
Mit zu den Gerüchten um Saint-Germains Person hat auch beigetragen, dass man ihn niemals essen sah. Casanova machte daraus wieder ein Mysterium, wenn er schreibt, Saint-Germain habe ihm mitgeteilt, seine Nahrung sei "für keinen Menschen geeignet". Tatsächlich lebte Saint-Germain in strenger Diät, nahm nur eine kleine Mahlzeit am Tage ein und trank vorrangig von ihm selbst zusammengestellte Kräutertees, die er bei Gelegenheit Anderen wärmstens empfahl. Seine finanziellen Verhältnisse waren meist ausgezeichnet für die damaligen Verhältnisse, obwohl er sich niemals an seinen chemischen und alchemistischen Produkten bereichert hat, geschweige denn an angeblichen "Wundermitteln". Erst im hohen Alter begründete er in Venedig eine florierende Textilfabrik. Seine persönlichen Bedürfnisse wurden stets als ausgesprochen bescheiden geschildert.
Es gibt wenige Schriftstücke von ihm, die er hinterlassen hat, darunter das folgende:
"Den wachsamen Blick auf die Natur gerichtet,
erkannte ich Wesen und Ende der Einheit.
Ich sah im Erze das goldene Licht,
ich erfasste den Stoff und entdeckte den Keim".
Zugeschrieben wird ihm die Bemerkung: "Ich habe viele Namen, ich habe diese Welt besucht vor der atlantischen Katastrophe, die ihr die Sintflut nennt. Ich lehrte Salomo die Weisheit, diskutierte mit Sokrates und besuchte Pythagoras. Ich habe kein Alter". Saint-Germain verweist mit diesen Worten offensichtlich auf seine geistige Entität und seine spirituelle Kompetenz. Nur eine materialistische Verballhornung kann aus solchen Worten schließen, er habe gemeint, als Person Tausende von Jahren alt zu sein.
In der Bibliothek von Troyes (Nr.2400 des Bibliothekkataloges) findet sich ein Schriftstück, das ebenfalls Saint-Germain zugeschrieben werden kann: "Die Geschwindigkeit, mit der wir durch den Raum jagen, lässt sich mit nichts anderem als sich selber vergleichen. In einem Augenblick hatte ich die Sicht auf die unten liegenden Ebenen vollkommen verloren. Die Erde erschien mir nur noch wie eine verschwommene Wolke. Man hatte mich zu riesiger Höhe emporgehoben. Eine ganze Weile zog ich durch den Wolken dahin. Ich sah Himmelskörper um mich herum drehen und Erdkugeln zu meinen Füßen versinken".
Schüler und Gegner
Saint-Germains Intentionen waren, wie aus seinen Aktivitäten ersichtlich wird, vielfältig. Seine Bewunderer wie seine Feinde kamen aus zahlreichen Lagern. Peter Krassa zitiert aus einem Brief von Voltaire an Saint-Germain –den Krassa allerdings wiederum auf wirre und spekulative Art interpretiert – in dem aber doch deutlich wird, dass Saint-Germain auch für Voltaire ein ganz außerordentlicher spiritueller Lehrer gewesen sein muss: "Ich beantworte Ihren Brief, Monsieur, den Sie mir im April geschrieben haben, worin Sie schreckliche Geheimnisse offenbaren, einschließlich des schlimmsten aller Geheimnisse, das es für einen alten Mann, wie mich, geben kann – die Stunde des Todes. Danke, Germain, Ihre lange Reise durch die Zeit wird von meiner Freundschaft für Sie erhellt werden, bis zum Moment, wenn sich ihre Offenbarungen um die Mitte des 20. Jahrhunderts erfüllen werden. Die sprechenden Bilder sind ein Geschenk für die mir noch verbleibende Zeit, darüber hinaus könnte doch Euer wunderbares mechanisches Fluggerät Euch zu mir zurückführen. Adieu, mein Freund. Voltaire, Edelmann des Königs."
Innerhalb der Freimaurerschaft muss Saint-Germain aber nicht nur als großer und geachteter Lehrer gewirkt haben, sondern auch in dem Sinne, dass sich die "mitgliedstarken Geheimbünde" wie die Templer und die Freimaurergruppierungen vereinheitlichten und von nun an zusammenwirkten. Die "neuen Ideen", von denen Irene Tetzlaff spricht, die er einbrachte, bezogen sich wohl auch auf die Vorbereitung auf neue politische und staatliche Strukturen im Sinne einer Liberalisierung. Europa im Sinne einer liberalen Mitte zu einen und zu befrieden und moderne gesellschaftliche Strukturen vorzubereiten, was er mit seinem letzten französischen Engagement mit aller Kraft versuchte, scheiterte am Starrsinn des Königshofs. Dieser wurde in der zunehmend chaotisierten französischen Revolution in Stücke gesprengt.

Lobkowitz
Das Scheitern der französischen Revolution im blanken Terror bereitete aber den Boden für einen neuen reaktionären Usurpatoren, Napoleon. Peter Tradowsky schreibt dazu: "Das Wirken eines bedeutenden Menschen für eine größere Menschengruppe hängt nicht nur von diesem, sondern auch davon ab, was ihm aus dem Umkreis entgegengebracht wird. Besonders bei einer spirituellen Mission (...) ist das von entscheidender Bedeutung. (...) So hatte der Graf von Saint-Germain alles daran gesetzt, Ludwig XVI. Anregungen zu vermitteln, die die notwendige Umwandlung der sozialen Verhältnisse in gesunder Weise herbeiführen konnten. Dies Wirken des Grafen von Saint-Germain führte aber tragischerweise nicht zu einem geschichtswirksamen Einschlag. Die Französische Revolution mit ihren Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ließ diese tieferen Zukunftskräfte nur chaotisch zum Vorschein kommen. Unverstanden gewannen sie nicht die Kraft, gestaltend in die soziale Wirklichkeit einzugreifen. So trat schließlich konsequenterweise das Wirken Napoleons an die Stelle dieser Impulse"