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Die Reisen des Christian Rosenkreutz

Nun habe ich Jostein Saethers neues Buch über die Reisen des Christian Rosenkreutz durch die islamische Welt des 14. Jahrhunderts vorliegen. Hier, im Egoistenblog, ein Textausschnitt. Saether bezieht sich im Buch vorrangig auf die Fama Fraternitatis- eine der berühmten Rosenkreuzer- Schriften, in denen der beschriebene Reisende mit dem Kürzel C.R. auftritt. Auch Rudolf Steiner hat in einer Anmerkung bestätigt*, dass „Christian Rosenkreutz“ ein Kunst- Name sei- die damit beschriebene Person bleibe anonym, sei aber gleichwohl authentisch. Saether geht ebenfalls von der Authentizität dieser legendären Person aus- sein Anliegen ist es, im Buch dem Einfluss nach zu gehen, den die kulturellen Einflüsse dieser frühen, einzigartigen Orientreise um das Jahr 1400 auf das Denken von Rosenkreutz gehabt haben mögen.

saether
Rudolf Steiners Betrachtungen nach war CR ein besonders herausragender Repräsentant des esoterischen Christentums, ein Eingeweihter, der in dicht aufeinander folgenden Inkarnationen bis hin zu direkten politischen Interventionen (im Vorfeld der französischen Revolution) erheblichen Einfluss gehabt hatte und hat. Für Rudolf Steiner war der naturwissenschaftliche Ansatz der rosenkreuzerischen Schulung von erheblicher Bedeutung, da dieser seinem eigenen entsprach: „Und so stellte sich für die Rosenkreuzerei das Merkwürdige heraus, dass wie in einem Übergangsstadium diese Rosenkreuzer sich bekannt machten mit allem, was über die Natur in der Zeitepoche erforscht werden konnte. Das nahmen sie in sich auf, verarbeiteten es. Sie hatten wirklich dasjenige, was die anderen nur zur Wissenschaft machten, bis zur Weisheit getrieben. (..)
So dass in der Tat gerade von den Rosenkreuzern eingesehen wurde, dass dasjenige, was man zunächst in der modernen Erkenntnis erhält, erst gewissermaßen den Göttern entgegengetragen werden muss, damit sie es in ihre Sprache umsetzen und es den Menschen wiedergeben. Dass das sein kann, ist ja bis in die Gegenwart geblieben. Studieren Sie heute, indem Sie von dem hier gemeinten rosenkreuzerischen Initiationsprinzip berührt worden sind, den Haeckelismus mit all seinem Materialismus, lernen Sie alles dasjenige darüber, was man durch äußere Naturwissenschaft lernen kann, und tragen Sie das dann den Göttern entgegen, und sie bekommen dasjenige, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft» über die Evolution erzählt ist.“**

Dass ein solches naturwissenschaftliches Denken dem jungen Rosenkreutz in Form der Hochblüte islamischer Wissenschaft entgegen kam- ebenso wie die verbreitete Mystik des Orients- erscheint ganz selbstverständlich. Er ist, wie am Ende der Fama zu lesen ist, schon damals mit einer solchen Einstellung und solchen Interessen im Westen - erwähnt ist das christliche Spanien- auf Ignoranz und Ablehnung gestossen.

Saether bezieht aufgrund der dünnen Quellenlage - etwa was die adlige Herkunft Rosenkreutz´, seine kindliche Erziehung in einem Kloster eventuell am Rhein betrifft- einiges mit ein, was einer strengen historischen Betrachtung als etwas gewagt erscheinen muss. Er sammelt Hinweise und breitet ein mögliches Umfeld aus. Saether schildert ein religiöses, politisches, soziales und kulturelles Milieu. Dies unternimmt er quer durch die ganze Reise hindurch- wodurch ein stimmiges Bild des Umfeldes entsteht. Die Details- ob Rosenkreutz ein genuesisches oder anderes Handelsschiff zur Überfahrt benutzt haben mag- bleiben nachrangig. Umstürze, Kriege, Schlachten- das alles waren Szenarien, denen Rosenkreutz nicht selbst ausgesetzt war, die aber gleichwohl während seiner langen Reise im seinem Umkreis stattfanden und die er höchstwahrscheinlich wahrnahm. Saether führt die Details der historischen Umstände daher aus. So entstehen beim Leser Bilder der inneren Spannungen des osmanischen Reiches, das Rosenkreutz in dieser Zeit bereiste. Saether geht dabei bis dahin, die übliche Kleidung, die Mühsale der Seereisen, die Schiffskonstruktionen und das damals verfügbare Karten- Material zu betrachten. Bei der Betrachtung der Handelswege kommt er zu der Vermutung, dass Rosenkreutz bis in die Stadt Petra - die über Handelsposten der Templer verfügt hatte- gekommen ist, und quer durch den heutigen Jemen gereist sein muss. Die in der Fama genannten Orte wie „Damcar“ kann man nicht eindeutig zuordnen. Daher ist die Untersuchung und Verfolgung der damals üblichen Handelsrouten - etwa die Weihrauchstrasse nach Südarabien- stimmig. So bildet Saether den wahrscheinlichen Reiseweg von Rosenkreutz bis über Marokko nach Spanien nach- immer wieder auch unterlegt von Aussagen Rudolf Steiners. Auch der Sufismus und die Mystik des ganzen bereisten Raums sind ein Schwerpunkt- Thema.

Ob seine Betrachtungen zum so genannten Voynich- Manuskript, das er als Hinterlassenschaft von Rosenkreutz interpretiert, stichhaltig sind, kann ich nicht beurteilen. Auch die Frage, ob Rosenkreutz die nach ihm benannte Geheimgesellschaft im Verborgenen hielt, um dem wachsenden Druck der Inquisition zu entgehen, mag etwas spekulativ sein. Dennoch bieten Saethers umfassende Recherchen ein ungemein eindrückliches Stimmungsbild der von Rosenkreutz bereisten Gegenden und seiner Lebensumstände. Es ist ein lesenswertes Buch auch für die, die sich nicht im Speziellen für die Rosenkreuzer interessieren, sondern für eine Epoche in heftiger Bewegung und in zahlreichen Umbrüchen.

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Jostein Saether: Christian Rosenkreutz und die islamische Welt. 400 Jahre Fama Fraternitatis, Hamburg 2015

*R. Steiner, GA 55, S. 176
**R. Steiner, GA 233a. S. 87f
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Der Mann, der lächelte. Eine kleine Geschichte der Internet- Spionage

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Gehen wir mal ein ganzes Stück zurück - sagen wir bis ins Jahr 1989-, um zu verstehen, wo die Grundlagen liegen für heute aktuelle Problemfelder wie Total- Überwachung der Netze durch die NSA, Drohnenkriege, russische Desinformationstaktiken, chinesische Digital- Mauer gegen westliche Aufklärung, usw. Es liegt seit einigen Jahren ein aufschlussreiches Buch des Insiders Gordon Thomas vor - Gideon´s Spies: The Inside Story of Israel´s Legendary Secret Service - der darauf doch ein deutliches Licht werfen kann.

1989, als die Intifada und damit Israels Kampf gegen die PLO sich wieder einmal auf einem Höhepunkt befanden, erfolgte die Arbeit der Geheimdienste noch auf der Grundlage von klassischer Einschleusung von Agenten. Ein finanziell enttäuschter Programmierer, Earl Brian, hatte ein Telefon- und Computer- Überwachungs- Tool namens „Promis“ entwickelt, das er vermarkten wollte. US- Dienste hatten seine Idee zwar aufgegriffen - und, aber ohne ihn zu berücksichtigen, eigene Varianten entwickelt. Brian wandte sich enttäuscht an einen leitenden Führungsoffizier des Mossad, Rafi Eitan. Dieser erkannte intuitiv, dass ein solches Überwachungstool die gesamte Arbeit der Nachrichtendienste verändern würde. Konkret würde es dem Mossad bessere Möglichkeiten bieten, den Palästinenser- Führer Yassir Arafat zu überwachen: „No longer, for instance, would it be necessary to rely solely on human intelligence to understand the mind-set of a terrorist.“ Es würde eine „Brave New World“ entstehen, von der Israel profitieren konnte: „Rafi Eitan realized that Promis could then have an impact on the Intifada. For a start, the system could lock on to computers in the PLO’s seventeen offices scattered around the world to see where Arafat was going and what he could be planning. Rafi Eitan put aside his foraging for scrap metal and focused on how to exploit the brave new world Promis offered.

Ebenso wie in den USA entwickelte der Mossad aus dem ursprünglichen Tool angepasste Varianten - aus dem, was die amerikanischen Dienste daraus letztlich entwickelten, leitet sich heute die Arbeit des NSA ab. Die Bedeutung wuchs immer weiter- im Gleichschritt mit der Ausbreitung digitaler Kommunikation schlechthin. Schon 1989 übertraf das Tempo und die relative Ausbreitung der Überwachungstools alles, was Menschen - d.h. klassische Spionage- hätten leisten können, um ein Vielfaches: „Promis could be programmed to eliminate all superfluous lines of inquiry and amass and correlate data at a speed and scale beyond human capability.“ Es ging aber von Anfang an nicht nur um reine Überwachung, sondern auch um den Einbau von „Trapdoors“- verborgenen Aspekten der Programme, die zur Spionage im Hintergrund dienen konnten, wenn das Tool anderen Diensten zur Verfügung gestellt wurde oder ihnen in die Hände fiel: „Ben-Menashe later claimed he was asked to organize the insertion of a “trapdoor,” a built-in chip that, unknown to any purchaser, would allow Rafi Eitan to know what information was being sought.“ So weit war es aber noch nicht. Vorerst installierte der Mossad Promis im Nachbarland Jordanien und verknüpfte es mit ähnlichen Informationskanälen der französischen Dienste: „Jordan was selected as the site, not only because it bordered on Israel, but because it had become a haven for the leaders of the Intifada. From the desert kingdom, they directed the Arab street mobs on the West Bank and Gaza to launch further attacks inside Israel.“

Es zeigte sich bald, dass Promis auch dazu dienen konnte, bevorstehende Attentate in anderen Ländern - zunächst in Italien - zu verhindern. Aber auch die Überwachung von Arafat gelang trotz dessen geradezu paranoider Vorsicht hervorragend: „Yasser Arafat was selected as the ideal example. The PLO chairman was renowned for being security-conscious; he constantly changed his plans, never slept in the same bed two nights in succession, altered his mealtimes at the last moment. Whenever Arafat moved, the details were entered on a secure PLO computer. But Promis could hack into its defenses to discover what aliases and false passports he was using. Promis could obtain his phone bills and check the numbers called.

Der nächste folgerichtige Schritt war es, die mit der digitalen Trapdoor versehene Software weltweit zu streuen, um die Nachrichtendienste anderer Staaten auf komfortable Art - und ohne Einsatz menschlicher Agenten - zu unterwandern. Zugleich konnte Promis die Kooperation mit Diensten, die damals noch im Interesse Israels lagen, vertiefen. Zu den dunklen Kapiteln dieser Tätigkeit gehörte die damalige Unterstützung des wankenden Apartheid- Regimes Südafrikas. Man benötigte für die unauffällige Vermarktung von Promis einen scheinbar unabhängig, international agierenden Geschäftsmann, der kein Misstrauen erregte.

Dieser Verkäufer war der chronisch klamme Medien- Mogul Robert Maxwell - einer der großen, legendären Zeitungs- Verleger wie Rupert Murdoch und (in Deutschland) Kirch und Springer. Der aus der Ukraine stammende Maxwell, dessen Familie im Holocaust umgebracht worden war, benötigte 1988 Milliarden, um den britischen Verlag Macmillan zu übernehmen. Als langjähriger englischer Parlamentarier war sein Ruf trotz einer gewissen Exzentrizität hervorragend. Offenbar lieh der Mossad Maxwell erhebliche Summen. Im Gegenzug bot Maxwell das mit Trapdoors versehene Promis- Programm auf dem internationalen Markt an: „But there was no doubting Maxwell was a brilliant marketeer of Promis—or, as far as Mossad was concerned, of the effectiveness of the system.“

Nachdem nichts ahnende befreundete Dienste Promis bereits erworben hatten („By 1989, over $500 million worth of Promis programs had been sold to Britain, Australia, South Korea, and Canada.“), biss auch der KGB an. Die zerfallende Sowjetunion entwickelte sich trotz Gorbatschows Öffnung und Reformkurs auf schwer einschätzbare Art und Weise. Das sollte sich durch Promis ändern: „Shortly afterward Robert Maxwell flew to Moscow. Officially he was there to interview Mikhail Gorbachev. In reality he had come to sell Promis to the KGB. Through its secret trapdoor microchip, it gave Israel unique access to Soviet military intelligence, making Mossad one of the best-briefed services on Russian intentions.“

Leider zeigte sich im folgenden Jahr, dass Maxwells Imperium aufgrund weiterer Übernahmen finanziell schwankte. Maxwell hatte sich ganz offensichtlich übernommen. Statt seine Schulden zu begleichen, pochte er auf weitere Gelder aus Israel und griff illegal in die Pensionsfonds seiner zahlreichen Angestellten. 1991 war Maxwell - nicht zuletzt aufgrund seiner Launen - zum unkalkulierbaren Risiko geworden. Er wurde liquidiert: „Britain’s Business Age magazine subsequently claimed that a two-man hit team crossed in a dinghy during the night from a motor yacht that had shadowed the Lady Ghislaine. Boarding the yacht, they found Maxwell on the afterdeck. The men overpowered him before he could call for help. Then, “one assassin injected a bubble of air into Maxwell’s neck via his jugular vein. It took just a few moments for Maxwell to die.”

Robert Maxwell wurde durch Henning Mankell in Der Mann, der lächelte ein nicht unbedingt schmeichelhaftes Denkmal gesetzt.

Nach seinem Tod wechselte der Mossad teilweise seine politische Ausrichtung und unterstützte etwa in Südafrika von nun an den ANC Nelson Mandelas mit denselben Mitteln, mit denen er ihn bis dahin bekämpft hatte: „Mossad also increased its ties with Nelson Mandela’s security service, helping it to target white extremists, many of whom it had previously worked with.“ Auch die Verbindungen zur US- Administration waren in den Folgejahren nicht nur freundschaftlich. Nach der skandalösen Bloßstellung der engagierten CIA - Frontfrau Valerie Plame (der Skandal wurde 2010 in dem Spionage- Thriller Fair Game thematisiert) durch die graue US - Eminenz Karl Rove war es wahrscheinlich der Mossad, der die Winkelzüge der Bush- Administration mittels Überwachungs- Software auffliegen ließ: „The saga of how that happened would turn out to be a classic dirty tricks operation culminating in October 2005 with Lewis Libby, Vice President Dick Cheney’s chief of staff, being indicted on perjury charges and Karl Rove, the White House senior adviser to President Bush, facing investigation by a grand jury. Their role centered in the unmasking of a CIA field officer, Valerie Plame, the wife of a former U.S. ambassador to Niger, Joseph Wilson. It is a criminal offense in America to identify an active secret agent. Mossad’s role in the fiasco would remain untold until these pages.“

Bis heute sind die Überwachungstools wie Promis zum Universal- Werkzeug aller großen Nachrichtendienste geworden- es tobt inzwischen ein zurecht so bezeichneter Cyber- War. Insbesondere die chinesischen und russischen Desinformations- Kampagnen greifen massiv in den Datenverkehr ein- selektierend, unterminierend. Die jahrelange Flucht nicht zuletzt von Bin Laden hat mehr als deutlich gemacht, dass diese Arten von Überwachungstools an ihre Grenzen stossen. Zugleich hat die Verknüpfung mit Gesichtserkennungs- Software, Sozialen Netzwerken und Drohnen eine nie geahnte, nahezu totale Überwachung und eine neue Art der Kriegsführung möglich gemacht.
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Bildquelle: ARD/ Degeto Bildschirmfoto von oben verlinkter Website
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Technisches

Leider haben durch technische Veränderungen Auswirkungen auch auf dieses kleine Blog. Durch notwendig gewordene Updates funktionieren einige Funktionen - wie die interne Suchmaschine- nicht länger. Das ist schade, weil auch das Unter- Blog Egoistenblog bei Google- Blogspot einbezogen war- ebenso wie abgelegte Dokumente auf dem Server. Solche Funktionen müssen einzeln implementiert werden und sind meist auch kostenpflichtig. Zusätzlich zu den laufenden, stetig steigenden Kosten des gemieteten Webspace kommen die Updates der Software und der einzelnen Plugins. Viel gravierender ist aber, dass die Implementierung des Sub- Blogs Egoistenblog, das ich zusammen mit Ingrid Haselberger moderiere, hier nun gar nicht mehr möglich ist. Das liegt nicht an Kosten, sondern an den gestiegenen Sicherheitsbedenken von Google. Google sieht inzwischen in einer solchen Implementierung ein Einfallstor für Hacker. Andererseits gibt es hinter den Kulissen technische Bedenken von Google, dass in einer solchen Implementierung eine mögliche Verfälschung von Suchmaschinen- Einträgen liegen könnte. Das ist zwar bei mir nicht der Fall, aber ich kann es einem Robot nicht erklären. Kurz: Die endgültige Trennung der Websites ist nun unausweichlich und hiermit vollzogen. Schade drum.
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Als ich gestorben war

kingsson
An diesem Tag gleich ins Tal hoch gefahren, im immer dichter werdenden Nebel. Es war Anfang Dezember, wir hatten nichts anderes erwartet. Gegenüber vom Kloster Sankt Trudpert in der ehemaligen Mühle der großen Klosteranlage eingecheckt. Dann ein Spaziergang, bevor es ganz dunkel wurde, steil hinauf und einmal um die ganze alte Anlage herum. Eine Pause an der Quelle, die der Einsiedler und Gründer im 6. Jahrhundert frei gelegt hatte und die bis heute gepflegt wird und in einem überdachten kleinen Bau sprudelt. So viele Orte wie diese in Europa gehen ja auf einen solchen Einsiedler und auf ein entspringendes Gewässer zurück- meist sind sie ja noch viel älter als das Christentum selbst.

Danach etwas essen und sich frisch machen. Es war eine lange, unangenehme Fahrt gewesen. Irgend etwas stimmt nicht mit mir, die Wand kommt mir plötzlich ungewohnt entgegen, der Boden wallt auf, ich lege mich lieber hin. Auf das Bett zu klettern hat etwas von einer Bootsbesteigung, kaum auf den Rücken gedreht kommt der Nebel an mich heran und hüllt mich ein. Ich bin ganz klar, aber etwas stimmt nicht. Ich bin nur Bewusstsein, nur ich, nur lose verbunden, ohne jegliche Schwere. Noch nehme ich es nicht ganz ernst- ein Schwindel, vielleicht. Aber dann wird mir klar, dass ich nur noch durch einen silbernen Faden mit dem Leben im Körper verbunden bin.

Undeutlich vor mir, gestaltlos, aber präsent, ein strenges Etwas. Wieder mache ich Scherze im Geist, sage sogar erheitert: Oh, der Abt ist da. Und wirklich scheint es mir so, offensichtlich angeregt durch die vertraute Klosterumgebung, als schaute mich ein eiserner Abt an- kühl, mit einem Blick, der alles und alle gesehen hat, eine lange Ahnenreihe von Sündern, die er neutral betrachtet. Ein letzter Scherz: Och, bitte nicht katholisch sterben!
Aber dann wird mir klar, das es ernst ist. Ich kann nicht einfach zurück. Und ich war schon mehrmals hier, an dieser Stelle, ohne das damals zu wissen, lose verbunden, einen winzigen Schritt entfernt vom reinen Bewusstsein, das keinen Spiegel mehr in einem Leib hat:

(Damals, mit 18, in Amsterdam, zwischen all den Hippies, Blumenkindern und Hare- Krishna- Sängern. Jemand hatte mir etwas ins Getränk getan, das viel zu stark für mich war- so stark, dass ich das Königreich der Schmerzen kennen lernte, aus der Bahn geworfen wurde, die silberne Schnur verwickelt, in der Hand von Notfallmedizinern. Damals, mit 35, geschwächt durch eine schwere Infektion, in der Krypta der florentinischen San Miniato del Monte, als ein Geist voller Güte vor stand und mit mir sprach - von Mensch zu Mensch, aber völlig entkörpert. Wie immer bei solchen Gelegenheiten zwischen Leben und Tod streng sachlich, das Leben und seine Möglichkeiten konkret betrachtend.)

Nun, wieder solch eine Gelegenheit. Der Abt allerdings kennt keine Güte. Ich sehe mit seinen eisernen Augen auf mein Leben. Ich weiß jetzt, dass es sehr knapp werden wird. Ich beginne mit ihm zu argumentieren. Habe ich es nicht verdient, zu leben? Habe ich nicht Güte bewiesen und mich zumindest bemüht? Und wieder beginne ich mit den eisernen Augen des Abtes durch mein ganzes Leben zu wandern, als wäre es eine Landschaft. Meine Intentionen, meine geheimen Leidenschaften, meine Verbohrtheit und die vollkommene Illusion eines Jedermann, der sich selbst für wichtig hält, wie jedermann. Ich wandere mit diesen Augen durch das Leben und erkenne, dass ich meine tiefsten Anliegen verfehlt, dass ich versagt, verzagt und nichts verdient habe. Wieder stehe ich vor dem Abt. Ich fühle, dass er mich mit sich nehmen wird. Es ist vorbei, ich habe nichts, was ich auf die Waagschale werfen könnte. Ich bin ohne Gewicht, mitten im Abgrund, eine Feder im Wind.

Dann, mit aller Demut, bitte ich, noch ein wenig verweilen zu dürfen. Ich sehe meine Schuld, die Verstrickung. Ich sehe, dass ich bin wie sieben Milliarden mit mir, sich Mühende, Bemühte, sich Verlierende, ihre Herkunft Vergessende, sich selbst entfremdete menschliche Wesen. Mein Körper ist weit unter mir. Ich bin einverstanden, wie es auch sei, was auch geschehe. Ich bin ganz ruhig, ich bin demütige Erwartung. Aber so gerne würde ich noch einen Tag lang, eine Woche lang den Wind auf der Wange fühlen und den Geruch des Frühlings wahrnehmen. Und zu meinem Erstaunen schwindet die Präsenz des Eisernen. Die Sehnsucht, ein wenig körperlich zu empfinden, wenn man es nicht mehr kann! Da, ein Stück Haut, da, ein wenig Arm. Das Körpergefühl kehrt unendlich langsam und tastend zurück. Ich bin wieder im Körper, im Bett, im Zimmer, und denke: Der Abt war sehr streng mit mir. Aber ich darf noch eine wenig hier verweilen-
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Carlos Castaneda, Hexer, Magier und Trickster

castaneda
In den letzten hundert Jahren sind - wie zuvor in anderer Gestalt- viele Magier und Trickster aufgetreten- Gurus wie z.B. Gurdjieff, Baghwan, Hubbard, Crowley, Castaneda und andere windige Gestalten, deren Fähigkeiten vor allem darin bestanden, tief greifende Persönlichkeitsstörungen und Sehnsüchte Anderer erkennen und zu nutzen, um ihre Anhänger in eine konstruierte Ersatz- Wirklichkeit hinein zu ziehen und damit einen Kult zu konstruieren, der erhebliche destruktive Energie, aber auch erstaunliche Verbreitung entwickeln konnte und kann. Abkömmlinge solcher moderner Magier finden sich überall auch in politischen, weltanschaulichen oder religiösen Zusammenhängen. Die autoritäre und selbstbezügliche Struktur solcher Gruppierungen ist aufgrund des ungebremsten Hungers nach immer Mehr der unreifen Schar der Gläubigen einerseits, und aufgrund der nackten Macht-, Sex- und Geldgier der Gurus stets fragil- sie neigt dazu, irgendwann zu implodieren.

In dem Alexander Knorrs Buch "METATRICKSTER. BURTON, TAXIL, GURDJIEFF, BACKHOUSE, CROWLEY, CASTANEDA“ (2004 erschienen, inzwischen im Internet frei verfügbar) geht dieser auf die genannten Trickster und ihre Methoden ein. Dabei möchte ich, als erste Ergänzung, auf Richard Kascynskis Crowley- Biografie „Perdurabo - The Life of Aleister Crowley“ verweisen. Das ist nämlich die andere Seite der Trickster: Wie beim am Ende tief traurigen Crowley, der heroinabhängig, verarmt, verbittert und um sein verstorbenes einziges Kind trauernd eine schillernde Karriere beendete, wendet sich der Mythos nicht selten gegen den Trickster selbst. Dies auch darum, weil mancher der magischen Grenzgänger schließlich seinen eigenen Geschichten verfällt: "Es ist schwer zu sagen, wie weit Gurdjieff selbst an den modernen Mythos glaubte, den er ersonnen hatte. – dasselbe gilt für (..) CASTANEDA: „Du schreibst von der Tricksterfigur, die sich selbst hereinlegt. Das trifft sicherlich auf Castaneda zu. Er hat fast bis zum Ende geglaubt, er könne sich in pure Energie verwandeln und mit Guccisandalen und Armanianzug verschwinden. In Wahrheit (haha) können wir nur spekulieren, was Castaneda dachte, tat und fühlte.“ Dies ist eine Anspielung auf das Auftreten und Leben von Castaneda und seinen „Hexen“, die keinesfalls in der mexikanischen Wüste dem Don- Juan- Mythos huldigten, sondern kalifornische Luxus- Restaurants, millionenschwere Konten und entsprechende Kleidung bevorzugten. Man kann das in dem an anderer Stelle zu besprechenden Enthüllungsbuch einer jahrzehntelangen Freundin und Partnerin Amy Wallace entnehmen („Sorcerer´s Apprentice. My life with Carlos Castaneda, 2007/2). Danach waren Castanedas „Hexen“ über Jahrzehnte hinweg eine eifersüchtige Bande von seinen Ex- Frauen, denen er einredete, ihm ständig neue, junge Anhängerinnen zuführen zu müssen- ein Sex- Kult mit esoterischem Schmieröl.

Aber auch er geriet dabei zwischen seinen Rollen ebenso wie Crowley immer wieder durcheinander: "So hatte CROWLEY einen kleinen Rosenkranz, der ihm half, in seine verschiedenen Persönlichkeiten zu schlüpfen. Je nach dem, ob er ihn trug oder nicht, erinnerte er ihn daran, wer er gerade war und wie er sich benehmen musste. Das erinnert an eine Kreuzung aus Schauspieltechnik und spirituell-meditativer Übung.“ (Knorr) Zu Castanedas Techniken des Herrschers gehörte die Verstossung aus dem Kult (und regelmäßige Wieder- Aufnahme der demütigen Novizin) ebenso wie andere sadistische und demütigende Methoden unbedingt dazu- die Gewissenlosigkeit kennen wir von Crowley, dessen Lebensweg gespickt war von psychisch kranken, alkoholkranken und suizidalen weiblichen „Medien“: "Auf der Meta-Ebene zeigt uns der Trickster den Weg, um die eigenen Kategorien- und Wertesysteme zu überwinden. Dass CROWLEY eine eigene Religion konstruieren konnte, die heute noch Anhänger hat, zeigt uns die Konstruiertheit der etablierten Religionen auf. Um so mehr, als Leuten wie HUBBARD und CASTANEDA, die von CROWLEY gelernt haben, das gleiche gelungen ist.“ (Knorr)

Im Gegensatz zu Crowley funktionierte aber Castaneda Geschäftssinn stets verlässlich: „Ich traf zwei Castanedas. Der erste ist der, den ich mir vorgestellt habe, als mir seine früheren Bücher so viel gaben. Der zweite, der auf Profit ausgelegte Unternehmen gründet, der selbsternannte Nagual, der Rechtsstreite führt, um seine Geschäfte zu schützen, der vorgibt, eine einzigartige Chance auf Freiheit für den ganzen Planeten zu sein, der von „Fliegenden“ spricht – das ist derjenige, mit dem ich in keiner Weise auch nur irgendetwas zu tun haben will.“ (nach Knorr) Mit diesen Methoden - ebenso wie mit den Inhalten der späten Don- Juan- Bücher - fügte sich Castaneda ein in eine dunkle Tradition südamerikanischer Schwarzmagie, auch wenn seine Bücher, wie Amy Wallace ausführt, hauptsächlich von Lektoren seines Verlags geschrieben worden sind, denen lediglich wirre, unter Drogeneinfluss hingeworfene Notizbücher vorlagen: "Am 3. Dezember 1994 läßt sich CASTANEDA seit langem zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit sehen. In Sunnyvale in Kalifornien hält er vor etwa 100 Menschen eine Art Vortrag, d.h. mehr eine Frage-und-Antwort Stunde. Beides, Fragen wie Antworten, könnten aus einem seiner Bücher entnommen sein. ... Oder aus denen anderer: Seine Aussagen über die „linke Seite der zweiten Aufmerksamkeit“ hören sich gleichermaßen nach CROWLEYs „left hand path“ und nach der „dunklen Seite der Macht“ an (..) FLORINDA knüpft dann auch noch an ein mythisches Motiv an, das wir vom Golden Dawn her schon kennen: „Die Energie öffnete sich für Castaneda, als er in den Abgrund [abyss] sprang.“ (Knorr) So stellt sich auch Castaneda als Täter und Opfer seines eigenen Kults dar: "Wahrscheinlich beginnt CASTANEDA die Arbeit an seiner großen Illusion (..) getrieben von des Tricksters Lust am Streichespielen. Durch die Veröffentlichungen und sein Auftreten (..) tritt er Entwicklungen los, die ihn irgendwann in einen Strudel reißen. Es kommt zur Firmengründung und zur Vermarktung, er beginnt seine ersten Werke wieder aufzugießen (..) Ab diesem Zeitpunkt kann man ihm den moralischen Vorwurf der Geldgier machen, doch das reicht bei weitem nicht als Erklärung des Gesamtphänomens aus. Es ist nur ein Aspekt des Tricksterprinzips, (..) Die Entwicklung hin zum, von materiellen Gelüsten getriebenen, Betrüger ist ein diachroner Strang seiner Biographie als Trickstergestalt.“ Nach Amy Wallace hatte Castaneda lange an Diabetes gelitten, behauptete aber, sich auf magische Weise davon geheilt zu haben. Zwei Jahre später, am 19. 6. 1998, war er tot.

Zu dem (damals noch nicht erschienenen) Buch von Amy Wallace schreibt Knorz noch:

Eine Frau aus dem inneren Castaneda-Kreis hat sich entschlossen ’auszupacken’, schreibt gerade an einem Buch, das Simon & Schuster (..) im nächsten Frühjahr publizieren wird. Ihr Name is Amy Wallace, sie ist die Tochter von Irving Wallace, mit welchem sie mehrere Bücher zusammen autorisiert hat. Ihre Beziehung zu Castaneda streckt sich über 30 Jahre (als Freund ihres Vaters), wobei sie in den letzten 10 Jahren eine persönliche Liebesbeziehung mit ihm aufrechterhalten hat. (..)
Die Publizierung ihres Buches wurde mehrfach verschoben, weil der Editor mit dem Gesamteindruck des Buchinhalts nicht zufrieden war. Amy möchte am liebsten den ganzen Dreck auftischen,(..) Der Publisher möchte sich jedoch nicht die alten Carlos Fans vergraulen und will eine mehr ausgewogene Beschreibung haben, mit weniger grotesken Sexdetails und negativer Vermenschlichung des grossen Ikons. Sie war ganz aufgelöst, dass sie ihr ganzes Buch noch einmal überarbeiten musste. Wir haben nur losen persönlichen Kontakt mit ihr, der zwar freundlich ist aber nicht vertrauensvoll. In uns ist immer noch das alte Misstrauen gegen die lügenlistigen Hexer, die keine Skrupel kennen
.“

Fotonachweis: Castaneda mit 36 Jahren, aus dem genannten Buch von Amy Wallace



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Zu schön, um nicht wahr zu sein - wie man zu Intuitionen, Ideen und Erfindungen kommt

seeingwhat
Nein, wir sprechen nicht von Esoterik, Mystik oder Magie, sondern von Wissenschaft im umfassenden Sinn - und beziehen uns dabei auf Gary Kleins Buch „Seeing What Others Don't: The remarkable ways we gain INSIGHTS“. Klein hat über hundert Wissenschafts-, Finanzmarkt-, Militär- und historische verbriefte Geschichten gesammelt- von der Entdeckung des AIDS- Virus bis hin zur Enttarnung des Finanzmarkt- Betrügers Bernie Madoff. Es geht um die Voraussetzungen für plötzliche Einsichten, die Einzelne trotz massiver Widerstände, konkurrierender Forscher, widersprüchlicher Faktenlage, und/ oder scheinbar widersprechender Dogmen haben. Ein seltenes Beispiel für eine solche Intuition (hier im Titel zitiert) stammt von den Erforschern der Struktur der menschlichen DNS, Watson und Crick, die ästhetisch von deren Schönheit berührt waren: „We may even have an aesthetic reaction to the beauty of the insight. Watson and Crick felt that their double helix model was too beautiful not to be true.“

Viele aber, wie Marshall und Warren, mussten über ein Jahrzehnt lang nicht nur Ignoranz, sondern auch Häme der gesamten wissenschaftlichen Welt ertragen, als sie entdeckten, dass die chronische Entzündung der Magenschleimhaut - und in Folge Magenkrebs - auf einen bakteriellen Infekt zurück geht und einfach durch ein Antibiotikum gestoppt werden kann. Dass diese Art von Erkrankung Stress- bedingt und durch schwer wiegende Operationen, spezielle Medikamente und Antidepressiva zu behandeln war, galt nicht nur als Dogma, sondern hatte auch milliardenschwere wirtschaftliche Interessen bedient. Letztlich kamen den Forschern glückliche Umstände als auch ein damals verzweifelter, aber sensationeller Selbstversuch entgegen.

Diese Betrachtungen führen zu der Schlussfolgerung des Historikers Daniel Boorstin „The greatest obstacle to knowledge is not ignorance; it is the illusion of knowledge“- wir kontextualisieren zu viel. Wir bewegen uns im Status Quo des vertrauten Denkens, betten Beobachtungen und Erfahrungen in die bekannten Bezüge ein und verhindern so tatsächlich neue Erkenntnisse- sei es in der Wissenschaft, im privaten Leben oder auch - so dürfen wir folgern- in der meditativen Arbeit.

Andererseits hat es schon seinen Grund, dass wir denkend vorsichtig taktieren. Schließlich ist die Welt voll von Spinnern und Ideologen, und wir alle neigen zu assoziativen Verbindungen, um Zusammenhänge zu verstehen und Verständnismodelle zur eigenen Orientierung zu entwickeln: „We are all attuned to coincidences. We are sensitive to associations. Sometimes we are too sensitive and see connections that aren’t real.“ Der fatale Hang, Zusammenhänge sehen zu wollen, korrumpiert das Denken also ebenso wie die Neigung, an einmal gefundenen Kontextualisierungen fest zu halten.

Trotz allem gibt es ihn- den Blitz einer Erkenntnis, die Erfahrung einer Idee, das Schauen eines tatsächlichen, aber bisher nie gesehenen Zusammenhangs, „the flash of illumination“. Der Einschlag des Gedankens wird nicht selten von einer Empfindung der Evidenz begleitet- „a feeling of certainty“. Georg Kühlewind, der anthroposophische Forscher, der übrigens auch Wissenschaftler war, hielt dieses Evidenz- Empfinden übrigens für eine innere spirituelle Orientierung. Überhaupt meinte er, dass aktive meditative Arbeit eine Art Verlängerung im Sinne von Andauern des „Flash of illumination“ ist, ein inneres Einleben in das kreativ intuitive geistige Arbeiten als Ich- Erfahrung.

So weit geht Klein nicht. Aber auch er denkt, dass einmal gewonnene reale Ideen auf uns als Person zurück wirken- eine einmal gefundene tatsächliche Einsicht befreit und flügelt uns und ändert unsere Art, Phänomenen zu begegnen, auf nachhaltige Art und Weise: „Our insights transform us in several ways. They change how we understand, act, see, feel, and desire. They change how we understand.“ Dabei sind eine fundierte Grundkenntnis, ein systematisches Arbeiten an einem Problem, zwar häufig Voraussetzung im Sinne einer begründeten Fokussierung auf ein Thema oder eine Fragestellung, führen aber nicht zwangsläufig zur gedanklichen Intuition: „So I don’t think deliberate preparation is necessary or even practical for many insights.“ Er folgt dabei teilweise einem Denk- Modell von Helmholtz, der verschiedene Phasen zur Entstehung von echten Einsichten propagierte. Ihm zufolge kommt der „Blitz“ der Einsicht häufig in einer zweiten Phase zustande, in der der Forschende nicht mehr eigentlich fokussiert ist, sondern losgelassen hat - sich entspannt und eigentlich eher „weich“ in seinem Bewusstsein („in fringe consciousness“) agiert - im Sinne eines „sanften Willens“: „After working hard on a project, Helmholtz explained that “happy ideas come unexpectedly without effort, like an inspiration. So far as I am concerned, they have never come to me when my mind was fatigued, or when I was at my working table. They came particularly readily during the slow ascent of wooded hills on a sunny day.““

Dem war aber der Aufbau des gedanklichen Netzes im Sinne einer Vorbereitung voraus gegangen: „During the preparation stage we investigate a problem, applying ourselves to an analysis that is hard, conscious, systematic, but fruitless. Then we shift to the incubation stage, in which we stop consciously thinking about the problem and let our unconscious mind take over.“ Wie anders als „meditativ“ könnte man diesen Zustand der „Inkubations- Phase“ bezeichnen? In allen meditativen Schulen kennt man diese Phase, die man dort die Erfahrung der Leere nennt- frei vom fokussierten Inhalt, frei vom eigentlichen Thema, offen und bewusst im Sinne eines „weichen“, empfangenden Bewusstseins. Wissenschaftliche Einsichten kommen, so sehen wir, nicht anders zustande als spirituelle. Erst nach der Erkenntnis- Phase („when insight bursts forth with conciseness, suddenness, and immediate certainty.“) folgt die nächste Ebene der Vergewisserung und Verifikation, in der die gewonnene Einsicht wieder und wieder geprüft wird: „Finally, during the verification stage we test whether the idea is valid.“

Klein wendet gegen das Modell von Wallace ein, dass es keine Gewähr geben kann, dass eine Einsicht im Sinne von gedanklicher Intuition tatsächlich erfolgt. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Mechanismus, kein Rezept, keine Gewähr, sonst wären wir alle Genies. Auch die vage Theorie von Wallace, dass sich in der Inkubations- Phase im Unterbewussten irgendwie etwas formt und dann aufsteigt, erscheint ihm konstruiert. Dies gilt, wenn wir das wieder übertragen wollen, auch für die meditative Arbeit: Auch das systematische Arbeiten, das gelungene Loslassen, der fokussierte und der weiche Wille, garantieren nicht im geringsten, dass der Flow der aktiv- imaginativen Meditation gelingt. Die Geduld, ja sogar eine gewisse Demut - also emotionale Tugenden - sind zusätzlich erforderlich. Aber letztlich lässt sich auf diesem Gebiet so wenig wie im wissenschaftlichen Feld erzwingen.
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Flötentöne & Sehnsucht

Das ist immer dieselbe Sehnsucht, lebenslänglich, unerklärlich für den, der sie nicht kennt.

Es ist die Sehnsucht des Seglers nach offenem Meer, nach Wind und Gischt,dem Rollen des Bootes. Aber die Sehnsucht, die ich meine, verbirgt sich nicht in Wasser, unter Steinen, in Höhlen oder im weiten gebirgigem Blick. Die Sehnsucht weht uns an, wie anderen etwas zustößt. Sie spielt Flötentöne auf unseren Knochen. Sie erhebt uns, aber lässt uns zugleich Blicke werfen ins eigene Unauslotbare, das tiefer ist als die See und an manchen Stellen so dunkel und kalt, dass der Atem gefrieren kann.
Nun, rüste Dein Boot, setz die Segel und befestige die offene Takelage. Wir brechen ständig auf, schauen ins Nichts und lassen vom Boden der Stille die erste Brise aufkommen. Unser Blick, der in die Weite schaut, ohne zu schauen, unser Denken, das bis zu einem einzigen Punkt fokussiert, sich von Innen öffnet wie die Romantische Blume- exakt und offen, flüssig geworden wie das Wasser unter dem Kiel: Aufbruch.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, // Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, // Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, // Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet, // Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.”


Odyssee
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Neues aus dem anthroposophischen Minenfeld

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Wirre Leute mit rechtem Brett vor dem Kopf treffen nicht ungern auf anthroposophische Esoteriker, die, mehr oder weniger abgedreht, in Kernhaltungen wie dem offenen Anti- Amerikanismus und der weniger offen geäußerten wahnhaften Sorge vor allerlei Geheimgesellschaften, einander in die Arme fallen. Die geistigen Gartenzwerge entdecken gemeinsame Schnittmengen- gleichgültig übrigens, ob die rechts oder links oder einfach nur bekloppt sind.
Natürlich berichten manche Medien mit Wonne darüber- so gerade die selten zimperliche VICE, die "merkwürdige Geschichten" bei den Waldorfschulen ausmacht: Wenn der notorische Ken Jepsen, selber Ex-Waldorfschüler, in der Waldorfschule in Überlingen zum Vortrag eingeladen wird (und später wieder ausgeladen, was Vice verschweigt), wenn der Ex- Nazi und Ex- Waldorflehrer Andreas Molau einfach gar nichts macht, wenn der Ex- Waldorflehrer Bernhard Schaub sich im Holocaust- Leugner- Seminar Collegium Humanum zeigte, dann schließt VICE daraus: "Offensichtlich hat man in Waldorfschulen ein Problem damit, sich eindeutig von abseitigen Ideologien abzugrenzen."

So ganz offensichtlich ist das nicht, da die angesprochenen Figuren ja aus ihren Ämtern entfernt worden sind. Allerdings gibt es, wie auch Anfragen aus dem Ausland zeigen, Versuche, nach Entlassungen dieser Art anderswo erneut Fuß zu fassen, aber auch weiter und mit erheblichem Nachdruck mitteleuropäische anthroposophische Institutionen zu unterwandern. Daher folgt nun eine klare Stellungnahme des Bundes der freien Waldorfschulen, die insbesondere vor den sich so bezeichnenden "Reichsbürgern" warnt: "Weniger bekannt ist, dass die alternative Szene, zu der auch viele anthroposophisch inspirierte Initiativen in der Landwirtschaft, Medizin und Pädagogik gehören, eine große Anziehungskraft auf Reichsbürger hat. Da diese sich nicht immer als »Reichsbürger« zu erkennen geben, oft aber eng mit der rechten Szene verflochten sind und rassistische und rechtsextreme Positionen vertreten, ist Aufklärung geboten." Die ganze Broschüre ist frei herunter zu laden.

Die "Reichsbürger" definiert genannte Broschüre so: "Selbsternannte „Reichsbürger“, die meist aus einem nationalen bis rechtsradikalen Spektrum kommen, halten die Bundesrepublik Deutschland für völkerrechtlich illegal bzw. für juristisch nicht existent, im Gegensatz zu einem fiktiven „Deutschen Reich“, womit mal Nazideutschland, mal das Kaiserreich oder ein beliebiger Phantasiestaat gemeint sein kann. Deutschland, wie sie es sich vorstellen, sei nach wie vor im Kriegszustand mit den Alliierten bzw. von den USA „besetzt“. Doch das sei nur die Spitze des Eisbergs: Je nachdem, welchen „Reichsbürgern“ man glaubt, stecken hinter der Misere entweder das angeblich jüdische „Finanzkapital“, oder „die Zionisten“, irgendwelche Geheimbünde, außerirdische Mächte wie das „Plutonium-Imperium“ oder sie alle zusammen, die angeblich planen, uns fernzusteuern. Nicht zum ersten Mal gehen hier esoterische Vorstellungen und Rechtsradikalismus Hand in Hand."
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Mind- Tuning, neue chemische Drogen und der Umgang damit



Vielleicht gehört es zu einer notwendig- rationalen Liberalität gegenüber so genannten Drogen, daran zu erinnern, dass der Mensch schon immer in seinen bio- chemischen Haushalt eingegriffen hat, dass unser Konzept von „Nahrung“ schon - in der Würze, Zubereitung und Substanz - immer auch auf das Seelische wirkt. Beginnt die Droge bei der Schokolade, die direkt auf passende Transmitter einwirkt, bis hin zum Liebhaber des „First Flush“ Tees- bestehend aus den ersten sprossenden Blättern des Jahres, die von Stimulantien strotzen. Und der Alkohol, natürlich, die niederschmetterndste und heimtückischste aller Drogen.

Wie soll man es dagegen bewerten, wenn ein heute typischer überdrehter Mittdreißiger, der in seiner Workaholic- Manie ganz von Ferne das Scheppern eines Burnouts hören könnte, wenn er Zeit hätte, zu hören. Er hat die Redaktion über seine Wahrnehmung und seine Erinnerungen- daher vergisst er einfach alle Gelegenheiten, in denen er deutliche Anzeichen von Überdrehtheit gezeigt hatte. Sie häufen sich- er ist manchmal zu schroff, manchmal zu direkt, manchmal zu erschöpft. Er versucht ein so genanntes Beruhigungsmittel, aber es reizt ihn noch mehr und lässt ihn schlaflos zurück. Als er auf einer Party einer bestimmten Droge begegnet - sei es MDMA oder ein Xstacy- Verwandter, sei es einer der legalen LegalHighs, synthetische Kräutermischung oder psychedelischen Pilzen, die aus den Niederlanden via Internet weltweit gehandelt werden, usw. - ist es sicherlich einmal auch eine Substanz, mit deren Hilfe und unter deren Einfluss der Mittdreissiger plötzlich inne halten, ruhig werden, auf sich schauen kann.

Das Nervös- Werden, die innere Zersplitterung, aber auch Wandlungsfähigkeit, der Bruch im emotionalen Selbstgefühl mit der eigenen Erscheinung, die sich unaufhaltsam entwickelnden inneren Widersprüche- das Alles als notwendige Umstände der Bewusstseinsseelen- Kultur, des selbstkritischen Zeitgenossen. Wer will es ihm verdenken, ein seine sich vereinseitigende Bio- Chemie zu gewissen Gelegenheiten mittels eines Antagonisten in Form einer Droge zu korrigieren? Es geht ihm nicht um Rausch oder Exzess, es geht um die Möglichkeit eines Ausgeglichenseins, das er im Alltag nicht mehr finden kann. Vielleicht hat er auch eine seelische Neigung in sich entdeckt, der er nicht von sich aus entkommen kann- eine Schwäche, eine Einseitigkeit. Es wird in chemischen Baukasten des Mind- Variierens genau die Substanzen entdecken, die zumindest zeitweise seine individuelle Schwäche kompensieren. Die Möglichkeiten sind zahllos, und fast immer ist ein Preis zu zahlen. Und vor allem die neuen synthetischen Drogen - von künstlichem, aber ungemein scharf wirkendem künstlichem Marihuana (teilweise legal zu beziehen) bis hin zu Metylphenidat (Behandlung bei ADS, Konzentrationssteigerung, Gedächtsnisstärkung, vor Prüfungen verbreitet) und Crystal Meth, der ultimativen Glückssteigerung mit dem schnellsten körperlich, seelisch und geistig folgenden Verfall- überschwemmen geradezu die Kontinente. Es klingt befremdlich, Schwärmereien über MDMA (Bestandteil von Xstacy) mit anzuhören, in dessen Verlauf User davon schwärmen, sich unter dem Einfluss der Droge emotional zu kommen und sich wahrhaft zuzuhören. Benötigt man heute dafür einen Ausnahmezustand?

Vielen geht es - heute offenbar Normalfall in deutschen Universitätsstädten - zumindest vor Prüfungen um eine Art Hirn- Tunings mit Hilfe von Ritalin. Es hilft beim Auswendiglernen und der allgemeinen Fokussierung, mit dem Preis möglicher Appetit- und Schlaflosigkeit. Der Übergang zwischen ärztlich verschriebenen Medikamenten und illegalen Drogen ist fliessend. Man darf davon ausgehen, dass es in heutiger Sozialisation nahe irgend einer der Metropolen dazu gehört, einen gewissen ausgeglichenen Umgang mit den Potenzialen legaler, illegaler und kulturell erwünschter (Alkohol) oder gerade wieder verpönter (Nikotin) Substanzen zu erlernen. Eine relativ brave Mittelklasse- Droge wie Marihuana zu ächten, erscheint gegenüber den realen Gefahren von Heroin, Alkohol, Nikotin und dem chemischen Bio- Baukasten, der seit Jahren alle Kontinente überschwemmt, absurd.

Das anthroposophische Standardwerk Ron Dunselmanns über Drogen ist 30 Jahre alt und somit eher Ausläufer der Hippie- Jahre als Betrachtung der ganz anders gearteten heutigen Herausforderungen. Es wird Zeit, darüber wieder mehr zu sprechen, ohne Scham, ohne Moralpredikt, ohne erhobenem Zeigefinger.
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Albert Speer auf Acid

calvert screen

Wie so oft, war ich beim virtuellen Blättern im russischen Calvert Magazin - in dem russische Top- Fotografen und Journalisten ein ganz anderes Russland vorstellen- das der kulturellen und künstlerischen Experimente, in einer Vielfalt von Subkulturen, in die auswärtige Betrachter nie Zutritt erhielten- auf etwas gestossen: Ein reich bebilderter Beitrag über den Schrecken der post- stalinistischen Architektur in Russland und dessen Trabanten.

Das Grauen einer post- humanen - einer jedem menschlichen Maß entwachsenen und somit monströsen- Bauweise sieht man sich am besten selbst an.

Ich hatte den englisch- sprachigen Artikel also überflogen, auf die übliche Art: Auf der Suche nach dem Strang der Kernaussage des Textes, der Positionierung des Autors, eventueller Brüche oder Ungereimtheiten im Text. Diese wunderbar schrecklichen Bilder angesehen, fasziniert von der Komplexität des Materials, Textes und Zusammenhangs. Den Link bei Facebook gepostet, danach selbst kommentiert: „Albert Speer auf Acid.“ Natürlich ist eine solche Bauweise ohnehin Eigenart und Ausdrucksform totalitärer Regime, aber die spezifisch post- stalinistischen Bauten haben dann noch diesen surrealen Touch.

Dies nur eine Bemerkung am Rande - obgleich mit architektonischer Galle versetzt-; das Problem war, dass ich das für einen originellen Einfall von mir hielt. Danach las ich den Artikel in den Details und gründlich, und schluckte dann nur an dem Punkt, an dem da stand: "The 12-storey house with a tower of 18 stories connects seamlessly to the monumental buildings of the Stalin era. “It is terrible to say it” — Belov hesitates for a moment — “but it is still true: Mussolini, Stalin, and Hitler’s chief architect, Albert Speer, simply had good taste.”“ Da war sie hin, die Originalität. Ich hatte das nicht bewusst gelesen. Es schwebte vermutlich in einer Wolke halbverdauter Information unter der besonnten Oberfläche meines Bewusstseins. Wie viel, dachte ich, mag an uns Mimikry sein- ein imitierendes Halbbewusstsein, aus dem die Blasen unserer Originalität aufsteigen? Aus dem Pool, in den Pool. Jemand hält eine Fackel in der Faust, über einem endlosen Meer. Woher, aus welchem Film stammt jetzt dieses kitschige Bild, das ich eben noch für meinen Einfall hielt?
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Der radikale Wandel in Rudolf Steiners Werk - zu Christian Clements „Kritischer Ausgabe"

frommann
Die SKA 7 (Kritische Ausgabe ausgewählter Schriften Rudolf Steiners*) thematisiert Meditation und anthroposophische Erkenntnisschulung im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung des modernen Menschen angesichts einer globalisierten Welt, aber auch einer sich stark ändernden Selbstwahrnehmung des Menschen der Neuzeit. Von beiden Seiten erscheint der moderne Mensch bedroht von Leere und, wie Rudolf Steiner es nannte, dem Erleben der „Ohnmacht“:

"»Ich bleibe mit meiner Fassungskraft hinter dem, was ich eigentlich anstrebe, zurück; ich empfinde meine Ohnmacht gegenüber meinem Streben. – Es ist dieses Erleben ein sehr wichtiges [...] denn dieses Ohnmachtsgefühl ist nichts anderes als das Empfinden der Krankheit [...] Dann, wenn man genügend kräftig diese Ohnmacht empfindet, dann kommt der Umschlag [...] Suchen Sie in sich, und Sie werden finden die Ohnmacht. Suchen Sie, und Sie werden finden, nachdem Sie die Ohnmacht gefunden haben, die Erlösung der Ohnmacht, die Auferstehung der Seele zum Geist« (GA 182, 180 f.).“ (1) Christian Clement äußert in diesem Zusammenhang die Ansicht, dass die so benannte Ohnmacht (übrigens nennt Steiner im Heilpädagogischen Kurs als Ursache für Depression aufgestaute Gefühle) inmitten der „Krise der Moderne“ mit der heute so genannten Depression im Zusammenhang steht: "Was das Individuum als »Depression«, was die Menschheit als »Krise der Moderne« erlebt, ist nach Steiner Ausdruck jener inneren Entwicklungskräfte, die den Menschen aus den Tiefen seines Wesens heraus von seinen früheren instinkthaften Bindungen an Natur und Gesellschaft emanzipieren und ihn gewaltsam zum Erlebnis seiner inneren Freiheit drängen.“ (2)

Der Schulungsweg Steiners soll - analog zur psycho-therapeutischen Selbstbewusstmachung - als notwendiges Instrument der inneren Stärkung, Fokussierung und Emanzipation des modernen Menschen dienlich sein können, wenn er recht verstanden wird: "Die Herausforderung der anthroposophischen Erkenntnisschulung an den Menschen der Gegenwart ist somit im Grunde nicht die: Ob der Einzelne die beschriebene innere Entwicklung will oder nicht; sondern vielmehr die: Ob er diese faktisch sich bereits vollziehende Entwicklung bewusst in die eigene Hand nehmen will oder es dem allgemeinen Evolutionsgeschehen, der »Natur« oder der »Gesellschaft« überlässt, diese Wandlung an ihm zu vollziehen.“ (3)

Derjenige, der selbstbewusst, analytisch und engagiert mit dieser Erkenntnisschulung beschäftigt ist, wird auch dem Lehrer Steiner selbst radikale Wandlungen und Entwicklungsschritte zugestehen -und nicht annehmen, Steiner sei quasi als Menschheitslehrer fertig gebacken zur Welt (und zur Reife) gekommen. Dies kann man nirgends besser erkennen als in den Änderungen, die Rudolf Steiner selbst im Laufe stetig neuer Auflagen an seinen Schriften zur Erkenntnisschulung vorgenommen hat. Diese gehen, wie Christian Clement beweist, über die formale Änderung vom theosophischen zum anthroposophischen Lehrer weit hinaus. Clement nennt diese Veränderung "Vom Einweihungsritus zum individuellen Schulungsweg“ (4). 1904 sieht („Das Christentum als mystische Tatsache“) die Einweihung - als Ziel der Erkenntnisschulung - nach Steiner "der Form des antiken Mysterienkults (bzw. der steinerschen Rekonstruktion desselben) noch sehr ähnlich“, wird in geheimen „Tempeln“ vollzogen und entstammt einer „Geheimüberlieferung“. In „Wie erlangt man..“ verfolgt Clement von Auflage zu Auflage, wie "zunehmend die Konzeption eines modernen Schulungswegs, der von jedem individuell und überall, ohne Einbindung in institutionelle oder personelle Bindungen praktiziert werden kann“ (5), in den Neuformulierungen Steiners zutage tritt. Das von Steiner skizzierte Lehrer- Schüler- Verhältnis ändert sich vollständig: "Der Schüler »begibt« sich nicht mehr in eine »Geheimschule«, sondern »lässt sich ein« auf die Schulung (WE, 107). Aus der »Aufnahme« in eine Schule wird der »Antritt« der Schulung (WE, 96) und die »Geheimlehrer« heißen nun »Berater«, »Lehrer des geistigen Lebens«, »Kenner der Geheimwissenschaft« oder »geistig Geschulte«, die statt strenger »Forderungen« und »Anweisungen« jetzt »Ratschläge« und »Empfehlungen«“ (6) geben. "Der reduzierten Rolle des Lehrers in der geistigen Schulung entspricht eine zunehmende Betonung der Autonomie des Schülers.“ (7)

Im Grunde hat sich in Steiners Arbeiten im Laufe der Jahre das gesamte Konzept einer „Geheimwissenschaft“ und eines klüngelnden Mysterienwesens restlos überlebt: "Hatte Steiner zuvor stets betont, dass bestimmte esoterische Vorstellungen geheim gehalten werden müssten, so verschiebt sich das traditionelle Schweigegebot der alten Mysterien immer mehr in Richtung des Gedankens, dass das Esoterische sich selbst vor unberufenen Augen und Ohren schützt.“ (8) Damit ändert sich auch der elitäre „Wissensvorsprung“ der „Eingeweihten“: "Zudem wird der exzeptionelle und elitäre Charakter der Einweihung entschärft, indem das frühere Ziel des Eingeweihten, zu einem »Führer des Menschengeschlechts« zu werden, soweit herabgestuft wird, dass er nunmehr zur Befreiung der Menschheit nur noch »beizutragen« habe (WE, 219).“ (9)

Insgesamt sieht Christian Clement in den Textveränderungen Anzeichen einer "Deinstitutionalisierung der »Einweihung« zum »Schulungsweg« und ihre Entkopplung von Lehrer, Institution und Ritus“ (10). Dieser lange Weg einer völligen Neuorientierung Steiners in Bezug auf die Rollen von Lehrer und Schüler, Ziel und Organisation der Schulung - und damit verbundenen Methoden- kann man sich gar nicht radikal genug vorstellen. Steiner hat sich keineswegs nur von theosophischen Vorstellungen getrennt, sondern vom gesamten traditionellen Konzept der „Einweihung“. Er ist Stück für Stück mit seinen Adaptionen in die Moderne gerückt und hat damit den aufgeklärten, autonomen, sich selbst infrage stellenden und im sozialen Zusammenhang lebenden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung genommen: "Aus der alten Idee einer Initiation unter Anleitung eines spirituellen Führers wird so nach und nach ein Weg der Selbsteinweihung des gut informierten und daher weitgehend autonomen Schülers.“ (11)

Parallel dazu ist Rudolf Steiner dazu übergegangen, dem naiven Realismus des Lesers entgegen zu wirken und den bildhaften Charakter der Hinweise in den esoterischen Schriften heraus zu stellen- die selbst gewonnene Erkenntnis soll schließlich nicht dem Glauben an wortwörtlich vorgestellte geistige Wesen zum Opfer fallen. Als ein Beispiel mögen die „geistigen Wahrnehmungsorgane“ dienen, deren exakte Lage im Körperschema nicht mehr als feste Tatsache hingestellt wird; in „Wie erlangt man..“ heißt es stattdessen in späteren Auflagen, solche Organe könnten geistig wahrgenommen werden, wobei die Drehbewegung dieser Organe "als bildhafte Ausdrucksweise zu verstehen und nicht wörtlich zu nehmen“ (12) sei: "Insgesamt herrscht die Tendenz, sämtliche Beschreibungen übersinnlicher Phänomene als uneigentlich und bildhaft auszuweisen und stets davor zu warnen, sich von der Konkretheit und Bildlichkeit nicht dazu verführen zu lassen, die beschriebenen seelisch-geistigen Erlebnisse im naiven Sinne als Objekte oder Dinge misszuverstehen.“ (13)

In Bezug auf die vermittelten Übungen selbst fällt in den Textveränderungen auf, dass sich "die Tendenz (zeige), Übungsbeschreibungen, die zuvor in relativ normativer Weise dargestellt worden waren, nunmehr als bloße Beispiele zu verstehen“: "Offensichtlich will Steiner den eigenen Meditations- Anweisungen den autoritativen Charakter nehmen und den generellen Charakter bestimmter Techniken betonen, die dann der Übende gemäß seiner persönlichen Präferenzen individuell gestalten kann.“ (14)

Besonders stark sind Steiners Eingriffe in den Text in der 8. Auflage von „Wie erlangt man..“ zu konstatieren. Aber sie gehen alle weiter in die bislang von Clement skizzierte Richtung des sich selbst bemühenden, eigenverantwortlichen Zeitgenossen: "Zentral ist nicht mehr, dass er von einem autorisierten Lehrer unterwiesen wird, sondern dass er in der rechten Weise bestrebt ist.“ Weiterhin überarbeitet Steiner seinen Text und insbesondere die Begriffe, die "einen Institutionscharakter der Einweihung implizieren und die 1914 stehen geblieben waren“; sie "werden jetzt durch solche ersetzt, die den Prozesscharakter sowie die Flexibilität und Freiheit in der individuellen Verwirklichung des Schulungsweges betonen.“ (15)

So bildet Rudolf Steiner in den durch die Forschungsarbeit Christian Clements dargestellten Text- Veränderungen eine Neuorientierung spiritueller Schulung ab, wobei Steiner erst nach und nach, wie es Zeit, Einsicht und Umstände erlaubten, seine früheren Texte einer Revision unterzog. Sein dabei sichtbar werdendes Ziel war es, ein "Konzept eines allgemeinen, sicheren und von Lehrerautorität unabhängigen Schulungsweges“(16) zu entwickeln. Er hat dabei seine frühere Einstellung zum Thema „Einweihung“ sehr weitgehend revidiert.

_____________________
*Steiner, Rudolf: Schriften. Kritische Ausgabe (SKA). Band 7: Schriften zur Erkenntnisschulung
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? – Die Stufen der höheren Erkenntnis. Samt einem Anhang mit Materialien aus Rudolf Steiners erkenntnisschulischer und erkenntniskultischer Arbeit. Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement. Mit einem Vorwort von Gerhard Wehr. 2014. CXXX, 498 S. 17,4 x 25 cm. Ln.

Leseprobe

1 Zitiert nach: Christian Clement, SKA 7, lxxxix, „Schulungsweg und Psychotherapie“, Anmerkung 137
2 CC, SKA 7, Einleitung, XC
3 dito
4 CC, SKA 7, Einleitung, CXII
5 dito
6 dito
7 dito
8 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII
9 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII f
10 CC, SKA 7, Einleitung, CXIV
11 dito
12 CC, SKA 7, Einleitung, CXV
13 dito
14 CC, SKA 7, Einleitung, CXVII
15 CC, SKA 7, Einleitung, CXIX
16 CC, SKA 7, Einleitung, CXX
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Novemberlicht

november
Im Vorübergehen, am Feld, die kleine Erinnerungstafel an einen jüngst verstorbenen Erwanderer der Gegend, die Pferdekoppel, die voller Schlamm steht, und mittendrin die schweren Klötze der bäuerlichen Pferde. Ein Blick herum, ins weite Feld, die von Blättern kahl gewehten Weiden, die sonst so plappermäuligen Pappeln, nun stumm. Die ganze weite Landschaft bis zu den Ausläufern des Neubaugebiets überblickend die Frage: Was spricht die Landschaft, wenn ich das alles zusammen nähme, jetzt?

Die ziehenden Wolken,
des Glückes beraubt.


Und wirklich, ja, das Licht, selbst wenn es schiene, wäre nun fahl, ein des Leuchtens und Wärmens entfallenes Element, ein seines Kreatürlichen Beraubtes. Das könnte man wirklich gut fotografieren. Die Weite ist ausgeleuchtet wie ein seiner selbst beraubtes Abbild. Wohin ist es gegangen, das Kreatürliche, das uns Menschen tröstet und physisch aufbaut, während sich Schönheit über Schönheit aus der Natur entwickelt, das Auge erfüllend, es ist fort.

Das Herz geht horchend mit den Wolken, der Atem verkriecht sich unter dem Feld. Meine Stirne wird frei vom Mark der Steine. Ich habe unter den losen Wurzeln der Bäume in den Rhein- Armen gesucht, bin die alten Pilgerwege von Emmerich gegangen, bin ihnen bis in die Pyrenäen gefolgt, und endlich bis ans Cap Finstrere. Ich habe die Novembersonne nicht gefunden.
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Music for the end of time

Über Richard Powers „Orfeo"

Ja, das mag sein, vielleicht trägt Richard Powers in seinem neuesten Roman „Orfeo“ zu dick auf. Und ja- es ist dieselbe alte Geschichte - ein genialer moderner Komponist -Peter Els- trifft auf die amerikanische Wirklichkeit nach dem 9/11, geht beinahe daran zugrunde und schreibt am Ende die beste Musik seines Lebens. Und ja, er hat einen guten Freund - einen genial- getriebenen Regisseur - und eine beste Frau, die ihn mitsamt gemeinsamer Tochter verlässt, weil das Künstlerleben nicht ihren Vorstellungen entspricht. Und ja, sie sprechen sich am Ende, nach Jahrzehnten, wenigstens aus, nachdem dieses Leben von Richard Powers auserzählt worden ist.
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Aber dennoch- wenn auch kaum ein Klischee ausgelassen wird - Richard Powers ist eben ein kraftvoller Schriftsteller, der mit dem Quast arbeitet, nicht mit der kalligraphischen Feder. Seine Personen werden in 3d und in Farbe ausgemalt. Bei einem, der Musik liebt wie die Protagonisten dieses Buches, liegt der Friede schon im Hören von Musik: „Wordless peace fills him at the sight of his own crumpled, listening body. And pity for anyone who mistakes this blinkered life for the real deal. (..) Lines echo and overlap, revealing where the music has been heading from the opening Do. They plait together too tightly for Peter’s ear to make out everything that happens inside the five-way weave. The sound surrounds him, and Peter is immanent, inside it all, a small but crucial part of everywhere.

Musik öffnet hier - in zahllosen intimen Schilderungen - ein inneres Auge, um in ihr in einer bewussten Transzendenz aufzugehen: "Only keep still, wait, and hear, and the world will open.“ Dies ist der Punkt, das innere Anliegen, das den Komponisten umtreibt, das aber sprachlich - etwa gegenüber seiner Frau - nicht vermittelbar ist: "Music, he’ll tell anyone who asks over the next fifty years, doesn’t mean things. It is things.“ So kommt es zur Erfahrung eines unsterblich- Existentiellen: "Perhaps we all know deep down . . . that we are immortal.

Die Unsterblichkeit schützt unseren Helden allerdings nicht vor unfassbaren Dummheiten. In seiner Suche nach dem Immanenten verwirklicht er sich nicht nur in der Komposition, sondern überträgt seinen Wissensdurst auf die Chemie. Nicht im alchemistischen Sinn, sondern ganz handgreiflich in Versuchen der Manipulation von DNA. Das Labor weckt das Misstrauen von Mitbürgern und Institutionen wie dem amerikanischen Heimatschutz; es kommt durch eine Medien- Kampagne sogar zur öffentlichen Hexenjagd, da der verrückte Künstler, der den Klang und die Komposition in den Stammbaum von Bakterien bringen will, als Terrorist verdächtigt wird. Er versteckt sich im Ferienhaus seiner Therapeutin, mit der er einmal eine Affäre gehabt hat, und pflegt seine einsamen Obsessionen: "His whole history, recorded in a few haphazard splashes of water: the idea was mad. But music itself—the pointless power of it—was mad, too. A six-chord sequence could chill a soul or make it see God.“ Während wir doch alle umgeben sind von einem Schwall sinnlosen, entrückten Wall von Geräuschen und Informationsbits ("The air fills with trivial ecstasies.“) findet der verfolgte, verlassene und von der menschlichen Gemeinschaft ausgestossene Komponist Kraft für einen musikalischen Durchbruch: "music for the end of time."
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„Anthroposophische Spiritualität“. Zu einem Buch Jens Heisterkamps

Ganz in dunklem Blau, mit kräftigen Spuren eines komplementären Orange, das den Rahmen einer sich öffnenden Tür umrandet- so präsentiert Jens Heisterkamp sein Büchlein mit dem Titel „Anthroposophische Spiritualität“*. Nicht nur die Untertitel, sondern vor allem der Autor selbst geben die Gewähr, dass es sich keinesfalls um eines der zahllosen anthroposophischen Schriften mit großem Anspruch und wenig Originalität handelt, sondern vielmehr um eine Positionsbestimmung, in die Erfahrung, Umsicht, Zeitgenossenschaft, ein selbständiger sprachlicher Duktus und Mut zum persönlichen Statement einfliessen.

Heisterkamps Betrachtung umfasst fünf Abschnitte, die durchaus auch in sich abgeschlossen bestehen könnten. Zunächst widmet er sich einer prägnanten Betrachtung von Rudolf Steiners Denkentwicklung, die Heisterkamp auf knappe Art und Weise in ihren Umbrüchen charakterisiert. Er verzichtet dabei fast vollständig auf das typische anthroposophische Vokabular, sondern beschränkt sich auf knappe Zitate mit einer modernen Interpretation: „Im Bemerken der Tatsache, dass die Geistigkeit der Welt in das menschliche Innere nicht nur hineinragt, sondern in ihm sogar neu zu Bewusstsein kommt, geht Steiner der Sinn des Menschseins auf. Dabei meint er mit seiner platonisch anmutenden Rede von der „Ideenwelt“ nicht das intellektuelle Denken des Verstandes, dessen kombinatorisches Vor-sich-hin-Laufen ja jede spirituelle Entwicklung hemmt, sondern die bewusst gemachte Anwesenheit des Einen spirituellen Urgrundes, der in Form einer Denk-Spur durch unser Bewusstsein zieht - mit den Merkmalen tiefer Verbundenheit ausgestattet und jederzeit dazu in der Lage, uns denkend über unsere Begrenztheit in ein tieferes Verstehen hinauszuführen.“ (S.19) In Vergleichen zu Denkern wie Heidegger und der Zen- Philosophie versucht Heisterkamp, den Logosbegriff Steiners („der Welt und Mensch übergreift“) ebenso zu charakterisieren wie dessen Vorstellung von Freiheit („Die Erfahrung an der All- Einheit im Bewusstsein ist ja eine Erfahrung von Freiheit: Freiheit im Sinne einer prinzipiellen Unbegrenztheit und Ungetrenntheit, der „Aufgehobenheit“ des Individuellen im All- Einen…“). Besonderes Gewicht in der Darstellung - im Sinne einer inneren Metamorphose- erhält Steiners zeitweiliges Aufgehen im mystischen Rahmen der Theosophie, aber auch seine Emanzipation gegenüber der „östlichen Weisheit“ durch Steiners Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Der eigentliche spezifische spirituelle Schulungsweg Steiners findet sich fragmentiert in seinem gesamten Vortragswerk verteilt. Um eine „rezeptartige Übernahme“ der vielen vorgetragenen „Forschungsergebnisse“ Steiners kann es für den modernen Leser nicht gehen, zumal manches „inzwischen zeitlich überholt“ (S. 37) erscheint- manchmal auch in dem Sinne, dass die „Aussagen Steiners“ z.B. über Menschen mit anderer Hautfarbe „diskriminierenden Charakter“ haben.

Im zweiten Teil versucht Heisterkamp, Steiners Grundansatz, eine „Spiritualität vom Denken her“ zu entwickeln, seine „Mystik des Denkens“ sprachlich zu fassen und damit Motive für eine „moderne, aufgeklärte Spiritualität“ (S.39) heraus zu arbeiten. Das Nachdenken über das Denken im Sinne Steiners führt eben nicht nur zur postmodernen Position, im Denken „lediglich ein subjektives Konzept“ zu sehen, sondern auch zur „zentralen Eigenschaft des Denkens: Seine Universalität und seine Allgemeingültigkeit.“ (S. 45) Die „mystische“ Erfahrung des Denkens führt in den Worten Heisterkamps zu der Erfahrung: „Nicht ich denke die Gedanken, sondern ich bewege mich denkend in einem in sich selbst begründeten (organischen) Weben des Denkens..“. (S. 47) Die „Schlüsselerfahrung“ moderner Spiritualität mündet schließlich in der Fähigkeit, „Bewusstsein als Bewusstsein selbst“ zu erfassen - in der Leere eines fokussierten Denkens, das sich aber nicht mehr in seinen Inhalten verliert. Damit ist auch die Erfahrung verbunden, dass das Denken uns erst als Subjekt konstituiert. Der anthroposophische Weg führt zur Ursprünglichkeit eines reinen Bewusstseins, ohne sich dabei in einer „Selbstauslöschung“ aufzugeben. Die dualistische Weltsicht wird in dieser meditativen Denkaktivität nach und nach überwunden, indem die „Denktätigkeit“ (S. 57) selbst erfahrbar wird. Dies ermöglicht es, etwas „zuvor nicht Vorhandenes in die Welt zu bringen“ (S. 60) und somit unabhängig, kreativ, auch sozial schöpferisch tätig zu werden. Die Evolution der Dinge und Wesen bis hin zur Selbstgewahrwerdung wird in dieser Sicht durch eine „Involution“ des Geistes in die Materie ergänzt. Heisterkamp ist an diesem Punkt der Betrachtung bemüht, die widersprüchlichen Signale zwischen Individualismus, Kultur, reaktionären Tendenzen und ungehemmter Freizügigkeit als zeitgenössische Wegmarken verständlich zu machen und zugleich existentielle Grundbedingungen des Menschen zu erfassen: Menschen sind „grundsätzlich unfertig und unbestimmt“ (S. 69). Das schließt Probleme, Hemmnisse, Schmerzen und die „vielleicht auch dunklen Seiten“ (S. 73) des Individuums mit ein. Das „Evolutionäre“ bedeutet für Heisterkamp an diesem Punkt weniger, individuell nach „Erleuchtung und höherer Erkenntnis“ zu verlangen, als im Sinne Steiners „das Erwachen am anderen Menschen“ zu suchen- und damit praktisch und konkret tätig zu werden. Das „Interesse am anderen“, an einer „Zukunft dieses Menschen“ ist das Credo dieser Spiritualität, die ihr Potential in einer „neuen Achtsamkeit für Gemeinschaftsbildungen“ gewinnt. Hier sieht Heisterkamp auch die gemeinsame Schnittmenge mit anderen spirituellen Richtungen, die er im dritten Teil des Buches („Stufen der Entwicklung“) weiter ausführt.

Die Vertiefung der Grundmotive einer so angedeuteten evolutionären Bewusstseinsentwicklung führt Heisterkamp zur Darstellung kosmischer und menschlicher Entwicklung im Sinne von Bewusstseinsstufen, die sich zwar entfalten, aber zugleich in den „transformativen (freien) Möglichkeiten, Bewusstsein zu entwickeln“ (S. 89) auch, da es sich keinesfalls um einen linearen Prozess handelt, „Brüche und Abstürze“ frei legen- das 20. Jahrhundert war von diesen Abgründen geprägt. Totalitarismus und Terror sind die Schattenseiten dieser Evolution des Bewusstseins, das, in anthroposophischer Terminologie zum „Berührt- Werden vom Geist“ im Sinne der Entfaltung des Geistselbstes führen kann. Heisterkamp spricht an dieser Stelle von einer Einverleibung des Geistes, oder, in Worten Andrew Cohens, vom „Authentischen Selbst“.

Die eigentliche meditative Arbeit daran stellt Heisterkamp im vierten Teil („„Schulungsweg“: Spirituelle Transformation durch Weltbegegnung“) - wiederum in einer spezifischer werdenden Darstellung- vor. Auf der einen Seite steht eine Umwandlung des „intellektuell- emotionalen Apparat(es)“ (S. 101), auf der anderen eine zunehmende Verankerung im Sinne einer zu entdeckenden Ruhe („sein Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu führen“- nach Steiner). Die Darstellung der meditativen Schritte führen Heisterkamp auch zu einer Darstellung der Entfaltung der Chakren.

Im letzten, recht kurzen Abschnitt wagt Heisterkamp einen Ausblick auf die weitere Entfaltung der Anthroposophie im 21. Jahrhundert. Die „exklusiven Lehrinhalte“, die ritualisierten Arbeitsformen und die relative Abgeschiedenheit der anthroposophischen Bewegung sollten in seinen Augen überwunden werden zugunsten einer umfassenden Dialogbereitschaft auch mit anderen spirituellen Strömungen. Dabei geht es nicht um Vermischung und Verwässerung der Impulse, sondern um ein „Sondieren und Fruchtbar- Machen von geistigen Schnittmengen“ (S. 123). Die Zeiten haben sich natürlich seit Steiners Lebens- und Wirkenszeit verändert - heute findet sich die anthroposophische Bewegung wieder in einer Ära der „globalisierten Spiritualität und Religiosität“ (S. 125). Dazu gehört für Heisterkamp einerseits das Besinnen auf die „philosophisch- gedanklichen Grundlagen der Anthroposophie“ (S. 127), andererseits das Überdenken mancher (häufig lediglich als Phrase benutzten) anthroposophischen Maximen wie z.B. dem viel beschworenen „Christus- Impuls“.

Das zentrale Anliegen Heisterkamps, was die Anthroposophische Gesellschaft im 21. Jahrhundert betrifft, ist aber die Notwendigkeit eines fortlaufenden und sich vertiefenden Dialoges - eben das, was er auch als zentrales spirituelles Motiv für das Individuum heraus gearbeitet hat. Das Büchlein ist dafür selbst ein Beispiel, da es - ohne den Ballast anthroposophischer Nomenklatur - zentrale anthroposophische Anliegen und Bestrebungen darstellt und damit „Einsteigern“, aber auch Anhängern anderer spiritueller Bewegungen näher bringen kann.

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*Jens Heisterkamp, „Anthroposophische Spiritualität. Denken, Meditation und geistige Erfahrung bei Rudolf Steiner. Eine Einführung“, Frankfurt/ Main 2014
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Elsbeth Weymann: “Nicht in unserem Namen! -Juden und Araber sind Söhne Abrahams“

“Nicht in unserem Namen! -Juden und Araber sind Söhne Abrahams“- Dies war die Botschaft eines Plakats bei Demonstrationen im August 2014 in New York. Gemeinsam getragen von Juden und Palästinensern. Im gegenwärtigen Gazakrieg der Raketen und Bomben, der Hass und Vernichtungstiraden auf beiden Seiten eine erstaunliche Stimme. In all den täglichen Schreckensnachrichten wird ja meist vergessen, dass es bereits seit Jahrzehnten eine israelisch-palästinensische Friedensbewegung gibt, wie Rabbiner für Menschenrechte, Gusch Schalom , die Organisation Breaking the Silence, in der sich Soldatinnen und Soldaten für den Frieden einsetzen u.a. Auf beiden Seiten gibt es außerdem die versöhnlichen Stimmen Einzelner: Sari Nusseibeh, Susan Abulhawa, Emil Habibi für die Palästinenser, Moshe Zimmermann, Noah Flug, Etgar Keret auf jüdischer Seite, um nur einige zu nennen.

Gibt es eine Lösung der Israel-Palästinafrage? Reicht der Konflikt nicht schon bis in biblische Zeiten zurück? Ismael und Esau, Söhne Abrahams und Isaaks, Stammväter der Araber, wurden in die Wüste vertrieben. Esau heiratete später eine Tochter Ismaels. So verbanden sich die beiden vertriebenen Abrahamsöhne und Vorfahren der Araber schon vor Urzeiten auch verwandtschaftlich miteinander (Gen 28,6).

Liest man diese Erzählung in der Bibel im hebräischen Originaltext, so bezaubern Wucht und Kraft, Herbheit und die klare, leuchtende Schönheit dieser Sprache. Man muss sich aber auf eine ganze Reihe von Besonderheiten, Satzbau, Stil und den Umgang mit Wörtern betreffend, einlassen, um die Größe dieses Textes zu erfahren.
Als man der hebräischen Sprache noch lebendiger gegenüberstand, konnte man in den Worten noch etwas vom Fließen des Geistes und dadurch in den Worten selber etwas Geistig-Ideelles, etwas wirklich Geistiges verspüren (Rudolf Steiner).

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Zum ganzen Text von Elsbeth Weymann
Die
Elsbeth-Weymann-Seite bei den Egoisten
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