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Der Doppelgänger

Von Thor Keller
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Überarbeitet und mit aufmunternden Zwischenüberschriften versehen durch M.E. Der Text ist irgendwann nach der Steinzeit in den „Mitteilungen“ erschienen.



Aufgabenstellung


Je mehr Angaben über den Doppelgänger der die Vorträge und Schriften Rudolf Steiners Studierende findet, desto widersprüchlicher und geheimnisvoller erscheinen sie ihm. So soll im folgenden versucht werden, die scheinbaren Widersprüche ein wenig aufzuhellen und sie in ein zusammenhängendes Ganzes einzuordnen.



Unverfälschte Wahrnehmung geistiger Prozesse


In dem Kapitel „Die Erkenntnis der höheren Welten“ der „Geheimwissenschaft“ beschreibt Rudolf Steiner, wie der Geistesschüler auf seinem Schulungswege nach dem Erlebnis der Trennung von Denken, Fühlen und Wollen unterscheiden lernen muss, was in der Geistesschau geistige Außenwelt und was Wirkungen des eigenen Selbstes auf die geistige Weit sind; denn sein Selbst, also Denken, Fühlen und Wollen verändern das geistig Wahrgenommene. Um die geistige Weit rein und unverfälscht wahrnehmen zu können, muss der Geistesschüler zu einer durchgreifenden, tiefen Selbsterkenntnis kommen; er muss sein Wesen, sein Ich mit allen Neigungen Leidenschaften, Unvollkommenheiten Gewohnheiten usw.  kennenlernen. Das alles, was sich so als ätherisch-astrale Eigenschaften an das Ich im Schicksalsgang geheftet hat, muss nun als erstes Bild vor die Menschenseele treten, wenn diese in die geistige Weit aufsteigt. Dieser Doppelgänger des Menschen muss, nach einem Gesetz der geistigen Welt, vor allem anderen als dessen erster Eindruck in jener Welt auftreten. Es ist dasselbe Erlebnis, das Rudolf Steiner in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ als die Begegnung mit dem kleinen Hüter der Schwelle beschreibt. Erst nach dieser Begegnung kann der Geistesschüler die durch das eigene Selbst hervorgerufene Veränderungen ausschalten und die geistige Welt unverändert wahrnehmen.



Bad Karma, boys


Kurz nach der Veröffentlichung von «Wie erlang( man Erkenntnisse der höheren Weiten?» in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» sprach Rudolf Steiner am 27. 9. 1905  und dann später am 26. 8. 1906  wiederum über den Doppelgänger. In beiden Vorträgen führte er aus, wie es geschehen könne, dass sich zur Zeit der Inkarnation eines Menschen der alte Astralleib noch nicht aufgelöst habe. Dieser schlüpfe dann mit in den neuen hinein, und es folge ein „schweres Schicksal, weil der Mensch den alten Astralleib mit durchs Leben schleppt! In bösen Träumen und Visionen könne er den Menschen quälen und peinigen. Er trete auch leicht aus dem Menschen heraus weil er nicht fest mit den anderen Wesensgliedern verbunden ist, und erscheint  dann als ein Doppelgänger."



Seelische Mitbewohner


Ein drittes Mal spricht Rudolf Steiner 1910- über den Doppelgänger in dem Zyklus „Die Geheimnisse der Schwelle“, den er anlässlich der Uraufführung des vierten Mysteriendramas gehalten hat. Er schildert da, wie jeder Mensch in seiner Seele Teile hat, die er nicht voll durchdringt d. h. nicht mit seinem Ich beherrscht. Es sind das insbesondere die selbstsüchtigen, emotionellen Bereiche der Seele, die sich sogar von der Seele loslösen und verselbständigen können, Diese Seelenteile könne Ahriman ergreifen und zu einer menschlichen Gestalt formen, einen Doppelgänger daraus bilden. Substantiell gesehen besteht diese Gestalt im Wesentlichen aus Teilen des ätherischen Leibes, der mit selbstsüchtigen Seelenelementen erfüllt ist. Dieser Doppelgänger ist es, dem Johannes Thomasius in den Mysteriendramen begegnet.



Ahriman ist auch da


In seinen letzten großen, wohl bekanntesten Ausführungen über den Doppelgänger vom 16. 11. 1917 in St. Gallen und auch im Dornacher Vortrag vom 18.11. 1917  zeigt Rudolf Steiner, wie in den physischen Leib jedes Menschen kurz vor der Geburt ein ahrimanisches Wesen hineinschlüpfe, das wesentlich gescheiter und intelligenter als der Mensch sei, und das einen sehr starken Willen besitze; es ist den elektrisch-magnetischen und den Naturkräften verwandt. Durch dieses Wesen wirken besonders die Kräfte, die durch Rassentypen und geographische Verschiedenheiten in den Menschen hineinwirken". Auch dieses Wesen bezeichnet Rudolf Steiner als einen Doppelgänger. Es kann in den Menschen einziehen, weil dieser mit seiner Seele den physischen Leib nicht ganz durchdringen kann. Vor dem Todesaugenblick müsse es den Menschen jedoch wieder verlassen. - Es ist sicher nicht Zufall, dass Rudolf Steiner erst dann von diesem ahrimanischen Doppelgänger spricht, nachdem er vorher die großen Vorträge Ober den «Sturz der Geister der Finsternis» auf Grund der Zeitenrhythmen 1841 - 1879 - 1917 gehalten hat.



Überblick verloren?


Aus dieser Zusammenstellung heraus wird ersichtlich, dass jedes der drei übersinnlichen Wesensglieder des Menschen einen Doppelgänger haben kann. Den Doppelgänger des Ich erlebt der Mensch auf dem Schulungswege nach dem Überschreiten der Schwelle und der Trennung von Denken, Fühlen und Wollen. Wird ein Mensch bald nach seinem Tode wiedergeboren, so kann er seinen alten, noch nicht aufgelösten Astralleib anziehen, der zu einem astralischen Doppelgänger wird.

Diesen beiden Doppelgängern des Ich und des Astralleibes stehen die beiden anderen gegenüber, die ihre Existenz Ahriman verdanken. So können besondere Schicksalswege und Seelenkonfigurationen dazu führen, dass Ahriman aus Teilen des Ätherleibes einen Doppelgänger formt. Schließlich lernten wir den vierten Doppelgänger kennen, der als ahrimanisches Wesen während des Erdenlebens den Menschen in diesem lebt und ihm völlig unbewusst bleibt.



Selbst geschaffene Doppelgänger


Diesen vier Doppelgängern werden sich in der Zukunft weitere hinzugesellen. Einen Doppelgänger kann sich der Mensch selber bilden, indem er bei der Betrachtung seines bisherigen Lebenslaufes die notwendigen Ereignisse von den scheinbar zufälligen genau unterscheidet. Auf diese Zufälligkeiten, auf das, was er in dieser Weise gar nicht gewollt hat, soll er sein besonderes Augenmerk richten und sich sagen: Das habe ich selbst gewollt. Lebt sich der Mensch in solche Lebenszufälligkeiten ein, so kann er fühlen, wie sich ein zweiter Mensch in ihm als Doppelgänger bildet, der ihn darauf hinweist, dass er selbst in einer vorigen Inkarnation die „Willenskräfte zu den scheinbaren Zufälligkeiten von heute" in sich gehabt habe. Es ist dies also ein durch die bewusste Tätigkeit des Ich hervorgebrachtes Wesen.

Diesen Doppelgänger können wir durchaus in einem Zusammenhang sehen mit dem oben als erstem beschriebenem, dem des Ich. Tritt dieser bei der okkulten Entwicklung als wahres Bild des Selbstes auf, so zeigt uns jener, die Verursachung jetziger "Zufälligkeiten" durch Taten eines früheren Erdenlebens. Die aber sind aus unserem Wesen mit all seinen Eigenheiten und Mängeln erflossen.



Bocksfuß ist da


In den Dornacher Vorträgen "Die Welt als Ergebnis von Gleichgewichtswirkungen" 1914 beschreibt Rudolf , dass durch das rein materialistische '“Verstandesdenken“ Teile des Ätherleib sich verdichten und austrocknen Das wird zur Folge haben, dass ein ahrimanisches Wesen in den vertrockneten Ätherleib einzieht und als Begleiter, wir möchten sagen, als Doppelgänger, darin lebt. Dieser Doppelgänger will die Menschen von ihrem Wege zur geistigen Welt, ja schon von den Gedanken an eine solche Weit abbringen. Dieses Wesen wird sich besonders im Kindesalter zeigen und „die Kinder zu beeinflussen suchen"; jeder Mensch wird später einen solchen Doppelgänger haben. Der bocksfüßige Mephisto- Ahriman der mittelalterlichen Darstellungen in Wort und Bild ist das Realbild dieser Entwicklungstendenz. - Das Einziehen dieses Wesens in den Ätherleib der Menschen hat dieselbe Ursache, die es schon jetzt einem ahrimanischen Wesen möglich macht, in den Menschen einzuziehen: der Mensch durchdringt mit seiner Seele nicht mehr voll die beiden Leiber, so dass ein Raum frei wird, in den sofort ahrimanische Wesen einziehen.

Besteht, so können wir fragen, eine Möglichkeit, dies Vertrocknen des Ätherleibes zu verhindern bzw. möglichst weit hinauszuschieben? Rudolf Steiner gibt zugleich mit der Darstellung des Sachverhaltes auch die Therapie. Je mehr der Mensch sich mit dem Spirituellen durchdringt, desto weniger wird sein Ätherleib austrocknen, ausdörren, desto weniger wird das ahrimanische Doppelgängerwesen in ihn einziehen können.

In den beiden Vorträgen vom 21. 8, 1924 in Torquai greift Rudolf Steiner dieses Thema von einer anderen Seite wieder auf. In «Das Initiatenbewusstsein» spricht er davon, wie während des Wachens unsere. viergliedrige Wesensart ganz unter der bedeutsamen Wirkung der Sonnenkräfte steht. Während des Schlafes jedoch beginnen Ich und Astralleib zu glimmen und zu leuchten und bestrahlen mit den aufgenommenen Sonnenkräften den physischen und ätherischen Leib und verhindern so deren Verdorren und Vertrocknen.

In dem zweiten Vortrag dieses Tages erweiterte Rudolf Steiner diese Mitteilung, indem er sie in kosmisch-geistesgeschichtliche, bedeutsamste Zusammenhänge hineinstellte: Michael, so führte er aus, leite immer während seiner Regentschaft die geistigen Sonnenkräfte in die menschliche Entwicklung hinein. "Damit hängt ja zusammen, dass der Mensch, wie Sie heute morgen in den allgemeinen Vorträgen hören konnten, während seines Tagwachens in seinen physischen und in seinen Ätherleib diese Sonnenkräfte hereinbekommt. Nun bedeutet die diesmalige Herrschaft Michaels die eben vor kurzem begonnen hat und drei bis vier Jahrhunderte dauern wird, dass endgültig in den physischen und Ätherleib des Menschen die kosmischen Sonnenkräfte übergehen." Welcher Natur aber sind diese kosmischen Sonnenkräfte ? Es sind die kosmischen Intelligenzkräfte selbst! Unsere moderne abstrakte Intellektualität stellt erst ein erstes Aufleuchten dieser Kräfte im menschlichen Bewusstsein dar. Gelingt es uns immer mehr, diesen Intellekt mit spirituellen Kräften zu durchsetzen, ihn durch Aufnahme und Verarbeiten der Geisteswissenschaft zu spiritualisieren dann bewahren wir nicht nur Michael entfallene kosmische Intelligenz vor dem Ergreifen durch Ahriman, sondern wir bewahren auch unseren Ätherleib vor dem Vertrocknen und Verdorren und damit vor dem Einziehen ahrimanischer Wesen in dieses Wesenglied. Fassen wir das Dargestellte zusammen:

Rudolf Steiner hat, soweit es dem Verfasser bekannt geworden ist, von sechs Doppelgängern gesprochen. Drei dieser Wesen werden auf Grund unserer mehr oder weniger vollkommenen Eigenschaften unseres Wesens aus den Übersinnlichen Wesensgliedern Ich, astralischem und ätherischen Leib gebildet. In den physischen Leib zieht schon jetzt ein ahrimanischer Doppelgänger ein, dem sich in der Zukunft ein gleiches Wesen im Ätherleib hinzugesellen wird. Schließlich kann der Mensch durch seinen Ich-Willen einen Doppelgänger formen, der ihm die Tatsache der Reinkarnation zum inneren Erleben und zur inneren Gewissheit werden lässt.

So können im Menschen Doppelgänger verschiedener Genese und verschiedener moralischer Qualität loben. Das Sich-Bewusstmachen solcher Tatsachen gehört zu den Forderungen nach möglichst umfassender Selbsterkenntnis des Menschen im Bewusstseinsseelenzeitalter.
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