Amerika – Amerika
Regina Reinsperger


Im Folgenden will ich noch eine kleine Ergänzung zum vorigen Artikel über den Antiamerikanismus schreiben. Unter der Nummer 100 seiner Anmerkungen verweist Hans-Werner Schroeder auf einen Artikel von Hans Holzträger, in dem dieser die Gewaltmaßnahmen gegen Juden im Spiegel der ungarndeutschen Presse beschreibt. Dort findet sich ein Zitat aus der „Siebenbürgischen Deutschen Zeitung“, die in Bistritz erschien, das sehr schön exemplarisch zeigt, wie die Nationalsozialisten über die USA dachten. Ein „H.P.“ schreibt dort am 3.9.1943 über „Amerika“:

„Dann kam der jetzige Krieg. Die europäischen Völker hatten ihren Streit. Die Länder waren zu eng geworden, so dass die bisherige Wirtschaft zum Leben nicht genügte. Es bahnte sich die große Umwälzung an, die in der Zusammenarbeit aller ein glücklicheres Dasein versprach. Du mischtest Dich in den Streit. Du warst reich und hattest von allem, was das Leben lebenswert macht. Darum verstandest Du das darbende Europa nicht…Du schicktest Deine Bomber, die die Erzeugnisse der europäischen Kultur zerstören. Europa, die Mutter und den Sitz der höchsten Kultur, die Menschen jemals erschufen, willst Du im Namen der Zivilisation zerstören! Dieser wahnsinnige Widerspruch lässt sich nur aus der Mischung mit Neger- und Judenblut erklären. Besonders, wenn man in Betracht zieht, dass ohne Dein Eingreifen der Krieg schon längst aus wäre.
Sieh Amerika! Darum hassen wir Dich! Verflucht sollst Du sein, solange ein Tropfen Juden- oder Negerblut Deine Taten beeinflusst… Nie mehr soll einer Deiner verdammten Jobber den Fuß auf unseren heiligen Boden setzen. Verkommen sollst Du im kommunistischen Chaos, bis, ja bis Du Dich vollkommen gereinigt hast!
Das walte Gott! H.P.“

Wie man sehen kann, vertritt H.P. die These vom „Volk ohne Raum“ und behauptet, dass die amerikanischen Bomber, die deutsche Stellungen und Städte angegriffen haben, zerstören die „europäische Kultur“. Die USA sind erst am 8.12.1941 in den Krieg eingetreten. Bis dahin hatten die deutschen Luftwaffen-Bomber schon einiges an „europäischer Kultur“ zerstört: am 27. und 28. September 1939 hatten sie Warschau (Polen) bombardiert, im Mai 1940 Rotterdam (Niederlande) zerstört und am 14. November 1940 einen Angriff auf das Rolls Roys Werk in Coventry (England) geflogen und dabei als „Lateralschaden“ das mittelalterliche Coventry und die Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert völlig zerstört. Das nationalsozialistische Deutschland wird in obigem Artikel implizit mit Europa gleichgesetzt als „Mutter und Sitz der höchsten Kultur, die Menschen jemals erschufen“ und indirekt wird gesagt, die Amerikaner haben nur eine Zivilisation und keine Kultur.
Aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit bekommt die Aussage Friedrich Beneschs aus seinem Brief vom 4. Mai 1966 (Seite 278) nun einen ganz anderen Klang, wenn er dort schreibt: „Ich habe schon seit zwanzig Jahren diese Verhältnisse in Schweden beobachtet und gesehen, wie das schwedische Volk und der schwedische Staat gegenüber dieser Amerikanisierung des Bewusstseins überhaupt keine Widerstandskräfte haben. Ich habe vor dem Schloss in Stockholm die abgrundtiefe Trauerklage der schwedischen Volksseele vernommen, dass war im Jahr 1952, ich habe sie immer wieder gehört. Das ganze Verhältnis der den Staat repräsentierenden Menschen auf politischem, ökonomischem, medizinischem, pädagogischem und sozialem Gebiet ist amerikanisiert und die zarten, intimen Kräfte der Volksseele verkümmern von Jahr zu Jahr. Die anthroposophische Bewegung sieht das nicht….“

Hinzu kommt, dass nach dem 2. Weltkrieg besonders in Deutschland nach den abgeschotteten Jahren in der Nazi-Diktatur erst einmal Internationalität gefragt war und hier, wie auch im übrigen Europa, repräsentierten dies die USA. Von jugendbewegtem Wandern mit „Klampfe“ im Gepäck, Volkstänzen, Jahreslaufspielen, Sonnenwendfeuern und Texten im Lateinlehrbuch wie: “Dulce est pro patria mori“ (=es ist süß, fürs Vaterland zu sterben) und nicht zuletzt von getragenen, sentimentalen Volksliedern als Ausdruck der „Volksseele“ wollten die meisten Europäer erst mal nichts mehr wissen. Die Ideale Beneschs aus der Vorkriegszeit waren nun nicht mehr gefragt. Auch das muss man bei der Interpretation obiger Briefstelle berücksichtigen. Die Rückbesinnung auf regionale, kulturelle Eigenarten und ihre Pflege setzte dann wieder neu in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein, jetzt aber gerade in Kenntnis anderer Kulturen und ihrer Werte.