Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner

repix
Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner umfassen etwa 30 Seiten, stammen aus dem Jahre 1928, und finden sich als Anhang in Ludwig Polzer- Hoditz „Erinnerungen an Rudolf Steiner“. Klima stammte aus Prag. Sie hat Rudolf Steiner meist dort vor Ort getroffen- durch ihren Ehemann („mein teurer, verewigter Gatte“), der mit Steiner dienstlich zu tun hatte und selbst eigentlich keinen oder nur spät einen Zugang zu ihm fand. Rudolff Steiner äußerte in Bezug auf ihn: „Die sind mir die liebsten, die so schwer herankommen.“ Für die „ganz klerikal“ erzogene, später völlig atheistische, auch in ihrer Ehe recht unglückliche Julie war Steiner von der ersten Begegnung an der „Meister“- sie nannte ihn nie anders, und empfand überhaupt mit einer Unmittelbarkeit und Stärke, die in ihrer Schilderung berührt. Julies Unglück bestand in ihrem Umzug ins fremde Prag, in ihren Schwierigkeiten mit ihrer Tochter, und später in der chronischen Untreue ihres Mannes. Als sie nach einem ersten Vortrag Rudolf Steiners einen Augenblick mit diesem allein ist, erkennt -empfindet- sie sofort dessen Größe: „Ich wusste damals noch nichts von Hellsichtigkeit. In einem Moment aber, da wusste ich, dass er alles wisse, was in mir vorgeht. Eine tiefe Scham überkam mich. Kein Wort brachte ich über meine Lippen, ich hatte nur das Gefühl, in den Boden versinken zu wollen. Ich floh von dannen wie eine Geächtete.“

Nach diesem bodenlosen Erlebnis beginnt sie konsequent an sich zu arbeiten, um Steiner ein Jahr später wieder unter die Augen treten zu können: „Aber diesmal hielt ich den Blick bereits aus.“ Mehrmals fragt Rudolf Steiner sie, wie es ihr gehe. Wieder schleicht sie davon. Aber diese Scham ist etwas, was sie, die Atheistin, in Steiners Vortrag innerlich beschwingt und belebt: „Ich sah die Aura des Meisters.“ Später tritt Steiner auf sie zu, reicht ihr die Hand und drückt seine Freude über die Begegnung aus. Von nun an bis zu Steiners Tod besteht diese Beziehung in immer neuen Begegnungen.

Die anfängliche Scheu gegenüber dem „Meister“ schwingt bald um in ein sehr vertrautes Verhältnis. Julie bespricht ihre intimsten Probleme mit ihm, erhält aber auch persönliche Meditationsanweisungen. Als die jahrelange Affäre ihres Mannes mit einer anderen Frau offenbar wird, die zudem wohl schwierig im Sinne eines Borderline- Syndroms war, rät ihr Steiner, sich mit dieser Frau anzufreunden. Julie Klima befolgt nicht nur diesen Rat, sondern lässt diese Frau bei der Familie einziehen. Es folgt ein jahrelanges Psychodrama bis zum Tod des Mannes, das Steiner immer wieder beratend begleitet. Julie wird zur ersten Anlaufstation für die Familie Steiner, Polzer-Hoditz und Andere in Prag: „Es war die schönste Zeit meines Lebens.“ Steiner dient in vielerlei Hinsicht als Familientherapeut: „Ihr Fall ist eine Tragödie. Aber wollen Sie denn keine Tragödie erleben? Nur banale Menschen erleben keine Tragödien.“

Einen besonderen Höhepunkt erreicht die Beziehung zwischen Julie Klima und Steiner bei einem langen Ausflug zur Burg Karlstein 1918. Steiner war bester Laune, zeigte aber auch schon mal Differenzen im Verhältnis zu seiner Frau Marie: „Renommieren Sie schon wieder?“ In der Kapelle von Karl IV. empfand Julie „plötzlich ein wunderbares Seligkeitsgefühl in der Nähe des Meisters“- sie zieht sich wie alle anderen dezent und sensibel zurück. Steiner bestätigt später im Anblick der Fresken, dass darin die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz dargestellt werde.

Julie Klima gehörte zu denen, die mit Steiner innerlich mitgingen, ihm Freundin und Begleiterin war. Es gab diese sehr persönliche Ebene, für die sie sich, als er kränker wurde, auch schämte, aber auch eine Ebene des Erkennens und Anerkennens, die ihre Darstellung so einzigartig macht. Sie war Steiner zu wichtigen Zeitpunkten eine treue und innerlich tief mitempfindende Freundin. Man spürt das bei ihr in jeder Zeile.
Comments

Die Reiche der Himmel

Der Weg bringt es mit sich, dass in einer glücklichen Phase des Lebens, in der wie in einem vom Schicksal vorgenommenen Arrangement alles stimmt, vernehmbar wird, worauf es - abseits der kollektiven Vorstellungen - bei innerem Wachstum ankommt; keine nur persönliche Erfahrung, sondern etwas, was das Menschsein an sich unvermittelt berührt. Solche Arrangements sind nichts, was wir selbst aus eigener Kraft anstellen könnten, und sie finden eher in der ersten Hälfte des Lebens statt; wenn überhaupt. So wird man dabei zum Beispiel an einen bestimmten, inspirierenden Ort geführt, an dem einen etwas anweht- vielleicht geschwächt von einer leichten Grippe, etwas irritiert, aber zugleich aufmerksam und sehnsüchtig. Und plötzlich entrollt sich der Schleier, und man findet sich in einem innigen Dialog mit einem inneren Gegenüber, der in dieser typischen Nüchternheit der geistigen Erfahrung die kühle Mystik der Gegenwärtigkeit enthüllt.

Es gehört dazu, dass man um den Moment weiß, aber zugleich die Inhalte der Erfahrung nur in den äußeren Umrissen ins Gegenwartsbewusstsein mitnehmen kann; das Vergessen ist nicht zu verhindern. Und es gehört dazu, dass die Führung in solche Erfahrungen sich nicht in derselben Form wiederholt. Das Bemühen darum mag Jahre und Jahrzehnte dauern, aber nie wird die mystische Erfahrung in dieser Form wieder auffindbar sein. Der geheime Garten entzieht sich schon deshalb, damit man die innere Aktivität aufs Äußerste anspannt, die Bemühung forciert- vielleicht nur um zu bemerken, dass eben dieses Wollen verhindert, dass es geschehen kann. Der Wille ist nicht rein- er ist durchsetzt von bloßem Begehren. Das Wollen muss transparent werden, immer mehr und mehr, und es wird nichts mehr geschenkt.

Aber selbst, wenn die Taufe schließlich Tatsache wird, wenn der stille Dialog zu etwas wird, was seelisch Fuß fasst, wird man konfrontiert mit allen Aspekten des eigenen „Schwachmenschlichen“:

Nun sind die Reiche der Himmel wirklich nahe herbeigekommen, von der anderen Seite her, in der sie früher nicht aufgesucht werden konnten. Im Schwachmenschlichen sind sie anwesend, unter der Asche des Alltags, der Gewohnheiten lebt eine kleine Glut des Anfanges. Sie auflodern zu lassen heißt, mit dem neuen Heiligen Geist begnadet zu werden.“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, S. 13)

Der versteckte „Lebenskeim“, der nun nicht nur in der arrangierten Einzelerfahrung, sondern in einem zarten, aber kontinuierlichen Strom im Inneren präsent wird, hat nichts Ausgedachtes, Gewolltes oder Gefühliges. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung des inneren keimenden Lebens, und hat somit Charakteristika einer Auferstehung des geistigen Lebens- ein reales österliches Geschehen. Auch dieses Fußfassen geistiger Präsenz geht durch Verschattungen und Krisen; es ist kein Eigentum, kein Anrecht, kein Teil des Ego; deshalb sind schmerzhafte Erfahrungen damit unausweichlich. Die Präsenz wird nicht mehr geschenkt, tritt auch nicht mehr unvermittelt, vereinzelt und blitzartig auf, sondern wird nach und nach innerer Kern des seelischen Gefüges - inmitten der Individualität mit ihren Eigenheiten. Die Präsenz hat dadurch immer ein persönliches Gepräge, ist aber selbst nicht aus der Persönlichkeit geboren, ist kein „Geschöpf“, sondern wird als das Leben selbst erfahren, als sich selbst schöpfender Quell.

Es gelingt immer nur mehr oder weniger, ganz in diese Lebendigkeit hinein zu gehen. Es ist stets ein kreativer Akt, dem man immer nur in Aspekten genügt. Zugleich ist es - ohne im geringsten konventionell zu sein- ein moralisches Erleben, ein Empfinden, das in der völligen Hingabe zugleich von einer Vernunft und Reinheit, und von einer essentiellen Nicht- Selbstbezüglichkeit getragen wird.

Der „Logosfunken“ entzündet sich in immer neuen Anläufen, und durchglimmt das Nur- Persönliche immer wieder in einem Anfang. Dieser bedarf keines bestimmten Ortes, keiner bestimmten Stunde mehr - er leuchtet im Alltag auf und enthüllt dessen unerschöpfliche Schönheiten. Auch die Natur beginnt zu sprechen. Die „Reiche der Himmel“ sind nichts Fernes, sondern entfalten sich in den Details der Wahrnehmung. Die Kluft zwischen äußerem Dasein und innerem Leben schrumpft, und in jedem Sprung über den Abgrund wird das Glück dieses Anfangens erfahren.
Comments

Claudia Beckmann: Tropischer und siderischer Tierkreis als Grundlagen anthroposophischer Astrologiebetrachtung

Die Reinkarnationsforschung auf astrologischem Hintergrund (auch im Sinne eines Ausschlussverfahrens) ist spannend. So habe ich mich gleich mit den Darstellungen von Holenstein zu Jacques de Molay beschäftigt. Allerdings macht sich Holenstein mit den Daten des sog. tropischen Tierkreises ans Werk. Das sind Konstellationen, die aufgrund der Progression der Sonne durch den Tierkreis in der realen Erscheinung nicht vorhanden sind. Der Frühlingspunkt schreitet bekanntermaßen in 72 Jahren etwa 1° rückwärts durch den Tierkreis. Wenn er also ein Tierkreiszeichen von 30 ° durchläuft, dauert das 30 x 72 Jahre = 2160 Jahre. Und das die 12 Tierkreiszeichen: 12 x 2160 Jahre = 25920 Jahre. Das ist ein platonisches Weltenjahr.

Und ganz praktisch leuchtet Jupiter 2013/2014 in den Zwillingen, was derzeit seit Monaten am Nachthimmel wunderschön klar und eindrücklich zu sehen und zu erleben ist. Laut tropischem Tierkreis befindet er sich heute am 9. März 2014 10°27 im Krebs, was nirgendwo am real existierenden Himmel zu sehen ist. Sollte eine Wirkung des Mondes und der Planeten auf die Seele und den Geist des Menschen möglich sein, doch nicht nach einer Konstellation, die ich nur auf dem PC berechnen kann! Selbst der Flüssigkeitshaushalt meines Körpers untersteht dem Wandel des Mondes, ebenso wie die Gezeiten des Meeres.

Die Aussage Steiners, dass Todes- und neues Geburtshoroskop miteinander zu tun haben, ist mir sehr wohl bekannt. Es gibt von Steiner auch die Angabe, dass der Mensch im Augenblick seiner Geburt im Haupt ein Abbild des Kosmos tragen würde, das für sein Leben erhalten bleibt. Nur der Christus trage jeden Augenblick den Kosmos, so wie er in der aktuellen Stunde, im Hier und Jetzt erscheint, in sich; Er ist ja der kosmische Geist:

Wenn das hellseherische Bewusstsein einen Menschen betrachtet, so kann es an seiner Organisation wahrnehmen, wie diese tatsächlich ein Ergebnis des Zusammenwirkens von kosmischen Kräften ist. Dies soll nun in hypothetischer, aber völlig den hellseherischen Wahrnehmungen entsprechender Form veranschaulicht werden. Wenn man das physische Gehirn eines Menschen herausnehmen und es hellseherisch untersuchen würde, wie es konstruiert ist, so dass man sehen würde, wie gewisse Teile an bestimmten Stellen sitzen und Fortsätze aussenden, so würde man finden, dass das Gehirn bei jedem Menschen anders ist. Nicht zwei Menschen haben ein gleiches Gehirn. Aber man denke sich nun, man könnte dieses Gehirn mit seiner ganzen Struktur photographieren, so dass man eine Art Halbkugel hätte und alle Einzelheiten daran sichtbar wären, so gäbe dies für jeden Menschen ein anderes Bild.

Und wenn man das Gehirn eines Menschen photographierte in dem Moment, in dem er geboren wird, und dann auch den Himmelsraum photographierte, der genau über dem Geburtsort dieses Menschen liegt, so zeigte dieses Bild ganz dasselbe wie das menschliche Gehirn. Wie in diesem gewisse Teile angeordnet sind, so in dem Himmelsbilde die Sterne. Der Mensch hat in sich ein Bild des Himmelsraumes, und zwar jeder ein anderes Bild, je nachdem er da oder dort, in dieser oder jener Zeit geboren ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch heraus geboren ist aus der ganzen Wel
t.“ (Rudolf Steiner, GA 15 – Die geistige Führung der Menschen und der Menschheit, Dritter Vortrag, S. 73)

Ich habe daher nie verstanden, wie auch der anthroposophische Arzt Dr. med. Heinz Herbert Schöffler tropische Daten benutzt. Nun stoße ich erneut auf solch intensive Bemühungen mit Holensteins Arbeit, die für mich nicht mehr nachvollziehbar sind.

Auf den siderischen Tierkreis bin ich vor etlichen Jahren durch die Arbeiten von Robert Powell gestoßen. Mir erschien Powells Forschung sehr schlüssig und ich musste mich wohl oder übel vom tropischen Rechnen verabschieden mit der Schwierigkeit, dass es eben nur wenige Menschen gibt, die sich auf diesem Sektor betätigen.

Nun ja, du weißt ja auch sehr wohl, dass in der 6. Klasse eine Sternenkunde-Epoche angesagt ist und Steiner sich explizit wünschte, man möge vom Ort aus, wo man sich befindet, zum Nachthimmel blicken. Wie sollte ich Schülern klar machen, dass momentan Jupiter nicht in den Zwillingen wirkt?

Es kann wohl nur nützlich sein, wenn man um die tatsächlichen Zusammenhänge des Mikrokosmos mit dem großen Kosmos weiß. Und eben auch zur Kenntnis nimmt, dass der tropische Tierkreis nicht mit dem real existierenden Sternenhimmel rechnet. Im siderischen und tropischen Tierkreis bleiben die Winkelbildungen der Planeten untereinander und zu dem Häusersystem gleich. Der Tierkreis aber ist um etwa zwei Drittel eines Zeichens verschieden. Damit befinden wir uns gegenwärtig auch noch lange nicht im Wassermannzeitalter, wie allenthalben verkündet wird, sondern immer noch in den Fischen. Rudolf Steiner setzte den Beginn des Fische-Zeitalters auf 1413.

Zu Steiners Zeiten hat Elisabeth Vreede, Leiterin der mathematisch-astronomischen Sektion am Goetheanum, intensiv über die Sache mit den Sternen nachgedacht (1. Auflage 1954 von „Astronomie und Anthroposophie“), dann war da noch Willi Sucher (ich glaube, er war Vreedes Schüler) und schließlich erschien 2007 ein sehr empfehlenswertes Buch im Verlag am Goetheanum von Leo de la Houssaye „Auf dem Wege zu einer neuen Sternenweisheit“, das er Willi Sucher gewidmet hat. Es ist auch für einen „durchschnittlich sternbegabten“ Menschen gut und flüssig zu lesen. Wenn man sich mal darauf einlassen konnte, kann man die für mein Ohr oft ziemlich verdrehten Begründungen des Weltbildes der Vertreter des tropischen Tierkreises nicht mehr akzeptieren. – Aber es ist vielleicht für einen Astrologen, der nach dem tropischen Tierkreis seine Horoskope erstellt hat und sich- und meist auch seine Mitmenschen- auf seine Interpretationen eingeschworen hat, wohl auch ziemlich peinlich, zu der Erkenntnis kommen zu müssen, dass all das, was so schön gepasst hat, doch stark von der persönlichen Wahrnehmung der Umstände und nicht von den Sternen her interpretiert worden war. Man schmeißt einiges über Bord und startet neu.

Zum Schluss noch ein Beispiel Rudolf Steiners zum Zusammenhang von Sternenkonstellationen und dem Wirken Christi:

"Während Jesus von Nazareth als Christus Jesus in den letzten drei Jahren seines Lebens vom dreißigsten bis zum dreiunddreißigsten Jahre in Palästina auf der Erde wandelte, wirkte fortwährend die ganze kosmische Christus- Wesenheit in ihn herein. Immer stand der Christus unter dem Einfluss des ganzen Kosmos, er machte keinen Schritt, ohne dass die kosmischen Kräfte in ihn herein wirkten. Was hier bei dem Jesus von Nazareth sich abspielte, war ein fortwährendes Verwirklichen des Horoskopes; denn in jedem Moment geschah das, was sonst nur bei der Geburt des Menschen geschieht. Das konnte nur dadurch so sein, dass der ganze Leib des nathanischen Jesus beeinflussbar geblieben war gegenüber der Gesamtheit der unsere Erde lenkenden Kräfte der kosmisch-geistigen Hierarchien. Wenn
so der ganze Geist des Kosmos in den Christus Jesus herein wirkte, wer ging dann zum Beispiel nach Kapernaum oder sonstwo hin? Was da als ein Wesen auf der Erde wandelte, das sah allerdings wie ein anderer Mensch aus. Die wirksamen Kräfte darin aber waren die kosmischen Kräfte, die von Sonne und Sternen kamen; sie dirigierten den Leib. Und je nach der Gesamtwesenheit der Welt, mit welcher die Erde zusammenhängt, geschah das, was der Christus Jesus tat. Daher ist so oft die Sternkonstellation für die Taten des Christus Jesus in den Evangelien leise angedeutet. Man lese im Johannes-Evangelium, wie der Christus seine ersten Jünger findet. Da wird angegeben: «Es war aber um die zehnte Stunde»; weil der Geist des ganzen Kosmos in Gemäßheit der Zeitverhältnisse sich in dieser Tatsache zum Ausdruck brachte. Solche Andeutungen sind an andern Evangelien-Stellen weniger deutlich; wer aber die Evangelien lesen kann, der findet sie überall.

Von diesem Gesichtspunkte aus sind zum Beispiel die Wunder der Krankenheilungen zu beurteilen. Man fasse nur eine Stelle ins Auge, diejenige, wo es heißt: «Als die Sonne untergegangen war, da brachten sie zu ihm die Kranken, und er heilte sie.» Was heißt das?

Da macht der Evangelist darauf aufmerksam, daß diese Heilung mit der ganzen Sternkonstellation zusammenhing, dass eine solche Weltenkonstellation vorhanden war in der entsprechenden Zeit, die nur hat herbeigeführt werden können, als die Sonne untergegangen war. Gemeint ist, daß in dieser Zeit die entsprechenden Heilkräfte sich offenbaren konnten nach Sonnenuntergang. Der Christus Jesus wird als der Mittler dargestellt, welcher den Kranken mit den Kräften des Kosmos zusammenbringt, die gerade zu jener Zeit heilend wirken konnten. Diese Kräfte waren dieselben, die als Christus in Jesus wirkten. Durch Christi Gegenwart geschah die Heilung, weil infolge derselben der Kranke den ihn heilenden Kräften des Kosmos ausgesetzt wurde, die nur unter den betreffenden Raumes- und Zeitverhältnissen so wirken konnten, wie sie wirkten. Die Kräfte des Kosmos wirkten durch ihren Repräsentanten, den Christus, auf den Kranken
.“ (dito, S. 76-78)
Comments

Okkulte Nebelbilder. Rudolf Steiner über gesunde Urteilskraft & das „Blaue vom Himmel"

Der Okkultist weiß, dass es nicht nur eine Versuchung des Luzifer durch Begierden, sondern auch eine durch Ahriman gibt – wenn man nämlich seine eigenen Leidenschaften in den Makrokosmos hinausträgt, indem man allerlei Gestalten sieht.“

GA 124.243

Ja, Doktor Steiner, dergleichen ist ist schon öfter- nahezu täglich untergekommen- ich hoffe, nicht all zu oft bei mir selbst. Dass man sich was vormacht, eine Welle vor sich her schiebt, ist das Eine- aber die okkulte Wendung ist inzwischen das Andere, nämlich ein gängiges Geschäftsprinzip, millionenfach in Büchern, Ratgebern und Benimm-Sachbüchern des heutigen Formats breit gewalzt- und es funktioniert immer noch, nahezu 100 Jahre nach Ihnen. Man kann sich vorstellen, was Ihnen an Spinnern untergekommen ist, aber Sie charakterisieren diese Leute ja treffend mit den Erzählern, die das „Blaue vom Himmel herunter“ schwätzten:

„In dem Augenblick, wo Ahriman mit dem zusammentrifft, was wir uns im Erdendasein als gesunde Urteilskraft errungen haben, bekommt er einen furchtbaren Schreck, denn das ist etwas ganz Unbekanntes für ihn, davor hat er eine große Furcht. Je mehr wir uns daher bemühen, das auszubilden, was im Leben zwischen Geburt und Tod an gesunder Urteilskraft gegeben werden kann, desto mehr arbeiten wir Ahriman entgegen.

Das zeigt sich besonders bei allerlei Persönlichkeiten, welche einem gebracht werden und die dann «das Blaue vom Himmel herunter» von all den geistigen Welten erzählen, die sie da gesehen haben. Und wenn man da den allergeringsten Versuch macht, diesen Persönlichkeiten etwas klarzumachen, ihnen Verständnis und Unterscheidungsvermögen beizubringen, dann hat sie Ahriman gewöhnlich so sehr in der Gewalt, dass sie kaum darauf eingehen können; und das wird um so stärker, je mehr sich die Verlockung Ahrimans nach der akustischen Seite hin ausdrücken. Gegen das, was sich in visionären Bildern zeigt, gibt es noch mehr Mittel als gegen das, was sich akustisch zeigt, wie gehörte Stimmen und so weiter.

Solche Leute haben eine große Abneigung, etwas zu lernen, was für das Ich-Bewusstsein zwischen Geburt und Tod errungen werden muss. Sie mögen es nicht. Wenn man einen solchen Menschen dann aber so weit bringt, gesunde Urteilskraft zu entwickeln, und er darauf eingeht, Belehrungen anzunehmen, dann hören die Stimmen und die Halluzinationen bald auf, weil sie vorher nur ahrimanische Nebelbilder waren und weil Ahriman eine furchtbare Angst bekommt, sobald er verspürt: Da, vom Menschen her, kommt eine gesunde Urteilskraft.“

GA 120.140
Comments

Die vielen Reinkarnationen des Jakob von Molay

Bildschirmfoto 2014-02-19 um 14.00.05
Das Thema Templer, deren Impuls, die Gegenkräfte und Vernichtung faszinieren viele Menschen bis heute. So ist es nicht erstaunlich, dass eine anthroposophische (australische) Autorin, Adriana Koulias, Bestsellererfolge mit typisch anthroposophischen Themen im englischsprachigen Raum feiert, auch und gerade mit einem an Aussagen Rudolf Steiners angelehnten, aber gut und sorgfältig recherchierten Templerroman The Seal:

„It is the year 1307, and the ancient Order of the Knights of Christ and the Temple of Solomon is in danger. The King of France and Pope Clement V are scheming to appropriate the most sacred and dangerous of all secrets held by the Order – a secret encrypted on the ring seal of Jacques de Molay, the Templar Grand Master.
To save the Order, Jacques must entrust the ring to one man, a man unknown to history, a man whose task will be to take the seal through a world in ruins and out to the farthest edges of Europe. The man in question becomes embroiled in a Machiavellian world of spies, traps, the Inquisition and outward enemies, only finally to come face to face with the most cunning and terrible foe of all: the enemy that hides within.

So who is this man? And what is the secret he carries? Nearly 700 years later, the answer comes by way of a writer who arrives at Lockenhaus Castle to research a book on the Templars. Together the writer and an old local woman unlock the secret of the seal and come to understand the entangled destiny that binds them.“

In der Tat, die Frage, wer dieser Jaques von Molay war, beschäftigt auch Historiker bis heute. Der unvermeidliche Alain Demurger - insbesondere in seiner etwas chaotischen Monografie „Der letzte Templer“, in der er sich ohne Linie und Entscheidung für alle Darstellungen de Molays entscheidet- d.h. auch für die Interpretationen, die widersprüchlicher nicht sein könnten. So wird der Kämpfer aus Akkord, über dessen Vorgeschichte so gut wie nichts bekannt ist, zum wankelmütigen und charakterschwachen Opfer von Kirche und französischem König, dem die dominikanischen Folterspezialisten sieben Jahre lang buchstäblich die Haut vom Körper ziehen. Ob es ein Triumph dieses Buches ist, dass es „einen "glänzenden" Beweis dafür (liefert), dass die Geschichte des Templer-Ordens auch ohne esoterisch-mystische Ausschmückungen "packend genug" sein kann“. sei dahin gestellt. Mir erscheint der Historiker Demurger eher im Salat zu stochern. Dennoch konstatiert das Buch die vorliegenden (spurlosen und gegensätzlichen) Fakten, „durchleuchtet zugleich das feingewobene Interessengeflecht, das die Handlungen seiner Gegenspieler - des französischen Königs Philipp des Schönen und des Papstes Clemens V. - bestimmte. Als der letzte Großmeister erkannt hatte, dass der habgierige König den Orden wegen seiner Macht und seines Reichtums zerschlagen und dessen Vermögen unter seine Kontrolle bringen wollte, war es zu spät. Er war nicht mehr in der Lage, den Strategien und Winkelzügen seiner Gegner wirksam zu begegnen. So erscheint der tapfere Jacques de Molay in dieser Biografie am Ende seiner Tage als tragische Gestalt und idealistischer Kämpfer für eine verlorenen Sache. Als er am 18. März 1314 auf Befehl Philipps in Paris verbrannt wird und noch auf dem Scheiterhaufen König und Papst verfluchte, war der Untergang der Templer längst vorherbestimmt. Doch während seine Gegner nach seinem Fluch innerhalb nur eines Jahres starben und weitgehend der Vergessenheit anheimfielen, blieb die Geschichte Jacques de Molays und des Ordens der Tempelritter bis in unsere Zeit lebendig.“ (Klappentext) Die Person Molays aber wird am keiner Stelle deutlicher, so sehr es sich bemüht, die Fakten zu sortieren.

Wenden wir uns also probeweise den Esoterikern zu. Insbesondere anthroposophische Autoren wissen durch angebliche Aussagen Rudolf Steiners, als wer sich de Molay reinkarniert habe. So schreibt der Europäer: „Vor etwas über 700 Jahren wurden am 12. Mai 1310 vor den Toren von Paris 54 Templer verbrannt, welche die unwahren Geständnisse gegen den Orden, die ihnen unter der Qual der Folter abgepresst worden waren, widerrufen hatten. Zu ihnen gehörte ein Mann, der in seiner nächsten Inkarnation schon als Knabe Erinnerungen an sein früheres Templerdasein in sich trug und später die einstige Verbrennung als Templer erlebt hat. Der Wahrheitsgehalt dieses Erlebnisses ist ihm von Rudolf Steiner bestätigt worden. Es handelt sich um Albrecht Wilhelm Sellin (1841–1933).
Bildschirmfoto 2014-02-19 um 13.12.14
Aber auch Andere waren von ihrer persönlichen Reinkarnation als de Molay überzeugt- so der distinguierte Schüler Rudolf Steiners, Felix Peipers: „Es gibt aber noch eine andere Ansicht: Felix Peipers (1873 - 1944), der Arzt, der mit Rudolf Steiner die Farbentherapie entwickelte, sei in seiner vorherigen Inkarnation der Großmeister gewesen, beteuern seine Freunde.“ (Weitere Quelle) Peipers war Darsteller in den Mysteriendramen Rudolf Steiners und hatte auf die Zeitgenossen einigen Eindruck gemacht: „Andrej Belyj gibt in seinem Buch Verwandeln des Lebens die Impression wieder, die er von Peipers hatte – nämlich eine solche als «Tempelritter» – und fügte hinzu: «Ich glaube, dass damit der Grundwesenszug Peipers ausgesprochen ist: er war ‹Ritter›, in einer völlig neuen Bedeutung; und seine Zurückhaltung auf dem äußeren Kampffeld (Vorträge, Aufsätze, leitende Funktionen) war offenbar durch das innere Wachehalten bedingt.“
Peipers soll von de Molay gesagt haben, er habe die Folter nicht bestanden: „Das wird wohl heißen, in einer noch perfideren Art und Weise, war es doch besonders wichtig, aus dem Munde des Großmeisters ein Zeugnis gegen den Orden zu erpressen. Molay scheint dadurch in extremer Weise geschwächt worden zu sein, so dass er nicht drei, sondern sieben, zum Teil in Kerkerhaft verbrachte Jahre brauchte, bis er die Kraft errang, alles Gestandene mit einem Schlag zu widerrufen. Dies geschah am 18. März des Jahres 1314. Molay wurde noch am selben Tag, zusammen mit dem Präzeptor Guy de Normandie, auf der Seine-Insel von Paris verbrannt.“


Nun gibt es in Sachen Reinkarnation de Molays aber noch weitere interne Konkurrenz. Eine Rolle soll auch die bodenständige Elisabeth Vreede, von der es im genannten Aufsatz, Peter Selg zitierend, heißt: „Nun brachte Peter Selg in seiner vor einem Jahr erschienenen Vreede-Monographie gleich auf den ersten Seiten auch eine mündliche, namentlich durch Willi Sucher getragene Überlieferung zur Sprache, der zufolge Rudolf Steiner Vreede auf ihre «(sehr wahrscheinlich) letzte Inkarnation als leitende Persönlichkeit der Templergemeinschaft, mit schwerem, ja furchtbarem Schicksal» (S/12) aufmerksam gemacht habe. In einer Anmerkung wird dann diese «leitende Persönlichkeit» (S / 286, Anm. 16) als Jacques de Molay identifiziert.“

__
Zum ganzen Text mit weiteren Kandidaten für die Reinkarnation
Comments

Simone Weil: Über Aufmerksamkeit

Simone_Weil_1922
Regine Kather schreibt in Aufmerksamkeit. Ein Bindeglied zwischen der Welt und Gott bei Simone Weil (Schriftenreihe der katholischen Akademie Köln 2001) über die von mir überaus geschätzte Mystikerin im modernen Sinn, ja sogar in radikalem politischen Aktivismus, geschlagen durch eine lebenslange Migräne, eine rationale Gläubige im besten und konkretesten Sinn. Jemand, der auch radikal mit sich selbst umging. Jemand, für die es tragisch war, von ihrem engen katholischen Priester- Freund doch nicht verstanden zu werden - er instrumentalisierte sie auch post mortem, und in ihren Briefen an ihn erkennt man, dass sie es erkannt hat. So schrieb -ja meditierte - Simone Weil über die Aufmerksamkeit:

"Die Aufmerksamkeit erwächst weder allein aus einer bewussten Absicht noch aus einer bloß emotionalen Reaktion, aus Angst oder Begierde. Sie entsteht aus einem Bedürfnis und aus innerer Anteilnahme. Sie dient nicht nur der Befriedigung der eigenen Wünsche, sondern richtet sich auf etwas, das das eigene Ich transzendiert. Als unmittelbarer Ausdruck des menschlichen Geistes kann sie dessen vielfältige Funktionen zu einer Wirkeinheit zusammenschließen, sie einen."

Aber sie möchte doch auf den Kern der Sache zu sprechen kommen- nämlich dass in der Aufmerksamkeit verschiedene Ebenen und geistige Aktivitäten zusammen fliessen:

"Die Aufmerksamkeit ist durch eine polare Struktur gekennzeichnet, die auf allen Ebenen, bei der Lösung einer Mathematikaufgabe, in der Begegnung mit Menschen und in der religiösen Erfahrung auftaucht: In der Aufmerksamkeit koinzidieren Aktion und Passion, intentionale Gerichtetheit und Phänomenbezogenheit, konzentrierte, entschlossene Zielgerichtetheit und geduldig wartende Empfänglichkeit. Es handelt sich, so schreibt Simone Weil prononciert, um ein ‘nicht-handelndes Handeln’, ein Handeln also, das ohne die Fixierung auf ein bestimmtes Ziel oder einen Plan und doch mit voller Sammlung und Präsenz erfolgt."

Die Autorin weist auch darauf hin, dass sie in Weils Darstellungen der Aufmerksamkeit auch Bezüge zum antiken Griechenland sieht:

"Simone Weils Beschreibung der Aufmerksamkeit erinnert vermutlich nicht zufällig an die Erkenntnishaltung, die für die griechische Philosophie, vor allem für Platon und Aristoteles, kennzeichnend war. Die ‘Theoria’ war noch keine theoretische, intellektuelle Erkenntnis im modernen Sinne des Wortes; als eine kontemplative Einstellung galt sie als Ausdruck höchster geistiger Aktivität. Sie vollzog noch keine Konstruktion theoretischer Zusammenhänge, sondern war auf das Erfassen des Seins, des Wesens der Dinge, gerichtet."

_____
Foto Wikipedia. Artikel über Simone Weil.
Artikel bei den Egoisten über Simone Weil:
Nichts und niemand
In Christus
Die Kraft des Lebens
Comments

Souverän

star
Ich denke, eigentlich gibt es die meditative Leere gar nicht. Es ist nur ein Moment gemeint, in dem das Gefülltsein (mit Inhalten, Vorstellungen, Gefühlen, Erinnerungen..) aussetzt und die Zeitlosigkeit (der Flow) einsetzt. Von da an ist das Gefühl des Glücks da. Man sieht dann auch die Natur anders- als drücke sich in ihr jeden Augenblick etwas anderes aus, sie spricht.. das macht glücklich. Ja, es ist ein sehr freundlicher Zustand, wenn man nicht mehr in sich gefangen ist und sich nur in Anderen und in der Umgebung spiegelt. Man wird ja offener und neugieriger, man ist interessiert am Wesenhaften- einfach weil man nicht mehr in dem bisherigen Maß von sich selbst absorbiert ist.

"‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly." Ja, wir sind in diesem Zeiterleben gefangen, und sicherlich kommt es durch reine Fokussierung und Willen dazu, mit vollem, wachen Bewusstsein in die Zeitlosigkeit einzugehen und darin zu bestehen. Eine Zu- Mutung ist es, aber auch ein Teil des menschlichen Seins, der durchaus vertrauten Charakter hat. Wir sind ja immer Übergangswesen. Die Illusion von Zeit ist ein Teil der Struktur, mit der uns als geistige Wesen in einer zunächst zerrissenen Art (in einer wenn auch im Alter in immer schnellerem, ruckartig laufendem Springen), vollkommen definieren. Aber das nimmt je nach dem, mit dem man es zu tun hat, die Konsistenz eines trockenen Schwamms an, wenn der Mensch in diesen inneren und äußeren Rastern gefangen bleibt. Er bemerkt nicht, dass er auch seelisch die Struktur von totem Holz annimmt. Daher ist es ein unfassbares Glück, in der Ungewissheit des Lauschenden, in der puren Aktivität, verweilen zu können.

Und schließlich lauscht man ja nun auch in der Stille- bislang ist es nur Ahnung oder eine zarte Berührung- aber es ist alles Wesen. Man ist nicht allein. In bestimmten Augenblicken hat man unvermittelt einen klaren Blick auf Menschen, die schon gestorben sind- ganz Bestimmte, nicht unbedingt die Nahestehenden. Und man fühlt sich auch wahrgenommen. Insofern taucht man in die Welt der Freundlichkeit - um Deine Frage zu beantworten- mit der meditativen Erfahrung ein. Sie ist freundlich, weil sie Freund ist, weil sie sprechend wird.

Das Sich- Selbst- Verurteilen, streng mit sich zu sein ist auch eine Geste des unreifen Ich - man zersplittert sich selbst und beurteilt sich und Andere vehement „moralisch“, bis hin zu einem erstarrten Verhaltenskodex, Ritualen, Normen, Ausgrenzungen. Das führt nicht weiter. Wir haben alle das Problem, zersplittert zu sein in Impulse des Denken, Fühlen und Wollens. In der Meditation beurteilen wir uns nicht, sondern sind so fokussiert, dass alles zusammen fällt, in eine starke Kraft, die zugleich vor allem voller Friede ist. Man kommt ja auch wieder da heraus, sieht durchaus die inneren Widersprüche, weiß aber, dass es den Frieden gibt. Es lebt dann erst allmählich in alle Lebensbereiche hinein, und in manche vielleicht auch nicht. Und es geht auch nicht immer, wieder in den Frieden hinein zu kommen. Wir sind halt Naturen, die mit sich ringen, und der Friede ist auch ein Geschenk. Er ist nicht einfach abrufbar, denn wir können nicht immer "ganz" sein. Ich finde es manchmal hilfreich, längere Zeit nur über Frieden nachzudenken, konkret, sexuell, politisch, im Dialog, im Beruf, in meiner Beziehung, abstrakt, spirituell. Vielleicht gelingt es dann auch manchmal, den Begriff mit der Person etwas zu füllen und Friede zu sein.

Im Alter hat man keine spezielle Übung mehr. Das Gefühl kommt von selbst, wenn die innere Balance da ist- es ist ein Ausdruck der Lebensfreude, der Freude des Seins selbst. Das Ich erscheint dann in Erfahrung als sich schenkende Sonne, in jedem Moment sich neu schöpfend. Allerdings, genau betrachtet, erscheint die Sonne als kein in sich statisches Gebilde, sondern in Union mit dem Umkreis, astronomisch der Oortschen Wolke. Man kann das Eine nicht ohne das Andere denken. Das führt uns dann zu Steiners Punkt- Kreis- Mediation. Letztlich geht es darum, dass man sich selbst wesenhaft- existentiell erlebt, und dann eben auch als zutiefst verbunden. Man ist einfach real; kein Mensch ist ein isoliertes Kopfwesen, kein seine Ziele erreichendes Willenswesen, kein schmachtender Emotionserhitzer. Der Mensch pendelt die widersprüchlichen Impulse - wenn es gut geht (und auch nicht immer) aus - womöglich in der radikal dialogischen Haltung des Meditierenden, der die lastenden Selbstbilder, Fixierungen und inneren Bannungen zwar nicht überwunden hat, aber doch souveräner damit umgeht.
Comments

Von der Fruchtbarkeitsgöttin bis zur Sophia

malta
Natürlich denkt man, wenn man in der Ritman- Bibliothek* über die Rosenkreuzer liest, nicht an die mittelalterliche Verehrung der Göttin Natura, sondern auch an Artemis, Demeter, aber auch an die in einem anderen Beitrag** ausgeführte alteuropäische Kultur ab 6000 bC, die eine durch zahlreiche Figurinen dokumentierte Natur- Göttin verehrte. Die in der Donau- Region verortbare grundlegende Kultur, in der der sesshaft werdende Mensch die Natur (vor allem Getreide und Nutzvieh) ja auch kultivierte und damit die Grundlagen für die späteren Hochkulturen schuf, stand, wie die weltweit auftretenden Figurinen zeigen, keineswegs isoliert da. Das Phänomen tauchte als kultureller, religiöser und technologischer Fortschritt - einschließlich erster symbolischer Grapheme und Schriftsysteme- rund um den Globus verteilt auf, wenn auch stets gefährdet, zeitlich versetzt, und immer wieder überrollt durch archaische Impulse, wie sie etwa von wandernden Reitervölkern ausgingen: "Einerseits entdeckt man in den Zeiträumen zwischen 6000 und 3000 bC herausragende Kunsterzeugnisse, die vielfach an noch wesentlich ältere (oft in Höhlen hinterbliebene) künstlerische Traditionen anknüpfen, andererseits ist die Parallelität der Ausdrucksformen in weit entfernten Kulturkreisen verblüffend.“***

Ein besonderer Entwicklungsschritt der alteuropäischen Kultur lag auch in dem Übergang von einer atavistisch-schamanistische Naturverehrung zu einem symbolisch- religiösen Kult, bei dem in der Gestalt der weiblichen Gottheit die Sonne, die sich in Fruchtbarkeit, Korn und Erde widerspiegelte, verehrt wurde. Die Megalith- Kultur mit ihrer astronomischen Orientierung und der direkten Verehrung der Sonne folgte erst einige Tausend Jahre später.

Auswirkungen hatte die Verehrung der Natura bis hin zu den Rosenkreuzern*: „..many readers, like the authors of the Rosicrucian Manifestoes, were disappointed in the Lutheran and Calvinist reformations, the Catholic Counter-reformation, being deeply convinced that Christianity should be about living a true Christian life, in daily practice. The Rosicrucian Manifestoes also advocated actual practice and innovative research into nature as part of an authentic exploration of nature as the work of God – the Fama fraternitatis explicitly referred for that reason to the ‘Vocabulario’ of Theophrastus Paracelsus of Hohenheim. Physicians who valued experimental experience above the authority of Aristotle or Galen, were also among the enthusiastic readers of the Rosicrucian Manifestoes.“

Aber natürlich gab es bis dieser christlich- rosenkreuzerischen Naturbeziehung Übergänge- etwa in den klassischen Mysterien Griechenlands. Rudolf Steiner hat die Göttin Artemis, in der sich das Vorbild der mittelalterlichen Natura zeigt, sprechen**** lassen:

..Ich bin der Keim und der Quell deiner sichtbaren Welt,
Ich bin die Summe des Lichtes, in dem du seelisch lebest,
Ich bin des Raumes Beherrscherin,
Ich bin der Zeitenzyklen Erzeugerin,
Mir gehorchen Feuer, Luft, Licht, Wasser und Erde.
Empfinde mich als alles Stoffes unstofflichen Ursprung…


Denn, wie Rudolf Steiner betonte, es reicht nicht, wieder und wieder von „Geist“ zu sprechen, sondern „es ist da nötig, dass wir uns der wahrhaftig geistigen Beziehungen bewusst werden, die wir zu den Dingen um uns herum haben.“ (GA 223, S. 111) Diese „Beziehungen“ zu den Naturreichen wurden, wie er an anderer Stelle sagt (GA 126, S. 60, „Okkulte Geschichte“), so vordringlich in den griechischen Mysterien gepflegt. Nur dadurch war es möglich, „jene Empfindungen, jene Impulse“ zu erregen, die „geeignet waren, von Grund auf allen Egoismus auszurotten aus der Seele.“ Damit ist kein moralistischer Standpunkt gepredigt, sondern die Möglichkeit gemeint, sich geistig- seelisch das „Allgemein- Menschliche und Kosmische“ anzueignen- also aus dem Verhaftetsein an das Ego heraus zu finden. Nur so konnte und kann „aus den höheren Welten das wahrhafte Mitgefühl für alles Lebendige und alles Seiende“ (dito) herunter getragen werden.

Die Verbindung besteht heute in einer solchen Vertiefung des Denkens, dass das Bewusstsein sich in den Strukturen des Lebendigen - im inneren Lebensquell- erhalten kann, ohne einzuschlafen oder herab gedämmt zu werden. Denn im Quellenden entspringt das Leben und das Bewusstsein- das eine Mal geronnen in Gestalt und Natur, das andere Mal als Bewusstsein frei, sich selbst zu erkennen. Aber Selbsterkenntnis ist in dieser Hinsicht Naturerkenntnis zugleich. So wie in den Mysterien von Ephesos gelehrt wurde, „ist damit ein Schulungsweg gemeint, welcher das verborgene Wirken des schaffenden Gottes, des Logos auf Erden zu ergründen versuchte.“ *****

Der Name und die Gestalt des Logos, der Natur und Geist gemein ist, wechselte - von der archaischen Fruchtbarkeitgöttin bis hin zur Natura- Sophia, hat aber die Kultur- und Mysteriengeschichte der Menschheit von Anfang bis heute begleitet.
______________



*http://www.ritmanlibrary.com/collection/rosicrucians/
**http://www.egoisten.de/files/goettinnen.html
***http://egoistenblog.blogspot.de/2013/09/unbekannte-kulturen-herausragende-kunst.html
****Rudolf Steiner, GA 264, S. 227
*****Zeylmans van Emmichoven, wer war Ita Wegmann Band 2, S. 103
Bildquelle: Pinterest, aus Malta, ca 3200 bC
Comments

Wolken. Die Töchter von Erde, Wind und Wasser

wolke2
"‘I am the daughter of Earth and Water, And the nursling of the Sky; I pass through the pores of the ocean and shores; I change, but I cannot die“, heißt es von den Wolken, und tatsächlich sind sie das formbare Element, das Medium zwischen Schwere und Licht, das in jedem Augenblick an jedem Ort auf der Erde neue Gestalt annimmt. In der japanischen Gartenbaukunst spielen die Wolken - so erfährt man in Tan Twan Engs großartigem Roman "The Garden of Evening Mists“ - eine wichtige Rolle, da der Garten nicht nur die umgebende Landschaft, sondern - durch Wasseroberflächen- auch das Geschehen vor dem Blau des Himmels spiegelt: "Water flooded into the pond, gathering up the puddles already waiting there. As the swirls and ripples died away, a fragment of the sky was slowly recreated on earth, the clouds captured in water.“ In dieser Hinsicht ist der Garten auch ein Sinnbild des Menschen selbst, denn so wie dieser sich in seinem Leben ein wenig Zeit „leiht“, so „leiht“ sich der Garten von Himmel, Erde und Umgebung: "‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly“.

Die Töchter von Erde, Wind und Wasser entspringen einem irdischen Drama, das Walther Bühler in „Nordlicht Blitz und Regenbogen“ so beschrieb: „Bald ist das blaue Lichtgewölbe ganz verschwunden und uns bedrängen an seiner Stelle dunkle, graue, wogende Wolkenmassen. Mächtig stemmen sich die Zentralkräfte der Erde dem Kosmos entgegen und bringen ihre zentripetalen Eigenschaften in dem zur Wolke kondensierten Wasserdunst und in dem fallenden, der Schwere folgenden Tropfenstrom zum Ausdruck.“ Die Strukturkräfte können dabei bis zum Hagelkorn verdichten - als bis zu einem kristallinen Festen. Daher sieht Bühler im Spiel der Wolken strukturelle Prinzipien der Erdgeschichte gespiegelt: „Die dabei zutage tretenden Verdichtungsstufen im meteorologischen Bereich wiederholen zugleich in abgekürzter Form den Werdegang der Erde durch die Jahrmillionen.“

Das Zusammenspiel zwischen Formendem, entstehender Gestalt und Entgrenzung kann aber auch auf den Menschen übertragen werden, der einerseits verbunden ist „mit dem schöpferischen Prinzip der Welt“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, Stuttgart 1992, S. 55), andererseits selbst aber auch Gestalt (in physischer, seelischer, intellektueller Form), ist- sowohl auf Vergangenheit wie auf Zukunft ausgerichtet, auf Gewordenes wie Werdendes: „Dem entspricht eine Wandlung im Menschen, in der die Lenkung, die Orientierung seines Lebens von dem natürlichen Menschen - seinen Leibern, vom physischen bis zum Seelenleib- auf den oberen, geistigen Menschen übergeht, der aus freien Kräften um das wahre Ichzentrum besteht. Diese Kräfte haben in dem natürlichen Menschen Formen angenommen, das Geformtsein erlitten; nun wird der nous pathetikos des Aristoteles vom nous poietikos, dem poetischen, schaffenden Menschen beherrscht und aus den Händen der Schöpfermächte übernommen.“ (Kühlewind S 55f)

In der Himmelfahrt wird Christus durch eine Wolke aufgenommen, die sicherlich ebenso wenig natürlich ist wie die Wolke, mit der Jesus in der Verklärungsszene verhüllt wird. Und am Jüngsten Tag wird der Herr „auf Wolken des Himmels, mit großer Kraft und Herrlichkeit“ erwartet. Diese „Wolke“ hat also Charakteristika des Vatergottes, in die Christus sowohl eingeht, der er aber auch entspringt. Es ist, wie Kühlewind betont, kein „Aufgehen im Vater“ (Joh 1,1- 2), sondern ein Hingehen in ein Einssein und ein Erscheinen aus dem Einssein: „Die Erscheinung und das Hinschwinden des menschlich gestalteten Logoswesens in die mehr gestaltlose, ungegliederte Wolke, die den Hintergrund der Gestalt bildet, sich von ihr abhebt und sie doch wieder aufnimmt oder gebiert, ist das imaginative Bild für das Verhältnis und den Zusammenhang des Vaters und Sohnes.“ (Kühlewind, S. 36) Aus diesem Eingehen-in-das-Gestaltlose wird dann zu Pfingsten das „Brausen des Himmels wie eines gewaltigen Windes“.
Comments

Das Zeitalter der Göttinnen

Bildschirmfoto 2014-01-14 um 12.00.37
Angesichts der vielen Figurinen wie Muttergottheiten, die man in der Vorzeit vor der Zeitenwende bis weit ins Neolithische hinein findet, gab es doch offenbar Kulturen, die einen besonderen Wert auf dieses weibliche Element legten, obwohl es zeitversetzt über die ganze Welt hinweg auftrat und ursprünglich sicherlich etwas mit dem Sesshaft- Werden schlechthin zu tun hatte- mit dem Element, was später als Demeter verehrt wurde, und wovon sich möglicherweise, in verwandelter Form, Elemente in die Muttergottes und in die Sophia entwickelten. Die Kultur, von der hier vorrangig die Rede sein soll, war im gesamten Gebiet der Donau ansässig, ab etwa 6500 vor Christus. Einige der Figurinen sind in einer Bildersammlung „BC“ bei Pinterest einsehbar.

In „Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas“ schreibt Harald Haarmann über den Ursprung dieser kulturellen Strömung, in der anatolische Hirtenvölker mit thessalischen Ackerbauern zusammen fanden und nach Norden weiter zogen: „Die Besiedlung Thessaliens durch sesshafte Ackerbauern markiert den Beginn einer Ära, die man als Inkubationszeit der Donauzivilisation bezeichnen kann. Hier manifestieren sich die Kontakte zwischen mesolithischen Jägern und Sammlern und neolithischen Ackerbauern in Familienbindungen und Kohabitaten. Als einige Generationen später Nachkommen der Erstsiedler die Region weiter nördlich (bis an die mittlere Donau) erkundeten, waren dies keine reinen Anatolier mehr, ihre Gene waren gemischt.“ Hier wurde das Töpferhandwerk entwickelt und entfaltet, Tiere wurden domestiziert, Saaten verfeinert, Niederlassungen gebaut. Das war auch deshalb nötig, weil um 6200 bC eine „kleine Eiszeit“ eingesetzt hatte, die eine ungewohnte Versorgung (und Vorratshaltung) erforderlich machte: „Offenbar war die Kunde von Pflanzenkultivation und Viehhaltung bereits im 7. Jahrtausend v. Chr. zu den Alteuropäern gedrungen, und zwar als Ideentransfer. Denn als die Thessalier mit den Einheimischen weiter im Norden Kontakt aufnahmen, hatten diese bereits den Hund domestiziert, sie hatten außerdem begonnen, Haselnusssträucher anzubauen und Wildschweine an bestimmten Plätzen als Fleischreserve zu halten.“

Sicher ist die Verehrung der Muttergöttin, da in jedem Haus neben dem obligatorischen Backofen eine Figurine zu finden war. Offenbar wurde das Backen des Brotes auch als ritueller Akt gesehen. Aber sonst ist trotz vieler archäologischer Funde in den letzten Jahren wenig über diese Donauzivilisation bekannt, obwohl sie zweifellos den Ursprung einer solchen Hochkultur wie der griechischen darstellte: „Wie sich die Alteuropäer nannten, wissen wir ebenso wenig wie den Namen ihrer Sprache oder Sprachen. Soweit die Strukturen des Alteuropäischen aus dem Lehnwortschatz des Altgriechischen aus vorgriechischer Zeit rekonstruiert werden können, war diese Sprachform nicht indoeuropäisch und auch nicht semitisch. Außer dieser negativen Identifizierung gibt es keine Anhaltspunkte für eine positive Zuordnung zu irgendeiner der bekannten Sprachfamilien.“

Viele zentrale kultische Symbole- wie der Zentaur- waren bereits in Alteuropa verbreitet und Teil der Kultur: „Denn die Gestalt des Zentauren ist kein griechisches Original – Darstellungen von Zentauren gibt es bereits in der Kunst Alteuropas.“ Das immer wieder auftauchende sakrale Zeichen („Gott“) aber war ein Rhombus mit Punkt darin: „Wie die Alteuropäer ihre Gottheiten nannten, ist nicht bekannt. Bestimmte logographische Zeichen der Donauschrift sind als Identifikatoren von Gottheiten interpretiert worden. Hierzu gehört unter anderem das rhombische Zeichen mit zentralem Punkt.“ Logografische Schriftzeichen waren in dieser Kultur weit vor den ersten Spuren von Zeichen im ägyptischen oder griechischen Raum verbreitet. Der Unterschied zu den späteren Hochkulturen bestand vor allem darin, dass es eine Verehrung des Weiblichen, keine hierarchische gesellschaftliche Ordnung, und auch keine zentralistische Struktur der Gesellschaft gab. Die gesellschaftliche Ordnung bestand eher in Netzwerken im engeren wie im weiteren Umkreis. Kulturellen und technologischen Austausch gab es, aber kein Dominanzstreben. Innergesellschaftlich gab es keine privilegierte Kaste: „In keiner der Siedlungen der Donauzivilisation sind Privathäuser gefunden worden, die reicher ausgestattet wären als andere Gebäude oder die sich durch eine auffällige Hortung wertvoller Güter von anderen abheben.“

Bildschirmfoto 2014-01-14 um 13.42.33
Die Figurinen und der damit verbundene Kult geht auf sehr alte Motive und auf Mysterien der Venus zurück: „Im Norden vermittelt die Erzähltradition uralischer, insbesondere finnisch-ugrischer Völker alte, im wahrsten Sinn des Wortes «vorsintflutliche» Vorstellungen über das Verhältnis der Menschen zur belebten Natur. Forscher sind sich einig darüber, dass elementare Motive und Stoffe der Mythologie uralischer Völker auf Relikte uralter religiöser Weltanschauung weisen, deren Entstehung auf die Ära gegen Ende der Eiszeit zurückgeht (Hultkrantz 2001). Dazu gehören insbesondere Vorstellungen von weiblichen Schutzgeistern und vom Fruchtbarkeitskult, die sich mit den «Venusstatuetten» der Eiszeit assoziieren.“ Ganz offensichtlich hat es einen Jahrtausende andauernden Übergang von animistisch- schamanistischen Naturgöttinnen und Schutzgeistern zur Kultivierung der Göttin gegeben. Dieser Übergang ist anhand der archäologischen Funde datierbar: „Vom 8. bis zum frühen 6. Jahrtausend v. Chr. wandeln sich die religiösen Vorstellungen bei den Ackerbauern des Südens vom Glauben an weibliche Schutzgeister der Natur zum Kult der Großen Göttin.“
Die Personifikation der Natur, des Wachstums und der Fruchtbarkeit war ein kulturschöpferisches Element, das seine Wege auch in den Islam fand: „Die Erinnerung an Kybele, die Ahnfrau der Artemis, hat sich in Anatolien über die Antike hinaus bis in die islamische Ära erhalten. Die arabischen Muslime blicken in Richtung Mecca, wenn sie beten, und diese Ausrichtung wird im Arabischen qiblah genannt (Glassé 1989: 323f.). Wenn man weiß, dass Kybele eine der drei Großen Göttinnen war, die in Mekka verehrt wurden, bis Mohammed den Polytheismus dort im 7. Jahrhundert v. Chr. abschaffte, dann könnte der Ausdruck qiblah durchaus eine Umdeutung ihres Namens sein. Das türkische Äquivalent von arab. qiblah ist kible.“

Die Figurinen dienten bei Reisen in andere Kreise des Umfelds , beim Handel und zur Begrüßung aber auch als Geschenke, die häufig durch Schriftzeichen verziert oder bezeichnet waren. Dadurch verbreitete sich die Schrift insgesamt, aber auch die spezifische Art der Logogramme: „Die Figurinen spielten nicht nur eine zentrale Rolle im Geschenketausch zwischen den Bewohnern der Siedlungen in der Donauregion (s. Kap. 3), diese Artefakte waren auch das kommunikative Medium, über das sich die Kenntnis von Kultursymbolen und Schriftzeichen verbreitete und überregionale Geltung erhielt. Ohne die unzähligen Figurinen wäre die relativ weite Ausstrahlung des Schriftgebrauchs in den Kulturprovinzen Südosteuropas kaum verständlich.“ Die Schrift hatte aber noch keinen praktischen Charakter (wie etwa bei den Sumerern und Ägyptern)- sie verwies noch ganz auf den rituell- religiösen Zusammenhang: „Der rituelle Charakter des Schriftgebrauchs liefert auch eine Erklärung dafür, dass die alteuropäischen Inschriften überwiegend kurz und formelhaft sind. Ihr Zweck war es, die Kommunikation mit dem Übersinnlichen sozusagen auf den Punkt zu bringen, also zu intensivieren und magisch zu verstärken. In ihrer Kürze sind sich die Inschriften Alteuropas und der Indus-Zivilisation ähnlich (...), und aus dieser Ähnlichkeit darf man in beiden Fällen auch auf Ähnlichkeiten der religiösen Funktionen schließen.“ Das „finstere Zeitalter“, das etwa um das Jahr 3000 bC angesetzt wird, bedeutet also keinesfalls die Entdeckung der Schrift, sondern die Säkularisierung der bislang rein kultisch verstandenen Zeichen. Es gab lange Perioden zwischen dem Ausklingen der alteuropäischen Kultur und dem Beginn neuer Hochkulturen, in denen sich gar keine Verwendung von Schrift nachweisen ließ- die kulturelle Entwicklung machte offenbar große Pausen. Etwa um 4000 bC schwand der Einfluss und die Struktur der Donaukultur unter dem dauernden Einfall von Steppen- Reiter- Clans dahin- Ursache waren erneute Verschlechterungen der klimatischen Umstände. So verschwand auch der Gebrauch der Figurinen für ganze Zeiträume, bis sie z.B. in minoischer Form wieder auftauchten: „Als Zeichen für den Umschwung, den die Gesellschaft Alteuropas durchmachte, wird auf das Fehlen eines der charakteristischen Marker der alteuropäischen Kunst und Religion hingewiesen: der Figurinen. Mit dem Beginn der Bronzezeit ist das Vorkommen von Figurinen in den Fundschichten drastisch reduziert und setzt schon bald ganz aus. Diese Tradition muss aber irgendwie im kulturellen Gedächtnis der Alteuropäer bewahrt worden sein, denn wenig später wurden wieder Figurinen hergestellt, erst auf den Kykladeninseln und bald auch im minoischen Kreta.“

Die alteuropäische Kultur ist nicht nur in den Schulbüchern, sondern auch in unserem kulturellen Bewusstsein noch nicht recht angekommen. Sie ist das Bindeglied zwischen einer animistischen Vergangenheit und einer Kulturwelt, die kultivierte Pflanzen, domestizierte Tiere, Schrift und Religion kennt. Die ältesten Symbole, aber auch Techniken und Fertigkeiten, die wir eher den „Hochkulturen“ zuzuordnen geneigt sind, finden sich bereits ein paar Jahrtausende früher in diesem europäischen Mutterboden der Kultur.



Comments

Mysterienkapitel

In Zeymans van Emmichovens „Wer war Ita Wegman 1925 bis 1943. Band 2“ - ohne hin eine Fundgrube nicht nur für die schmerzhaften Entwicklungsprozesse innerhalb der Anthroposophischen Bewegung -, wird Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Mysterienkulten aller Zeiten zitiert (S. 113), wobei es in diesem Zusammenhang vor allem um den Artemiskult von Ephesos geht. Aber ich finde, in diesem Zitat wird ein interessanter Zusammenhang bezüglich der Stufen innerer Entwicklung deutlich, der die heutigen, zeitgenössischen Mysterien der Emanzipation des bislang passiven Denkens beleuchtet:

„In dem Vortrag Die Lehren des Auferstandenen vom 13. April 1922 (GA 211) nennt Steiner diese Stufen „Mysterienkapitel“. Die Grundform aller Liturgie besteht aus den vier Teilen: Verkündigung, Opferung, Transsubstantiation (oder Kanon) und Kommunion. Diese Vierteilung entspricht den vier Bewusstseinszuständen, welche in der anthroposophischen Esoterik gewöhnliches Tagesbewusstsein, imaginatives Bewusstsein, inspiratives Bewusstsein und intuitives Bewusstsein genannt werden“.

Beim Studium der Vorträge fiel van Emmichoven noch auf, dass es bei Steiners Darstellung selbst auch eine Zuordnung zu den Jahresfesten gibt- „Man kann in seinen vielfältigen Schilderungen tatsächlich jeweils eine der vier liturgischen Stufen erkennen, und es ist überraschend zu bemerken, dass er zu Weihnachten 1923 mehr das imaginative Element (also die zweite Stufe, mit Übergängen zur dritten Stufe) hervor hebt, zu Ostern 1924 deutlich den inspirativen Charakter betont und im August vornehmlich das vierte, intuitive Element von Ephesos anschaut.“ (S. 114)

Für uns ist an dieser Stelle hervor zu heben, dass die erste, wesentliche Wandlung des Denkens in der Meditation, die Überwindung des Tagesbewusstseins im Sinne des strategischen und kontextualisierenden Intellekts in die pure Präsenz der Imagination der liturgischen Stufe der Opferung entspricht. Auch bei Massimo Scaligero wird diese Grenze (in: Traktat über das lebende Denken. Ein Weg zur Überwindung der abendländischen Philosophien, des Yoga und des Zen, 1993) charakterisiert. Für ihn ist es vor allem die Überwindung zwischen „Denken“ und „Leben“. Das bislang schwache Ich, das sich nicht aus seiner Identifikation mit dem Denken lösen kann - einem Denken, das vom Körper konditioniert wird-, erlebt im erkrafteten reinen (d.h. gegenstandslosen) Denken ein neues Authentisch- Metaphysisches. Damit wird ein unabhängiges Denken erfahrbar, das dann aus seiner Unabhängigkeit etwas zu machen weiß, wenn sie „auf der ihr eigenen Ebene ihr Wesen - die metaphysische Zeitlosigkeit - verwirklicht“ (S. 20).

Das „Opfer“ im Sinne der Liturgie entspricht also einem Übergang in größtmögliche Aktivität - ein aktives Erhalten des Bewusstseins in einen meditativen Denk- Zustand, der zeit- und raumlos zugleich ist, aber eben auch insofern metaphysisch, dass er transparent für das Wesenhafte wird: „Die Logik des Denkens, das denkt, führt - in vollständiger Erfahrung- zur Intuition der Zeitlosigkeit und Körperlosigkeit des Denkens, d.h. zum lebenden Denken: eine Intuition, die jedoch nur ein Aufblitzen des lebenden Denkens ist, noch nicht sein Sein. Denn sein wirkliches Sein ist der Logos selbst. Von ihm geht es aus, ihm ist es im Verborgenen zugewandt: der immer bereit ist, sich dem Denken zu übergeben und in ihm - mit seiner Kraft, seiner Einheit, seiner ewigen Gegenwart- anwesend zu sein.“ (S. 20)

Comments

Die Labyrinthe der geistigen Wirklichkeit

minos

Folgen wir noch etwas dem Thema des Labyrinths, der inneren Ariadnefäden und den möglichen Verirrungen, indem wir den Begriff bei Rudolf Steiner verfolgen.

Dieser appelliert zunächst an unsere Vernunft, an die Rationalität, auf die wir wirklich bauen können, denn in Extremsituationen - so auch in der meditativen Versenkung- kommen wir an Grenzen- an Grenzen unserer selbst, unserer Verständigkeit, unserer Orientierung. In der Normalität unserer Alltagswelt korrigieren uns (meist) die Umstände von selbst, damit wir nicht vollkommen irre gehen. Zumindest darf man das erhoffen, auch wenn auch diese Sicherheiten seit Rudolf Steiners Tod mehr und mehr verloren gegangen ist. Der Irrsinn eines staatlichen Terrors, Wirtschaftskrisen, amoklaufende Individuen, ebenso wie Staaten und Rechtssysteme, Virtualisisierung der gesamten Lebenswirklichkeit, das Rationale als blanke Gewinnmaximierung - wo bitte ist da die sich selbst regulierende Realität, von der Rudolf Steiner vor 100 Jahren noch so ausging:

Wahrnehmungen in den höheren Welten sind etwas ganz anderes als in der physischen Welt. Eines aber gibt es, was in den drei Welten, der physischen, der astralischen und devachanischen Welt, dasselbe Element bleibt: das ist das logische Denken. Dieser sichere Führer bewahrt uns vor allem Irrlichtelieren. Ohne ihn lernen wir niemals Illusion von Wirklichkeit unterscheiden und (ohne ihn) gelangen (wir) dahin, jede Illusion für astralische Wirklichkeit zu halten. Hier in der physischen Welt ist es leicht, Täuschungen von Wirklichkeiten zu unterscheiden. Denn die äußeren Tatsachen korrigieren uns. Wenn Sie zum Beispiel durch eine falsche Straße gegangen sind, kommen Sie nicht an den rechten Platz. In den höheren Welten müssen wir selbst durch eigene Geisteskraft den richtigen Weg finden, sonst kommen wir da in immer schwierigere Labyrinthe hinein, wenn wir nicht erst gelernt haben, Illusion von Wirklichkeit zu unterscheiden.“ (Rudolf Steiner, GA 98.49)

Das Labyrinthische der Wirklichkeit nimmt jedenfalls nach Steiners Aussagen jenseits der bezeichneten Schwelle der „drei Welten“ zu, wodurch man sich vielleicht nicht über die skurrilsten Selbstbilder von Yogis, Erleuchteten, Profi- Anthroposophen (deren gemeinste Waffe das spirituelle Geschwätz darstellt), Internet- Wahrsagern und durchchristeten Gegenwartsstigmatisierten (mitsamt ihren jeweiligen Anhängerschaften) wundern muss. Immerhin hatte Rudolf Steiner mit seiner „Geisteswissenschaft“ vor, den Eisläufern auf den Pfaden der geistigen Abenteuer in ihren Labyrinthen einen „Ariadnefaden“ innerer Orientierung mit zu geben:

Nun, wenn der Mensch sich in das Labyrinth der geistigen kosmischen Ereignisse begeben will und sich mit einem solchen Führer (den die Seele empfängt aus dem Material, das sie selber hat) hineinbegibt, so ist das etwas, auf das uns prophetisch hingewiesen hat die Bevölkerung, die zuerst vorbereitet hat diese Dinge. In der nördlichen elementaren, ursprünglichen Bevölkerung waren noch lange die Fähigkeiten vorhanden, die große Schrift der Natur zu lesen, zu einer Zeit, als die Griechen sich schon zu einem höheren Standpunkt der Intellektualität entwickelt hatten. Und die Griechen mussten vorbereiten dasjenige, was wir heute im höheren Maße ausbilden müssen.

Es ist demjenigen, der sich hineinwagte in das Labyrinth der geistigen kosmischen Welt, mit der griechischen Bildung die Möglichkeit gegeben worden, einen Faden zu haben, durch den er sich wiederum zurückfinden kann. Das wird uns in der Legende von jenem Theseus, der sich mit dem Faden der Ariadne in das Labyrinth begibt, angedeutet. Für die heutige Zeit ist dieser Ariadnefaden nichts anderes als die Begriffe, die wir in der Seele über die übersinnliche Welt ausbilden. Es ist das geistige Wissen, das uns geboten wird, damit wir mit Sicherheit hinein gehen können in diese geistige Welt des Makrokosmos.

So soll dasjenige, was uns heute in der Geisteswissenschaft geboten wird, was zunächst nur zur Vernunft spricht, ein Ariadnefaden sein, welcher uns über alle Verwirrung hinweghilft, in die wir kommen könnten, wenn wir unvorbereitet hineinkommen in die geistige Welt des Makrokosmos
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.95)

Diese Absicht, innere Orientierung zu geben, hatte - so Steiner- bereits Pythagoras- auch wenn er dies auf eigene Art und Weise, nämlich durch die Pflege und Entwicklung der Mathematik, tat. Aber schon damals, in den frühen Mysterien, galt: „Denn wenn der Mensch schwankt, was ist er da? Ein Irrlicht, ein flackerndes Licht, und die Welt ist ein Labyrinth. Wir brauchen einen Ariadnefaden, um zurückfinden zu können.“ (Rudolf Steiner, GA 125.58f)

In diesen frühen Mysterien war es auf den labyrinthischen Wegen üblich, innere Begleiter - eben Gurus- zu haben, sei es in den nordischen oder südlichen (ägyptischen) Geheimwissenschaften, die den Hierophanten in den geistigen Makrokosmos führten; schon aus dem Grund, weil aus den inneren Spiegeln, die dabei in den Blick kamen, kaum zu beherrschende dämonische Kräfte entsprangen, die wir in diesem Zusammenhang wohl mit dem Minotaurus vergleichen können: „In den alten Mysterien war die gesamte Menschheitsentwickelung noch nicht so weit, dass sozusagen die Initiation – sei sie nun hinaus in den Makrokosmos, sei sie hinein in den Menschen selbst, in den Mikrokosmos gerichtet – so ausgeführt werden konnte, dass man den Menschen ganz sich selbst überließ. Wenn zum Beispiel eine ägyptische Initiation ausgeführt wurde, und der Mensch hineingeleitet wurde in die Kräfte, seines physischen Leibes und Ätherleibes, so dass er vollbewusst die Ereignisse seines physischen Leibes und Ätherleibes erlebte, dann sprühten gleichsam von allen Seiten heraus aus seiner astralischen Natur die furchtbarsten Leidenschaften und Emotionen; dämonische, diabolische Welten kamen aus ihm heraus.

Deshalb brauchte in den ägyptischen Mysterien derjenige, der als Hierophant arbeitete, Gehilfen, die in Empfang nahmen, was da herauskam, und es durch ihre eigene Natur hindurch ableiteten. Daher die zwölf Gehilfen des Initiators. In ähnlicher Weise war es in den nordischen Mysterien, wo die Wirkung beim Hinausrücken in den Makrokosmos dadurch geschehen konnte, dass wiederum zwölf Diener des Initiators da waren, die ihre Kräfte an den zu Initiierenden abgaben, damit er die Fähigkeit hatte, wirklich jene Denk- und Empfindungsweise zu entwickeln, die notwendig war, um durch das Labyrinth des Makrokosmos hindurch zu kommen. Eine solche Initiation, wo der Mensch ganz unfrei ist, sollte allmählich weichen einer anderen Initiation, wo der Mensch mit sich selbst fertig werden kann, und wo derjenige, der die Initiation bewirkt und ihm die Mittel gibt, nur sagt: Dies und das ist zu tun, – und wo der Mensch dann nach und nach sich selbst weiter zurechtzufinden kann.
“ (Rudolf Steiner, GA 123.139f)

Aber eine andere hindernde Kraft, ja geradezu eine zerschmetternde innere Dimension beim Betreten des geistigen Labyrinthes nehmen Scham und Furcht ein, die den Initianten in dem Augenblick anspringen, in dem er die gewohnten Sicherheiten und Illusionen verlässt. Der größte Schutz vor der Begegnung mit den Kräften des inneren Minotaurus ist und bleiben die Ignoranz, die Mittelmäßigkeit und die Vermeidung innerer Freiheit: „Wie wir behütet werden vor unserem eigenen Innern, so werden wir im gewöhnlichen Leben behütet vor dem Schauen des Geistigen, das der äußeren materiellen Welt zugrunde liegt. Wenn wir im gewöhnlichen Leben stehen, so breitet sich eben das, was wir den Sinnesschleier nennen, aus vor dem, was geistig zugrunde liegt. Warum geschieht dies nun?

Es gibt ein Gefühl, das sofort auftreten würde, wenn die Menschen das Geistige so ohne weiteres sehen würden. Da würden sie das erleben, was man nur ausdrücken könnte mit dem Wort: verwirrender Schreck, oder schreckensvollste Verwirrung. Denn die Erscheinungen sind so großartig und gewaltig, dass die menschlichen Begriffe, die wir uns heute aneignen, wenn wir noch so viel erlernen, zunächst wahrhaftig nicht hinreichen, um diesen verwirrenden Anblick vor sich zu haben, und der Mensch würde vor dieser schreckensvollen Verwirrung von einem Gefühle ergriffen werden, das eine ungeheure Steigerung dessen ist, was der Mensch sonst nur schwach hat, von einer Steigerung des Angst- und Furchtgefühles in ungeheurem Maße. So wie der Mensch von Scham verbrannt werden würde, wenn er in sein eigenes Innere hinunter steigen würde ohne Vorbereitung, so würde er, wenn er sich in die Außenwelt hinein leben würde ohne Vorbereitung, ertrinken vor der Furcht, weil er in ein Labyrinth geführt würde
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.92f)

Comments

Hic habitat Minotaurus

Bildschirmfoto 2013-12-20 um 11.28.42
Dieses Graffiti, das einer Hauswand in Pompeji entstammen soll, habe ich bei Pinterest gefunden und entstammt einer Internet- Seite, die sich ausschließlich mit Labyrinthen („The mystery of the Labyrinth“) beschäftigt. In dieser visuellen Sammlung zeigt sich eindrucksvoll, wie alt das Motiv des Labyrinths doch ist- manche Funde wie Felszeichnungen und -ritzungen sind ja mehr als 6000 Jahre alt. Das Urmotiv, geradezu eines der Jungschen Archetypen, wird sogar in noch älteren Quellen gefunden, etwa in den Felsbildern des Valcamonica in der Lombardei. Beispiele dafür wie für viele andere Labyrinthe der Vergangenheit und Gegenwart finden sich auf einer weiteren Pinterest- Seite zum Thema.
Erklärungsversuche gibt es zuhauf- die oben genannte erste Quelle vermutet vage Dorf- und Hafenanlagen des sagenhaften Atlantis hätten als Vorbild gedient. Wahrscheinlicher ist die simple Assoziation, die sich beim Durchschauen unzähliger Labyrinth- Darstellungen einstellt, es handle sich um das Symbol des menschlichen Gehirns. Dafür sprechen der strukturelle Aufbau, aber auch die symbolische Problematik; das Sich- Verlieren im Inneren. Auch das Bild des Minotaurus ist ja das einer Korruption: „Hic Habitat Minotaurus“ in der oberen Darstellung ist ja offenbar eine Beleidigung, gleich bedeutend mit: „Hier wird jemand von Leidenschaften in seinem Denken beherrscht“.

Der Ariadnefaden ist primär ein stringentes, zielgeführtes Denken, das zur Beherrschung der korrumpierenden Instinkte führen kann. In der Kultur der Minoer, die den rituellen Tanz mit den Stieren als Mysterieninhalt und Initiationsritus pflegte - eine Kultur des Mutes-, war die Entwicklung des Rationalen ein Entwicklungsziel. Heute kann man, wie Beatrice Grimm, den wachen Umgang mit Labyrinth und Ariadnefaden auch als eine Übung im Körpergebet verstehen: „Ein spirituelles Werkzeug? Dem Wollknäuel der Ariadne folgen, heißt hineinzugehen ins Labyrinth. Immer wieder neu dem Weg des Lebens folgen. AnfängerIn sein, den Weg suchen auf engstem Raum. Offensein für andere, und gleichzeitig den eigenen Weg fortsetzen Schritt für Schritt. Jeden Schritt wahrnehmen wie ein erster Schritt... Sich hinwenden, kehrtwenden, abwenden, annähern. Manchmal gehts nicht weiter. Manchmal voller Sehnsucht von der Mitte hingezogen. Die Mitte wird erahnt, auf die es schnell zuzugehen scheint. Dann aber führt der Umweg durch viele reinigende Windungen. Wer ausharrt und auf dem Weg bleibt, den findet das Ziel, die Mitte, die gleichsam Anfang ist zu neuem Leben.“

Das Thema ist nicht annähernd erschöpfend zu behandeln. Es ist ein existentielles Motiv, schon weil wir uns immer wieder - selbst verursacht oder schicksalhaft - in labyrinthischen Lebenssituationen weder finden. Der alte Ariadnefaden - die Verstandesseele - hat sich verselbständigt und in Technik veräußerlicht. Aber selbst die besten GPS- Navigationssysteme helfen uns aus existentiellen Krisen nicht heraus- vor allem dann nicht, wenn es nicht nur Rechts und Links, nicht nur Richtig oder Falsch gibt. Vielfach hilft nur die volle konzentrierte menschliche Zuwendung, das offene, sich seiner eigenen Beschränkungen bewusste Handeln, das Agieren in Gespräch und in Bereitschaft, eigene Positionen ständig anzupassen dabei, gemeinsam halbwegs gangbare Wege zu gehen. Es geht manchmal nicht, ohne sich in der einen oder anderen Form schuldig zu machen, etwas vernachlässigen zu müssen, etwas auch ungetan zu lassen. Es geht nicht unbedingt aus alten Vorstellungen heraus, was „moralisch“ sein mag. Der Weg aus labyrinthischen Situationen bedarf einer inneren Vertiefung, einer geistigen Präsenz, die im besten Fall eine überraschende Neuinterpretation der Situation zulässt, eine tatsächlich neue und originelle Lösung. Dann zumindest kann man sicher sein, dass nicht der Makel auf dem Handeln liegt, der da sagt: Hic Habitat Minotaurus.
Comments

Elsbeth Weymann: Zwei Jesusknaben – und die Zweifache Messias-Erwartung in Qumran

Die Geschichten von der Geburt Jesu, wie sie Lukas und Matthäus überliefern, erzählen von der Anbetung des Kindes Jesus durch Hirten und durch „Könige“. Im Allgemeinbewusstsein der Christenheit gelten diese Ereignisse dem e i n e n Jesuskind und folgen zeitlich nacheinander: Die Anbetung der Hirten zu Weihnachten – die Huldigung der „Könige“ zu Epiphanias.

Erschüttert wurde diese vertraute Sichtweise, als Rudolf Steiner 1909 zum ersten Mal aus seinen geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus darstellte, dass es z w e i Jesusknaben, einen priesterlichen und einen königlichen, gegeben habe.
Diese Aussage wirkte auf viele Menschen tief befremdlich. Von Vertretern der Kirchen wurde und wird sie bis heute heftig angegriffen. Sie gilt als vollkommen unvereinbar mit den Evangelien.

Versucht man aber einmal mit diesem Gedanken der Zweiheit die beiden Erzählungen der Evangelien unbefangen im griechischen Urtext zu studieren, so entdeckt man Erstaunliches. Schon der Vergleich der beiden Ahnenlisten zeigt, ungeachtet einiger weniger Gemeinsamkeiten, zwei sehr ungleiche Stammbäume. Die eine Linie (Matth.1,1 ff) verläuft über Davids Sohn König Salomon. Die andere (Luk.3, 1ff) geht über einen anderen Sohn Davids, den Priester Nathan . Die Verschiedenheit der beiden Ahnenlisten ist unübersehbar – schon die genannten Großväter sind verschieden.
Das Problem der differierenden Stammbäume wurde bereits in der Zeit des frühen Christentums deutlich gesehen, z.B. von den Kirchenvätern Ignatius von Antiochia (2.Jh.), Irenäus von Smyrna (135-202) und Justinus dem Märtyrer (100-165). Die Frage nach der auffälligen Verschiedenheit der Stammbäume hat eine umfangreiche Forschung nach sich gezogen . Da sie bis heute als unlösbar gilt, hat man sich kurioser Weise darauf geeinigt, beide Stammbäume für fiktiv zu halten. Aber es lassen sich außer diesen verschiedenen Ahnenlisten weitere Gegensätze in den überlieferten Erzählungen der beiden Evangelien zeigen..

________
Zum Download der ganzen Arbeit von Elsbeth Weymann

zuerst erschienen in: INITIATIVE ENTWICKLUNGSRICHTUNG ANTHROPOSOPHIE 2013, Heft 26


Comments

Bis auf die Knochen oder: Der letzte Templer

Bildschirmfoto 2013-12-10 um 12.16.47
Es gibt Bücher, die einen einfach ärgern. So, was mich betrifft, wieder einmal ein Sachbuch des bekannten „international renommierten Fachmanns“ (Klappentext) Alain Demurger, „Der letzte Templer. Leben und Sterben des Großmeisters Jacques de Molay“.
Gewiss, Demurger ist, wie in vielen seiner anderen Sachbücher zu diesem Thema, sachkundig, so weit die vorhandenen Dokumente eben reichen. Daher ertrinkt man in auch im vorliegenden Buch bei einzelnen Details - etwa in den gerade auch von den Widersachern gut dokumentierten Schlachten, Scharmützeln und Intrigen im Heiligen Land. An diesen Stellen wird das Buch von Fakten, Daten und Personen überschwemmt. Doch von der Person, um die es im Buch geht- dem letzten Großmeister - erfährt man selbst dann wenig bis nichts. Das gibt auch Demurger schon im Vorwort zu: „Man weiß also wenig über Jacques de Molay.“

In der Tat. Man weiß, dass er zwischen 1245 und 1250 geboren wurde, Großmeister vor allem im Orient, d.h. auf Zypern gewesen ist (wie er zu dem Amt kam, ob es Konkurrenz gab: Alles im Nebel), dass er trotz aller Warnungen, dem unsäglichen, exilierten Papst folgend, nach Frankreich reiste, um dort in die Verhaftungs- und Vernichtungswelle Philipps des Schönenzu reisen und diesem zum Opfer zu werden- mitsamt seiner Mitbrüder, dem gesamten Orden und dessen Vermögen. Den Dokumenten der Propagandamaschine Philipps zu vertrauen, der wohl als Erster massenhaft und gezielt manipulative Diffamierungen in die Welt setzen ließ, um seine Opfer (Juden, Kaufleute, Templer) zu schädigen und seine Mord-, Vertreibungs- und Ausplünderungsmaschine propagandistisch zu rechtfertigen, ist noch heikler, als aus gar keinen Dokumenten „in kleinen Pinselstrichen“ Molays „Biographie zu zeichnen“ (S. 14). Den Taktiken Philipps und seinen juristischen, taktischen und inquisitorischen Ratgeber zu folgen, auf Protokolle aus den Folterungen, den Prozessen und öffentlichen Äußerungen zu setzen, ist mehr als heikel. Aus dem Nichts ungesicherter Dokumente und einiger „Pinselstriche“ eine Biografie zu zaubern, an vielen Stellen spekulativ, um nicht zu sagen geschwätzig.

Immerhin fällt Demurger nicht auf bestimmte, gern tradierte Mythen hinein wie den legendären „Templerschatz“. Ihm ist natürlich bewusst, dass dieser Schatz das „Archiv“ der Templer war, das „später allerdings verloren ging“. (176) Die politischen Umstände in der Schlacht um Akkon und danach, in der ungeliebten Herrschaft auf Zypern, stellt Demurger aus einem Puzzle aus Urkunden zusammen. Es gab zweifellos Widerstände gegenüber einzelnen Entscheidungen und personellen Ernennungen de Molays. Demurger unterlässt es klug, daraus eine generelle Spaltung des Ordens, wie sie oft behauptet wird, zu konstruieren.

Natürlich war die Lage des Ordens nach dem Fall Akkons schwierig. Die Kreuzzüge waren verloren; der Templerorden hatte seine primäre Mission damit nicht erfüllt. Von päpstlicher Seite kam 1291 der Gedanke auf, die verschiedenen Orden wie Templer und Hospitaliter zu vereinigen. Insbesondere Raimundus Lullus - bei den Templern auf Zypern ein gern gesehener Gast- schlug solch eine Koordination und Verschmelzung vehement vor, wobei er noch den Deutschen Orden und die spanischen Ritterorden hinzurechnete. Ziel von Lullus war ein neuer Kreuzzug. Aber der nachfolgende Papst Bonifatius VIII. ließ die Entscheidung in der Schwebe. Angeblich (nach Demurger) unterstützte ihn de Molay darin. Dafür gab es schwer wiegende Gründe: An der Spitze eines solchen „totalen“ Ritterordens sollte ein weltlicher König stehen, der dann als „König des wiedereroberten Jerusalem“ werden sollte. Ein Kapetinger sollte das sein. Es ist rätselhaft, dass Raimundus Lullus, der diese Frage noch 1305 voran trieb, nicht erkannte, dass er damit die weit reichenden Ambitionen eines Philipp des Schönen, des Franzosen, artikulierte.

Sobald die Ambitionen Philipps berührt werden, beginnt auch bei Demurger die Widersprüchlichkeit. So unterstellt er de Molay in einem Nebensatz (206), dieser habe diese Ambitionen Philipps nur deshalb nicht unterstützt, („der Gedanke liegt nahe..“!, S. 206), weil es de Molay um „die Verteidigung seiner (eigenen, M.E.) Stellung ging!“. Er findet de Molays Argumente „ein wenig ungehörig“. Das wirkt bei den auch von Demurger konstatierten Ambitionen Philipps, die totale Kontrolle über Papsttum und Ritterorden, aber auch das Vermögen letzterer, zu erlangen, mehr als merkwürdig. Die Versuche des Widerstands de Molays - „ungehörig“? Papst Clemens V., die von Philipp eingesetzte Marionette auf dem Papststuhl als Nachfolger des von Philipp 1303 ermordeten Bonifatius VIII., opferte doch lieber den Templerorden als Ganzen, als Philipp eine Position einzuräumen, die diesen als geistlich- weltlichen Universalherrscher hätte positionieren können. 1307 wurde de Molay im Templerhaus in Paris von den königlichen Garden verhaftet- in einer konzertierten Aktion über ganz Frankreich hinweg. Die Folterungen setzten sofort ein. Am 24. Oktober 1307 gab de Molay an, „wenn auch widerwillig“, „Christus verleugnet“ zu haben, durch ein rituelles Spucken am Kreuz. Homosexuell sei er nicht.

Um dieses magere Geständnis unter Folter ranken sich - auch im schwankenden Buch von Demurger - viele Gerüchte. 1308 hat de Molay einen öffentlichen Auftritt gehabt, den er zugestanden bekam, da er dabei „noch größere Irrtümer gestehen“ (250) wolle. Stattdessen öffnete er, der in Notre-Dame auf einem Podest saß, „seinen Umhang und legte seine Kleidung ab: „Seht, meine Herren, wie man aus uns herausholte, was man hören wollte“, und er zeigte seine bis auf die Knochen zerfleischten Arme und die Spuren der Folter, die er erlitten hatte. Dann widerrief er seine Aussagen“. (250) Einige Seiten später bezeichnet Demurger diesen Auftritt de Molays aus heiterem Himmel als theatralisch und großsprecherisch und bezweifelt plötzlich gar, dass er überhaupt stattgefunden habe. Plötzlich treten bei Demurger Dokumente aus der Umgebung des Königs in den Vordergrund, die behaupten, de Molay sei gar nicht gefoltert worden, er habe freiwillig gestanden, oder habe sogar um seines Rufes willen geradezu darum gefleht, gestehen zu dürfen. Ab S. 268 wird praktisch als gesicherte Tasche genommen, dass der Großmeister „alle seine Vergehen ohne Folter zugegeben“ habe. Zu Wort kommen noch Inquisitoren wie Bernhard Gui. Mit einer gewissen Befriedigung vonseiten Demurgers wird die gesetzeswidrige Entscheidung Philipps aufgenommen, de Molay nach dem Widerruf seines Geständnisses unmittelbar ermorden zu lassen.

So dümpelt der Biograf weiter vor sich hin. Er schreibt (295) von „zweifelhaften Praktiken“ im Orden, die irgendwie, irgendwann wohl eingesickert seien, in den Orden „im Allgemeinen oder, genauer gesagt, was ich als System bezeichnen würde.“ Das würde ich als denunziatorisches Geschwätz bezeichnen, Herr Demurger. So wie die ganze Darstellung Jacques de Molays in gar keiner Weise auch nur den Hauch von Objektivität erfährt. Offensichtlich schlägt ein fataler Nationalstolz bei Demurger durch, der sich (285) darüber mokiert, dass de Molay durch seine „Unnachgiebigkeit“ dem Papst - diesem Hanswurst - „in den Rücken fiel“, und, schlimmer noch, „damit den französischen König brüskierte“. Demurger benutzt die Propaganda Philipps bis zum heutigen Tag, um den letzten Großmeister des Templerordens zu demütigen, obwohl er (282) nochmals zugibt, dass es „wenige Quellen“ gäbe, die ein „klares Bild seiner Persönlichkeit vermitteln“, kaum „gesichertes Wissen“, und wenn, dann seien diese Dokumente „widersprüchlich“. Der Fachmann für den Templerorden baut also nur auf Wasser, aber er streut eine Menge altes Gift hinein.

______
Bildquelle Pinterest- Templer- Seite
Comments