Spirituelle Raubzüge oder organisches Wachstum


A.H. Almaas ist in vieler Hinsicht ein interessanter Mittler zwischen den geistigen Welten und Kulturen. Er beweist das - z.B. in „Essenz", Arbor Verlag 1997-, nicht nur durch den Einbezug islamischer, hinduistischer und buddhistischer Literatur, nicht nur durch die Einbettung in Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse, sondern auch durch eine profunde praktische Kenntnis meditativer Richtungen.

Sein zentraler Begriff der Essenz ist, nicht nur durch dieses Buch belegt, ein Hinweis auf eine menschliche Grunderfahrung, die zum Kernpunkt transzendenter Selbsterfahrung führen möchte. Die Realisierung dieser Entelechie- Erfahrung ist ein fortdauernder Prozess, der, wie er in einem öffentlichen Gespräch äußerte, möglicherweise nicht in einem einzelnen Leben abzuhandeln sein kann. In „Essenz" warnt er vor kurz gegriffenen Freisetzungen von Energien auf der Chakren- und Kundalini- Ebene, wie sie durch manche fernöstliche Methoden offenbar möglich sind, da dies eine „süchtig machende Qualität der Chakren-Dimension" (S. 42) hervor ruft, die sich für Leute eignen mag, die eben schlechthin „nach hohen Erregungsniveaus süchtig sind". Menschen, die den Kick suchen, übertragen diese Haltung auch auf spirituelle Suche, weil sie sich andere Erfahrungen nicht vorstellen können.
Diese Erleuchtungs- Erfahrungen - kaum vorstellbar ohne Anlehnung an einen abhängig machenden Guru - öffnen zwar die Tore des Herz- Chakras, wenn es gut geht, aber eben auf eine sensationelle Art, in der es „schön, bunt und faszinierend" zugeht. Der „Wächter" der Kundalini-Schlange wird gleichsam überwältigt, „überwunden und beseitigt", der Hüter der Schwelle ausgetrickst.

Aber das hat den Preis (neben den damit verbundenen inneren und äußeren Abhängigkeiten), dass der auf hohem energetischen Niveau voran Getriebene gebannt wird und bleibt von der Intensität der Erfahrungen „am Tor zum Universum":
"Das Tor ist zwar offen, aber das Tor ist nicht das essentielle Universum."

Der andere Weg sieht eine allmähliche Entwicklung fern von jeder treibenden Dynamik vor. Auch auf diesem Weg kann man, aber eher als Nebeneffekt, "in die tiefere und feinstofflichere Präsenz im Herzen" (S. 43) schauen. Die Chakra- Ebene ist aber nicht das Ziel, sondern ein Ergebnis zunehmender Reife. Fokussierung und kontrollierte, eigenständige Entwicklung führen zu einer allmählichen Enthüllung der existentiellen Essenz im Menschen, so dass „die Erfahrung des sich öffnenden Herzens Wirkung eines Kontaktes mit Essenz im Herzen ist."
Nur so kann man den "essentiellen Bereich in seiner Reinheit" erfahren, ohne die „verdünnende Gegenwart von Emotionen".
Nur auf diese Art erfährt man das Herz- Zentrum ohne „Erregung, Glanz und Drama“ in seiner wirklichen Natur, die zutiefst „mit der Erfahrung des Mitgefühls verbunden" (S. 44) ist. Man ist inmitten einer „sehr klaren, friedlichen und stillen Leere", jenseits gedanklicher oder emotionaler Inhalte. Dann kann inmitten der Leere die Gegenwart „einer sehr feinen und feinstofflichen Präsenz“ aufscheinen, verbunden mit der Qualität einer "liebevollen Güte". Hier lebt etwas, was verglichen werden kann mit einem „Gefühl von Wärme, Zartheit und jungfräulicher Frische", mit einem „Leuchten". Diese Art des Erwachens in der zurückhaltenden, gereiften Stille ist diametral verschieden von den mit hoher Frequenz erzeugten Erleuchtungs- Raubzügen, die Almaas als "Entladungsprozess“ bezeichnet, der letztlich illusionär bleibt und Wege eher verstellt als notwendige Reifung vermittelt.

Letztlich bleibt die Frage, ob man sich blenden lässt von herbei gerufenen illusionären und fragmentarischen Methoden, die allerdings sensationelle Effekte zeitigen.
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Derselbe Weg

derselbe

Das ist derselbe Weg, den ich immer ging, zwei Jahrzehnte lang, mit Hund und ohne Hund, mit dem einen und mit einem anderen.
Das ist der Weg hinter dem Haus an den Feldern und Pferdekoppeln, dem manchmal trocken gelaufenen Bach entlang, der von Weiden gesäumt wird. In den Pappeln an der Wegscheide nisten im Frühjahr die Bussarde; man hört die Rufe der Jungen aus großer Höhe und von weit her- schneidende, fordernde Töne.

Das ist derselbe Weg, nichts hat sich verändert. Ich habe ihn manchmal gemieden, weil er mir so monoton erschien. Manchmal störte mich der Matsch, manchmal die Öde der weiten Felder, manchmal die Zecken, die vielleicht an den Spitzen der hohen Gräser sitzen, manchmal zu viele Fliegen, manchmal das schlechte Wetter. Zu Zeiten war es mir zu schwül, in anderen Zeiten zog der Wind. Es war vor allem immer dasselbe, derselbe Anblick, dieselbe Landschaft.

Dann, von einem Tag auf den anderen, verschoben sich die Maßstäbe. Ich würde es nicht Übung nennen, es war, als hätte jemand diesen Schleier abgezogen, und die Gewohnheiten - die des Blicks, des Hörens und Empfindens - waren zerstoben. Derselbe Weg, aber ein Anderer, der ihn ging. Nun war der Weg jedes Mal ein neuer. Jeder Gang war das erste Mal. Es ist nur die Frage, wie man schaut. Wenn man nicht mehr den neuen Eindrücken hinterher läuft, wirkt das Land, das man kennt, wie frisch gewaschen. Der weite Blick wird zu einem Ausdruck dieses Augenblicks, in dem alles aufeinander bezogen ist. Er wird zu einem einmaligen, unvergleichlich schönen Präsent, das man unverdient empfängt. Man fühlt, indem man sich mit dem offenen Leib in diesen Anblick stellt, dass man selbst existentiell darauf bezogen und damit verbunden ist. Nicht ein einziges Mal wiederholt sich irgend etwas. Das Wunder, wenn der tiefgrüne Weizen die Spitzen der Grannen gebiert, als würden sie heraus gezogen. Die Spur der Mauersegler vor dem weiß getupften Blau. Der Geruch der Erde, wenn der Nieselregen sie durchfeuchtet. Der Anblick der weidenden Pferde auf der hohen Wiese, in der strotzender Löwenzahn weiße Tupfen setzt:

Nie mehr derselbe Weg.
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Mondknoten im Lebenslauf


Mit der in anthroposophischen Kreisen so beliebten "Biografiearbeit" hatte ich es nie so recht, sondern hielt es lieber mit Georg Kühlewind, der dem Sinne nach mal äußerte "Irgend eine Krise ist schließlich immer", und dabei wölfisch grinste. Das Ganze hatte auch für mich einen Beigeschmack der Mit-Sich-Selbstbeschäftigung, mit so einem Wellness-Touch. Man kann, wenn man nur gründlich gräbt, alles Mögliche finden und Bezüge ohne Ende herstellen, wenn man nur will.

Daher ging ich auch an dem Buch von Florian Roder, "Die Mondknoten im Lebenslauf", zunächst achtlos vorbei. Ja, das ist ein richtig anthroposophisches Buch, im klassischen Sinne. Da reiht sich manche "Menschenkundliche Betrachtung" (wortwörtlich) an die andere, da herrscht eine umfassende Bildung, da wird manches Zitat aus Gedichten aneinander gereiht, da findet sich ein eingestreutes Essay über Goethe in Marienbad. Denn die vier Mondknoten mit etwa 19, 37, 56 und 74 Jahren werden mit Biografien bekannter Persönlichkeiten wie Goethe, Harrer, von Kues, von Humboldt, Scholl, Handke, Hammarskjöld, Dante u.v.a.m. gegeneinander gehalten. Astronomische Hintergründe werden sorgfältig eingebunden, ebenso wie Mythologien aus allen möglichen Kulturkreisen.

Tatsächlich ergeben sich in den sorgfältig dargestellten Lebensläufen etwas wie Rhythmen und wiederkehrende Spuren, bei den Einen mehr im Verstärken eines inneren Impulses, bei den Anderen in einem "kathartischen Charakter der Knotenauslösungen". Bei den Einen kommen mit dem 19. Jahr idealistische Motive auf, die sich vertiefen, realisieren und schließlich ganz neu gegriffen - oder bis hin zu einer sich selbst aufopfernden Hingabe gesteigert werden. Krisenhaft kann auch das auftreten. Bei den Anderen - so auch bei Goethe- kulminieren in manchen Mondknoten schwere gesundheitliche Krisen oder biografische Einschnitte wie eine Amour fou. Man kann es auch so betrachten, dass die Ideale und Vorstellungen, die bis zum 19. Lebensjahr vermittelt wurden, am folgenden Knotenpunkt selbst ergriffen sein sollten- gewissermaßen biografisch belegt und belebt. Mancher- so etwa Rossini- hat zwischen dem 18. und dem 37. Lebensjahr auch seine eigentliche Schaffensperiode, ist unglaublich produktiv, und verliert in der Folge seine Ausdruckskraft oder verlagert sie. Offensichtlich herrschen bis zum zweiten Mondknoten nicht selten Kräfte, die wie mitgebracht erscheinen- naturhaft gegeben. In den folgenden Lebensabschnitten müssen sie neu gegriffen werden, das übersprudelnde kreative Potential erscheint erschöpft. So wird die Krise um das 37. Jahr nicht selten als etwas erlebt, bei dem man auf seine Umgebung plötzlich wie durch eine Glaswand schaut, manchmal wie betäubt, manchmal ängstlich, manchmal sinnentleert gegenüber Allem, dem man bislang nachgelaufen ist. Manchmal bricht eine schwere Krankheit aus. Rudolf Steiner sagte dazu: "Im fünfunddreissigsten Jahr beginnt der Mensch segensreich die Kräfte in sich zu verarbeiten. An seiner Seele arbeitet bis dahin an dem Zeitlichen dasjenige, was er mitgebracht hatte aus früheren Verkörperungen; für das Ewige fängt der Mensch nun an, nach innen zu arbeiten. Deshalb wird alles, was wir gelernt haben, erst vom fünfunddreissigsten Jahr an reif, etwas zu werden, um es der Welt zu geben. Es ist die Zeit, wo er in sich selbst fest wird, in sich selbst Gewicht erhält." (Steinerzitat in Roder, S. 67)
Gefordert ist der Tätigkeitsquell des Ich selbst, da das Tragende, was aus der Vergangenheit stammt, nun verglommen ist. Andersherum formuliert: "Indem wir 35 Jahre alt werden, kommen wir überhaupt in der Gegenwart erst an!" (Roder, S. 67)

Während im Vergangenen das Thema häufig im inner-familiären Kreis bleibt, in der Frage nach der Umwandlung mitgebrachter und erworbener Ideale und Vorstellungen, greift die Krise um das 56. Jahr manchmal universeller- und wirft die Frage auf, was am realisierten Leben wesentlich ist. Daher finden sich in dieser Zeit häufig jähe Karriereabbrüche und Infragestellungen dessen, welche Stellung man im Leben und in der Gesellschaft eingenommen hat. Natürlich können schwere gesundheitliche Krisen hinzu kommen. Es ist, als ob der scheinbar feste Boden einer in bestimmten Bahnen verlaufenen Biografie plötzlich aufgerissen wird, und man hat als Person dem Nichts gegenüber zu bestehen. Bei Peter Handke war es ab 1996 seine ostentative, tatsächlich problematische Hinwendung zu Serbien, die ihn in der Öffentlichkeit am Pranger stehen ließ. In direkter Folge gab er erworbene Auszeichnungen zurück und trat aus der Kirche aus. Den biografischen Umschwung hatte Handke bereits zuvor in einem Roman vorher gesehen und daran seine Philosophie der Langsamkeit entwickelt- eine spirituelle Qualität des kontemplativen Schauens, der allerdings seine haarsträubenden politischen Stellungnahmen in meinen Augen diametral entgegen stehen, ungebrochen bis heute.

Nur Wenigen gelingt es, mit dem vierten Mondknoten im 74. Jahr eine neue Schaffensperiode einzuläuten. Manchen - so Roder- wird an diesem Punkt die Maske endgültig abgerissen, die sie womöglich lebenslang getragen haben, Krankheit, Depression oder Verwirrung drohen. Bei Goethe waren es schwerste Herzbeschwerden, "Massen von Krankheitsstoff (..) seit dreitausend Jahren" (S. 133) fühlte er aus sich heraus quellen. In der Erholungsphase in Marienbad verliebte er sich in eine sehr junge Frau und läutete im Gefühlsaufruhr eine neue höchst kreative Phase ein, begründete in der und durch die Krise das Entstehen seines Alterswerks. Goethe selbst sprach von "wiederholten Pubertäten" (Gespräche mit Eckermann), die er durchgemacht habe. Auch so können die Mondknoten- Krisen gedeutet werden- Wachstumsprozesse mit entsprechenden Schmerzen sind sie auf jeden Fall- oder, wie Roder sie nennt, "Tore der Selbsterkenntnis".

Auf die weiteren mythische, kosmischen und spirituellen Betrachtungen im zweiten Teil des Buches möchte ich bei anderer Gelegenheit zurück kommen.
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Ingrid Haselberger: »Wir sind die Sklaven der Vergangenheit, aber die Herren der Zukunft«

1464 war Agostino di Duccio gescheitert. Und auch der Versuch Antonio Rosselinos zwölf Jahre später blieb vergeblich. 40 Jahre später hatte sogar der berühmte Leonardo da Vinci abgelehnt...
Ein anderer aber verliebte sich in den „verdorbenen“ Stein und nahm den Auftrag voll Freuden an: liebevoll setzte der erst 26-jährige Michelangelo sich mit dem riesigen Marmorblock auseinander – bis er seinen „David“ darin entdeckte und daraus „befreite“.

1999, zehn Tage vor der Première, brach Cecilia Bartoli sich den Fuß und wollte absagen. Doch Nikolaus Harnoncourt entgegnete: „Wo steht geschrieben, daß Donna Elvira sich nicht gerade den Fuß gebrochen haben kann?“ – und die mit Krücken agierende Elvira wurde zum „besten Regieeinfall“ und bejubelten „Kraftzentrum“ des Zürcher „Don Giovanni“.
Wohl in jedem Leben gibt es schicksalhafte Ereignisse, die auf den ersten Blick dunkel und unbegreiflich erscheinen und uns das Gefühl geben, ihnen ganz ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Oft erkennen wir erst in der Rückschau, wozu etwas „gut war“. Erst dann wird uns auch deutlich, wie wir selbst mitgewirkt haben an allem, was geschehen ist. Und wir begreifen, daß wir keineswegs so ohnmächtig sind, wie es uns zunächst schien.

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch.


So sagt Friedrich Hölderlin (zu Beginn seiner Dichtung „Patmos“). Ja: mit jedem „Schicksalsschlag“ erwachsen uns auch neue Kräfte.


zum ganzen Text...
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Rude Boy Guru Cohen vor Imagewechsel?

Ich bin freundlicherweise von einem kritischen Anhänger Cohens auf einen Artikel aufmerksam bei Whatenlightenment (einem ebenso kritischen Blog) gemacht worden - „From Rude Boy to Nice Guy?“. Man muss vorher bemerken, dass Viele, die sich in diesen kritischen Blogs äußern, auch in dem unten besprochenen Buch von Yenner („Ein amerikanischer Guru“) nicht nur erwähnt, sondern breit zitiert werden. Außerdem gibt es seit langem das Aussteigerbuch von van der Braak, das ich bereits vor fünf Jahren besprochen habe, vor allem, weil dort auch eine komplette Biografie von Andrew Cohen ausgebreitet wird.
Im genannten Blog Whatenligthenment wird bemerkt, dass eine Reihe von kritischen Artikeln - auch bei Wikipedia - Anfang dieses Jahres verschwunden bzw. aktiv entfernt worden sind. Es ist also zu vermuten, dass das überaus schlechte Image des Gurus in seinen Umgangsformen mit seinen Schülern überarbeitet werden soll: „So what is going on here, folks? Dare we infer that there is a slippery and concerted effort on the part of Cohen and his students to remake the "rude boy" guru’s online image?

Nun erwähnt schon Yenner in seinem Buch, dass von Cohens ursprünglich etwa 130 Schülern gerade einmal eine kleine Handvoll übrig geblieben sind. Zwar kommen immer wieder Andere nach - das Ausgrenzen im Internen scheint ja bei Cohen zur Methode zu gehören -, aber Yenner weiß, dass das zentrale Ashram Foxhollow über weite Teile des Jahres ziemlich verwaist ist, wenn nicht gerade Events statt finden. Cohen scheint finanziell allmählich die Luft auszugehen, was einem Image- Wandel einigen Schub geben mag: „Stas Mavrides’ recent article, I Love Him, I Hate Him, I Love Him Again suggested that Andrew did a pubic about-face on his critical, angry stance toward his former teacher, in part per his PR consultant’s advice that he needed to make some specific image changes in order to help his fundraising efforts. (There are indications that Cohen’s group is in difficult financial straits – In 2011 it officially ended publication of its magazine “EnlightenNext”, and listed its Foxhollow property for sale, selling off a portion of the estate to a development company.)“ Das Prinzip des permanenten Wandels und damit einer notwendigen ständigen Expansion scheint bei den autoritären frauenfeindlichen und aggressiven Umgangsformen Cohens zunehmend zum Problem zu werden.

Ein sanftes Auftreten würde es ermöglichen, die „integralen“ Kreise besser anzusprechen, um im Dialog mit unterschiedlichen spirituellen Richtungen - auch den Anthroposophen - die eigenen Interessen zu wahren: „These days Andrew speaks to large Integral audiences like the “Integral Spiritual Experience” convocation held in California earlier in January.“ Die Betreiber von Whatenlightenment warnen allerdings, dass auch ein scheinbar eher dialogisch orientierter Cohen nichts anderes als ein Wolf im Schafspelz sein mag: „ Given that, it would seem by removing earlier internet testaments from himself and fawning students it might help him forge his new image as a likable ‘Integral-friendly’ leader; an image that belies the character of an abrasive, even abusively autocratic guru, a man to whom his inner circle of students have surrendered control of their lives, yet secretly fear displeasing. And so we say, “Beware the wolf in sheep’s clothing!”“

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Die Nutzlosigkeit der Gegenwärtigkeit

Unter "Nutzlosigkeit" zitiert Kühlewind in unserem Meditationsbuch "Licht und Leere" (Verlag Freies Geistesleben) Zoketsu Norman Fisher:

"Zazen ist grundsätzlich eine nutzlose und witzlose Betätigung. Man widmet sich dem Zazen nicht, weil es irgendwie hilft oder friedvoll ist oder interessant, oder weil Buddha einem sagt, man solle es tun - wiewohl wir uns vorstellen mögen, es sei hilfreich, friedvoll oder interessant-, sondern einfach weil man sich ihm widmet. Du tust es eben, weil du es tust… Auch ist es keine Frage des Wollens oder Nicht- Wollens. Zazen geschieht um des Zazen willen. Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."

Das ist eine Haltung, die ich schon beim bloßen Lesen erholsam finde. Ich kann mir z.B. keine andere Haltung vorstellen, mit der man unbefangen, unangestrengt, durch die Natur gehen könnte, um auf sanfte Art und Weise den Dualismus im Wahrnehmen zu überwinden. Man kann sich ihr gar nicht anders annähern. "Konzentration" und "Fokussierung" müssen quasi in Fleisch und Blut übergegangen sein- durchsichtig geworden. Man konzentriert sich und fokussiert sich nicht mehr im Sinne eines Willensakts, sondern der Wille ist einfach da, ist bereit, ist ein Teil des schwingenden, unsichtbaren Leibes, der einen durchdringt. Irgendwann ist eine Spur des lichten Leibes stetig im Rücken da, schwingt mit, geht auf und zieht sich wieder zusammen. Man kann präzise sein, ohne sich dabei zu verkrampfen.
Natürlich ist das auch eine Denk- Kraft, jedoch in einem transzendierten Sinn: Der Lichtkörper ist auch der Willensleib, und man lebt darin. Nur so ist es möglich, das Gesamte der Erscheinung eines Augenblicks in der Natur mit zu leben, mit zu erleben. Nur so - aus meiner Perspektive- gelingt es gelegentlich, dass der Augenblick sprechend wird. Dann quellen aus den Erscheinungen heraus Empfindungen und Einsichten. Die Blüten, die Wolkenformen, der Wind tragen immanente Empfindungen an das innere Ohr. Das ist in der Tat sinnlos und witzlos, weil es einfach ein Mitgehen mit dem ist, was ist. Es ist voller Freude, das gewiss. Und es ist voller Hingabe, das auch.

Aber es ist meilenweit entfernt von dem, was z.B. die Erleuchtungssucher erwarten. Ich habe wirklich keine Ahnung, ob was und wann was "erleuchtet" sein mag, und es ist mir auch völlig egal. Das Wichtigste ist, real zu sein, präsent und wach. Es mag da Fortschritte oder ein Weiterkommen geben, aber der Gedanke daran würde den Willen korrumpieren und schon die Präsenz zerstören. Diese Erleuchtungs- Kategorien haben mehr etwas mit amerikanischen und asiatischen Werbestrategien zu tun als mit dem, was jetzt ist. Es ist für mich mehr das RTL- Programm als Realität.

Anders bei den wenigen Anthroposophen - etwa Mieke Mosmuller-, die offensichtlich tatsächlich Erfahrungen solcher Art macht, aber ihnen immer schwindelerregende Zuordnungsbegrifflichkeiten (Erzengel, Sophienerscheinung..) hinterher schiebt, die das Ganze anthroposophieren, glorifizieren, kontextualisieren, kategorisieren. Es schnappt dann bei ihr zu, wird reich an Begrifflichkeit und Großartigkeit, aber zugleich arm an Erfahrung, Konsequenz, Genauigkeit.

Ob Erleuchtungssucher oder Sich-Selbst-Heiligende, es schnappt fast immer die Falle zu, dass es gewaltig, wichtig, einzigartig sein muss. Verloren wird der Augenblick, die Präzision, die Tatsächlichkeit, die Unangestrengtheit. Deshalb noch einmal ein Loblied auf Fisher: "Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."
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Andrew Cohen & EnlightenNext- ein amerikanischer Guru

Bildschirmfoto 2012-04-29 um 19.01.43aus Cohen Website

Yes, ich lese gerade per Kindle- Lesegerät "American Guru: A Story of Love, Betrayal and Healing- former students of Andrew Cohen speak out" von William Yenner, der über weit über ein Jahrzehnt eine Art Manager für die EnlightenNext- Bewegung (so der heutige Name der Zeitschrift) war. Yenner ist auch nicht gerade freiwillig aus dem Bannkreis des auch in anthroposophischen Kreisen bekannten Gurus Cohen geworden. Er fiel vielmehr den regelmäßig stattfindenden Säuberungsaktionen innerhalb der Organisation zum Opfer, den immanenten und permanenten Ausgrenzungsmechanismen eines strikt autoritären Systems, an deren Spitze mit Cohen ein geld- und machtversessener, aber offensichtlich charismatischer Führer steht.

Die Methoden, deren sich Cohen in den internen Kreisen bedient, ist ein umfassender Spitzelapparat, dem sich Hunderte von aktiven Anhängern bereitwillig unterwerfen, um dann - angeblich um ihr "Ego" zu brechen- zunehmend gedemütigt, teilweise geschlagen und ihrer sämtlichen Ersparnisse (oder mehr) beraubt zu werden. "Beraubt" ist vielleicht der falsche Ausdruck- sie überschreiben das Geld, nehmen Kredite auf, um ihren auf sie scheinbar wütenden Guru zu besänftigen, der sich mit Kleingeld nicht zufrieden gibt, auch nicht mit buchstäblichen Unterwerfungen, Bädern in eiskaltem Wasser, stundenlangem Beten vor seinem Abbild. Die "Schuld", um die es sich handelt, ist meist sexueller Natur. Cohen kontrolliert alle (sexuellen) Beziehungen der ihm Hörigen und ahndet einen nicht von ihm genehmigten Kontakt (oder auch nur einen Akt der Masturbation)- eben alles, was die Spitzel ihm bereitwillig zutragen- so lange, bis es sie selbst erwischt. Es ist ein totalitäres System, das mit blumigen Implikationen und einem weltoffenen Erscheinungsbild verschleiert wird.

Das System funktioniert - nicht nur nach der Darstellung Yenners- aber stets so, dass nach Übertragung der teils erheblichen Geldbeträge (teils Millionen) die ausgegrenzte und gedemütigte Person durch anhaltende Isolation, Schläge oder anderes Brechen der Persönlichkeit zum Austritt veranlasst wird. Cohen hält seine Organisation dadurch lebendig, braucht aber auch ständig neue Märkte- eine quasi anhaltende Expansion, um immer wieder neue Geldquellen zu akquirieren.

Yenner liefert nicht nur einen Insiderbericht von der Spitze her (er hat das System selbst maßgeblich aufgebaut und organisiert), sondern reflektiert auch die totalitären Strukturen recht gründlich. Yenner hat alles für Cohen aufgegeben, selbst seine Ehe. Er trauert, wie man dem Buch anmerkt, bis heute um diese Beziehung zum verehrten Guru amerikanischen Zuschnitts, der allerdings nicht nur zynische, sondern auch unberechenbare, ja sadistische Züge zeigt und völlig korrumpiert zu sein scheint von der ihm zugewachsenen totalen Macht über Andere.

Das Grundprinzip von Cohens Apparat ist folgendes: "As strange as it sounds, my former teacher takes pride in (among other things) his ability to lie to and manipulate others. His community consists of concentric circles, each knowing only so much and not privy to what goes on in the ones above."

Yenner grübelt nach wie vor, was Cohen im Kern antreiben mag: Ist es "pleasure in deceit or lust for domination in himself? Is this the pathological template underlying Cohen’s pervasive demonization and abuse of those students who dare to disobey, contradict or leave him?"

Im Endeffekt sieht er in Cohen einen charismatischen Manipulator: "It is the shock of coming face to face with a monster that destroys because it can, that derives an experience of euphoria, arousal or pleasure from the recognition of what it can get away with, believing that no one will stand in its way."
Aber dämonisieren sollte man ihn nach Yenners Meinung nicht- Cohen selbst in seinem Machtwahn innerhalb seines Erleuchtungs- Zirkus zeigt eigentlich im Grunde infantile Züge: "..less as diabolical than as childish and at times even infantile."

"Karmische Schuld" bei kleinen Vergehen abzutragen, hat in Cohens System einen festen Wert, nämlich mindestens 20000 Dollar: "You actually even said to me and a few others at one time that when a ‘committed’ or a ‘senior’ student “blows it,” it’ll cost them $20,000 in karmic retribution." Nun gut. Eine möglicherweise teure Erfahrung, die einige Jahre des Lebens kosten mag und einen desillusioniert und mit Sicherheit ohne die versprochene Erleuchtung zurück lässt. Manche Aussteiger - vor allem die, die nicht gezahlt haben- werden in Cohens Auftrag auch verfolgt, um sie zu "überreden", zurück zu kehren. Wer diesen Preis für leere Versprechungen zu zahlen bereit ist, mag ja bei EnlightenNext eine Art esoterisches Abenteuer finden. Es ist natürlich ein abgenagter Knochen, den man eigentlich schon bei Osho ausreichend kennen lernen durfte. Aber offenbar braucht jede Generation ihre eigenen surrealen Gurus, egal wie soziopathisch sie daher kommen mögen. Anfänger - auch in anthroposophischen Kreisen- preisen die Härte und „Konsequenz“ in Cohens System. Das Ganze hat natürlich mit den freilassenden und menschenfreundlichen, ewig diskutierenden und streitenden Anthro- Kreisen gar nichts zu tun. Aber die Möhre, die in diesem Fall „Erleuchtung“ heißt, baumelt den Newbies vor der Nase und wirkt bezaubernd, egal wie hart sie Cohen oder seine Leute herannehmen, kritisieren und demütigen sollten. Dass die totale Kontrolle in den inneren Zirkeln letztlich überall hin führt, nur nicht zur Erleuchtung, wird aber meist erst nach dem kruden Erwachen bei systematischer Ausgrenzung und Ausbeutung deutlich.

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Den schwarzen Hund besuchen. Meditationen über den Doppelgänger

In der neu angelegten Kategorie „Moderne Mystik“ ein neues Textfragment über das rätselhafte Phänomen des Doppelgängers, mit einigen Zitaten von Rudolf Steiner.

doppelgaenger
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Zweiter Stock, sechster Stock

Das Mädchen war sieben Jahre alt, ein schönes kleines Wesen, gelegentlich offenherzig, von lebhaftem Temperament, gelegentlich verstockt, aber ich wusste nicht warum. Ich bekam bald heraus, dass sie kein Wort lesen oder schreiben konnte, bei schon offensichtlich hell wacher Intelligenz, und dass sie die Mitschüler mit Butterbroten bestach, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wir mussten mit der Phonem- Graphem- Zuordnung ganz von vorne beginnen, ja sie musste überhaupt lernen, zu lernen, ohne sich durch zu tricksen. Das tat sie auch, ein Jahr lang, aber es blieb eine Unruhe und Wut in ihr, die ich mir nicht erklären konnte. Sie blieb in einem wesentlichen Bereich stumm, so weit wusste ich Bescheid. Aber als ich dann tatsächlich auf verzweigten Umwegen an das Problem heran kam, stand sie im zweiten Stock im Fenster und wollte springen. Ich war ganz ruhig, wie meist, wenn es darauf ankommt und machte nicht zu viel Druck. Sie könnte es mir sagen, sagte ich, ich wäre für sie da, aber ich müsste vielleicht etwas unternehmen. Dann nahm sie, als ich langsam aufstand, meine Hand und kam vom Fensterbrett herunter. Wie sich heraus stellte, wurde sie von ihrer Mutter, an einen gut angesehenen Herrn vermietet worden und musste diesem bei abendlichen Gelagen und mittags nach der Schule zu Diensten sein. Die Kripo und das Jugendamt waren zwei Stunden später vor Ort und entfernten das Mädchen aus allen weiteren Zugriffen - es bestand, da sie nun einmal das verzweifelte Schweigen gebrochen hatte, akuter Handlungsbedarf. Man befürchtete Gewalt vonseiten des ehrenwerten Herrn, der letztlich im übrigen bei der ganzen Angelegenheit nicht einmal vor Gericht erscheinen musste, da er sich als Opfer einer Erpressung darstellen konnte.

Der Junge war in der Schule nicht mehr zu fördern, da seine Gewalttätigkeit bereits im ersten Schuljahr jedes Mass überstieg. Es war eine dumpfe, verzweifelte Gewalt ohne sichtbaren Anlass, er versuchte unterschiedslos durch schwere Schläge zu verletzen- ob Kinder oder Erwachsene. Er verweigerte damit offensichtlich jede schulische Förderung und jede Entfernung von zu Hause. Es hieß, der Vater sei im Gefängnis, die Geschwister im Heim und die Mutter meistens alkoholisiert. Als ich in dem Abbruch- Hochhaus, das mehr einer Ruine glich und dessen Aufzug man lieber nicht vertraute (er war innen ausgebrannt) im sechsten Stock zum Hausunterricht kam, flüchtete der Junge in ein Zimmer, hantierte am Fenster, hüpfte in den offenen Rahmen und sagte: Ich springe. Ich ging ruhig Schritt für Schritt zurück, in die Küche, zur Mutter, die am Tisch saß. Ich rief: Ich bin schon weg, bei deiner Mutter. Nach einer Zeit kam er aus dem Zimmer und setzte sich vor den Fernseher. An diesem Tag lernten wir sonst nichts mehr, am nächsten Tag eine halbe Stunde, dann ging wieder nichts, aber am vierten Tag lasen wir ein wenig zusammen. Er war etwas aufgeräumter, die Wut hatte sich verflüchtigt- diese Wut, die schon in diesem Alter auch selbstmörderisch war. Ich verstand, dass die Mutter niemals trank, sie erschien den Behörden nur so, weil sie schon fortgeschrittenen Parkinson hatte. Es war niemand für sie da- der Junge hatte sich vorgenommen, sie zu beschützen. Der Rest der Welt war für ihn zu einem diffusen Feindgebiet geworden.

Diese Geschichten kann man herauf und herunter erzählen, sie klingen immer bizarr in den Ohren derer, die davon nicht berührt werden. Aber dort, wo diese Geschichten entspringen, gibt es viele davon. Daran ändert auch ein ganzer Helferapparat nur marginal etwas. Es ist keinesfalls nur ein Apparat, es gibt viele Grenzgänger, die als Personen wach und engagiert tätig sind. Natürlich ist es nie genug. Es ist immer nur das, was man schaffen kann. Die Perspektiven der Grenzgänger, die an den gesellschaftlichen Abgründen zu tun haben, ändern sich. Man wird immer konkreter und vertritt keine allgemeinen, abstrakten Standpunkte mehr. Man macht, was zu tun ist, was man kann, man nutzt die Netzwerke, das Gespräch, man kämpft gegen administrative Grobschlächtigkeit und institutionelle Gleichgültigkeit an. Es ist nie genug, und am Ende verliert man die Personen aus den Augen. Man hat immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung. An den Kern des Problems heran zu kommen, erklärt die Wunden, die geschlagen wurden, aber heilt sie nicht. Das, was man anstösst und bewegt, trägt den Fall meist in andere - vielleicht fachkundigere- Hände und man bleibt zurück mit diesen Fragezeichen, die später, endlos lang, ein Leben lang, durch die Träume wabern. Die Perspektiven ändern sich, die Probleme nicht.
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Zwei & Zwei


Du bist sicher, ich bin es nicht. Ich habe keine Antworten, ja nicht einmal Fragen. Ich stehe auf dem Feld, mit dem weiten Blick übers Land und versuche Zwei und Zwei zusammen zu zählen. Die sich ballenden Wolken, das sich spreizende Licht, das Meer von Grün, die Halme des Weizens. Ich versuche den Augenblick zu kosten. Ich ziehe mit den Wolkenflocken über das Land, ich schmecke die aufgebrochene Erde. Gestern war das Licht noch lockend, umwühlend, saugend und ziehend. Heute drängt es ins Wässrige, staut und ballt. Als ich jung war, versuchte ich oft zu stehen, als wäre ich Teil des weiten Landes. Wenn man mit ihm verwächst, wird man unsichtbar darin; die Tiere nehmen einen nicht mehr wahr. Die Spur des Vogelflugs schreibt unversehens ein Gedicht. Das weite Land beginnt sich in dir zu denken.

Wenn man unsichtbar wird, beginnen die Dinge zu sprechen. Am späten März-Abend legte sich die Sichel des wachsenden Mondes noch unter die Frühlingsplaneten- die Stimmung von Empfängnis und Erwartung. Nun hat sich die Hoffnung erfüllt, das weite Land ist ganz befruchtet und gedeiht. Die Knospen sind gebrochen und befreit. An den Kastanien stehen die jungen Blätter wie tausend ungelenke kleine Störche im noch scharfen Wind aus Norden. Ein wenig Salz hängt in der Luft, die Nordsee ist nicht weit.

Ich bin nicht sicher, denn die Windstösse treiben mich um. Ich wiege mit den jungen Halmen, ich ziehe mit den Wolken und sie ziehen durch mich durch. Das Feld steht in mir und zählt Zwei und Zwei in mir zusammen.
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Einige gesammelte Aufsätze von Peter Staudenmaier

Die anthroposophische Nachrichtenagentur NNA berichtet aktuell über Peter Staudenmaier:

„Staudenmaier ist Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University (Milwaukee, Wisconsin). Für seine Forschung zum Thema hat er in größerem Umfang Dokumente u. a. aus dem Bundesarchiv in Berlin ausgewertet. Die Forschung, eine Dissertation, wurde mit Unterstützung der Cornell University, Ithaka (NY) durchgeführt. Die Kurzfassung wurde bei einem Workshops des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der Universität Dresden vorgestellt.

Grundsätzlich geht der US-Historiker von einer „ideengeschichtlichen Nähe“ von anthroposophischen und völkischem Gedankenguts aus. Die Verknüpfung liegt für ihn vor allem im Begriff des deutschen Wesens und Geistes und der damit verbundenen Weltmission. Staudenmaier sieht im Werk Rudolf Steiners auch eine „Rassenlehre“ als „tragende Säule“ sowie ein ambivalentes Verhältnis zur Demokratie und eine Abneigung gegen Liberalismus und Sozialismus. Dieses rechtslastige Erbe der anthroposophischen Bewegung habe aber auch in Spannung zu anderen, entgegengesetzten Elementen gestanden. In seiner Dissertation spricht Staudenmaier von einem “left-right crossover that has marked anthroposophical politics from the beginning”.

Staudenmaier betrachtet seine Forschung als Korrektiv zur 1999 erschienenen Arbeit von Uwe Werner „Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, die aus seiner Sicht Abgrenzung und Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung zum NS-Regime und seinen ideologischen Grundlagen zu sehr in den Vordergrund stellt. Demgegenüber legt er den Schwerpunkt auf die Verbindungen der Anthroposophie zu völkischem und rassistischem Denken und seinen Repräsentanten vor und während der NS-Zeit.“

Im Zuge der Umbauarbeiten bei den Egoisten sind die meisten der bislang hier erschienenen Aufsätze und Statements Staudenmaiers auf einer neuen Seite gesammelt worden. Es werden sicherlich bei der Sichtung des alten Blogs noch einige hinzukommen. Die Inhalte der bislang verfügbaren kritischen Statements sind:

„Anthroposophists and antisemitism in Fascist Italy“, „Waldorf and the "national community““, „Nazism as opportunity for Waldorf“, „Biologisch- dynamische Landwirtschaft in Konzentrationslagern“, „Waldorfschulen in Nazi-Deutschland“, „Waldorf enthusiasm for Nazism“, „Frankfurt Memorandum“, „Anschlag auf Rudolf Steiner?
Steiners disrupted lecture in Munich, May 1922“ und „Über Massimo Scaligero“.
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Netzkinder & Krise der Identität

Ich gehe noch einmal gern auf Piotr Czerskis Internet- und Generationenpamphlet "Wir, die Netzkinder" ein, weil ich es für so grundlegend halte. Es ist ein Pamphlet der jungen Leute, die die Welt, die sie vorfinden, als solche vorfinden, die digital vernetzt ist: "Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit."

Es fällt den Nicht-Piraten, den „Analogen“ und Älteren schwer, allein in der Digitalisierung und Vernetzung einen politischen, weltanschaulichen oder gar emanzipatorischen Ansatz zu erkennen. Für Czerski besteht er sehr wohl:
"In uns steckt nichts mehr von jener aus Scheu geborenen Überzeugung unserer Eltern, dass Amtsdinge von überaus großer Bedeutung und die mit dem Staat zu regelnden Angelegenheiten heilig sind. Diesen Respekt, verwurzelt in der Distanz zwischen dem einsamen Bürger und den majestätischen Höhen, in denen die herrschende Klasse residiert, kaum sichtbar da oben in den Wolken, den haben wir nicht. Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird."

Natürlich ist das ein Ideal. In unseren sozialen Systemen, im heutigen systemischen Denken überhaupt finden sich ähnliche Ansätze: Aus "Überprüfungen" innerhalb sozialer Systeme sind "Evaluationen" geworden. Der Gedanke, dass ein systemisches Konstrukt sich selbst fortentwickelt, sowohl zum Wohl der zu Betreuenden wie auch der Mitwirkenden, hat sich längst im Gesundheitssystem, in schulischen und anderen sozialen Verbänden durchgesetzt und wird praktiziert. "Fehler" sind nicht mehr etwas zu Ahndendes, sondern eher ein willkommener Ansatz zur Neujustierung von Zielen und Vereinbarungen. Zumindest wird - auch in Teilen der Wirtschaft - zu großen Teilen so gehandelt; der soziale Netzwerkgedanke setzt sich durch. Die individuelle Kompetenz verrutscht mehr in die Richtung, gut sozial vernetzt zu sein und konstruktiv systemisch zu denken und zu handeln.

Auch das individuelle Scheitern wird einerseits nicht mehr wie früher pathologisiert und mit "Schande" belegt- es wird z.B. im Begriff des Burn-Out zunehmend so verstanden, dass das Individuum im permanenten systemischen Wandel eben nicht mehr mithalten kann- und aus dem Prozess heraus fällt. Noch vor Kurzem war dasselbe Scheitern als "Depression" etwas, was man despektierlich als "Geistesgestörtheit" abqualifizierte. Was heute zählt, ist die persönliche Initiative, um den Entwicklungsprozess der Institution adäquat mit gestalten zu können. So wird "die persönliche Initiative zum Maß der Person" (1). Aber das Aufgehen in einem Entwicklungsprozess - sei er politisch, sozial oder wirtschaftlich - widerspricht unseren Konzepten von "Persönlichkeit". Wir sehen unsere Person als ein statisches Produkt, ein unverrückbares Wesen mit bestimmten Charakteristika, nicht als produktiver Teil einer Netzwerkgesellschaft. Das System sieht das "Persönliche" als "ein normatives Artefakt. Im Gegenteil, "in der Gruppe kann jeder seine eigene Individualität finden- sein "wahres Ich". Die Gruppe bildet die praktische Basis für die Anerkennung des Selbst durch die anderen." (Ehrenberg, S. 160f)

Aber die permanente Initiativfähigkeit des Individuums, der "souveräne Mensch, der sich selbst ähnlich ist (..)" und im Begriff steht, "en masse Wirklichkeit zu werden" (Ehrenberg, S. 155), soll sich keinesfalls - wie früher- selbst verwirklichen, sondern in seinem Tun im Rahmen seiner Netzwerkarbeit. Die frühere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit verfällt. Das ist die Ursache des zu beobachtenden völligen Aufgehens von Individuen in der Arbeit, nicht die technischen Helfer wie Smartphone und Laptop, die die Verfügbarkeit rund um die Uhr lediglich realisieren. Es gibt allerlei Probleme: "Das immer schnellere Tempo der Veränderungen zwingt den Menschen, den Anpassungsprozess immer mehr zu beschleunigen. Der Mensch des 20. Jahrhunderts muss sich, um überleben zu können, an eine Gesellschaft anpassen, die sich im permanenten Wandel befindet…" (Ehrenberg, S. 152) Daher wird etwas wie eine Privatsphäre - wie die folgenlosen Diskussionen um Datenkraken wie Google und Facebook zeigen - immer mehr zu einem aussterbenden Konzept. Nicht jeder hält das aus. Daher "entsteht eine wahre Industrie von Beziehungsdienstleistungen mit einer eigenen Sprache (Lebenshilfe), eigenen Technologien (medikamentöse, psychologische), eigenen Berufen (Sexologen, Gruppentherapeuten usw.) und einer eigenen Literatur. Im Strudel der dauernden Verfügbarkeit und Optimierung greift man auch massenhaft zur beziehungs- (Partnersuche per Internet-) und zur sinnstiftenden (spirituellen) Beratung und Unterweisung im Netz. Ein moderner geistiger Lehrer wie Eckhart Tolle (2) gründete deshalb einen eigenen kostenpflichtigen Fernsehkanal im Netz, der auch dieses Bedürfnis abzudecken vorgibt. Ich finde interessant, dass Tolle nicht mehr von "Selbstverwirklichung" spricht, sondern von "Teachings and Tools to Support the Evolution of Human Consciousness". Auch den modernen Gurus geht es um einen Entwicklungsprozess.

Der Glaube an die Bedeutung der Entfaltung einer statischen Persönlichkeit verfällt, aber auch generell "die Opposition von Individuum und Gesellschaft". Das hat auch etwas entlastendes. Zunehmend geht die Vorstellung zurück, "man müsse ein Individuum disziplinieren, um es gesellschaftsfähig zu machen" (Ehrenberg, S155) - die Teilhabe an der Gesellschaft soll sich ja nun aus eigenem Antrieb und Initiative ergeben. Für die, die das nicht, nicht mehr oder nicht ausreichend erreichen, bietet sich die Depression (oder Burn-Out) "als Krankheit des modernen Lebens" (Ehrenberg, S. 183) an.

Die Depression wird zur Schattenseite der Netz- und Optimierungskultur: "Gleichzeitig geht das psychiatrische Denken immer mehr davon aus, dass die grundlegende Störung der Depression psychomotorisch ist: Das fehlerhafte Handeln entthront das gestörte Gemüt. Einen Fehler in Hinsicht auf die Norm zu machen, besteht nun weniger darin, ungehorsam als vielmehr unfähig zum Handeln zu sein. Darin liegt eine andere Auffassung von Individualität." (Ehrenberg, S. 220) Die neuen Modelle von Partizipation und Qualitätsmanagement brauchen nicht den gehorsamen Menschen in seiner ihm zugewiesenen Hierarchie, sondern den erreichbaren, sprungbereiten, verantwortlichen, motivierten und flexiblen Netzwerker. Immer häufiger entwickelt sich das vernetzte Leben für Individuen zu einer "chronischen Identitätskrankheit" (Ehrenberg, S. 252). Dementsprechend wird die nicht mehr tabuisierte und weniger pathologisierte Depression zu einem "Rückzug", der ein Schutzverhalten des Identitätsunsicheren darstellt- ein Schutzverhalten, "das dem Subjekt das Überleben sichert, wenn es nicht mehr kämpfen kann" (Ehrenberg, S. 224).
___________
1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. S. 24
2 www.eckharttolletv.co

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gleichgewicht

man steht nie
fest man
pendelt nur.
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Besinnung und Neuorientierung

Die Egoisten ziehen sich nach weit über zehn Jahren dauernden Diskurses zum Teil zurück. Daher sind die meisten Beiträge dieser Jahre - auch frühere Beiträge aus Zeitschriften und Vorträgen- nicht mehr im aktuellen Verzeichnis des Blogs verfügbar. Die Gastautoren bitte ich um Verzeihung, dass auch eine Reihe von Beiträgen damit verschwinden. Falls hier und da tote Links erscheinen sollten, bitte ich ebenfalls um Verständnis. Ein Neustart ist nicht ausgeschlossen, aber das möchte ich mir offen halten.
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Todesfuge

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