritualität. Denken, Meditation und geistige Erfahrung bei Rudolf Steiner. Eine Einführung“, Frankfurt/ Main 2014
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Elsbeth Weymann: “Nicht in unserem Namen! -Juden und Araber sind Söhne Abrahams“

“Nicht in unserem Namen! -Juden und Araber sind Söhne Abrahams“- Dies war die Botschaft eines Plakats bei Demonstrationen im August 2014 in New York. Gemeinsam getragen von Juden und Palästinensern. Im gegenwärtigen Gazakrieg der Raketen und Bomben, der Hass und Vernichtungstiraden auf beiden Seiten eine erstaunliche Stimme. In all den täglichen Schreckensnachrichten wird ja meist vergessen, dass es bereits seit Jahrzehnten eine israelisch-palästinensische Friedensbewegung gibt, wie Rabbiner für Menschenrechte, Gusch Schalom , die Organisation Breaking the Silence, in der sich Soldatinnen und Soldaten für den Frieden einsetzen u.a. Auf beiden Seiten gibt es außerdem die versöhnlichen Stimmen Einzelner: Sari Nusseibeh, Susan Abulhawa, Emil Habibi für die Palästinenser, Moshe Zimmermann, Noah Flug, Etgar Keret auf jüdischer Seite, um nur einige zu nennen.

Gibt es eine Lösung der Israel-Palästinafrage? Reicht der Konflikt nicht schon bis in biblische Zeiten zurück? Ismael und Esau, Söhne Abrahams und Isaaks, Stammväter der Araber, wurden in die Wüste vertrieben. Esau heiratete später eine Tochter Ismaels. So verbanden sich die beiden vertriebenen Abrahamsöhne und Vorfahren der Araber schon vor Urzeiten auch verwandtschaftlich miteinander (Gen 28,6).

Liest man diese Erzählung in der Bibel im hebräischen Originaltext, so bezaubern Wucht und Kraft, Herbheit und die klare, leuchtende Schönheit dieser Sprache. Man muss sich aber auf eine ganze Reihe von Besonderheiten, Satzbau, Stil und den Umgang mit Wörtern betreffend, einlassen, um die Größe dieses Textes zu erfahren.
Als man der hebräischen Sprache noch lebendiger gegenüberstand, konnte man in den Worten noch etwas vom Fließen des Geistes und dadurch in den Worten selber etwas Geistig-Ideelles, etwas wirklich Geistiges verspüren (Rudolf Steiner).

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Zum ganzen Text von Elsbeth Weymann
Die
Elsbeth-Weymann-Seite bei den Egoisten
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Der Geist ist - Im klaren Blick der geistigen Präsenz

geististDie Fülle der unterschiedlichen Rollen, in denen man sich entfaltet, gestaltet und in denen man auch an sich und seinen Ambitionen scheitern kann, ist nie größer gewesen als zur Neuzeit. Wir sind durchaus nicht dieselbe Person, etwa im Beruf und in einer Partnerschaft, als Antragsteller in einem Amt, bei einer Bewerbung oder als Sportler. Die Rollen gestatten es uns, durchaus unterschiedliche Aspekte unserer persönlichen Gewichte auszuleben. Wir sind heute - das meint der Fachbegriff "Bewusstseinsseele" - in der Lage, unsere unterschiedlichen Seiten und Rollen entspannt (oder auch erheitert oder moralisch entgeistert, auf jeden Fall jenseits der Scheingefechte der illusionären Selbstbehauptung), anzusehen und zu gestalten.

In den älteren Formen menschlichen Entwicklung - etwa der "Empfindungsseele" - ist das Individuum derart verschmolzen mit einer einzigen Rolle - etwa durch zeitgenössische gesellschaftliche Moralvorstellungen -, dass man von einer Rolle gar nicht sprechen kann. Das Individuum existiert noch gar nicht, sondern geht in eine determinierende Definition seiner Rolle auf, die es selbst auch übernimmt. Es gibt nur autoritäre Strukturen, die auf solche Selbst- Definitionen eingehen können. Der naive, ganz in sich befangene Tyrann (oder der Untertan, der Gerüchte- und Autoritäts- Gläubige) entsteht.

Die "Verstandesseele" meint den von seinen Bedürfnissen Getriebenen, den Homo Faber (oder auch den neuen Homo Fama, der den wirren, aber unwiderlegbaren Mythen, den Verschwörungstheorien des Computer- Zeitalters anhängt), den einsamen Technokraten, den Feinschmecker, den in dumpfer Jagd Verfangenen. Er folgt bedingungslos dem eigenen Kalkül, verliert sich im Theoretisieren oder folgt der Spur des kurzfristigen Erfolgs. Er darf nicht erlauben, dass sein energisches Binnensystem in Frage gestellt wird. Das würde seine Schlagkraft unterminieren. Alles, was dieses empfindliche intellektuelle (oder auch sentimentale) Wesen stören könnte, wird unter dem Diktat der Selbsterhaltung, der Authentizität, aus dem Bewusstsein gebannt.

Der moderne selbstbewusste Zeitgenosse weiß um seine Gefährdung, durch innere oder äußere Umstände gezwungen, auf eine archaische Ebene wie die der bloßen Selbstbehauptung oder die der bodenlosen Empfindungen zurück gestoßen werden zu können. Der Mensch hat die soziale Aufgabe, seine unterschiedlichen Rollen auszugleichen, aber nicht um den Preis des Rückfalls in die Naivität des "Ich bin ich". Niemand hat behauptet, dass das Selbstmanagement leicht werden würde- es ist aber doch zugleich die einzig mögliche Positionierung, da es ohne Bewertung der eigenen Filter in der Wahrnehmung keine Spur von Freiheit geben kann. Wir würden sonst bedingungslos selbstsüchtigen Impulsen und Ideologien hinterher laufen.

Jede moderne Initiation bedarf dieser permanenten Selbstkorrektur- etwa der selbständigen Gewichtung unserer Rollen- auch der Rolle des zu Initiierenden. Das Selbstbildnis, das irgendwann einmal vielleicht ohne Risse erschienen war, wird zu einem Zerrspiegel, in dem sich da situative Wesen entfaltet. Gerade im Angesicht der brüchigen Identität, jenseits der Sicherheiten, im kalten Blick der Sterne, in den eigenen Widersprüchen und unter der Figur, als die wir uns geben, erwacht das Selbstempfinden- ein Selbsterleben, das in die Persönlichkeitsstrukturen eingeht, sich darin ausdrückt, aber nicht damit identisch ist. Das Meer bleibt Meer, auch wenn es Land formt.

Was bleibt von uns, wenn wir das „Maschinelle“ abziehen, von dem Rudolf Steiner meinte: "Derjenige, der die ersten Schritte der Initiation schon durchgemacht hat, merkt, dass alles das, was an Maschinellem das moderne Leben durchdringt, so in die geistig-seelische Menschlichkeit eindringt, dass es vieles in ihr ertötet, zerstört." (GA 275.25) Wie viel „ertötet“ in uns selbst, weil wir nicht zur rechten Zeit an unsere eigenen Ressourcen heran kommen? Das „Maschinelle“ ist zunächst alles, was ein Computer simulieren kann, aber auch unser Aufgehen in Rollen, unsere Selbstreduktion: Das Würdelose an uns selbst.

Viele spirituelle Richtung erscheinen als Mind- Traps, weil sie geistige Autorität vorspiegeln und dem Suchenden die Rolle des Novizen zuweisen. Dabei gibt es in der individuellen Reife spirituelle Schülerschaft so wenig wie die Kategorien von Meister und Schüler. Es gibt keinen Anfang und kein Ende des inneren Weges, auch wenn vielleicht Hindernisse wie die eigenen Verhaftungen, der chronische Selbstbetrug, die inflationär betriebenen Selbstinszenierungen, als Filter vor dem Auge stehen. Im klaren Blick erwacht die Selbsterfahrung als geistige Präsenz.
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Die Todsünden gegenüber dem Geist oder:Wir basteln uns einen Mahatma

quichote
Sehen wir uns die Reihe der drei von Rudolf Steiner so genannten Todsünden gegen den Geist rein vom Umfang her an, dann muss man folgern, dass Steiner das „amerikanische“ Element am meisten im Magen lag. Das „Amerikanische“ aufgefasst als der blanke Materialismus kapitalistischer Machart war zu Steiners Zeiten vielleicht noch lokalisierbar als dieser amerikanische Kontinent- obgleich Handelsstädte der ganzen Welt so dachten und denken. Heute mehr denn je, quer über den Globus verteilt, Hochburgen in Manila, Peking, Tokio, Moskau, und so weiter, bis in jedes Dorf hinein. Steiner schrieb damals:

"Es gibt drei Strömungen, die durch ihre innere Verwandtschaft das Zerstörerische für die Menschheitsentwickelung haben. Dadurch, dass sie in verschiedener Weise die Erbstücke und das Neue aufgenommen haben, dadurch sind sie das Zerstörerische. Vorzugsweise in drei Strömungen liegt dieses Zerstörerische: Erstens in alledem, was man Amerikanismus nennt, denn das tendiert immer mehr und mehr dahin, die Furcht vor dem Geiste auszubilden, die Welt nur zu einer Gelegenheit zu machen, in ihr physisch leben zu können. In der Welt bequem und reich leben zu können, das ist das politische Element des Amerikanismus. Unter dem Einfluss dieser Strömung muss aber der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt ersterben. In diesen amerikanischen Kräften liegt das, was wesentlich die Erde zum Tode bringen muss, weil der Geist davon abgehalten werden soll. Das zweite Zerstörerische ist nicht bloß der katholische, sondern aller Jesuitismus. Diese Strömung will die Kräfte in der Menschennatur verkümmern lassen, die nach dem Übersinnlichen gehen. Und das Dritte ist der rein das Animalische sozialisierende Sozialismus, Bolschewismus. (R. Steiner, GA 181, S. 406f)

Ich versuche diese hier zitierten Begriffe nicht statisch, starr, dogmatisch zu verstehen - Amerikanismus, Katholizismus, Bolschewismus -, sondern als dynamische Problemfelder, die heute durch Sickerprozesse und Globalisierung andere Gestalt angenommen haben. Das „Jesuitische“ würde ich heute als das auffassen, was durch Bilder und Impulse (nicht durch Einsicht und offene Kommunikation) auf den Willen wirken will. Alles das, was den Menschen nur als Konsumenten auffasst und beeinflusst; als Konsumenten auch von Meinungen und Haltungen: Die Werbebranche mit ihren Niederungen in TV, Politik und Google- Analyse. Die reine Masse der Quoten. Letztlich umfasst dieses Themengebiet auch die Selbstbilder jedes Einzelnen, der sich als Projektionsfläche so vieler kommerzialisierter Ideale versteht - als Produkt der Moden seiner Zeit. Der Macht dieser Selbstbilder kann sich jeder Einzelne nur selbst entziehen - durch die Entwicklung und Entfaltung innerer Autonomie- Erfahrung. Die „Präsenz“ im Sinne einer nüchternen Selbst- und Seins-, vielleicht auch Gottes- Erfahrung durchdringt und durchleuchtet die Macht der Bilder.

Das „animalisch Sozialisierte“ ist ein bürokratisches Monster- es findet sich heute in all den Systemen, die heute in automatisierte Optimierungsprozesse getrieben werden- durch endlose Dokumentation, Evaluation und Selbstausbeutung - Systeme, in denen der Einzelne schnell zerbricht. Sie können ihn zerreiben. Die permanente Selbstentäußerung in der Arbeit erfordert eine Gleichförmigkeit in andauernder Veränderung - etwas, auf Dauer menschlich kaum ohne individuelle Blessuren durchzuhalten ist. In diesen Systemen ist es anspruchsvoller denn je, Freiräume im Sinne einer moralischen Fantasie zu entwickeln- im Dienst der Sache. Möglich ist es doch. Das ist es doch, was von uns erwartet wird: Zukunft zu bilden, Fortschritt, Entwicklung- womöglich nicht die nächste Revolution zu verschlafen.

Möglich ist es auch, die eigenen Rollen, treibenden Selbstbilder und das Konsumenten- Verhalten zu analysieren und sich darin aktiv zu positionieren - das eigene Materialistische, das Sicherheitsbedürfnis und den eigenen Egoismus zu erkennen und damit umzugehen. Das ist eine Aufgabe, kein Fatum. Zugleich gibt es eine hoch sensitive kollektive Betrachtung all dessen z.B. in den Feuilletons und manchen Netzwerken, in Talkshows und Freundeskreisen. Die digitale Bildungsschicht ist in Netzwerken organisiert und formuliert sich darin selbst- all den von Rudolf Steiner genannten zerstörerischen Strömungen zum Trotz. Die Freiheit, sich in der informellen und systematischen Flut eigene Meinungen zu bilden und Standpunkte einzunehmen, besteht nicht nur, sondern wird größer. Auch wenn es unangenehme Meinungsbildungs- Wellen gibt, aufflackernde fanatische- und autistische Selbstbilder, dahinter gutmeinende Kampagnen, die durchs Netz wabern. Trotz allem gilt es vor allem, die mediale Selbstbestimmung zu vollziehen- denn das sind wir ja ständig: mediale, sich mitteilende Menschen.

Dennoch: Ein global agierendes Unternehmen wie Amazon ist so erfolgreich, weil es eben die „Todsünden“ als Prinzip beherrscht, nämlich effektiv und selbst lernend organisiert zu sein- bis hinein in die Logistik-, als Werbeform individualisiert in Bezug auf die Haltung des Konsumenten, ihn als Kommentator einbindend- oder auch direkt als Wiederverkäufer. Man kann schnell am System partizipieren, und sei es nur, um ein paar seltene Bücher zu veräußern, die man noch herum stehen hat. Oder indem man einen bezahlten Werbekanal für Amazon auf seiner Website platziert. Die einem Wort: Die Todsünden, in variierenden Kombinationen vorstellt, entwickeln sich zu Geschäftsfelder des medialen Zeitalters, die so tatsächlich funktionieren.
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Die unwiderstehliche Sehnsucht. Über D.N. Dunlop

dunlop
Es ist ein großes Verdienst Thomas Meyers, die Quellen zu D.N. Dunlop* offen gelassen zu haben, der einst als Generalsekretär der englischen Anthroposophischen Gesellschaft vorgesehen war, aber im internen Krieg in den 30er Jahren von einem Dornacher Vorstand, der auf jeden einschlug, der sich mit Ita Wegman verstand, aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden war. Dabei war Dunlop ein international agierender, selbstbewusster Organisator, ein Repräsentant der Energiewirtschaft mit intimen theosophischen Wurzeln, ein von Kindesbeinen an geistig Erwachter, der von Rudolf Steiner überaus geschätzt worden war. Als Reprint ist auch sein Schulungsbuch „Path of Attainment“ erhältlich- bezeichnender Weise nicht in deutscher Sprache. Eleanor Merry Erinnerungen an Dunlop** sind gerade wieder aufgelegt worden.

Dunlops frühe Initiation geht - so berichtet Meyer - auf dessen Kindertage im Jahre 1882 zurück. Er lebte seit Jahren, nach dem Tod der Mutter, bei seinem Großvater auf Arran, einer isolierten kleinen schottischen Insel- dem Wirkensumkreis der Mönche um Columban in 6. Jahrhundert, auf der sich auch vorchristliche Steinkreise befinden. Die Isolation war vollkommen, die einzige Literatur für Dunlop bestand in der Bibel. Im genannten Jahr wachte Dunlop morgens in der Blutlache seines in der Nacht verstorbenen Großvaters auf. Das Kind erlebte im Schockzustand Imaginationen vom Großvater und sich selbst aus ägyptischer und griechischer Zeit - auch Tempelszenen: „Dann sah er sich als griechischen Jüngling, der in einem weißen Gewand mit einem goldenen Gürtel an eine Tempelsäule gelehnt stand. Er betrachtete eine Prozession, die eben den Tempel betrat. Er war in einem der heiligen Haine, die dem Kult der orphischen Mysterien geweiht waren, und er fühlte einen großen Schmerz, denn die Frau, die er liebte, wurde ihm genommen: sie sollte im Tempel eingeweiht werden. Er fühlte sich vollkommen verlassen.“ (Meyer. S. 31)

Erst als Erwachsener konnte Dunlop diese Imaginationen als Reinkarnations- Bilder verstehen. Wenige Jahre später machte Dunlop die Bekanntschaft mit Theosophen wie dem berühmten W.B. Yeats und G.W. Russell- Literaten, Maler und spätere Politiker; eine feste Clique, die sich mit Blavatsky beschäftigte und in Dublin zur theosophischen Szene gehörte. Yeats driftete ab 1890 in die obskuren „rosenkreuzerischen“ Logen wie den „Golden Dawn“ ab und betrieb zeremonielle Magie, während Dunlop, immer bodenständig, seine Spiritualität in ein konkretes Handeln einfliessen ließ- er war immer ein Mann der Tat. Sein dennoch überragendes und reales praktiziertes Arbeiten floss gelegentlich in Aufsätze ein wie den 1897 erschienenen „Abwege der okkulten Entwicklung“. Vor jeder Begegnung mit Rudolf Steiner zeigt sich Dunlop darin als westlicher Eingeweihter: „Die rechte Methode ist jedoch, das Denken zu regeln; dann werden sich die Lebensströme von selbst regeln. Es gibt einen kleinen Lebensgott in unserem Leibe, der viel besser weiß als wir selbst, wie die Ströme zu regulieren sind. Man überlasse die Atemregelung ihm und kümmere sich um sein Denken.“ Dunlop hat später die Gesamtheit aller Chakren im inneren Geistleib in Zusammenhang erlebt mit den Tierkreiszeichen. Aus autobiografischen Skizzen wissen wir, dass in dieser Zeit in ihm der Wunsch erwachte - eine „unwiderstehliche Sehnsucht“ (..), „einem physisch verkörperten Eingeweihten, einem Wissenden auf dem Felde spiritueller Erkenntnis zu begegnen, um mich dann auf meine Weise in den Dienst der Verbreitung dieser Erkenntnis zu stellen.“ (Meyer, S. 73) Dieser Eingeweihte wurde für ihn Rudolf Steiner.

Dunlop arbeitete ab 1899 für den Konzern Westinghouse und lebte zeitweise in den USA, aber meist in London. Ab 1911 begann er sich innerlich und publizistisch von der Theosophie zu distanzieren, die sich mit Annie Besant auf „gefährliche Neuerung“ eingelassen, die „Berührung mit dem lebendigen Christus“ und „klares Unterscheidungsvermögen“ eingebüsst hatte (Meyer, S. 98). Dunlop dagegen suchte danach, einen inneren Altar aufzubauen, um „Glieder jener mystischen Kirche zu werden, welche den Christusleib in dieser Welt bildet“ (Meyer, S. 111). Dies sowie Dunlops eigenes Credo „skill in action“ führten ihn wie von selbst zu Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ mit ihrem Schwerpunkt auf „moralischer Phantasie und Technik“. Aber Dunlop kam eben in völliger geistiger Unabhängigkeit zu Steiner und zur Anthroposophie- als jemand, der seit je her die „Ur- Energie“ in sich selbst bearbeitet hatte, „welche die Hauptquelle ist von allem, was er ist, war und je sein wird“ (Meyer, S. 131) Dunlops Thema war die „bewusste Unsterblichkeit“. Ab 1918 studierte Dunlop Anthroposophie systematisch in einer Arbeitsgruppe- bis dahin hatte er sich Steiner vorsichtig angenähert. 1920 bewarb er sich um Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft. Die Begegnung mit Steiner erfolgte 1922- ein Händedruck, der „viele Minuten dauerte“- ein gegenseitiges Erkennen. Gegenüber E.C. Merry hat Rudolf Steiner ein Jahr später über Dunlop geäußert, dieser „sei mit allen antiken Mysterien verbunden gewesen.“ (Meyer, S. 177) Der Rat an Merry war: „Knüpfen Sie die Bande mit ihm, so fest Sie nur können“. Damit begann Dunlops energische, weitreichende Tätigkeit innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft- aber nach Rudolf Steiners Tod wurden seine kompromisslose Energie und seine innere Selbständigkeit gegenüber Dornach auch immer mehr zum Problem. 1934 wurde jede nicht von Dornach kontrollierte Bewegung zum Ausschlussgrund eines um Zentralisierung und reine Macht bemühten Vorstands.
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Thomas Meyer, D.N. Dunlop. Ein Zeit- und Lebensbild
Eleanor Merry, Erinnerungen an Rudolf Steiner und D. N. Dunlop
D. N. Dunlop Institut für anthroposophische Erwachsenenbildung Sozialforschung
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Die Welt ist der Makroanthropos. Über den Denkweg Friedrich von Hardenbergs

novalis3Über den so schönen, zarten und im besten Sinn kultivierten Friedrich von Hardenberg, der, vermutlich wegen Mukoviszidose, viel zu früh verstorben ist, hat sich auch Rudolf Steiner verschiedentlich geäußert. Dies weniger in Bezug auf den klassischen Frühromantiker, sondern geradezu im Gegenteil auf den mathematischen Denker Novalis: „Der gegenwärtige Mensch nimmt durch innere Erleuchtung ja nichts anderes wahr als Mathematisch-Mechanisches. Und nur auserlesene Geister, wie etwa Novalis, schwingen sich dazu auf, das Gedichthafte, das tief Phantasievolle von so etwas zu empfinden und auch dichterisch darzustellen, wie es eben das mathematisch-mechanische Innere ist, das Novalis in so schöner Weise, harmonisch geradezu, besungen hat.“ (GA 202.252f) An anderer Stelle deutet Rudolf Steiner an, dass dieses „Fühlen der mathematischen Harmonien“ eine besondere Erkenntnismethodik war, die Friedrich von Hardenberg das Wirken der gestaltbildenden Kräfte der Welt erfahren ließ: „Da mischt sich in das mathematische Erleben, das sonst rein intellektualistisch ist, bildlich gesprochen bloß unseren Kopf interessiert, da mischt sich etwas hinein, was nun den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und was im Grunde genommen bei solch jugendlich gebliebenen Geistern wie Novalis nichts anderes ist als ein Fühlen der Tatsache: Was du da als mathematische Harmonien erschaust, womit du die Phänomene des Weltenalls durchwebst, das ist ja im Grunde genommen nichts anderes, als was dich gewoben hat während der ersten Zeit deiner kindlichen Entwickelung hier auf der Erde.“ (GA 322, 42).

Dass Novalis tatsächlich intensiv mit den Fragen der Erkenntnis beschäftigt war, kann man in seinen „Fragmenten und Studien“ (hier IX, Das allgemeine Bouillon,1798/99) entdecken. Das Verhältnis von Seele zu Körper, von Geist und Mensch zur Welt interessierte ihn immer wieder. Seine Quintessenz ist vielleicht „Die Welt ist der Makroanthropos. Es ist ein Weltgeist, wie es eine Weltseele gibt.“ Im Menschen erkennt er Seele im Verhältnis zum Geist: „Der Geist wird durch die Seele gebildet - denn die Seele ist nichts als gebundener, gehemmter, konsonierter (d.h. mitschwingender, ME) Geist.“ Auch das Verhältnis zwischen Schlafen und Wachen interessierte ihn: „Der Schlaf muss die Folgen der übermäßigen Reizung der Sinne für den übrigen Körper wieder gut machen. (..) Einst wird der Mensch beständig zugleich schlafen und wachen. Der grösseste Teil unsers Körpers, unserer Menschheit selbst schlägt noch tiefen Schlummer.

Er konnte solche Aussagen machen, weil ihm die „Geisterwelt“ beständig offen stand: „Die Geisterwelt ist uns in der Tat schon aufgeschlossen - Sie ist immer offenbar.“ Das Weghafte der Erkenntnis formuliert er als ein ununterbrochenes, fortschreitendes Begreifen des Menschen: „Was sich nicht begreifen lässt, ist im unvollkommnen Zustande (Natur) - es soll allmählich begreiflich gemacht werden.“ Dazu ist es nötig, sich geistig unabhängig zu machen, durch ein von sich selbst absehendes (heute sagt man: sinnlichkeitsfreies) Denken, indem die Gedanken zum „selbständigen, sich von euch absondernden - und nun von euch fremd (..)“ erscheinenden Prozess werden.

Grundlegendes Prinzip für eine solche geistige Arbeit ist die Bildung - die „Affizierung“ des eigenen Denkens durch offene Adaption der Gedanken Anderer: „Man studiert fremde Systeme, um sein eigenes System zu finden. Ein fremdes System ist der Reiz zu einem eignen. Ich werde mir meiner eignen Philosophie, Physik etc. bewusst - indem ich von einer fremden affiziert werde versteht sich, wenn ich selbsttätig genug bin. Meine Philosophie oder Physik kann mit dem fremden übereinstimmen oder nicht.“ Novalis nennt dieses bewegliche Denken auch eine „Ehe der heterogenen Systeme“.

Dieses offene Mitdenken des immer Neuen und Widersprüchlichen, diese jugendliche Lernfreude nennt Novalis auch „absolute Elastizität“ oder „echte Unschuld“. Dies sieht er als eine Kraft an, die „nicht zu überwältigen“ ist.
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Der Tausendblättrige

tausend1Standort: Museumsinsel Hombroich/ Rhein-Kreis-Neuss. Foto: Michael Eggert

Unterhalb des zum Stammhirn gehörenden Sehhügels liegt das Zwischenhirn, das als die höchste Instanz des Lebensnervs gilt. Wärmegleichgewicht, Zell- Stoffwechselprozesse, Pulsschlag etc. werden von ihm reguliert. Wie Ausstülpungen nehmen sich die zum Befehls- Lotos gehörige Hypophyse (nach unten) und die Epiphyse oder Zirbeldrüse (nach oben) aus. Beide stehen in polarem Spannungsverhältnis zueinander. Die Zirbeldrüse gehört zur Region des „1000blättrigen“, der nach seiner Lage im Haupt auch Scheitel- Lotos genannt wird. Die Yogalehre sagt, dass Sahasrara am Ende des mittleren Rückenmarkstromes (Sushumna) liegt. Der Strom war von „Feuernatur“; er ist saturnisch und führt auch zu dessen Zentrum unter dem Scheitel im Hinterhaupt. Im Gegensatz zu den anderen Chakras haben die Blätter, auch wenn Bewusstsein in die Zentren geschickt wird, die Tendenz nach unten. Die Tonsur der Mönche hat wahrscheinlich mit dem äußeren Ansatzpunkt des Zentrums zu tun.“
Werner Bohm, Die Wurzeln der Kraft. Chakras- die Kraft der Lotosblumen, Bern München 1982
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The Circle- die apokalyptische Social- Media- Vision

circleDies ist kein ausgedachter, ideologisierter oder erneuter Weltuntergangs- Plot, sondern ein die heutige Social-Media- Wirklichkeit klug ausspinnender Roman (Dave Eggers, The Circle, Pinguin 2013)- eine Art Essay in gut lesbarer, spannender Entwicklung. Klug auch deshalb, da wir die Provinznudel Mae mitsamt ihrem schlichten Holzfällerhemd- Freund und ihren etwas Eltern auf ihrer Karriere in das neue Medienunternehmen The Circle begleiten. Wir sind als Leser quasi dabei.

Mae hat durch Protektion ihrer ältesten Freundin zu ihrer Freude und Überraschung einen Job in der Kundenbetreuung - einem durch rigide Feedbacks und permanente enge Kontrolle gekennzeichneten Callcenter- des Weltunternehmens in einer fiktiven Stadt in Kalifornien erhalten: „There were over ten thousand employees on this, the main campus, but the Circle had offices all over the globe, and was hiring hundreds of gifted young minds every week.“ Die Kundenbetreuung ist das Standard- Karriere- Sprungbrett für jeden der über 10000 Mitarbeiter in dieser Start-Up-Firma, deren Gründer Ty in fast jeder Hinsicht (auch was das Alter und die Umtriebigkeit betrifft) dem Facebook- CEO Mark Zuckerberg gleicht. Zuckerberg hat Facebook 2004 entwickelt und besitzt heute ein Vermögen von etwas unter 20 Milliarden Dollar. Tys Neuerung besteht darin, dass The Circle einerseits Email, Social Media und Kommerz in einem System integriert hat - andererseits scheint das Unternehmen in seiner Marktmacht, mit der es Facebook, Twitter, Amazon, Google geschluckt hat, extrem engagiert zu sein- es fördert durch seine digitale Präsenz Transparenz in Politik und Gesellschaft und engagiert sich in vielen konkreten kleinen NGOs weltweit- seien es Frauenfragen im Sudan, Kindesmissbrauch oder das Wohlergehen der Wale. Die ständigen Petitionen erhalten durch die wirtschaftliche und kommerzielle globale Präsenz erhebliche Durchschlagskraft, ziehen engagierte junge Leute ins Unternehmen und fördern permanente technologische Innovationen. Die globale Marktmacht der Gutmenschen hat hier ihr Medium gefunden.

Ty selbst, der aufgrund seiner Genialität und seines Outputs von Ideen den Beinamen „Niagara“ erhalten hat, ist innerhalb des ständig wachsenden Campus des Unternehmens unsichtbar geworden: „Watchers of the Circle wondered, Where is Ty and what is he planning? These plans were kept unknown until they were revealed, and with each successive innovation brought forth by the Circle, it became less clear which had originated from Ty himself and which were the products of the increasingly vast group of inventors, the best in the world, who were now in the company fold. Most observers assumed he was still involved, and some insisted that his fingerprints, his knack for solutions global and elegant and infinitely scalable, were on every major Circle innovation. He had founded the company after a year in college, with no particular business acumen or measurable goals. “We used to call him Niagara,” his roommate said in one of the first articles about him. “The ideas just come like that, a million flowing out of his head, every second of every day, never-ending and overwhelming.“"

Eines seiner wichtigsten Innovationen war die Einführung einer eindeutigen Identifikation jedes Users des umfassenden Systems, dem inzwischen nahezu 80% der Bevölkerung angehörten: "Instead, he put all of it, all of every user’s needs and tools, into one pot and invented TruYou—one account, one identity, one password, one payment system, per person. There were no more passwords, no multiple identities.“ Zudem entwickelt sich auf dem Campus eine permanente Unterhaltung- Bands, Politiker, Stars, Parties, Meetings füllen auch das, was man früher einmal „Freizeit“ nannte. Es entsteht auf dem Campus eine „Insel der Gelehrten“, wobei diese Idealisten, Geeks und Technokraten meist jünger als 25 Jahre alt sind. Die vom Virus des Unternehmens infizierte Mae, die ständig, rund um die Uhr mit mindestens 3 Displays kommuniziert, sieht sich immer weniger in der Lage, sich auf ihr zäh erscheinende analoge Gespräche einzulassen: "“But now you’re hyperventilating.” “I guess I’m just so easily bored by this.” “By talking.” “By talking in slow motion.”" Die medizinische Versorgung der Mitarbeiter ist mehr als umfassend- mittels implantierter Chips wird der gesamte körperliche Zustand für den User auf mitgeführten Displays transparent- allerdings auch für die Firma, die diese Daten in ihrer Cloud analysiert. Eine weitere Innovation besteht darin, ähnliche Chips in die Knochen Neugeborener zu implantieren, um sie vor Entführung, Missbrauch und Mord zu schützen. Ein Bruch entsteht aber erst in der Einführung von Mini- Cams, die per Satellit kommunizieren und in allen Krisenregionen der Welt massenhaft platziert werden. Damit können politische, militärische und polizeiliche Übergriffe jederzeit in Echtzeit dokumentiert werden. Um Korruption und Lobbyismus zu verhindern, erlauben erst einzelne und dann immer mehr Politiker, mittels einer Mini- Cam selbst permanent präsent zu sein- wer nicht mitzieht, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, er hätte etwas zu verbergen.

Auch Mae selbst geht zwar auf diese totale Art online („And along the way, I intend to show how democracy can and should be: entirely open, entirely transparent. Starting today, I will be wearing the same device that Stewart wears. My every meeting, movement, my every word, will be available to all my constituents and to the world.“), hat aber doch einige Geheimnisse wie nächtliche Kayak- Fahrten oder heimliche sexuelle Begegnungen auf der Damentoilette. Aber sonst folgt sie der Devise des neuen Zeitalters, das da lautet „ALL THAT HAPPENS MUST BE KNOWN.“, und wird mit ihrer Dauerberichterstattung vom Campus zum medialen Aushängeschild des Konzerns, der sich nach und nach zur Staatsmacht entwickelt. Denn durch die eindeutige Identifikation entwickelt sich eine Möglichkeit der Neuorganisation der politischen Wahlen - ja, sogar eine Wahlpflicht. Missliebige Kritiker werden durch inszenierte Skandale aus dem Verkehr gezogen. Nach und nach knickt das gesamte politische System vor dem schönen neuen Totalitarismus ein. Die totale Transparenz wird zur humanitären Pflicht: "If you care about your fellow human beings, you share what you know with them.“ Die letzten vereinzelten Kritiker, die in dem so entstandenen Überwachungssystem etwas sehen wie "the world’s first tyrannical monopoly“, werden gejagt oder auf dem Campus isoliert- darunter auch der Gründer Ty selbst. Die schöne neue Welt bewegt sich Richtung totaler Gemeinschaft und Einheit ("a world moving toward communion and unity“)- wer könnte sich gegen diese Segnungen noch wehren? Notfalls wird er als Soziopath von Drohnen selbst in der Wildnis gejagt. Das vergebliche Aufbegehren Typ - auch gegen die Hardlinerin Mae - fasst er, vor seinem endgültigen Verschwinden in die Worte "But I didn’t picture a world where Circle membership was mandatory, where all government and all life was channeled through one Network.

„The Circle“ ist natürlich Science Fiction- aber nicht sehr. Die Sorgen, die sowohl durch die heute existierenden sozialen Netzwerke, aber auch durch die Nachrichtendienst- Affäre des NSA virulent sind, werden in diesem Roman aufgegriffen und gekonnt fortgesponnen- in systematisch ausgebreiteten Was-wäre-wenn- Szenarien. Der Punkt, an dem das Netz totalitär wird, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern aus den bestehenden Potenzialen heraus weiter entwickelt. Wie wollen wir in Zukunft Humanismus als vernetzte Weltgemeinschaft definieren? „The Circle“ zeigt den Irrweg und wird damit zu George Orwells „1984“ für das 21. Jahrhundert.


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Grafik Michael Eggert
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Rudolf Steiners letzte Inkarnation

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Rudolf Steiner hat sich zwar selbst nicht expressis verbis zu eigenen früheren Inkarnationen geäußert, aber doch Wilhelm Raths Untersuchung* über das Verhältnis von Steiner und Thomas von Aquin kurz vor seinem Tod gelesen und mit den etwas galligen Worten gelobt „Wenn mehr solches in unserer Gesellschaft geschrieben würde, brauchte ich nicht krank zu sein.“* Die Bemerkung war zuerst gegenüber Ita Wegman gefallen und ist Rath dann sofort hinterbracht worden. Dass Rudolf Steiner damit auch zum Ausdruck brachte, dass er das anthroposophische Gesellschaftsexperiment als krank machend - und damit als nicht tragfähig - erachtete, kommt mit dieser Bemerkung ebenso zum Ausdruck wie der von Rath nahe gelegte karmische Zusammenhang zwischen Thomas von Aquin und Steiner.

Rath hatte alle Bemerkungen Rudolf Steiners - vor allem in Rahmen von dessen karmischen Betrachtungen - gesammelt und im Kontext untersucht. Steiner hatte z.B. intensiv über die scholastischen Denker in der Auseinandersetzung mit Averroes - den Vertreter eines „arabischen“ Aristotelismus gesprochen - intensiv auch im Ausdruck: „Ja, so konnte man sitzen in der damaligen Zeit und die Lehre von der individuellen Unsterblichkeit mit allen scharf einschneidenden Gedanken verteidigen, polemisch werden gegen Averroes (..) Da saß man und versuchte, den Individualismus zu begründen..“ Averroes hatte fünfzig Jahre vor von Aquin die Lehre von der universellen, einen Intelligenz für alle Menschen formuliert - eine Intelligenz, in die der Mensch nach dem Tod aufging, und die somit keinen persönlichen Charakter hatte. Die sehr lebendige Auseinandersetzung des 13. Jahrhunderts wurde von Rudolf Steiner wieder aufgenommen- so dass man insbesondere in der ausformulierten Reinkarnationslehre eine Fortsetzung des Thomismus sehen kann. Dass Steiner so viel über diese Zeit - über das Wirken der Zisterzienser und Dominikaner im Besonderen - berichtet hat, führt er auf eine Begegnung mit einem Zisterzienser- Ordenspriester zurück - Pater Wilhelm Neumann, Professor an der Theologischen Fakultät der Wiener Universität, mit dem er sich in den 1880er Jahren traf, und der Steiner ins Gesicht gesagt habe: Die Keime zu diesem Vortrage, den Sie heute uns gehalten haben, die liegen schon bei Thomas von Aquino!“ (Rath, S. 35) Diese Bemerkung muss Steiner so tief berührt haben, dass er 40 Jahre später berichtete, er hätte (ohne den Namen Neumanns zu erwähnen) damals etwas gesagt bekommen, „in dem gelegen war seine Erinnerung an ein Zusammensein von ihm mit mir in einem früheren Erdenleben“ (Rath. S. 41). Dies ist die einzige konkrete Situation, in der sich Rudolf Steiner öffentlich über sein persönliches Karma geäußert haben soll.

Betrachtet man die Fülle von Äußerungen Rudolf Steiners über Thomas, darf man sie doch - mit aller Vorsicht- wohl auch als Selbstbeschreibungen betrachten. So beschreibt Steiner von Aquins sicheres "Urteil und Überzeugung“, was daran gelegen habe, dass Thomas in seinem eigenen Astralleib „denjenigen des Christus einverwoben bekommen hatte“ - mithin dauerhaft inspiriert gewesen sei. (GA 109,71). Thomas habe auch noch von den Ursprüngen des Schicksals gewusst- das „gelenkt (sei) von den Sternenintelligenzen“ (GA 199, 244). Thomas habe „frei von Irrtum..göttliche Gedanken“ wahrnehmen können, nicht als Mystiker, sondern als denkender Scholastiker: „Auf diese Weise finden wir in Thomas aufs neue gedacht die vorschöpflichen göttlichen Gedanken, frei von Irrtum und Täuschung, wie sie nur gedacht werden konnten in einer Klosterzelle, weit entfernt von dem Lärm der Welt. Der Mensch der Welt beeilt sich zu verstehen, sich schnell eine Auffassung zu eigen zu machen und alles zu vereinfachen. Aber die Gottheit ist nicht so einfach! Mit Thomas von Aquino erhebt sich der menschliche Gedanke. Er ist nicht weniger Mystiker als Scholastiker. Er konnte nämlich solche Beschreibungen geben, weil er die geistigen Hierarchien sah, so wie sie der Seher Dionysius der Areopagite uns gegeben hat, und in seinen langen nächtlichen Meditationen vor dem Altar konnte er die schwersten Probleme lösen. So finden sich in ihm vereinigt der Mystiker und ein Denker so hell wie ein Diamant und nicht von den Sinnen beeinträchtigt.“ (GA 109, 71f)

Die unmittelbare Inspiration - im Denken, fern von jeglicher Mystik - Thomas von Aquins führt Rudolf Steiner auch noch in anderen Worten aus: „Man kann zum Beispiel bei Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert nicht sagen, was in seinen Büchern steht, sei auf eine solche Art gewonnen, wie heute Begriffe und Vorstellungen gewonnen werden. Das wäre falsch vorgestellt. Sondern was in seinen Büchern steht, müssen Sie sich so vorstellen, dass ihn fortwährend ein Geist aus der Hierarchie der Angeloi dazu inspiriert, und dass er dasjenige niederschreibt, was aus dem Bewußtsein eines höheren Geistes kommt. Nur auf diese Weise kann man alles Entstehende, alles Werdende begreifen. Nur auf die Weise, dass man zuhört, geistig, wie das einen inspiriert oder Imaginationen spendet, kann man über Werden, über Entstehen reden.“ (GA 176, S. 319)

Steiner sieht Thomas klar in der Reihe der Denker der spirituellen Intelligenz („Man sieht in dem, was Thomas von Aquino und seine Schüler, was andere Scholastiker geltend machen, die irdische Ausprägung dessen, was dazumal Michael- Strömung war: Verwaltung der lichtvollen, der spirituellen Intelligenz“.GA 237, 114), und zwar als den Bedeutendsten dieser Denker: „Erst die Auffassung Thomas’ von Aquino, des bedeutendsten christlichen Denkers, sucht die aristotelischen Gedanken in einer tief gehenden Art in die christliche Ideenentwickelung so weit einzuweben, als es in der Zeit dieses Denkers möglich war.“ ( GA 6.34f)

Da Rudolf Steiner, wie oben ausgeführt, nach der Begegnung mit dem „besonders ausgezeichneten Menschen“ (Rath, 41) Pater Wilhelm Neumann nach eigenem Bekunden früh klar war, dass „er sich als ein Fortsetzer des Thomas von Aquino in der Gegenwart fühlen durfte“ (Rath, S. 35), mögen die Äußerungen Steiners über Thomas als Selbstbeschreibungen betrachtet werden dürfen, aber andererseits als Erklärung dafür dienen, dass er selbst auf Wilhelm Raths direkte Frage danach nie eindeutig geantwortet hat.

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*Quelle Wilhelm Rath, Rudolf Steiner und Thomas von Aquino, Basel 2010/ 2
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Die Entfaltung der Lotosblumen

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buddhayell
...Diese Befreiung gelingt schrittweise und ist spürbar in der Aktivierung der wesentlichen Chakren, vom Stirnbereich über den Kehlkopf, vom Herz bis hin zum Nabel. Mit der Aktivierung des Herzchakras beginnt das Erleben ungeteilter Aufmerksamkeit und existentiell strömender Energien. Die Loslösung von den Rückmeldungen der Körpergrenzen gelingt wohl erst ganz auf der Ebene der Nabelkraft. Erst dann kommen wir zur Erfahrung des "unberührbaren Wesens" oder der Reinheit des „Spiegels“: „Die Selbst- Natur ist wie ein klarer, glänzender Spiegel, der Bilder widerspiegelt. Wenn der Spiegel dies tut, leidet dadurch in irgendeiner Weise seine Klarheit? Nein, keineswegs. Leidet sie dann vielleicht, wenn keine Bilder widergespiegelt werden? Nein, keineswegs. Weshalb nicht? Weil die Verwendung des klaren Spiegels keinen Einwirkungen ausgesetzt ist und seine Spiegelfläche dadurch nie verdunkelt wird. Ob Bilder widergespiegelt werden oder nicht, ändert nichts an seiner Klarheit. Weshalb nicht? Weil dasjenige, das keinen Einwirkungen ausgesetzt ist, inmitten der Bedingtheiten keinen Wechsel kennt.“

Der Prozess der damit angedeuteten spirituellen Metamorphose vollzieht sich in mehreren um der Systematik willen einzeln dargestellten Schritten zur Entfaltung der Chakren, der in der Praxis aber durchaus diskontinuierlich verlaufen mag – manchmal auch chaotisch- und mit schmerzlichen Selbsteinsichten verbunden sein muss, wie später noch dargestellt werden soll.

Viele – vor allem junge Menschen- empfinden eine gewisse Loslösung im Bereich des Kopfes, sind sich aber nicht bewusst, dass es sich um eine beginnende innere Bewegung im Bereich des Stirnchakras handelt. Meist fließen die gewonnenen Möglichkeiten in soziale Tätigkeiten, in das Wahrnehmen und Entfalten kommunikativer und systemischer Prozesse. Es wird leichter, intuitiv festzustellen, in welche Richtung sich soziale Dynamiken entwickeln, ihnen zu folgen und sie formulierbar zu machen. Das Internet mit seinen Möglichkeiten zur permanenten Abstimmung, aber auch die wachsende Evaluationskultur in Wirtschaft, Politik und Bildung sind mögliche technische Grundlagen für das sich entwickelnde lebendige Denken im Rahmen sozialer Verantwortung. Nicht zuletzt beginnt an diesem Punkt auch eine Kultur der Selbst-Evaluation im Sinne von Supervision- einer Betrachtung persönlicher, intimer Entwicklungsschritte- im Spiegel des Teams, in dem sich der Einzelne befindet.

Wenn die Ausweitung auf das Kehlkopfchakra gelingt, wird diese frei schweifende Potentialität allmählich weiter konzentriert und fokussiert. An diesem Punkt kommt ein deutliches Willenselement in die Entwicklung hinein. Das meditative Leben vertieft sich, da nun auch eine Gerichtetheit der freien Kräfte möglich wird. Die erste echte Loslösung von Rückmeldungen der Körperlichkeit wird erlebbar, indem man sich in einem meditativen Strom mitgenommen fühlt; die bislang eher punktuelle Konzentration wird zuerst im Rahmen der meditativen Arbeit dauerhaft. Allmählich wird die Empfindung, am Rande dieses Kraftstroms zu leben, zunehmend den ganzen Alltag durchziehen und ständig als Hintergrund- Strömen bemerkbar sein. In schwierigen Situationen, in Konflikten oder in scheinbar ausweglosen Konstellationen lässt man etwas los, so dass ein Agieren aus der geistigen Präsenz heraus möglich wird. Die eigenen Intentionen stehen hinter der intuitiven Wahrnehmung des Willens aller Beteiligten zurück. Man kann aus „moralischer Phantasie“ heraus handeln- in konzentrierter Improvisation. ..

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Das Erwecken des inneren Lichtorgans

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chakra
ines der älteren Bücher (1966), die sich vor anthroposophischem Hintergrund mit Chakras beschäftigen- Werner Bohms „Die Wurzeln der Kraft“- hat mich zeitweilig etwas ratlos zurück gelassen. Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau schreibt im Vorwort, dass dieses Buch in einer Sprache abgefasst sei, die nicht Berufenen unverständlich bleiben müsse- dies ergebe sich von selbst. Das sei der „diesen Dingen eigene Selbstschutz vor Unberufenen“. Zudem wendet sich Veltheim-Ostrau heftig gegen die „Geheimnis- und Wichtigtuerei westlicher Pseudo-Okkultisten“, bringt aber der sorgfältigen Arbeit vieler indologischer und sinologischer Übersetzer Sympathie entgegen. Meine Ratlosigkeit entspringt der überquellenden Fülle von Bohms Mixtur aus allen möglichen Kulturbausteinen- vor allem solchen der indischen und asiatischen Welt. Konkret bezieht er sich stark auf tantrische Literatur und orientiert sich am Yogasutra des Patanjali- eine Yogi- Schulung, die immerhin zwischen 400 vor bis 400 nach Christus entstand und aufgrund ihrer Sprachform starker Interpretation bedarf. Bohm nimmt eine Strukturierung der Schulung vor, ohne diese als seine Interpretation kenntlich zu machen, bedient sich aber zugleich der darin (und anderswo) vorherrschenden Bilderwelt. Seine Zusammenschau z.B. zwischen Stufen dieses Yoga und Phasen des christlichen Einweihungsweges erscheint mir z.T. doch etwas erzwungen. Zudem interpretiert Bohm immer wieder anthroposophisch- problematisch, Tausende von Jahren alte okkulte Bilderfolgen ohne Übergang auf die Seelenwelt des modernen Menschen zu beziehen. Zudem leitet Bohm Anweisungen ab, die stimmen mögen - oder auch nicht; sie haben für mich dennoch dogmatischen Charakter. So dürfe man auf keinen Fall im Liegen meditieren, da dies die Haltung des Tieres sei. Andererseits solle die Sitzhaltung nicht nur artistisch im Sinne des artifiziell aufgefassten Yoga sein. Der westliche Mensch habe eine andere „Konstitution“ als der östliche. Zeitgebunden sind auch Bohms ständige Abgrenzungen gegenüber einer technisierten Zivilisation, die vor der Katastrophe stehe und sich in völligem moralischem Verfall befinde. Im Vergleich dazu bekommt die östliche Zivilisation bei Bohm einen schwärmerisch vorgetragenen, idealisierenden Anstrich. Im Nachwort der Buchauflage aus dem Jahre 1974 stellt Bohm allerdings resignierend fest, dass selbst in Indien die junge Generation Tradition und Bhagavad Gita beiseite gelegt und sich den Aufgaben „dieser Welt“ zugewandt habe.

Sei´s drum. Bohm ist sicherlich kein esoterischer Theoretiker, und man kann vor allem in der zweiten Hälfte des Buches einige konkrete Entdeckungen machen. Es geht immer mehr im engeren Sinne um die Chakren- ihre Lage, Entwicklung, Beziehung zu physischen Organen, Zusammenhänge mit dem natürlichen und kosmischen Umfeld. Bohm ordnet jedes Chakra planetarischen Sphären (im antiken Sinne) zu. So sieht er den 4blättrigen Lotos „innermenschlich“ im Zusammenhang mit dem Mond, den 6blättrigen mit Merkur, den 10blättrigen mit Venus, den 12blättrigen mit der Sonne, den 16blättrigen mit dem Mars, den 2blättrigen mit Jupiter und schließlich den 1000blättrigen mit Saturn. Das ist meditativ nachvollziehbar. Im letzten - umfangreichsten- Teil des Buches stellt er jedes einzelne Chakra in seinen Charakteristika vor, wobei ein Schwergewicht auf symbolisch- vedischen, kulturhistorischen, sakralen und lautlich- mantrischen Bezügen liegt. An anderen Stellen fließen zweifellos eigene meditative Erfahrungen des Autors ein. Bohm geht auch auf einige Neben- Chakren ein- so etwa auf das für das Herzdenken so elementare 8blättrige: „Unter dem 12blättrigen ist auch noch ein kleiner 8blättriger roter Lotos, der zur Herzregion gehört und auch innerhalb derselben erschaut werden kann. Er ist ein Nebenorgan. In ihm ist der juwelengeschmückte Altar mit dem Schutzdach, einem Baldachin, darüber. Hier stehen die „heiligen Bäume“ des heiligen Hains. Es ist der innere Ort einer geistigen Gottesverehrung. Im Herzen soll sie erfolgen.“ Im Vergleich dazu erscheint in der 12blättrigen Blüte einerseits die seelische Wärme, andererseits die „Stimme der Stille“; eine Region, „wo die Sonnen- und Sphärenharmonie erlebt wird“. Das Beispiel mag zeigen, wie konkret, persönlich und imaginativ Bohm an einigen Punkten auch wird. Daraus kann man viel Gewinn ziehen. Einen Satz wie „Das Herzorgan ist jener Ort, wo der Mensch von außen das geistige Lichtorgan entfacht“ kann man tatsächlich in sich bewegen. Es wird durchaus auch noch konkreter, worauf ich in weiteren Beiträgen noch eingehen werde.

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Werner Bohm, Die Wurzeln der Kraft. Chakras- die Kraft der Lotosblumen. Wilhelm Barth 1982
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