EgoBlog | Die Egoisten

Orhan Pamuks Istanbul, schon wieder vergangen

In "Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt" hat Orhan Pamuk die Erinnerungen an eine Stadt, persönlich und historisch, auf eine Art dargestellt, dass sie zugleich ein Bild seiner selbst zeichnen - das Gefühl umreissend, "daß ich zu dieser Stadt gehöre und mit diesen Menschen etwas gemein habe". Er hat dazu viele historische Stadt- und Gesellschaftsbilder, auch historische Stiche hinzugefügt, wobei seine Auswahl vielleicht auch von ihm und den tief in ihm verankerten melancholischen Grundempfindungen geprägt ist. Denn die Häutungen von Stadt und Gesellschaft waren stets radikal - die Brüche zwischen uralter Tradition und immer neu definierter Moderne auch brutal: "Das seit hundertfünfzig Jahren auf der Stadt lastende Gefühl des fortwährenden Scheiterns manifestiert sich in zahllosen Schwarzweißperspektiven… mein Schwarzweißgefühl.." Die "prunkvolle, dahingeschwundene Zivilisation" des osmanischen Großreichs, die sich in ebenso großartigen Bauten, Villen und ganzen Stadtvierteln zur Schau stellte, ist lange dahin- und wie an so vielen Orten mit Tradition nur noch museal erhalten.

Hüzün- die Melancholie angesichts der unausweichlichen Verluste, leitet Pamuk sogar aus dem Sufismus ab- das Gefühl: "Wenn du dich nicht an Vergängliches klammern würdest und statt dessen ein aufrichtiger Muslim wärst, würden weltliche Verluste dich ohnehin nicht bekümmern" (S. 109). Die Melancholie wäre demnach das Gefühl der Unzulänglichkeit, "Gott nicht nahe genug zu sein und hienieden für Gott nicht genügend tun zu können" (dito) - also ein Ansporn, die "unzureichende Tiefe des Seelenlebens" (dito) zu überwinden. Das geht hin bis zu einem gewissen, um sich kreisenden Skurrilen: "Daß man, dieser Logik folgend, die Unfähigkeit zur Melancholie als Grund anzusehen hat, melancholisch zu werden, und betrauern soll, nicht genügend trauern zu können, hat der Melancholie in der islamischen Kultur erhebliche Wertschätzung eingetragen" (dito).

Auf der anderen Seite hat dieses in- sich- Gewandte vielen brutalen Machthabern freie Hand gegeben. Zwischen Melancholie und purer Willkür wurden immer wieder vor allem die Intellektuellen zum Opfer. Pamuk berichtet z.B. vom 1880 in Istanbul geborenen Ahmet Refik, ein ausgesprochen populärer Historiker des Osmanischen Reiches, der noch die originalen Handschriften sammelte, ordnete und in vielen Büchern verarbeitete. Aber Reife machte sich 1933 verdächtig, gegen Atatürk Opposition betrieben zu haben, woraufhin er "im Zuge einer Universitätsreform" (S. 182) entlassen wurde. In der Folge musste er, um zu überleben, Stück für Stück seiner kostbaren Bibliothek verkaufen, und starb fünf Jahre später- nicht nur vergessen, sondern regelrecht zertreten: "Zum Zeitpunkt seines Todes war von den neunzig Büchern, die er geschrieben hatte, kaum mehr eines erhältlich.. (S. 183). Auch seinem Schüler und Biografen sollte es vierzig Jahre später genauso ergehen.

Trotz des Wandels zur urbanen Weltmetropole, trotz überstandener Militärdiktatur findet diese Art von Säuberung nun auch wieder unter Erdogan statt: "Zunächst wurden in der Türkei mehrere tausend Menschen in den Bereichen Militär und Justiz festgenommen und jetzt geht es offenbar im Bereich Bildung weiter. Über 1.500 Hochschuldekane wurden zum Rücktritt aufgefordert, außerdem gab es viele weitere Entlassungen und auch Festnahmen bei türkischen Lehrern, und heute kam noch die Meldung, dass die türkische Hochschulverwaltung allen Akademikern bis auf Weiteres die Ausreise verboten hat." (Quelle Deutschlandfunk) Wieder werden, in einem Maßstab, der kaum vorstellbar schien, ganze Gesellschaftsschichten verhaftet, verstossen, degradiert, in die Ungewissheit entlassen. Man kann wohl von einer Enthauptung einer ganzen Gesellschaft sprechen. Diese vorerst letzte brutale Häutung einer Gesellschaft in Richtung eines primitiven Nepotismus hat wohl weniger mit religiösen oder laizistischen Bestrebungen zu tun, als mit dem Vordringen von Gesellschaftsmodellen nach russischem Vorbild. Natürlich ist das kein Thema in Orhan Pamuks schon 2003 erschienen Buch. Wenn diese Entwicklungen etwas schüren, dann wohl die von ihm beschriebene Hüzün. Zweifel kommen auf, ob Pamuks Herleitung der Melancholie aus mystischen Quellen realistisch ist; realer scheint die Ungewissheit, wie weit und wie lange der gesellschaftliche Konsens trägt, bis wieder das brutale Antlitz der Macht alle Kultur zunichte macht.
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Elisabeth Kübler-Ross und der tröstende Fremde

"Ein Traum, den ich mehr als einmal träumte" nannte Elisabeth Kübler-Ross ihre persönliche Gottesbegegnung - ein Traum, aber auch eine Begegnung im Sinne einer geistigen Erfahrung. Dass dieser "Traum" besonderen Charakter hatte, liegt eindeutig am Subjekt, das weiss, dass dieses Du, dem sie begegnet, "Jesus" ist, obwohl sie nicht weiss, "warum ich das weiss, aber es ist so." Das "Es ist so" hat in diesem zeitgenössischen Ambiente zwischen Supermärkten und Rinnstein den Charakter unwidersprechlicher Gewissheit - es ist ein erkennendes Amen.

Die Art der Beschreibung klingt wie eine Projektion - als persönliches Imago; es ist nicht wichtig: Die Jeans, die glatte Haut, das Weinen, die Art der Segnung: Die mit den Tränen benetzten Handrücken, die spezifische Sprache. Es ist, auch dies unmittelbar einsichtig für Elisabeth Kübler- Ross, eine Wiederbegegnung - ja mehr: eine Vergewisserung des ewig im Hintergrund präsenten Begleiters, der lediglich vergessen worden ist und immer wieder neu vergessen wird: "..weil ich nicht weiss, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn." Wie kann man den Geliebten so vollkommen aus den Augen verlieren, wie kann man vergessen haben, wann man ihn zuletzt sah?

Kübler-Ross ist in der ganzen Situation an einer inneren Grenze- ihr Weinen erscheint auch als seelischer Auflösungszustand, ein Augenblick, in dem die gewohnte Ordnung, der Kontext von einem Tränenstrom fort gespült worden ist. Aber vielleicht weint sie auch, weil das Glück, vom unsichtbaren Begleiter bestätigt und versichert worden zu sein, so erschütternd ist; sie ist angeschaut, und der Gott erkennt sie an: "Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst".

"Ich gehe über einen großen Parkplatz vor einem Einkaufszentrum mit zwanzig oder dreißig Läden. Außer mir ist niemand da. Es ist dunkel und früh am Morgen. Ich höre das Echo jedes meiner Schritte. Es ist kühl.
Ich sehe einen Mann in der Ferne stehen, und in diesem Augenblick befinden wir uns plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde auf einer sonnigen Wiese, aber dann kehren wir zurück. So schnell, als wäre das nur in meiner Einbildung. Ich gehe auf ihn zu. Er ist groß. Sein Haar ist blond, die Augen sehr dunkel. Er ist sehr müde. Es ist Jesus. Ich weiß nicht, warum ich das weiß, aber es ist so.

Jetzt stehe ich dicht vor ihm und bleibe stehen. Er trägt Blue Jeans, ohne Hemd. Seine Haut ist sehr glatt. Er sieht sehr traurig aus, als ob er von mir Abschied nehmen wollte, und dann fasst er meine beiden Hände und fängt an zu weinen. Auch ich fange an zu weinen, weil ich nicht weiß, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn. Er netzt meine Handrücken mit seinen Tränen, und dann geht er und sagt: „Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst.“

Als ich wieder allein bin, sitze ich auf dem Randstein in dem Einkaufszentrum und weine sehr. Ich bleibe dort, bis die Sonne aufgeht, dann stehe ich auf und gehe langsam fort.
" [1]

[1] Elisabeth Kübler- Ross, Kinder und Tod, Kreuz Verlag, Zürich 1984, S. 151

Hier eine kurze Einführung in eine Dokumentation über die Arbeit von Elisabeth Kübler- Ross mit Sterbenden. Die Dokumentation selbst in in etwa 10- minütigen Teilen bei YouTube zu sehen.
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Die Erinnerung an einen Engel, der in mir denkt


others


Natürlich ist das Gedächtnis gestört, dauernd. Erst die Zerstreutheit, dann die üblichen Filter: Passt das Gesehene in eine der mir bekannten Kategorie, oder gehört es zur Kategorie Unkategorisch? Im letzteren Fall ist meine volle Aufmerksamkeit sofort da. Die volle Präsenz tritt dann in den Alltag ein, wenn ein emotionales Alarm- Level erreicht ist. So wäre das ein halb- automatisiertes Leben zwischen Status Quo und diversen Alarm- Zeiten in unserem Leben, wenn wir nicht doch dem, was uns begegnet, interessiert gegenüber treten würden- das Konditionale daran (und damit die Möglichkeit der Entscheidung, aber auch des Scheiterns) zeigt schon, dass dann das Ich direkt engagiert ist. Aber das muss man dann auch tatsächlich tun, denn das Ich ist nun einmal ein rein schaffendes, produktives Wesen. Das, was wir so engagiert - persönlich beteiligt statt nicht passiv reagierend- erfahren, wandert über die Amygdala, und prägt sich tiefer ins Gedächtnis ein. Je mehr Erkenntnis, Anteilnahme, Intelligenz und Empfindung beteiligt sind, desto unmittelbarer- ohne Umwege über selektive Filter, und umfassender und detaillierter wird eine Situation auch erinnert- es entsteht der Schatz eines ganzen individuellen Lebens.

Für den esoterischen Weg (was immer Sie jetzt darunter verstehen) hat Rudolf Steiner erwähnt, dass das Erinnern - er meint das automatisierte Gedächtnis- immer weiter zurück geht. Das bedeutet: Je aktiver ein Mensch geistig wird, desto mehr ziehen sich neuronal gegebene Auto- Mechanismen zurück- zugunsten erhöhter ständiger Präsenz des Ich. Denn erinnert wird nur - so Steiner-, was mit Liebe und Interesse betrachtet wird. Nichts anderes als das bedeutet ja Präsenz des Ich.

Natürlich wird das Gedächtnis in gewisser Hinsicht auch schwächer, wenn man älter wird - gewisse Namen, Daten, Details werden unscharf - ein Problem. Im Gegenzug erlebt sich der Ältere gelegentlich, der Hochbetagte in steigender Dominanz in Inseln eines nicht erinnernden, sondern szenisch exakt nacherlebenden Bewusstseins. Die Intensität des Neu- Erlebens halb oder ganz vergessener oder geschönter Fragmente des eigenen Lebens kann gerade am Beginn schmerzhaft sein, weil emotional besonders herausragende Ereignisse zuerst hoch kommen. Im Erleben ist man szenisch involviert, beobachtet das aber zugleich von außen in absoluter Objektivität. Gegenüber dieser Instanz - dem inneren Leben selbst- fällt jeder Selbstbetrug in sich zusammen- auch wenn er in einer so erlebten Szene peinlicher Weise im schönsten Schwung sein mag. Für den Meditierenden jeder ernsthaften Schule gehören diese Szenen ohnehin zu gewissen Stadien intensiver und kritischer Selbstbetrachtung- eine Art notwendiger Ausarbeitungs- Prozess- allerdings nicht um in die Emphase einer Menschen-, Kultur- oder Selbst- Anklage zu verfallen, sondern als nüchternes Resümee einer gewissen Selbst- Objektivierung, einer gewissen spirituellen Hygiene.

Aber Steiner wäre nicht Steiner, wenn er nicht noch eine ganz andere Begriffsdeutung in Bezug auf das Gedächtnis ins Spiel bringen würde. Er beginnt harmlos mit „Der Zusammenhalt des Gedächtnisses darf nicht zerstört werden.“ Gemeint ist aber, wie er dann erklärt, eine okkulte Deutung, die dann besagt, dass jede Form von Selbstbespiegelung eben diesen „Zusammenhalt“ stört; worum es gehe, sei, dass ein Mensch so ehrlich mit sich sein müsse, sich nur an den eigenen Taten zu messen- und nicht an einer wie auch immer gearteten Hybris:

Mit diesem Zusammenhalt des Gedächtnisses meint man auf dem Gebiet des Okkultismus noch viel mehr als im gewöhnlichen Leben. Im gewöhnlichen Leben versteht man mit diesem Gedächtnis eigentlich nur, daß man zurückblicken kann und wichtige Ereignisse seines Lebens nicht gerade aus dem Bewusstsein verloren hat.
Im Okkultismus meint man unter richtigem Gedächtnis auch noch, daß der Mensch mit seiner Empfindung, mit seinem Gefühl nur auf das etwas gibt, was er schon in der Vergangenheit geleistet hat, so daß sich der Mensch keinen anderen Wert beimißt als den Wert, den ihm die Taten seiner Vergangenheit geben
.“ (GA 136, 40)

In Bezug auf intensive meditative Erfahrungen auf der Ebene des zeitlosen Bewusstseins stellt sich die Frage nach der Verbindung mit dem Alltagsdenken, oder, anders gesagt: Wie viel können wir später von solch intensiven Erfahrungen, in die wir restlos „ausgegossen“ - hingegeben - sind, überhaupt erinnern?

Schon in Rudolf Steiners Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung heißt es über die Figur Theodora: „Wenn sie in jenen Zustand fällt, ermangelt sie fast ganz der Gabe der Erinnerung.“ Das geht keinesfalls nur Theodora so. Es geht, wie Steiner in „Okkultes Sehen und okkultes Hören“ (GA 156, S. 54ff) ausführt, vielmehr jedem so, der „wie in das Nichts hinein schwimmend, in den allgemeinen Kosmos unter (taucht)“. Dieser „voll bewusste“ Zustand der meditativen Zeitlosigkeit hat in vieler Hinsicht (bis eben auf die Tatsache der vollen Bewusstheit) Ähnlichkeit mit dem Schlaf; und auch der Zustand „danach“ wirkt wie ein Aufwachen, bei dem man empfindet: „Das war nicht ein Schlaf, in dem jetzt warst. (..) Da ist etwas geschehen in der Zwischenzeit“. Man erlebt diese Erfahrungen aus der Zwischenzeit im Nachhinein so: „Es ist wie eine Erinnerung. Man erinnert sich an etwas, das man nicht mit dem gewöhnlichen Selbst durchgemacht hat, das man aber so erlebt hat, dass man aus dem gewöhnlichen Selbst heraus gehoben war.“ Das, was man da meditativ bewusst, d.h. also „denkend erlebt“ (Steiner) hat, ist in Steiners Augen das Erleben des Denkens des Engels in einem selbst: „Du kannst dich nur nachher erinnern, was dieses Wesen, dieses Angeloswesen, in dir gedacht hat."

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Tage der langen Schatten

tageschatten
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Das höchste Mantra ist das Ich

scaligero
Nach mehreren Jahrzehnten meditativer Praxis gibt es immer wieder in verschiedenster Literatur zum Thema praktische Berührungspunkte; in der Praxis sind bestimmte typische Problemfelder bei jeder ernsthaften spirituellen Tätigkeit zu beobachten. Von Praktikern ist vieles lesenswert, wenn man denn aus der eigenen meditativen Arbeit darauf stösst. Vorher muss die Aussage abstrakt bleiben, kann sogar zum Dogma werden, wenn man sie dazu macht. Zwischen geistiger Souveränität und „Knechtschaft“ unter selbst gemachte und/ oder übernommene und tradierte Denk- und Reaktionsmustern besteht nicht selten nur ein schmaler Grat. Daher erinnert Francis Lucille (in „The perfume of silence“) an ein besonders prominentes Problem in jeder meditativer Arbeit: Routine und Ritus.

Bis dahin hat es einen langen Anlauf gegeben in Bezug auf Fokussierung, inneres Schweigen, aber auch innere Aktivität und bewegt- formbare Stillness. Das ist nichts anderes als ein Musiker, der übt, kooperiert, eine leise Performance spielt - das Instrument und den Musiker in Eines fassend. Massimo Scaligero spricht daher in „a practical manual of meditation“ (Lindisfarne 2015) auch von einer „Vereinigung“ mit der „Essenz“ - mit der besonderen Note, die "Kräfte der Seele" um sich zu sammeln und dann zu „verhindern“, dass diese Seele „irgend eine Form annimmt“ („preventing the soul from giving it any form“). Auch sämtliche pseudo- sensorischen Eindrücke - womöglich spirituell induzierte Bilder, Gefühle und Assoziationen- sollen willentlich ausgemustert werden, um zu einer „radikalen Art der Stille“ (S. 47) zu kommen. Man möchte sagen- selbst das Wollen dieser Art kann wieder zum Hindernis werden, aber vor allem alles, was zunächst wie ein Fortschritt aussieht. Manchmal hat ein Sucher gerade in jungen Jahren und früh substantielle geistig- seelische Erfahrungen, die eindrücklich und bewegend wirken- aber dann abebben und nicht wieder auffindbar sind. Gerade der Wille, das wieder zu erleben, verhindert es nachdrücklich. An dieser Stelle steht dann schnell der tiefe Fall ins bloße Ritual.

Denn sobald ein Ritual entsteht - etwas, was nicht durch aktives Verstehen geprägt ist, sondern durch Routine - geht die Orientierung am Wahrhaftigen des lebendigen Ich verloren: „“I” is the highest mantra. In using it in this way, we avoid boring repetitions. It always remains alive, always directed towards its meaning. Just try it and be very determined, courageous, patient, and stubborn at the same time. Make sure that the juice, the perfume, is always flowing. Make sure you are not simply singing the song without understanding the meaning.“

"Das Ich ist" - eine freie Übersetzung nach Lucille- "in der Hinsicht das höchste Mantra, dass es keine langweiligen Wiederholungen kennt. Das Ich ist immer lebendig, immer am Verstehen orientiert. Mach es, bestimmt, mutig, geduldig und stur zur gleichen Zeit. Die Essenz, der Duft, sollte vernehmlich sein. Sei sicher, dass du dieses Lied nicht singst ohne anhaltendes, andauerndes Verstehen" („Intuition“ nach Steiner) "und Präsenz des wachen Ich."

Die Routine ist eine Form von - nach Lucille- Passivität, Faulheit und Apathie („Passivity, laziness, or apathy takes place when we discover a thought or a feeling that we do not really want to see. In order to cover it up, we create some sort of daydream, some sort of mental activity. This takes us away from the problem, from the tension, from the contraction. It is a refusal, an escape.“) - wahrscheinlich ein Versuch, einem inneren Problem zu entkommen. Die Tag- Träumerei und Ritualisierung entstehen, weil mit der inneren Freiheit auch stets schmerzhafte innere Eigenschaften offenbar werden, die uns unangenehm sind. Dazu gehören seelische Überformungen, Zwangs- Reaktionsmuster, Ängste, Selbstüberschätzung usw. Überstrenge Strukturen, Selbstverurteilung, Kämpfe mit vagabundierenden träumerischen Bewusstseinsformen bewirken letztlich aber nur, dass wir der Selbstkonfrontation zwar aus dem Weg gehen, aber uns auch wie ein Esel um den selben Pflock drehen werden, bis das Problem erkannt ist.

Praktisch schaut man das an, und sonst nichts: „In this way we return to an experience of presence that is vibrant. It is not a blank state.“ Die Rückkehr in die stetig im Hintergrund vorhandene Erfahrung der Präsenz ist von vollkommener Lebendigkeit- die reine, klare Kraft des Ich, das jede Routine durchdringt und übersteigt. Auch wenn das Bewusstsein dabei „formlos“ ist, ist es doch niemals leer.


Der Verlag hat zu Massimo Scaligeros Neu- Übersetzung ins Englische (aus dem italienischen Original) „a practical manual of meditation“ den treffenden Text geschaffen „For all who want to embark on the path of initiation through anthroposophy“ - für all die, die auf den Wegen zur Initiation, im anthroposophischen Kontext, ihre Segel setzen. Für alle Fälle merke ich hier an, dass Scaligero von allen möglichen Seiten vereinnahmt wird, vor allem aber von Rechten. Die goutieren das propagandistische Frühwerk des Faschisten vor 1945, aber durchaus auch seine Mystik. Ich arbeite hier im Blog das heraus, was mir vom späten Denker bemerkenswert erscheint. Ein komplettes anthroposophisches Schulungsbuch dieser Güte war mir jedenfalls vor dieser Übersetzung ins Englische unbekannt geblieben. Das ist das Problem mit Scaligero. Je tiefer man gräbt, desto tiefer wird auch das Zweischneidige bei ihm. Das nur als Anmerkung.
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Die Intimität des Schmerzes - Simone Weil

simone weil
Dass das ganze Gewebe unseres Lebens unvermittelt zerreissen kann, ist etwas, was man nicht nur nicht antizipieren will- es ist dem Menschen einfach nicht möglich, die Facetten des Abgrunds, der immer unter seinen Füßen ruht, ansatzweise zu imaginieren. Ein kleines Unwohlsein im Alltag kann, was am Morgen noch eine offene Zukunft war, durch ein Klicken der Apparaturen, die uns durchleuchten, zu einer Biografie machen, die einen Anfang und ein deutlich auszumachendes Ende hat.

In ihrem Roman „The Burgess Boys“ (hier der Link zur Autorin)- einer Familiengeschichte, in der der hochsensible Sohn der alleinziehenden Schwester der so verschiedenen Burgess- Brüder eine unerklärliche Dummheit begeht (er wirft einen Schweinekopf in die Moschee somalischer Flüchtlinge), und damit einen kaum aufzuhaltenden, auch juristischen Prozess herauf beschwört, und die Familien- Geheimnisse ans Tageslicht befördert -, ist der Schmerz etwas, was einen unvermittelt in einen privaten (aber nicht sehr exklusiven) Club befördert, in dem man von nun an die Intimität des Schmerzes erleben muss: „And she learned—freshly, scorchingly—of the privacy of sorrow. It was as though she had been escorted through a door into some large and private club that she had not even known existed.“

So ist es mit den Diagnosen, den Enthüllungen, oder, wie der Polizeichef im Verlauf des sich entwickelnden Dramas auch in Bezug auf sein eigenes, privates Glück räsoniert, mit einem einzigen Klopfen an der Haustür: „The luck could end tomorrow. He had watched people’s luck end with one phone call, one knock on their door.“

In einer noch recht aktuellen Betrachtung (2012) von Robert Chevanier zur Biografie der zeitweise kommunistischen (sie schrieb für La Révolution prolétarienne) Mystikerin und Philosophin Simone Weil geht es um den Umgang mit diesem nur scheinbar privaten Club, denn für Weil war der Schmerz die wesentliche existentielle Perspektive- das, was für sie „real life“ ausmachte. Einerseits verstand sie darunter Solidarität mit den Fabrikarbeitern - sie unterbrach 1934 ihre Universitäts- Karriere, um mit am Fliessband zu arbeiten, wollte (vergeblich) im spanischen Bürgerkrieg mit kämpfen, verabschiedete sich angesichts des Hitler- Regimes vom Pazifismus- erlebte aber andererseits inmitten all dieser Katastrophen (und ihrer anhaltenden Migräne) etwas, was ihrer Existenz eine andere innere Dimension gab; eine Christus- Erfahrung in Assisi:

In 1937, at Assisi, in the little Romanesque chapel of Santa Maria degli Angeli where St Francis had prayed, she recognized that something stronger than herself “obliged her, for the first time in her life, to drop to her knees.” This was her second contact, under the sign of beauty and purity. At Solesmes, during Holy Week in 1938, while she was suffering from intensely painful headaches, she assisted at the divine office sung in Gregorian chant. She said that in the course of these religious services “the thought of the passion of Christ entered into me once and for all” (Attente de Dieu, 43)“ - bis hin zu dem Punkt, an dem sie wenig später erlebt: „Christ himself came down and took possession of me” (dito, zitiert nach Robert Chevanier).

Zweifellos hat sie, während es für ihre Familie und sie nötig wurde, als Juden Frankreich zu verlassen, weiter an der Frage des „wirklichen“ Lebens, das im Zentrum des Schmerzes die reine Schönheit findet, gearbeitet- auf eine Art und Weise, die vollkommen quer zur heutigen Ideologie der Selbstverwirklichung und Wellness- Kultur steht. Das Annehmen des vollkommen Aussichtslosen, des inneren Abgrunds, war für Simone Weil gerade der Schlüssel, um ins „reale Land“ zu gelangen, in dem sie "frei atmen" konnte: „“keys by which one enters into the pure land, the land where one can breathe freely, the land of the real..” Was nach reiner Mystik klingt, war - neben ihrem enormen Schreibpensum- der Hintergrund für ihre Arbeit in der Resistance, hauptsächlich in Zusammenarbeit mit Dominikanern aus Marseille. Es ging um Aufklärung und um falsche Pässe für Flüchtlinge.

Bei Simone Weil lag in der größten äußeren Aktivität das mystische Element gleichzeitig darin, in einer der dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte das Leiden, das „über die Welt verteilt“ ist, vollkommen anzunehmen; sie fühlte sich aufgerufen, selbst „eine große Portion dieser Gefahren und Leiden“ durch zu machen: „“The suffering spread over the surface of this world obsesses me (..) and I cannot restore them or free myself from this obsession unless I myself share a large portion of that danger and suffering” (Ecrits de Londres, 199; SL, 156).

Ihr Tod folgte 1943: „On April 15, 1943, a friend went to her home and found her stretched out on the floor unable to move. Sent to a hospital in London, then to a sanatorium in Ashford, Simone Weil died on August 24, 1943, eleven days after she was admitted there.


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Lit: Robert Chenavier, „Simone Weil, Attention to the Real“
Translated by Bernard E. Doering, University of Notre Dame Press Notre Dame, Indiana
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Von der lebendigen Stille - Jean Klein

Jean Klein- der schon 1998 verstorbene Advaita- Lehrer- war bislang nicht auf meiner Agenda. Ich bin auf diesen Autor und sein Buch „I am“ nur durch einen digitalen Verweis gestossen wie „Ihnen könnte auch gefallen..“. Ich bin auch noch nicht weit- das sind Bücher, bei denen ich Pausen brauche. Aber dass Grundfragen berührt werden, bemerkt man auch schon auf den ersten 25 Seiten- etwas wie „Wenn wir ganz allein mit uns sind, dann spüren wir diesen schrecklichen existentiellen Mangel in uns: „At certain moments, when alone, we feel a great lack deep within ourselves. This lack is the central one giving rise to all the others. The need to fill this lack, quench this thirst, urges us to think and act.“ - die gesamte Person ist möglicherweise um diesen „Mangel“ herum gebaut, die halbe Biografie geprägt? Ist das das Nadelöhr, durch das man schreiten muss? In welche Richtung deutet das Klein? Er vertraut ganz auf eine „lebendige Stille“, die man genau in dieser Katharsis erleben kann: „Only living stillness, stillness without someone trying to be still, is capable of undoing the conditioning our biological, emotional and psychological nature has undergone.“

Die lebendige Stille - innere Ruhe - setzt er gleich mit einem Zustand, in dem das Sich- Bemühen- darum aufgehört hat. In der Stillness ist keine duale Suchbewegung denkbar- sondern, nach Klein, eine souveräne, denkbar klare bewusste Instanz, die all diese inneren Knoten in sich bis in die Winkel schon gesehen hat. Damit liegen die inneren Prägungen offen zutage. Das Innerste wird vor diesem Auge nach Außen gekehrt. Das ist die Gegenseite jeder bewussten spirituellen Arbeit, notwendigerweise. Andererseits ist die geringste Teilhabe am nährenden Strom dieser Stillness auch ein Gewinn, der ja auch etwas ist, der an diesem Strom am Ort der Kraft und des reinen Glücks entspringt.

Den Anthroposophen wird es vielleicht stören, dass Klein an der Stelle - sagen wir, einer Erleuchtung, nicht die Begrifflichkeit eines Geistselbst und seiner Hüllen zur Verfügung hat, sondern mehr das erlebt, was er hinter sich gelassen hat: „There is no controller, no selector, no personality making choices. In choiceless living the situation is given the freedom to unfold.“ Das ist die Haltung aller Weisen.

Dem oben genannten Link folgend kommt man zu einer Art innerer Biografie Kleins, die sehr ausführlich und sehr ehrlich auch bei dem, was eben so schief läuft, zu Kleins Erleuchtung (nicht im Mindesten ironisch gemeint) führt: "Given that Advaita, as Dr. Klein teaches it, is the direct approach to reality, it cannot make use of any method or technique." Das ist vielleicht der Grund, warum er vielleicht nicht so berühmt wurde, wie er geworden wäre, hätte er nur beherzigt, dass man aus solchem Advaita keinen Markt machen kann. Wozu Advaita, wenn man in Menschen keine Sehnsucht wecken kann- wonach auch immer. Dieses Advaita ist, schlicht gesagt, ein kommerzielles Desaster. Wenn jeder hat, was er braucht, wozu sollte er dafür bezahlen?
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The Unborn - Meister Bankei, Rudolf Steiner und die Ungeborenheit

Bankei

Bestimmt habe ich schon mal über ihn berichtet, den Zen- Meister Bankei, der im 17. Jahrhundert lebte, vollständig aus der Zeit und auch aus den Traditionen des Zen fiel, aber eben deshalb zum Erneuerer und Impulsator des Zen wurde. Um es einfach auszudrücken, war Zen damals in Traditionen, Riten und Gewohnheiten erstickt. Dagegen setzte Bankei den Begriff der Ungeborenheit - ein Zustand unmittelbarer geistiger Selbsterfahrung- einfach indem alles, was „geboren“ - tradiert, angelernt, angemaßt, Denkgewohnheiten, Geschlecht, soziale Schicht, usw - ist, im meditativen Akt abgelegt wird. Bankei forderte also von den Zen- Mönchen (nicht unähnlich den zahlreichen diesbezüglichen Aufforderungen Georg Kühlewinds gegenüber seinen anthroposophischen Zuhörern) inneres, aktives Arbeiten statt sinnentleerter Rituale.

Der Vater Bankeis (mit 8 Geschwistern) war von seinem Amt als Ritter zurück getreten und war jetzt „a masterless samurai or ronin“. Der Junge Bankei fiel als besonders intelligent, aber auch als extrem unruhig, unfügsam und willensstark auf. In früher Jugend führte er Banden an, beruhigte sich aber, als er mit 11 endlich in eine Schule durfte. Fast erwartungsgemäß machte ihm das Schreiben - also das endlose kalligrafische Kopieren von Schriften- Schwierigkeiten. Um nicht jede Anekdote zu wiederholen: Der ganze Junge war eine Schwierigkeit. Er hat z.B. etwa in dem Alter eine Hand voll giftiger Spinnen geschluckt, um sich nach einem Streit umzubringen. Dazu schloss er sich in einem buddhistischen Schrein ein- lag Stunden vielleicht sterbend in einem Sarkophag. Seine Lehrer, die reine Repetitoren waren, nervte er mit endlosen Fragen nach dem Sinn ihrer Gebete: „the awakening of religious doubt in his consciousness“.

Bankei hat diese jugendlichen Jahre damit verbracht, jede Religion, jeden Kult und jede Tradition in seiner weiteren Umgebung „nach Gehalt“ zu erkunden. Er fand leider nichts und „wandered about like a stray mountain lamb, aimlessly and alone“. Endlich fand er in einem Zen- Kloster einen Lehrer - Umpo-, der ihm auf seine Fragen antwortete: „practice zazen“. Bankei wurde augenblicklich Mönch, und lernte drei Jahre bei Umpo. Mit 19 verließ er das Kloster und streifte durch das ganze Land. Es war offenbar ein tiefer Abstieg. Nach den Klöstern und dem Wandern folgte ein Leben als Nichtsesshafter und Bettler, unter Brücken schlafend- und dennoch ständig Zazen praktizierend. Die Zweifel blieben, auch als er mit 23 zu Umpo zurück kehrte. Es folgten Jahre des Hungerns, des Lebens in einer nackten Zelle, des ständigen Meditierens. Bankei wird davon schwer krank, stirbt beinah- und erlebt an der Schwelle des Todes das Einssein aller Dinge in der Ungeborenheit: „I realized what it was that had escaped me until now: All things are perfectly resolved in the Unborn“. Nach Jahren weiteren Studiums bei einem chinesischen Meister wird Bankei der Erbe und Nachfolger Umpos. Er, der zunächst stark umstritten in der Priesterschaft gewesen war, fand nun so viel Anerkennung, dass er eine eigene Schule innerhalb des Zen begründete. Bankei lehrte die nächsten 36 Jahre jeden, der vorbei kam und eine Frage stellte. Diese wunderbaren, geistreichen Gespräche zur Ungeborenheit gehören zum Weltkultur- Erbe. Wenigstens sind sie in einer englischen Übersetzung und mit einer detaillierten Einführung von Norman Waddell - auf die ich mich hier bezogen habe- versehen hier und da erhältlich*

Aber auch Rudolf Steiner hat sich zwar auch zur Ungeborenheit als besonderer Qualität geäußert, wusste aber offensichtlich nicht von Meister Bankei:

Man darf überhaupt nicht unterschätzen die Bedeutung, welche im Worte liegt. In dem Augenblicke, wo sich der Gedanke umprägt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht wird, wie in der Wortmeditation, in demselben Moment prägt sich das Wort ein in den Äther der Welt.

Der Gedanke prägt sich als solcher nicht in den Äther der Welt ein, sonst könnten wir niemals im reinen Denken freie Wesen werden. Wir sind ja in dem Augenblicke gebunden, wo sich etwas einprägt. Für die Initiations - Wissenschaft liegt ja heute einfach die Tatsache vor, dass im ganzen Erden- Äther dadurch, dass die zivilisierten Sprachen kein gangbares Wort für
Ungeborenheit haben, dieses für die Menschheit wichtige Ungeborensein überhaupt nicht dem Weltenäther eingeprägt wird.

Alles das aber, was an wichtigen Worten eingeprägt wird in den Welten- Äther vom Entstehen, von alldem was den Menschen betrifft in seiner Kindheit, in seiner Jugend, all das bedeutet einen furchtbaren Schrecken für die ahrimanischen Mächte. Unsterblichkeit im Welten- Äther eingeschrieben, das vertragen die ahrimanischen Mächte eigentlich sehr gut, denn Unsterblichkeit bedeutet, dass sie mit dem Menschen eine neue Schöpfung beginnen und mit dem Menschen hinauswandern wollen. Das irritiert die ahrimanischen Mächte nicht, wenn sie immer wieder den Äther durchsausen, um mit dem Menschen ihr Spiel zu treiben, wenn da so und so viel von den Kanzeln von Unsterblichkeit verkündet wird und in den Weltenäther eingeschrieben wird. Das tut den ahrimanischen Wesen sehr wohl.

Aber ein furchtbarer Schrecken für sie ist es, wenn sie das Wort «
Ungeborenheit» in den Weltenäther eingeschrieben finden. Da löscht für sie überhaupt das Licht aus, in dem sie sich bewegen, da verlieren sie die Richtung, da fühlen sie sich wie in einem Abgrund, wie im Bodenlosen.“ **



*„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“. San Francisco 1984
** Rudolf Steiner, GA 203, S. 275f
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Ron Hubbard (Scientology) in der Lehre der Schwarzmagier


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Ron Hubbard, der Begründer der Scientology- Bewegung, hatte zweifellos ein Leben, bevor er „Dianetics“ schrieb. Nicht das, was er beschrieb oder später als Autobiografie ausgab- denn schon früh war dem einfachen Jungen vom Land die Fantasie, ja das Fantastische bis hin zur völligen Erfindung ganzer fiktiver Welten vertraut. Als er 1934 erstmals in den New Yorker Club der Pulp- Autoren (Schundliteratur wie Western, Fantasy, Krimi, Groschenromane) aufgenommen wurde, beeindruckte er einen später ebenfalls berühmten Science- Fiction- Autoren, Robert Heinlein, mit seiner angeblichen Vergangenheit als Kriegsheld: „Heinlein tried to avoid asking Ron to walk down the street as Ron had said that both his feet had been broken when his last ship was bombed. ‘Ron had had a busy war – sunk four times and wounded again and again,’ Heinlein explained sympathetically.“* Daran war so gut wie nichts wahr - außer dass sich Hubbard gerade um eine staatliche Pension als Invalide bemühte- vergeblich.

Aber es ging Hubbard, der bereits eine Familie hatte und keinen Cent verdiente, ja um die Geheimnisse des Lebens. Hubbard sollte in den nächsten Jahren mit seiner überbordenden Fantasie zum erfolgreichen Pulp- Autor werden- einer, der bei seinen Aufschneidereien dennoch unzufrieden blieb, denn, wie er immer wieder äußerte, müsse man einen Kult gründen, um ans ganz große Geld heran zu kommen.

1939 legte Hubbard - vor allem Erfolg- eine Lehrstunde in Pasadena ein- bei Jack Parson, dem Vertreter Aleister Crowleys in Amerika. Crowley selbst war bei seinem Versuch, seinen Erfolg als enfant terrible in den USA fort zu setzen, gescheitert. Parson mietete sich in einer Vorstadtsiedlung an, um mittels ritueller schwarzmagischer Handlungen ein „Moonchild“ auf dem Altar zu zeugen. Da seine eigene Frau, Helen, Parson davon gelaufen war, bot sich die 18jährige Ausreißerin Betty an: „For Jack Parsons led an extraordinary double life: respected scientist by day, dedicated occultist by night. He believed, passionately, in the power of black magic, the existence of Satan, demons and evil spirits, and the efficacy of spells to deal with his enemies. (..) In 1939, Parsons and his young wife, Helen, joined the OTO, Ordo Templi Orientis, an international organization founded by Crowley to practise sexual magic.“

Die Anwesenden waren vor allem von dem glänzenden Hubbard angetan, der einen hervorragenden Stand bei den anwesenden Damen hatte: „He was very sharp and quick, a fascinating story-teller, and he could charm the shit out of anybody. He talked interminably about his war experiences and seemed to have been everywhere. (..) Then Hubbard comes along and starts having affairs with one girl after another in the house and finally fastens on to Betty. I couldn’t believe it was happening.“ Es scheint ein früher Probelauf für einen Kult gewesen zu sein. Auch bei dieser Gelegenheit schwärmte Hubbard, durch die Gründung einer Religion reich werden zu wollen: „Whenever he was talking about being hard up he often used to say that he thought the easiest way to make money would be to start a religion.“

Selbstverständlich stellte sich Hubbard als absoluter Fachmann in Sachen Sex- Magic und Okkultismus vor und wurde auch so akzeptiert: „Although he has no formal training in Magick, he has an extraordinary amount of experience and understanding in the field. From some of his experiences I deduced that he is in direct touch with some higher intelligence, possibly his Guardian Angel. He describes his Angel as a beautiful winged woman with red hair whom he calls the Empress and who has guided him through his life and saved him many times.“- so der naive Parson Die von Hubbard und Parson avisierte Zeugung des „Moonchilds“ - die rituelle Vorbereitung des Antichrists - sollte eine neue Ära im Okkultismus dieser Richtung eröffnen- so hoffte auch Crowley zunächst noch im fernen Europa: „Aleister Crowley professed ‘the great idea of magicians of all times’ was to bring into being an Anti-Christ, a ‘living being in form resembling man, and possessing those qualities of man which distinguish him from beasts, namely intellect and power of speech, but neither begotten in the manner of human generation, nor inhabited by a human soul’“.

Anfang 1946 startet das Projekt- zunächst mit Schwierigkeiten: „Another magician [Hubbard] who had been staying at the house and studying with me, was carrying a candle across the kitchen when he was struck strongly on the right shoulder, and the candle knocked out of his hand. He called me, and we observed a brownish yellow light about seven feet high in the kitchen. I brandished a magical sword and it disappeared. His right arm was paralyzed for the rest of the night.’“ Derlei Wunder - auch das Erscheinen einer Frau mit scharlachroten Haaren - geschahen in diesen Tagen, als Ron und Jack in die Wüste torkelten, um rituelle Texte zu empfangen und aufzuschreiben. Tagsüber eröffneten sie - mit Parsons Geld- ein Geschäft, um mit Jachten zu handeln und diese zu überführen. Parsons, Hubbard und ihre Priesterin Betty führten die „Handlungen“ über mehrere Tage durch. Im fernen Europa war Guru Crowley (heroin- süchtig und pleite) schon lange nicht mehr angetan und schrieb einige Tage später „‘It seems to me on the information of our brethren in California that Parsons has got an illumination in which he has lost all his personal independence. From our brother’s account he has given away both his girl and his money. Apparently it is the ordinary confidence trick.’“

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In der Tat. Der Trickster bei der ganzen Sache war Ron Hubbard. Hubbard war auf und davon, nicht nur mit dem Schiff und damit Parsons Vermögen, sondern auch mit dessen junger Freundin Betty (eigentlich Sara Northrup). Wenige Monate später heirateten Hubbard und Northrup. Das Ziel aber blieb für Ron Hubbard bestehen, trotz der folgenden großen Karriere als Pulp- Autor: „He was really quite a character. I always knew he was exceedingly anxious to hit big money – he used to say he thought the best way to do it would be to start a cult.

Das vorliegende Buch war das erste, das sich bereits 1987 erstmalig mit den Untiefen des Scientology- Gründers beschäftigt hat. In letzter Zeit sind aktuelle und entlarvende Bücher, Dokumentationen und TV- Berichte ("Going Clear - Scientology and the Prison of Belief") erschienen. Mir war es aber wichtig, die geschilderte Episode in dieser Perspektive festzuhalten. Die Darstellung der entsprechenden Crowley- Biografie** ist entscheidend knapper gehalten: „In August of 1945, L. Ron Hubbard appeared on the scene. He had not yet written on Scientology, for which he is best known; at this time he was known simply as a science fiction writer and naval lieutenant. Lafayette Ronald Hubbard (1911–1986) was born in Tilden, Nebraska, to a military family and moved around a lot as a child. He attended George Washington University but, more interested in contributing to the school newspaper and literary journals, he left after two years without taking a degree. During the 1930s he published several novels and dozens of short stories in pulp magazines like Astounding Science Fiction and Unknown Worlds, becoming well-known in the science fiction and fantasy communities.“ Dafür wird genau dargestellt, wie der düpierte Jack das fliehende Pärchen (sie wollten sich nach Südamerika absetzen) verfluchte und durch die Polizei in Florida festsetzen konnte. Es kam zu einem gerichtlichen Vergleich. Parson hätte es wissen müssen. Schließlich hatte er schon zu Beginn des Eklats resigniert an Aleister Crowley geschrieben: „About three months ago I met Ron … a writer and explorer of whom I had known for some time.… He is a gentleman; he has red hair, green eyes, is honest and intelligent, and we have become great friends. He moved in with me about two months ago, and although Betty and I are still friendly, she has transferred her sexual affections to Ron.“

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*Russell Miller: Bare-Faced Messiah: The True Story of L. Ron Hubbard
**Richard Kaczynski: Perdurabo, Revised and Expanded Edition: The Life of Aleister Crowley
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Where the heart beats- über John Cage

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Wer gern über Musik - moderne Musik-, Kunst, Kultur des 20. Jahrhunderts und insbesondere über den Komponisten John Cage informiert sein möchte, sollte vielleicht „Where the Heart Beats: John Cage, Zen Buddhism, and the Inner Life of Artists“ von Kay Larson lesen. Es handelt sich tatsächlich um eine minutiöse Biografie dieses Hyper- Musikers, der in der zweiten Hälfte seines Lebens zu seinem persönlichen Glück das meditative Leben entdeckte. Dieses gewann er im Rahmen des Zen - oder zumindest im Rahmen dessen, was er aus Zen, Buddhismus im weiteren Sinne, und der persönlichen Bekanntschaft mit D.T. Suzuki und anderen.

Auf diese innere Wandlung war Cage sicherlich vorbereitet. Sein schon früh geschriebenes, vollkommen lautloses Stück 4´33 ist, wie er kurz vor seinem Tod gestand, sein liebstes- da er täglich, ja dauernd mit ihm lebe und tief in diese Stille eindringen würde: „CAGE SAID THAT he regarded 4′33″—his “silent piece”—with utmost seriousness. For him it was a statement of essence. Three years before he died, he told an interviewer: “No day goes by without my making use of that piece in my life and in my work. I listen to it every day.…I don’t sit down to do it; I turn my attention toward it. I realize that it’s going on continuously. So, more and more, my attention, as now, is on it. More than anything else, it’s the source of my enjoyment of life.

Die Stille als Quelle der Lebensfreude - gepaart mit einem sehr kontaktfreudigen, in alle möglichen Künstler- und Schwulenszenen integrierten Komponisten. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Cage mit Freunden wie Allan Ginsberg herum gezogen war, dessen erleuchteter Zustand auf Cage gewirkt haben muss: „He felt “a sudden awakening into a totally deeper real universe” where an immense cosmic consciousness was at work. He saw it everywhere: in the gargoyles on the Harlem cornices, the workmen who made them, the sky that framed them. He walked into the Columbia University bookstore and saw in everyone’s faces that they knew they all had the consciousness—“it was like a great unconsciousness that was running between all of us that everybody was completely conscious….” Everyone was in the ridiculous position of denying it so they could sell books, wrap them in paper, and collect money. They were hiding this knowledge of the shining self from each other, Ginsberg felt, even though they “knew completely everything.” They were hiding it because of self-hatred and rejection—the twistedness born of the suffering self.“

Künstlerisch war mit den Wandlungen ebenfalls eine Neu- Fokussierung nötig, die vielen Künstlern begegnet: Die Zeit der Selbst- Zentrierheit ist vorbei. Das ganze bunte Allerlei kommt an ein Ende. Cage erlebte das so: „Cage’s deliberate turning away from self-expression begins here. The seed of a new idea was being watered by suffering.“ Ich denke, Cage´s Methoden - z.B. das I Ging als Zufallsgenerator für Musik zu nutzen- mögen nicht jedem Komponisten gefallen. Zu seiner Zeit, in dieser Szene war es sensationell.

Insgesamt: Eine Biografie für Liebhaber. Sehr detailliert, auch was den Werdegang einzelner kleiner Kompositionen betrifft, dass es für den normalen Leser langatmig wirkt. Man wird entschädigt durch entwaffnende Krisen wie diese: „Caught in the roar of his emotions, Cage was forced to confront a question totally new to him: What is the “self” that is being expressed? The self that hurts so badly it nearly kills you? The self that isn’t seen until it aches?“

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Out-of-body, Meditation und die Forschung des Mind-Life-Instituts


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In der Folge der seit 1987 durch den Dalai Lama voran getriebenen Forschungen des Mind and Life- Institutes in Dharmshala hat es einen dauernden Austausch zwischen buddhistischen Mönchen und Hirnforschern aus aller Welt gegeben- mit Hilfe der neueren bildgebenden Verfahren wurden auch hirnorganische Vorgänge während der Meditation sehr erfahrener Mönche sichtbar. Nebenbei hat der fortlaufende Dialog zwischen Wissenschaftlern und nun ausgerechnet den Vertretern buddhistischer und animistischer Methoden ursprünglich tibetisch- tantrischer Art - also einer sehr alten und traditionsbehafteten spirituellen Richtung- offenbar auch zu dem gewünschten Publicity- Erfolg geführt. Als Zeichen dafür sieht Evan Thompson in „Waking, Dreaming, Being: Self and Consciousness in Neuroscience, Meditation, and Philosophy“, wie schnell -innerhalb von zehn Jahren- sich ein neu geprägter Begriff wie „Mindfulness“ sich in allen gesellschaftlichen Institutionen des Westens durchgesetzt habe- das sei bei Meditationsthemen früher nicht denkbar gewesen: „While it may have taken more than a century for “meditation” to have acquired its current usage, it seems to have taken only ten or fifteen years for the word “mindfulness”“.

Im genannten Buch geht es einerseits um die Geschichte dieser Forschungsrichtung, weiter führend aber generell um die Zusammenhänge zwischen hirnorganisch feststellbaren Prozessen und Bewusstseinszuständen- nicht nur denen in tiefer Mediation, sondern auch beim Tod, im Schlaf, in Träumen- aber auch in „hellen“ Träumen, in denen man weiß, dass man träumt. Die meditierenden Mönche, die jahrelang durchs MRT gejagt wurden, sind durch den Dalai Lama persönlich ausgesucht worden. Sie waren in der Lage, mindestens vier Stunden am Stück im „reinen Licht“ zu verbringen- d.h. in tiefster Meditation, in der keine sensorischen Informationen mehr vermittelt werden. Einer dieser Ausgesuchten ist seit langem der eloquente Autor, Mönch und Forscher Matthieu Ricard, der zum engsten Umkreis des Dalai Lama gehört: „I’m sitting in the audience at the “Investigating the Mind” conference at MIT, listening to the Dalai Lama, neuroscientists, psychologists, and Buddhist scholars talk about mental imagery. Matthieu Ricard, a French Tibetan Buddhist monk, has been talking about the experience of pure awareness, the source from which mental images arise.“

In den Forschungen mit den erfahrenen Mönchen wurde eine Vergleichs- Versuchsgruppe aus lauter Novizen mit untersucht, die die spezifischen Hirnwellen nicht ausbildeten: „Eight long-term Tibetan Buddhist meditators, when they practiced a particular kind of meditation, generated striking EEG brain waves. The same kind of gamma frequency pattern that we’ve seen to be closely associated with reportable conscious experience occurred when the monks practiced their meditation, but didn’t occur in the novice meditators, who served as the experimental control subjects. Most striking, however, the gamma frequency pattern in the monks was especially strong and well organized. Specifically, the size of the gamma brain waves (the amplitudes of the oscillations) was greater than any others previously reported in healthy individuals, and the phases of these fast oscillations were precisely synchronized.

Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung sind bekannt; die in tiefer Meditation befindlichen Mönche zeigen typische „tiefe“ Hirnwellenmuster, die synthetisch wirken; d.h. lokale Hirnwellen lösen sich in dem überlagernden Muster auf. Erlebt wird dabei eine „reine Aufmerksamkeit“: „Pure awareness witnesses these changing states of waking, dreaming, and dreamless sleep without identifying with them or with the self that appears in them.“ Eine Methode dabei ist das Bestehen in einer reinen Aufmerksamkeit, die keine Objekte des Denkens duldet: „In open monitoring meditation—or “open awareness” meditation, as I prefer to call it—you cultivate an “objectless” awareness, which doesn’t focus on any explicit object but remains open and attentive to whatever arises in experience from moment to moment. One way to do this is to relax the focus on an explicit object in focused attention meditation and to emphasize instead the watchful awareness that notices thoughts and feelings as they arise from moment to moment. Eventually, you learn to let go of the object of attention and to rest simply in open awareness without any explicit attentional selection.“

Die einmal eingenommene Position der Meta- Aufmerksamkeit beachtet alles, was im mentalen Feld auftreten mag, lässt sich aber nicht davon fesseln: „Open awareness meditation trains awareness of awareness, or what psychologists call meta-awareness. In open awareness meditation, meta-awareness takes the form of witnessing thoughts, emotions, and sensations as they arise from moment to moment, and observing their qualities. This style of practice leads to an acute sensitivity to implicit aspects of experience, such as the degree of vividness in awareness from moment to moment or the way that transitory thoughts and feelings typically capture attention and provoke more thoughts and habitual emotional reactions. One learns to see how habits of identifying with sensations, thoughts, emotions, and memories—in other words, with specific contents of awareness—create the sense of self.

So sehr meditative Praxis und Erfahrungen sich mit der Forschungsarbeit verzahnen - z.B. dass inzwischen erfahrene Mönche ihr Erleben in tiefster Versenkung rückwirkend gliedern und strukturieren, um signifikante Hirnaktivitäten damit identifizieren zu können- so gibt es doch die offene Frage, ob alle Zustände des Bewusstseins immer mit hirnorganischen Aktivitäten gekoppelt sind. Wie ist es mit Erfahrungen außer- körperlicher Art (out-of-body)? Der Dalai Lama hat sich dazu zwiespältig geäußert- in dem Sinne, dass es Rückwirkungen auf das neurologische System gäbe. Nicht aber stimmt er der Ansicht des Autors zu, dass alle Erfahrungen stets hirnorganischen Ursprungs sind, d.h. dass eine eindeutige kausale Beziehung bestehe.

Dennoch sieht auch Thompson, dass meditative Praxis langfristig Hirnstrukturen nachhaltig verändert: „All these findings together suggest that meditation is a unique kind of mental skill and that long-term meditation practice can bring about long-lasting changes in the brain.“ Neu ist, dass man diese Veränderungen messen und "sehen" kann. Tatsächlich hat sich in der Gruppe der erfahrenen Meditierenden gezeigt, dass diese wenig oder gar keine Zeit benötigten, um sich in einen Zustand reiner innerer Hingabe („compassion“) zu versetzen- einem Zustand, der sich im schon Vorhandensein spezifischer Hirnwellen zeigt. Die stets vorhandene „Hyperstruktur“ wird in der eigentlichen Meditation lediglich vertieft und verlängert. Die „Fachleute“ für meditative Praxis haben faktisch das Aktivitätsschema des Hirns dauerhaft verändert: „So there seems to be some relation between meditative expertise—the ability to generate at will certain inner states of consciousness and sustain them over time—and large-scale patterns of gamma frequency activity in the brain.“

Der anhaltende Dialog zwischen Hirnforschung und Meditation hat ein erhebliches Potential. Das vorliegende Buch ist ein Teil davon. Es wäre vielleicht übersichtlicher und interessanter gewesen, wenn sich Thompson auf das meditative Feld beschränkt hätte. Stattdessen versucht er einen General- Überschlag über alle ihm bekannten Bewusstseins- Zustände - "lucid dreaming" besonders prominent - ohne aber auch nur die Grundwidersprüche wie "Erzeugen diverse Hirnströme Bewusstseinszustände oder umgekehrt?" lösen zu können.
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Sergej Prokofieffs Totenbuch

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Gewiss, in Sergej Prokofieffs „Das Erscheinen des Christus im Ätherischen“ bekommt man vordergründig konventionelle anthroposophische Kost gereicht. Es geht schließlich um die Christologie innerhalb der Anthroposophie, um den intimen Kernbereich, der untrennbar mit dem spezifischen Erkenntnisweg der Anthroposophie verbunden ist. Es wird, um es schlicht zu beschreiben, ein intellektueller Weg zur Erfahrung des auferstandenen, in allem Geschaffenenen der Natur präsenten Christus aufgezeigt- einerseits in den Aussagen und Perspektiven, aber auch bis in die konkreten Formulierungen hinein Rudolf Steiner folgend. Andererseits komponiert Prokofieff die Zitate und Aussagen unterschiedlich komplex und vielschichtig.

Diese Verdichtung findet ihren Höhepunkt in den ersten Kapiteln des Buches, die die „kosmische Dimension“ der ätherischen Wiederkunft und die damit beim Menschen einher gehenden Veränderungen und Impulse, aber auch das spezifisch anthroposophische Michaels- Mysterium darstellen. Danach verflachen die Darstellungen so weit, dass man- so scheint es mir- mit den Originalstellen genauso gut bedient wäre. Prokofieff referiert Steiner nicht nur- er beschränkt sich auf die Moderation von Zitat- Folgen. Für den ins ganze Thema vor- informierten Leser ist das nicht störend- er erhält die Gesamtsicht auf Steiners Christus- Vorstellung. Aber eben kaum je mit Einsichten oder Erklärungsversuchen Prokofieffs. Es geht ihm um das Totale der Darstellung, nicht primär um Wecken des Verständnisses beim Leser.

In der Mitte seiner Darstellung steht die mystische Verwandlung des ganzen Menschen, insbesondere was die „Ätherisation des Blutes“ betrifft. Demnach stellt das Herz eine Wandlungseinheit dar, durch die leibgebundene Kräfte ausfließen und im Gehirn zu Vorstellungen verarbeitet werden. Dadurch wird „im Kopf des Menschen das Denken überhaupt erst möglich“ (S.140). Die „noch lebendigen Gedanken“ steigen mit dem Strom auf und „ersterben im menschlichen Haupt, damit der Mensch in diesem toten Denken seine Freiheit innerlich ergreifen und ihrer gewahr werden kann“. Mit der geeigneten Willens- Schulung nach michaelisch- rosenkreuzerischem Konzept, die von oben (Denkschulung) nach unten (Herzdenken) wirkt und einer inneren Reinigung entspricht- auch einer Selbst- Konfrontation- wird auch der verborgene zweite Strom bemerkbar, der ebenfalls dem Blut entsteigt- diesmal aber als verjüngtes, imaginatives Strömendes, was der Verlebendigung durch den Auferstandenen entspringt. Dies kann zu einem - nach Steiner- „intellektuellem Hellsichtigwerden“ in voller Reife, Verantwortung und individueller Ausprägung führen. Die mystische Wandlung kann bis zur höchsten Begnadung gehen, die „in der intuitiven Verschmelzung des Menschen- Ich mit dem Christus- Ich“ gipfelt- „ohne von seiner eigenen Ich- Individualität nur das Geringste einbüßen zu müssen.“ (S. 117)

Die innere Reinigung durch das michaelische Wahrheitsprinzip erfordert, wie in jeder Schulung seit jeher bekannt, eine schonungslose Selbstkonfrontation - eine Begegnung mit den eigenen Schatten: „So kann man sagen: Michael führt heute den Geistesschüler zum Abgrund des Seins, wo er sich als absolutes Nichts vor dem völligen Nichts stehend erleben muss.“ Diese zentrale Anforderung, die in der Praxis doch die allergrößten Schwierigkeiten für den Einzelnen bedeuten muss, wird von Prokofieff wiederum mit Zitaten Steiners belegt, aber nicht wirklich erläutert. Das Michaels- Mysterium, das im Bestehen vor dem Nichts und nach dem Zerbrechen der Selbstbilder als Probe des Willens ausgelegt ist, ist zentral mit einem modernen „Erkenne dich selbst“ verbunden, begleitet von einem Aktivieren der Chakren von der Stirn über den Kehlkopfbereich bis zum Herzen und weiter. Nur so wird - nach Steiner- „das Leben des Christus (..) vom 20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen gefühlt werden als ein direktes persönliches Erlebnis“ (S. 106).

Natürlich wäre Prokofieff nicht er selbst, wenn er nicht in aller Breite gegen antichristliche Impulse anschreiben würde. Der Schwerpunkt bleibt aber - auch und gerade mit dem Schwerpunkt „Schamballa“- die Initiation im angebrochenen Michaelzeitalter- wenn „die Ideen des Menschen nicht nur „denkend“ bleiben, sondern im Denken „sehend“ werden..“ (S. 74) Es geht ja um nicht weniger als um die „Befreiung seines Herzens von den Drachenmächten durch den Michael- Impuls.“ (S. 36) Gerade die ersten Kapitel des Buches - die kosmische Dimension und Sophia behandelnd- erreichen eine solche Dichte und inhaltliche Weite, dass sie selbst als meditative Texte gelten dürfen. Da es zum nicht geringen Teil um Perspektiven menschlichen Lebens nach dem Tod und vor der Geburt geht, darf man Prokofieffs Buch als „Anthroposophisches Totenbuch“ analog zum klassischen „Tibetischen Totenbuch“ bezeichnen. Es ist eine Art Wegzehrung vor und nach den letzten Aufbrüchen. Es ist etwas, was man mitnimmt. Insofern sind gerade auch die Anfangskapitel etwas, was man mit Verstorbenen lesen kann. Insgesamt bedauerlich bei dem Buch bleibt, wie sehr es um "Insider- Literatur" geht- wie wenig schon im sprachlichen Auftreten mit der Gegenwart und dem zeitgenössischen Leser gerechnet wird. Prokofieff bleibt in den Sprachbildern Rudolf Steiners- tritt aus ihnen nicht heraus; und bleibt somit eine Vermittlung und Erläuterung schuldig, die über die Originaltexte hinaus gehen würde. An einigen Stellen verläuft sich Prokofieff regelrecht in Bildern (etwa von Isis, Sophia, usw) und verrätselt Steiner dadurch regelrecht. An anderen dagegen gelingt ihm eine meditative Verdichtung zumindest für den, der mit der Materie vertraut ist.

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Sergej O. Prokofieff, Das Erscheinen des Christus im Ätherischen. Geisteswissenschaftliche Aspekte der ätherischen Wiederkunft, Dornach 2010
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Zeit und Zeitlosigkeit

Die Ebene, die gemeint ist, erreicht man in jüngeren Jahren nur in Momenten- etwas, so leicht wie der Schlag von Schmetterlingsflügeln. Es ist die Ebene des Essentiellen, des Wortlosen, in der sich ein existentielles Wissen ausdrückt, auf der das Individuum sich als Ganzes fühlt, als heim gekommenes Wesen. Aber diese Momente der Berührung mit dieser Ebene geben die Richtung vor.

Dann gab es Situationen, in denen durch einen Schock oder eine angeschlagene Gesundheit unvermittelt ein Eintauchen gelang, durch die über die Gewissheit hinaus eine Art Vertrautheit erlangt wurde- jedes Mal in ganz anderen Umständen und mit anderen inneren Gestaltungen, aber doch eben dies: Das Eintauchen in die Zeitlosigkeit. Eine Spur davon reichte bis in die Kindheit- es gab eine Erinnerung: Manchmal, wenn das Kind nach einem Unfall oder einer Kinderkrankheit in der Rekonvaleszenz lag, gab es einen Augenblick der Leichte unter den Schmerzen und Kümmernissen; das Erleben der aufflammenden Heilkräfte, die am Organismus wirkten. Auch diese Kräfte entstammten der Ebene, die keine Zeit und keine Worte kennt- der Ebene, der das Tagesbewusstsein entrissen wird, aber die immer darunter liegt. Oben das zerstückelte Zeitbewusstsein, unten der Ozean der Dauer, die Ebene des Lebens.

Der Erwachsene ist in der Zeit verloren. Er hat vielleicht sogar die Erinnerung an seine eigenen Quellen verloren - ist gebannt in das punktuelle Hier und Dort, Dann und Dann. Es ist ein langer Weg, aus der Zerrissenheit heraus über gelegentliche Berührungen in ein im Tagesbewusstsein jederzeit präsentes tiefes Eintauchen zu gelangen. Dazu muss, bildlich gesprochen, ein ganzes wogendes Meer beruhigt werden- um durch die gespiegelte Oberfläche hindurch bis auf den Grund zu schauen. Im Grunde dieses Meeres zu verwurzeln bedeutet in der Zeitlosigkeit heimisch zu werden. „Dort“ verliert man jegliches Zeitgefühl- man weiß nicht, wie lange man verweilt. Und es ist immer doch nur ein Anfang.

Massimo Scaligero nannte dieses Erleben ein „Zugleich“, das sich als „Strömen des Seins“ darstellt: „Die Zeit ist gleicherweise die Zukunft, die uns entgegen kommt, und die Vergangenheit, die in uns ruht. Beide sind zu einer Gegenwart verschmolzen, die augenblickshaft auftaucht, dadurch aber in ihrer währenden Gegenwart unwahrnehmbar wird. Dies ist das Zugleich: identisches Sein, identisches Fliessen, gleichzeitiges Währen, das fortwährend verloren wird.“*

Dem Verlorengehen des Währenden entspringt unser helles Tagesbewusstsein, das uns Zeit- und Raumbewusstsein gibt. Wir müssen an die Quellen der Aktivität, den Grund des Meeres heran, um die Kontinuität des Seins zu realisieren.

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*Massimo Scaligero, Raum und Zeit, Ostfildern 1995, S. 39
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Die Reisen des Christian Rosenkreutz

Nun habe ich Jostein Saethers neues Buch über die Reisen des Christian Rosenkreutz durch die islamische Welt des 14. Jahrhunderts vorliegen. Hier, im Egoistenblog, ein Textausschnitt. Saether bezieht sich im Buch vorrangig auf die Fama Fraternitatis- eine der berühmten Rosenkreuzer- Schriften, in denen der beschriebene Reisende mit dem Kürzel C.R. auftritt. Auch Rudolf Steiner hat in einer Anmerkung bestätigt*, dass „Christian Rosenkreutz“ ein Kunst- Name sei- die damit beschriebene Person bleibe anonym, sei aber gleichwohl authentisch. Saether geht ebenfalls von der Authentizität dieser legendären Person aus- sein Anliegen ist es, im Buch dem Einfluss nach zu gehen, den die kulturellen Einflüsse dieser frühen, einzigartigen Orientreise um das Jahr 1400 auf das Denken von Rosenkreutz gehabt haben mögen.

saether
Rudolf Steiners Betrachtungen nach war CR ein besonders herausragender Repräsentant des esoterischen Christentums, ein Eingeweihter, der in dicht aufeinander folgenden Inkarnationen bis hin zu direkten politischen Interventionen (im Vorfeld der französischen Revolution) erheblichen Einfluss gehabt hatte und hat. Für Rudolf Steiner war der naturwissenschaftliche Ansatz der rosenkreuzerischen Schulung von erheblicher Bedeutung, da dieser seinem eigenen entsprach: „Und so stellte sich für die Rosenkreuzerei das Merkwürdige heraus, dass wie in einem Übergangsstadium diese Rosenkreuzer sich bekannt machten mit allem, was über die Natur in der Zeitepoche erforscht werden konnte. Das nahmen sie in sich auf, verarbeiteten es. Sie hatten wirklich dasjenige, was die anderen nur zur Wissenschaft machten, bis zur Weisheit getrieben. (..)
So dass in der Tat gerade von den Rosenkreuzern eingesehen wurde, dass dasjenige, was man zunächst in der modernen Erkenntnis erhält, erst gewissermaßen den Göttern entgegengetragen werden muss, damit sie es in ihre Sprache umsetzen und es den Menschen wiedergeben. Dass das sein kann, ist ja bis in die Gegenwart geblieben. Studieren Sie heute, indem Sie von dem hier gemeinten rosenkreuzerischen Initiationsprinzip berührt worden sind, den Haeckelismus mit all seinem Materialismus, lernen Sie alles dasjenige darüber, was man durch äußere Naturwissenschaft lernen kann, und tragen Sie das dann den Göttern entgegen, und sie bekommen dasjenige, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft» über die Evolution erzählt ist.“**

Dass ein solches naturwissenschaftliches Denken dem jungen Rosenkreutz in Form der Hochblüte islamischer Wissenschaft entgegen kam- ebenso wie die verbreitete Mystik des Orients- erscheint ganz selbstverständlich. Er ist, wie am Ende der Fama zu lesen ist, schon damals mit einer solchen Einstellung und solchen Interessen im Westen - erwähnt ist das christliche Spanien- auf Ignoranz und Ablehnung gestossen.

Saether bezieht aufgrund der dünnen Quellenlage - etwa was die adlige Herkunft Rosenkreutz´, seine kindliche Erziehung in einem Kloster eventuell am Rhein betrifft- einiges mit ein, was einer strengen historischen Betrachtung als etwas gewagt erscheinen muss. Er sammelt Hinweise und breitet ein mögliches Umfeld aus. Saether schildert ein religiöses, politisches, soziales und kulturelles Milieu. Dies unternimmt er quer durch die ganze Reise hindurch- wodurch ein stimmiges Bild des Umfeldes entsteht. Die Details- ob Rosenkreutz ein genuesisches oder anderes Handelsschiff zur Überfahrt benutzt haben mag- bleiben nachrangig. Umstürze, Kriege, Schlachten- das alles waren Szenarien, denen Rosenkreutz nicht selbst ausgesetzt war, die aber gleichwohl während seiner langen Reise im seinem Umkreis stattfanden und die er höchstwahrscheinlich wahrnahm. Saether führt die Details der historischen Umstände daher aus. So entstehen beim Leser Bilder der inneren Spannungen des osmanischen Reiches, das Rosenkreutz in dieser Zeit bereiste. Saether geht dabei bis dahin, die übliche Kleidung, die Mühsale der Seereisen, die Schiffskonstruktionen und das damals verfügbare Karten- Material zu betrachten. Bei der Betrachtung der Handelswege kommt er zu der Vermutung, dass Rosenkreutz bis in die Stadt Petra - die über Handelsposten der Templer verfügt hatte- gekommen ist, und quer durch den heutigen Jemen gereist sein muss. Die in der Fama genannten Orte wie „Damcar“ kann man nicht eindeutig zuordnen. Daher ist die Untersuchung und Verfolgung der damals üblichen Handelsrouten - etwa die Weihrauchstrasse nach Südarabien- stimmig. So bildet Saether den wahrscheinlichen Reiseweg von Rosenkreutz bis über Marokko nach Spanien nach- immer wieder auch unterlegt von Aussagen Rudolf Steiners. Auch der Sufismus und die Mystik des ganzen bereisten Raums sind ein Schwerpunkt- Thema.

Ob seine Betrachtungen zum so genannten Voynich- Manuskript, das er als Hinterlassenschaft von Rosenkreutz interpretiert, stichhaltig sind, kann ich nicht beurteilen. Auch die Frage, ob Rosenkreutz die nach ihm benannte Geheimgesellschaft im Verborgenen hielt, um dem wachsenden Druck der Inquisition zu entgehen, mag etwas spekulativ sein. Dennoch bieten Saethers umfassende Recherchen ein ungemein eindrückliches Stimmungsbild der von Rosenkreutz bereisten Gegenden und seiner Lebensumstände. Es ist ein lesenswertes Buch auch für die, die sich nicht im Speziellen für die Rosenkreuzer interessieren, sondern für eine Epoche in heftiger Bewegung und in zahlreichen Umbrüchen.

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Jostein Saether: Christian Rosenkreutz und die islamische Welt. 400 Jahre Fama Fraternitatis, Hamburg 2015

*R. Steiner, GA 55, S. 176
**R. Steiner, GA 233a. S. 87f
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Der Mann, der lächelte. Eine kleine Geschichte der Internet- Spionage

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Gehen wir mal ein ganzes Stück zurück - sagen wir bis ins Jahr 1989-, um zu verstehen, wo die Grundlagen liegen für heute aktuelle Problemfelder wie Total- Überwachung der Netze durch die NSA, Drohnenkriege, russische Desinformationstaktiken, chinesische Digital- Mauer gegen westliche Aufklärung, usw. Es liegt seit einigen Jahren ein aufschlussreiches Buch des Insiders Gordon Thomas vor - Gideon´s Spies: The Inside Story of Israel´s Legendary Secret Service - der darauf doch ein deutliches Licht werfen kann.

1989, als die Intifada und damit Israels Kampf gegen die PLO sich wieder einmal auf einem Höhepunkt befanden, erfolgte die Arbeit der Geheimdienste noch auf der Grundlage von klassischer Einschleusung von Agenten. Ein finanziell enttäuschter Programmierer, Earl Brian, hatte ein Telefon- und Computer- Überwachungs- Tool namens „Promis“ entwickelt, das er vermarkten wollte. US- Dienste hatten seine Idee zwar aufgegriffen - und, aber ohne ihn zu berücksichtigen, eigene Varianten entwickelt. Brian wandte sich enttäuscht an einen leitenden Führungsoffizier des Mossad, Rafi Eitan. Dieser erkannte intuitiv, dass ein solches Überwachungstool die gesamte Arbeit der Nachrichtendienste verändern würde. Konkret würde es dem Mossad bessere Möglichkeiten bieten, den Palästinenser- Führer Yassir Arafat zu überwachen: „No longer, for instance, would it be necessary to rely solely on human intelligence to understand the mind-set of a terrorist.“ Es würde eine „Brave New World“ entstehen, von der Israel profitieren konnte: „Rafi Eitan realized that Promis could then have an impact on the Intifada. For a start, the system could lock on to computers in the PLO’s seventeen offices scattered around the world to see where Arafat was going and what he could be planning. Rafi Eitan put aside his foraging for scrap metal and focused on how to exploit the brave new world Promis offered.

Ebenso wie in den USA entwickelte der Mossad aus dem ursprünglichen Tool angepasste Varianten - aus dem, was die amerikanischen Dienste daraus letztlich entwickelten, leitet sich heute die Arbeit des NSA ab. Die Bedeutung wuchs immer weiter- im Gleichschritt mit der Ausbreitung digitaler Kommunikation schlechthin. Schon 1989 übertraf das Tempo und die relative Ausbreitung der Überwachungstools alles, was Menschen - d.h. klassische Spionage- hätten leisten können, um ein Vielfaches: „Promis could be programmed to eliminate all superfluous lines of inquiry and amass and correlate data at a speed and scale beyond human capability.“ Es ging aber von Anfang an nicht nur um reine Überwachung, sondern auch um den Einbau von „Trapdoors“- verborgenen Aspekten der Programme, die zur Spionage im Hintergrund dienen konnten, wenn das Tool anderen Diensten zur Verfügung gestellt wurde oder ihnen in die Hände fiel: „Ben-Menashe later claimed he was asked to organize the insertion of a “trapdoor,” a built-in chip that, unknown to any purchaser, would allow Rafi Eitan to know what information was being sought.“ So weit war es aber noch nicht. Vorerst installierte der Mossad Promis im Nachbarland Jordanien und verknüpfte es mit ähnlichen Informationskanälen der französischen Dienste: „Jordan was selected as the site, not only because it bordered on Israel, but because it had become a haven for the leaders of the Intifada. From the desert kingdom, they directed the Arab street mobs on the West Bank and Gaza to launch further attacks inside Israel.“

Es zeigte sich bald, dass Promis auch dazu dienen konnte, bevorstehende Attentate in anderen Ländern - zunächst in Italien - zu verhindern. Aber auch die Überwachung von Arafat gelang trotz dessen geradezu paranoider Vorsicht hervorragend: „Yasser Arafat was selected as the ideal example. The PLO chairman was renowned for being security-conscious; he constantly changed his plans, never slept in the same bed two nights in succession, altered his mealtimes at the last moment. Whenever Arafat moved, the details were entered on a secure PLO computer. But Promis could hack into its defenses to discover what aliases and false passports he was using. Promis could obtain his phone bills and check the numbers called.

Der nächste folgerichtige Schritt war es, die mit der digitalen Trapdoor versehene Software weltweit zu streuen, um die Nachrichtendienste anderer Staaten auf komfortable Art - und ohne Einsatz menschlicher Agenten - zu unterwandern. Zugleich konnte Promis die Kooperation mit Diensten, die damals noch im Interesse Israels lagen, vertiefen. Zu den dunklen Kapiteln dieser Tätigkeit gehörte die damalige Unterstützung des wankenden Apartheid- Regimes Südafrikas. Man benötigte für die unauffällige Vermarktung von Promis einen scheinbar unabhängig, international agierenden Geschäftsmann, der kein Misstrauen erregte.

Dieser Verkäufer war der chronisch klamme Medien- Mogul Robert Maxwell - einer der großen, legendären Zeitungs- Verleger wie Rupert Murdoch und (in Deutschland) Kirch und Springer. Der aus der Ukraine stammende Maxwell, dessen Familie im Holocaust umgebracht worden war, benötigte 1988 Milliarden, um den britischen Verlag Macmillan zu übernehmen. Als langjähriger englischer Parlamentarier war sein Ruf trotz einer gewissen Exzentrizität hervorragend. Offenbar lieh der Mossad Maxwell erhebliche Summen. Im Gegenzug bot Maxwell das mit Trapdoors versehene Promis- Programm auf dem internationalen Markt an: „But there was no doubting Maxwell was a brilliant marketeer of Promis—or, as far as Mossad was concerned, of the effectiveness of the system.“

Nachdem nichts ahnende befreundete Dienste Promis bereits erworben hatten („By 1989, over $500 million worth of Promis programs had been sold to Britain, Australia, South Korea, and Canada.“), biss auch der KGB an. Die zerfallende Sowjetunion entwickelte sich trotz Gorbatschows Öffnung und Reformkurs auf schwer einschätzbare Art und Weise. Das sollte sich durch Promis ändern: „Shortly afterward Robert Maxwell flew to Moscow. Officially he was there to interview Mikhail Gorbachev. In reality he had come to sell Promis to the KGB. Through its secret trapdoor microchip, it gave Israel unique access to Soviet military intelligence, making Mossad one of the best-briefed services on Russian intentions.“

Leider zeigte sich im folgenden Jahr, dass Maxwells Imperium aufgrund weiterer Übernahmen finanziell schwankte. Maxwell hatte sich ganz offensichtlich übernommen. Statt seine Schulden zu begleichen, pochte er auf weitere Gelder aus Israel und griff illegal in die Pensionsfonds seiner zahlreichen Angestellten. 1991 war Maxwell - nicht zuletzt aufgrund seiner Launen - zum unkalkulierbaren Risiko geworden. Er wurde liquidiert: „Britain’s Business Age magazine subsequently claimed that a two-man hit team crossed in a dinghy during the night from a motor yacht that had shadowed the Lady Ghislaine. Boarding the yacht, they found Maxwell on the afterdeck. The men overpowered him before he could call for help. Then, “one assassin injected a bubble of air into Maxwell’s neck via his jugular vein. It took just a few moments for Maxwell to die.”

Robert Maxwell wurde durch Henning Mankell in Der Mann, der lächelte ein nicht unbedingt schmeichelhaftes Denkmal gesetzt.

Nach seinem Tod wechselte der Mossad teilweise seine politische Ausrichtung und unterstützte etwa in Südafrika von nun an den ANC Nelson Mandelas mit denselben Mitteln, mit denen er ihn bis dahin bekämpft hatte: „Mossad also increased its ties with Nelson Mandela’s security service, helping it to target white extremists, many of whom it had previously worked with.“ Auch die Verbindungen zur US- Administration waren in den Folgejahren nicht nur freundschaftlich. Nach der skandalösen Bloßstellung der engagierten CIA - Frontfrau Valerie Plame (der Skandal wurde 2010 in dem Spionage- Thriller Fair Game thematisiert) durch die graue US - Eminenz Karl Rove war es wahrscheinlich der Mossad, der die Winkelzüge der Bush- Administration mittels Überwachungs- Software auffliegen ließ: „The saga of how that happened would turn out to be a classic dirty tricks operation culminating in October 2005 with Lewis Libby, Vice President Dick Cheney’s chief of staff, being indicted on perjury charges and Karl Rove, the White House senior adviser to President Bush, facing investigation by a grand jury. Their role centered in the unmasking of a CIA field officer, Valerie Plame, the wife of a former U.S. ambassador to Niger, Joseph Wilson. It is a criminal offense in America to identify an active secret agent. Mossad’s role in the fiasco would remain untold until these pages.“

Bis heute sind die Überwachungstools wie Promis zum Universal- Werkzeug aller großen Nachrichtendienste geworden- es tobt inzwischen ein zurecht so bezeichneter Cyber- War. Insbesondere die chinesischen und russischen Desinformations- Kampagnen greifen massiv in den Datenverkehr ein- selektierend, unterminierend. Die jahrelange Flucht nicht zuletzt von Bin Laden hat mehr als deutlich gemacht, dass diese Arten von Überwachungstools an ihre Grenzen stossen. Zugleich hat die Verknüpfung mit Gesichtserkennungs- Software, Sozialen Netzwerken und Drohnen eine nie geahnte, nahezu totale Überwachung und eine neue Art der Kriegsführung möglich gemacht.
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Bildquelle: ARD/ Degeto Bildschirmfoto von oben verlinkter Website
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