Rudolf Steiner über Meditation _____________________________________________
in: Die Drei - Zeitschrift für Wissenschaft, Kunst und soziales Leben 12/1970
 


Meditation

Frage: Du strebst nach Selbsterkenntnis? Wird dein sogenanntes Selbst für das Ganze der Welt morgen mehr bedeuten als heute, wenn du es erkannt hast?
Erste Antwort: Nein, wenn du morgen nichts anderes bist als heute, und dein Erkennen von morgen nur dein Sein von heute wiederholt.
Zweite Antwort: ja, wenn du morgen ein anderer bist als heute, und dein neues Sein von morgen die Wirkung deines Erkennens von heute ist (1)

Was heißt meditieren?

In den letzten Jahrhunderten hat sich der Mensch so stark gewöhnt, nur die äußere Welt abzubilden, dass er gar nicht dazu kommt, sich innerlich bewusst zu werden, dass er ja auch selber Vorstellungen von innen heraus frei bilden kann. Solche Vorstellungen von innen heraus frei bilden, heißt meditieren. sich im Bewusstsein durchdringen mit Vorstellungen, die nicht von der äußeren Natur kommen, mit Vorstellungen, die aus dem Innern heraus- geholt werden, wobei man vorzugsweise aufmerksam ist auf diejenige Kraft, die diese Vorstellungen heraustreibt (2).

Die rechte Art des Meditierens

Erst arbeitet man sich zu einem Gedanken durch, den man einsehen kann mit den Mitteln, welche das gewöhnliche Leben und Erkennen an die Hand geben. Dann versenkt man sich wiederholt in diesen Gedanken, macht sich ganz eins mit ihm. Die Stärkung der Seele kommt durch das Leben mit einem solchen erkannten Gedanken (3).

Das Meditieren ist ein mittlerer Zustand

Wenn man innerlich erkraftet und erweckt die Seele, dass man seine Gedanken gleichsam hört und sieht, dann hat man das Meditieren. Das Meditieren ist ein mittlerer Zustand. Es ist weder Denken noch Wahrnehmen. Es ist ein Denken, das so lebendig in der Seele lebt wie das Wahrnehmen lebendig lebt, und es ist ein Wahrnehmen, das nicht Äußeres, sondern Gedanken in der Wahrnehmung hat (4).

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1 Rudolf Steiner, Luzifer Gnosis, Gesammelte Aufsätze, 1903-1908. Gesamtausgabe 34, Dornach 1960, Verlag der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung. Seite 33.
2 Rudolf Steiner, Anthxoposophie (1924). Gesamtausgabe 234, Dornach 1959, Verlag der Rudolf-Steiner-Nachlassvverwaltung. Seite 34.
3 Rudolf Steiner, Die Schwelle der geistigen Welt (1913). Gesamtausgabe 17, Dornach 1956, Verlag der Rudolf- Steiner-Nachlassver,waltung. Seite 13.
4 Rudolf Steiner, Die Geheimnisse der Schwelle (1913). Gesamtausgabe 147, Dornach 1960, Verlag der Rudolf- Steiner-Nachlassverwaltung. Seite 93 f.