Nichts und niemand
Sophie Hungers wundersames Lied vom "Walzer für Niemand" geht mir nach:
"Niemand, siehst du's, ich wachse nicht mehr
Meine Hände sind Füße, Niemand, schau her
Bald bin ich nichts und das, was dann bleibt
Ist deine Wenigkeit
Niemand, was, was willst du?
Immer bist du hier
Niemand, was, was willst du?
Von mir?"
Wer und wo ist der Andere in uns, der kein Anderer ist, der nichts ist, aber nichtsdestotrotz existiert? Wie tief diese Frage in der christlichen Mystik verankert ist, zeigt ein Blick in das Werk von Simone Weil, etwa in "Schwerkraft und Gnade": "Ich soll es lieben, nichts zu sein. Wie schrecklich wäre es, wenn ich etwas wäre! Mein Nichts lieben; lieben, Nichts zu sein. Mit jenem Teil der Seele lieben, dessen Stätte jenseits des Vorhangs ist, denn der Teil der Seele, der dem Bewusstsein wahrnehmbar ist, kann das Nichts nicht lieben, es graut ihm davor. Wenn er es zu lieben glaubt, so ist das, was er liebt, etwas anderes als das Nichts." (S. 154)
Nichts und Niemand sind kein Ende, sondern der Anfang schlechthin. Das ist in meinen Augen die Quintessenz des Neuen Testaments, das so gesehen ein Buch der Einweihung ist: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Der "Reiche" in uns, der Offensichtliche, der, der "etwas" darstellt, gelangt nicht hindurch; Nichts und Niemand sehr wohl. Auch die Taufe im Jordan kann man in diesem Sinne als seelisch-geistiges Geschehnis verstehen. Johannes der Täufer, der so reich begabte, weiss sehr wohl, dass er "Niemand" tauft, und er weiss ebenso, dass dieser Niemand es ist, der ihm folgen wird.
Diese Taufe müssen wir an uns selbst vollziehen. Aber diese kann nicht statisch und dauerhaft sein, denn Niemand entzieht sich uns immer aufs neue. Alles, selbst eine "Gotterfahrung" oder die Sehnsucht danach, wird in unseren Händen allzu schnell wieder zu "etwas", zu einem Teil unserer Selbstidentifikation, und wir werden zum "Reichen". In diesem Sinne meint Simone Weil sicherlich zu recht: "Von zwei Menschen ohne Gotterfahrung ist der, welcher ihn leugnet, ihm vielleicht am nächsten." (Schwerkraft und Gnade, S. 156)
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