
Über den Schulungsweg in der Gegenwart ___________________________________________
von Georg Kühlewind in: „Die Diener des Logos. Der Mensch als Wort und Gespräch".
Der heute Übende muss alle Verantwortung seines Weges auf sich nehmen; denn er kann sich als Denkenden bezeichnen, und das bedeutet, dass er seinen Weg, seine Methode selbst wählt; auch dann, wenn sie von einem persönlichen Lehrer oder von einem, der sich durch seine Schriften mitteilt, stammen; immer entscheidet er sich selbst für seinen Lehrer. Früher lag die Verantwortung für den Weg beim Lehrer; selbst das Schüler-Lehrer-Verhältnis wurde vorwiegend durch ihn bestimmt.
Dass heute der Schüler selbst die Verantwortung tragen muss, erfordert, dass der Weg, seine einzelnen Schritte für ihn im voraus durchschaubar und verständlich sein müssen, wenigstens so weit, dass er, bevor er den Weg betritt, die Auswirkung der einzelnen Schritte voraussehen kann. Für die früheren Zeiten war das eine unerfüllbare Forderung; denn sie bedingt, dass der Schüler ein weitgehend richtiges Bild von der geistigen, seelischen und körperlichen Struktur des Menschen hat und vor allem auch das Erkenntnisleben aus eigener Beobachtung kennt. Dafür sind aber die Fähigkeiten des heutigen Menschen notwendig und eine Zeit des Studiums, mit dem die angedeutete Erkenntnisaufgabe durch neue, intuitiv gebildete, qualitativ von den alltäglichen verschiedene Begriffe bewältigt wird.
Da der moderne Mensch im Gegensatz zum archaischen kein anderes helles Bewusstsein hat als das Denkbewusstsein, muss jede Übung mit dem denkenden Bewusstsein in Zusammenhang stehen. Das denkende Bewusstsein darf nicht umgangen werden, sonst wird die hellste Bewusstseinsfunktion des Menschen vernachlässigt und bleibt unverändert. Deshalb kann es für den modernen Menschen zunächst keine direkte Atemübung, kein denkerisch unverstandenes Mantram, keine Laut-Meditation geben, sondern erst nachdem durch die präliminare, einleitende Bewusstseinsentwicklung eine neue Empfindlichkeit, ein Bewusstseinslicht für sie erworben wurde.
Zunächst kann der Übende nichts anderes klar durchdenken als Begriffe der vom Menschen hergestellten Gebrauchsgegenstände.
Anhand der Bildung solcher Begriffe und Vorstellungen erlernt der Mensch das konzentrierte selbstlose Denken. Ist ihm das einigermaßen gelungen, so kann er beginnen Denkmeditationen zu üben, d. h. Sätze und Inhalte, die sich nicht auf die Welt der Sinneswahrnehmungen beziehen, wortlos zu denken. Der unmittelbar begreifbare Sinn der Meditationssätze ist für das Verstandesdenken als Ausgangspunkt fassbar; ihr eigentlicher Sinn ist unerschöpflich und nur der Meditationsgebärde zugänglich.
Das Wesen der „Versenkung" in den Meditationstext, oder das „Ruhen" auf ihm, kann annähernd als wortloses Denken beschrieben werden. Ein sinnvoller, neuen Sinn tragender Satz entsteht im Menschen auch erst ohne Worte, die Sinnbedeutung lebt unmittelbar vor der Verkörperung in Worten auf, dann wird sie in Worte gefasst, formuliert. In der Meditation wird angestrebt, den vorwortlichen, über-wortlichen Sinn intuitiv zu erfassen und im intuitiven Erleben zu bleiben, erfahrend zu erleben.
Nach der Erübung der Denkmeditation kann man Vorstellungs- und Bildmeditationen vornehmen, später dann Wahrnehmungsmeditationen an Naturgegenständen, deren Sinn für das Alltagsbewusstsein nicht denkbar ist. Für die Wahrnehmungsmeditationen muss der Übende die Gebärden der Denk- und Vorstellungsmeditation schon einigermaßen beherrschen.
Ziel der Bewusstseinsübungen ist es, das gespiegelte Alltagsbewusstsein zu überwinden und in der Sphäre des lebendigen Bewusstseinslichtes - im Leben - bewusst zu werden. Während man früher dieses Ziel durch Eliminierung des damals noch schwachen Alltagsdenkens verfolgte, geht es heute darum, das Alltagsdenken nach seinen Quellen zu orientieren und es zu ihnen hinzuführen. Dass diese Quellen heute im Wirkungsbereich des Alltagsdenkens liegen, ist das Ergebnis der vorangegangenen Entwicklungsstufen, was sich darin zeigt, dass der heutige Mensch über seine Bewusstseinserscheinungen zu denken und zu sprechen vermag. Die Möglichkeit zur Überwindung des Alltagsbewusstseins war einstmals dadurch gegeben, dass der Mensch andere Bewusstseinsfähigkeiten, z.B. das erkennende Fühlen, hatte, an das die Schulung anknüpfen konnte, auch wenn das Alltagsdenken abgedämpft worden war. Neben den direkteren Übungen zur Entwicklung eines höheren
Bewusstseins gab es zu allen Zeiten andere mit dem Ziel, Bewusstseinsgewohnheiten, Bewusstseinsmechanismen und Seelenformen« aufzulösen. Sie halfen dem Menschen, sonst unbedacht gewohnheitsmässig oder instinktiv ausgeübte Bewusstseins- und Lebensgebärden mit Bewusstheit auszuführen. Aus solcherart Übungen besteht z. B. der Achtgliedrige Pfad' des Buddha;* sie können inhaltlich fast unverändert, methodisch dem heutigen Menschen angepasst noch immer geübt werden: die richtige Rede, das richtige Urteil, die richtige Meinung usw.
Für den heutigen Schulungsweg ist also charakteristisch, dass die Übungen immer im Alltagsbewusstsein beginnen. Ihm ist begreiflich, was getan wird, und die Durchschaubarkeit geht in den Übungsschritten nie verloren. Das sichert die Kontinuität im Verlauf des Schulungsweges und damit auch die Kontinuität der Orientierung.