Klimatisch
Goldsonnengang auf den letzten, frisch gefallenen Blättern, noch nicht alle verblichen. Duftender pilziger Boden und ein weiter Blick über das hell erleuchtete Land. Goldsonnenland. Die Strahlen sind nicht ganz leicht zu identifizieren. Ich kenne die sich aufbäumende, milde Sonne des Herbstes, wenn die Luft nachts geschwängert wird vom Eisen der Meteore. Ich kenne die kalte, frei lassende Sonne des Winters, die sich ganz zurück genommen hat, ein schweigender Begleiter, der stumm zu den Fixsternen weist. Ich kenne die lockende Sonne des Frühjahrs, die den Boden bricht, die Knospen säugt und in den Pferden auf der Koppel den wilden Drang zur ausholenden Bewegung weckt.
Dieses Licht ist wie eine Mischung von all dem. Die Frühlingsblüher streben aus den Zwiebeln, Knospen schwellen, während das alte Jahr noch eine späte Blüte in den rot glühenden Blättern zeigt. Was ist das? Ist das die klimatische Veränderung oder wieder einmal nur einer dieser Spielräume, die sich der Jahreskreislauf gönnt? Unsere kurzen Lebensspannen können klimatische oder gar geologische und kosmologische Änderungen kaum fassen, höchstens berechnen und Theorien bilden. Ich habe keine Theorie. Ich stehe mitten im hellen, duftenden Wald und sehe ein Schild. Ich lese: Ich stehe gerade auf einer Öl-Pipeline, die direkt vom Rotterdamer Hafen quer durch Europa führt. Die alten Wälder, schwarz verflüssigt, geronnen zu öligem Schleim, werden hier unter mir gepumpt, um PKWs, Heizungen und Aluminiumwerke zu befeuern.
Dieses Licht ist wie eine Mischung von all dem. Die Frühlingsblüher streben aus den Zwiebeln, Knospen schwellen, während das alte Jahr noch eine späte Blüte in den rot glühenden Blättern zeigt. Was ist das? Ist das die klimatische Veränderung oder wieder einmal nur einer dieser Spielräume, die sich der Jahreskreislauf gönnt? Unsere kurzen Lebensspannen können klimatische oder gar geologische und kosmologische Änderungen kaum fassen, höchstens berechnen und Theorien bilden. Ich habe keine Theorie. Ich stehe mitten im hellen, duftenden Wald und sehe ein Schild. Ich lese: Ich stehe gerade auf einer Öl-Pipeline, die direkt vom Rotterdamer Hafen quer durch Europa führt. Die alten Wälder, schwarz verflüssigt, geronnen zu öligem Schleim, werden hier unter mir gepumpt, um PKWs, Heizungen und Aluminiumwerke zu befeuern.
Egoistische Kommentare
Natur als Konstrukt & Macht
Fri, Feb 11 2011 11:38
| Rudolf Steiner, Natur
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In seinen „Anthroposophischen Leitsätzen“ schreibt Rudolf Steiner: „Und in demselben Maße, in dem die Menschenseele das Mit- Erleben mit den göttlich- geistigen Wesenheiten verliert, taucht um sie herum das auf, was man heute „Natur“ nennt.“ (S. 157)
Natur ist demnach ein zeitgenössisches Konstrukt, das sich in dem Maß bildete, in dem eine ursprüngliche symbiotische Beziehung zum Natürlichen, Elementaren verloren ging. Erst der Zeitgenosse erlebt Natur „um sich herum“. Das Wahrnehmen der Natur ist ein modernes Bewusstseinsphänomen. Erst in der jüngeren Kunstgeschichte ist ja auch die reine Landschaftsmalerei entstanden - in Reinkultur vielleicht erst durch William Turner. Davor war der porträtierte Mensch stets in die natürliche Umgebung, die häufig in der Gestaltung allegorische Züge annahm, eingebettet; er war ein Teil von ihr und sie war ein Ausdruck von ihm.
In der Landschaftspflege kam in derselben Zeit, in der die Landschaftsmalerei entstand, die Anlage des Parks und Gartens auf. Heute steht die Renaturierung im Mittelpunkt der Interessen. Landschaft soll „natürlich“ wirken. Die ursprüngliche Flora und Fauna soll wieder hergestellt werden. Empfindliche Monokulturen sollen schon aus pragmatischen Gründen zurück gebaut werden. Dennoch soll die renaturierte Natur pflegeleicht und beherrschbar bleiben.
Dies allerdings bleibt ein frommer Wunsch. Die Natur greift ständig schmerzhaft in die menschlichen Belange ein- vor allem in Form von Erdbeben, Überschwemmungen, Hitzephasen, Erdrutschen und den viel diskutierten Folgen des „Klimawandels“. In dieselbe Schublade gehören auch Befürchtungen vor weltweiten Pandemien wie Schweine- oder Hühnergrippe.
So scheint es legitim, Rudolf Steiners Ansatz weiter zu denken: Nach einer symbiotisch empfundenen, ursprünglichen Kultur, in der in der Einigkeit mit dem Natürlichen auch das Göttliche wahrgenommen wurde, emanzipierte sich das menschliche Bewusstsein zunehmend aus dem als Natur Wahrgenommenen. Die kultivierte, aber auch extrem materiell ausgebeutete Natur wird heute zwar einerseits in eine gewisse Ursprünglichkeit zurück versetzt, zugleich aber auch als nicht beherrschbare, bedrohliche Gefahr wahrgenommen. Die atavistische Gefahr, die frühe animistische Kulturen in der Natur auch empfanden, kehrt so im modernen Gewand wieder zurück: Die Natur entzieht sich zwar nicht der Nutzung, bleibt aber auch unbeherrschbar. Ihre Macht ist wieder zurück gekehrt. Das Konstrukt Natur entzieht sich den Grenzen, die ihm der Mensch zuweisen wollte. Auch wenn die Götter verschwunden sind, die Macht ist es nicht.
Natur ist demnach ein zeitgenössisches Konstrukt, das sich in dem Maß bildete, in dem eine ursprüngliche symbiotische Beziehung zum Natürlichen, Elementaren verloren ging. Erst der Zeitgenosse erlebt Natur „um sich herum“. Das Wahrnehmen der Natur ist ein modernes Bewusstseinsphänomen. Erst in der jüngeren Kunstgeschichte ist ja auch die reine Landschaftsmalerei entstanden - in Reinkultur vielleicht erst durch William Turner. Davor war der porträtierte Mensch stets in die natürliche Umgebung, die häufig in der Gestaltung allegorische Züge annahm, eingebettet; er war ein Teil von ihr und sie war ein Ausdruck von ihm.
In der Landschaftspflege kam in derselben Zeit, in der die Landschaftsmalerei entstand, die Anlage des Parks und Gartens auf. Heute steht die Renaturierung im Mittelpunkt der Interessen. Landschaft soll „natürlich“ wirken. Die ursprüngliche Flora und Fauna soll wieder hergestellt werden. Empfindliche Monokulturen sollen schon aus pragmatischen Gründen zurück gebaut werden. Dennoch soll die renaturierte Natur pflegeleicht und beherrschbar bleiben.
Dies allerdings bleibt ein frommer Wunsch. Die Natur greift ständig schmerzhaft in die menschlichen Belange ein- vor allem in Form von Erdbeben, Überschwemmungen, Hitzephasen, Erdrutschen und den viel diskutierten Folgen des „Klimawandels“. In dieselbe Schublade gehören auch Befürchtungen vor weltweiten Pandemien wie Schweine- oder Hühnergrippe.
So scheint es legitim, Rudolf Steiners Ansatz weiter zu denken: Nach einer symbiotisch empfundenen, ursprünglichen Kultur, in der in der Einigkeit mit dem Natürlichen auch das Göttliche wahrgenommen wurde, emanzipierte sich das menschliche Bewusstsein zunehmend aus dem als Natur Wahrgenommenen. Die kultivierte, aber auch extrem materiell ausgebeutete Natur wird heute zwar einerseits in eine gewisse Ursprünglichkeit zurück versetzt, zugleich aber auch als nicht beherrschbare, bedrohliche Gefahr wahrgenommen. Die atavistische Gefahr, die frühe animistische Kulturen in der Natur auch empfanden, kehrt so im modernen Gewand wieder zurück: Die Natur entzieht sich zwar nicht der Nutzung, bleibt aber auch unbeherrschbar. Ihre Macht ist wieder zurück gekehrt. Das Konstrukt Natur entzieht sich den Grenzen, die ihm der Mensch zuweisen wollte. Auch wenn die Götter verschwunden sind, die Macht ist es nicht.
Ein Stück Leben
Ich habe oft gedacht, wenn ich im Sommer eine Blüte betrachtete: Das ist auch ein Stück Illusion, dies als diese Pflanze anzuschauen. Denn natürlich ist diese Pflanze ein zyklisches Wesen; es war Keimling, es wird Knospen entwickeln, es wird in die Nicht- Sichtbarkeit eingehen. Diese Pflanze ist mehr, als man zu sehen meint. Ihre Wachstumsschritte erfolgen in Spiralform, die Blätter entfalten sich in dem ihr eigenen Rhythmus. Diese Pflanze ist ein Wesen im Raum und in der Unräumlichkeit: Sie breitet sich in ihren Blättern weit ausholend aus, aber nach oben hin verjüngt sich deren Form, wird spitzer, schmaler, kleiner, bis sie sich im Blütenboden fast in einen Nullpunkt ihrer selbst entsagt. Diese Pflanze geht räumlich und zeitlich durch Präsenz und Vergehen. Und sie ist nicht allein. Bestäubt durch Wind oder Insekten, im Boden in einem wechselseitigen Stoffwechsel mit Pilzen, kann sie für sich allein nicht sein.
Wenn man ein Stück menschliches Leben in einem Zeitraffer wie diesem betrachtet, denkt man: Auch dies ein zyklisches Wesen, sich entwickelnd und ent- werdend zugleich. Räumlich und zeitlich sich entfaltend, einen Wimpernschlag lang, alternd und sich verjüngend, mit einer unsichtbaren Seite des Nicht- Seins und selbstverständlich niemals allein.
Wenn man ein Stück menschliches Leben in einem Zeitraffer wie diesem betrachtet, denkt man: Auch dies ein zyklisches Wesen, sich entwickelnd und ent- werdend zugleich. Räumlich und zeitlich sich entfaltend, einen Wimpernschlag lang, alternd und sich verjüngend, mit einer unsichtbaren Seite des Nicht- Seins und selbstverständlich niemals allein.