EgoBlog | Die Egoisten

The Unborn - Meister Bankei, Rudolf Steiner und die Ungeborenheit

Bankei

Bestimmt habe ich schon mal über ihn berichtet, den Zen- Meister Bankei, der im 17. Jahrhundert lebte, vollständig aus der Zeit und auch aus den Traditionen des Zen fiel, aber eben deshalb zum Erneuerer und Impulsator des Zen wurde. Um es einfach auszudrücken, war Zen damals in Traditionen, Riten und Gewohnheiten erstickt. Dagegen setzte Bankei den Begriff der Ungeborenheit - ein Zustand unmittelbarer geistiger Selbsterfahrung- einfach indem alles, was „geboren“ - tradiert, angelernt, angemaßt, Denkgewohnheiten, Geschlecht, soziale Schicht, usw - ist, im meditativen Akt abgelegt wird. Bankei forderte also von den Zen- Mönchen (nicht unähnlich den zahlreichen diesbezüglichen Aufforderungen Georg Kühlewinds gegenüber seinen anthroposophischen Zuhörern) inneres, aktives Arbeiten statt sinnentleerter Rituale.

Der Vater Bankeis (mit 8 Geschwistern) war von seinem Amt als Ritter zurück getreten und war jetzt „a masterless samurai or ronin“. Der Junge Bankei fiel als besonders intelligent, aber auch als extrem unruhig, unfügsam und willensstark auf. In früher Jugend führte er Banden an, beruhigte sich aber, als er mit 11 endlich in eine Schule durfte. Fast erwartungsgemäß machte ihm das Schreiben - also das endlose kalligrafische Kopieren von Schriften- Schwierigkeiten. Um nicht jede Anekdote zu wiederholen: Der ganze Junge war eine Schwierigkeit. Er hat z.B. etwa in dem Alter eine Hand voll giftiger Spinnen geschluckt, um sich nach einem Streit umzubringen. Dazu schloss er sich in einem buddhistischen Schrein ein- lag Stunden vielleicht sterbend in einem Sarkophag. Seine Lehrer, die reine Repetitoren waren, nervte er mit endlosen Fragen nach dem Sinn ihrer Gebete: „the awakening of religious doubt in his consciousness“.

Bankei hat diese jugendlichen Jahre damit verbracht, jede Religion, jeden Kult und jede Tradition in seiner weiteren Umgebung „nach Gehalt“ zu erkunden. Er fand leider nichts und „wandered about like a stray mountain lamb, aimlessly and alone“. Endlich fand er in einem Zen- Kloster einen Lehrer - Umpo-, der ihm auf seine Fragen antwortete: „practice zazen“. Bankei wurde augenblicklich Mönch, und lernte drei Jahre bei Umpo. Mit 19 verließ er das Kloster und streifte durch das ganze Land. Es war offenbar ein tiefer Abstieg. Nach den Klöstern und dem Wandern folgte ein Leben als Nichtsesshafter und Bettler, unter Brücken schlafend- und dennoch ständig Zazen praktizierend. Die Zweifel blieben, auch als er mit 23 zu Umpo zurück kehrte. Es folgten Jahre des Hungerns, des Lebens in einer nackten Zelle, des ständigen Meditierens. Bankei wird davon schwer krank, stirbt beinah- und erlebt an der Schwelle des Todes das Einssein aller Dinge in der Ungeborenheit: „I realized what it was that had escaped me until now: All things are perfectly resolved in the Unborn“. Nach Jahren weiteren Studiums bei einem chinesischen Meister wird Bankei der Erbe und Nachfolger Umpos. Er, der zunächst stark umstritten in der Priesterschaft gewesen war, fand nun so viel Anerkennung, dass er eine eigene Schule innerhalb des Zen begründete. Bankei lehrte die nächsten 36 Jahre jeden, der vorbei kam und eine Frage stellte. Diese wunderbaren, geistreichen Gespräche zur Ungeborenheit gehören zum Weltkultur- Erbe. Wenigstens sind sie in einer englischen Übersetzung und mit einer detaillierten Einführung von Norman Waddell - auf die ich mich hier bezogen habe- versehen hier und da erhältlich*

Aber auch Rudolf Steiner hat sich zwar auch zur Ungeborenheit als besonderer Qualität geäußert, wusste aber offensichtlich nicht von Meister Bankei:

Man darf überhaupt nicht unterschätzen die Bedeutung, welche im Worte liegt. In dem Augenblicke, wo sich der Gedanke umprägt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht wird, wie in der Wortmeditation, in demselben Moment prägt sich das Wort ein in den Äther der Welt.

Der Gedanke prägt sich als solcher nicht in den Äther der Welt ein, sonst könnten wir niemals im reinen Denken freie Wesen werden. Wir sind ja in dem Augenblicke gebunden, wo sich etwas einprägt. Für die Initiations - Wissenschaft liegt ja heute einfach die Tatsache vor, dass im ganzen Erden- Äther dadurch, dass die zivilisierten Sprachen kein gangbares Wort für
Ungeborenheit haben, dieses für die Menschheit wichtige Ungeborensein überhaupt nicht dem Weltenäther eingeprägt wird.

Alles das aber, was an wichtigen Worten eingeprägt wird in den Welten- Äther vom Entstehen, von alldem was den Menschen betrifft in seiner Kindheit, in seiner Jugend, all das bedeutet einen furchtbaren Schrecken für die ahrimanischen Mächte. Unsterblichkeit im Welten- Äther eingeschrieben, das vertragen die ahrimanischen Mächte eigentlich sehr gut, denn Unsterblichkeit bedeutet, dass sie mit dem Menschen eine neue Schöpfung beginnen und mit dem Menschen hinauswandern wollen. Das irritiert die ahrimanischen Mächte nicht, wenn sie immer wieder den Äther durchsausen, um mit dem Menschen ihr Spiel zu treiben, wenn da so und so viel von den Kanzeln von Unsterblichkeit verkündet wird und in den Weltenäther eingeschrieben wird. Das tut den ahrimanischen Wesen sehr wohl.

Aber ein furchtbarer Schrecken für sie ist es, wenn sie das Wort «
Ungeborenheit» in den Weltenäther eingeschrieben finden. Da löscht für sie überhaupt das Licht aus, in dem sie sich bewegen, da verlieren sie die Richtung, da fühlen sie sich wie in einem Abgrund, wie im Bodenlosen.“ **



*„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“. San Francisco 1984
** Rudolf Steiner, GA 203, S. 275f
Comments

Ron Hubbard (Scientology) in der Lehre der Schwarzmagier


Bildschirmfoto 2015-06-11 um 17.31.52
Ron Hubbard, der Begründer der Scientology- Bewegung, hatte zweifellos ein Leben, bevor er „Dianetics“ schrieb. Nicht das, was er beschrieb oder später als Autobiografie ausgab- denn schon früh war dem einfachen Jungen vom Land die Fantasie, ja das Fantastische bis hin zur völligen Erfindung ganzer fiktiver Welten vertraut. Als er 1934 erstmals in den New Yorker Club der Pulp- Autoren (Schundliteratur wie Western, Fantasy, Krimi, Groschenromane) aufgenommen wurde, beeindruckte er einen später ebenfalls berühmten Science- Fiction- Autoren, Robert Heinlein, mit seiner angeblichen Vergangenheit als Kriegsheld: „Heinlein tried to avoid asking Ron to walk down the street as Ron had said that both his feet had been broken when his last ship was bombed. ‘Ron had had a busy war – sunk four times and wounded again and again,’ Heinlein explained sympathetically.“* Daran war so gut wie nichts wahr - außer dass sich Hubbard gerade um eine staatliche Pension als Invalide bemühte- vergeblich.

Aber es ging Hubbard, der bereits eine Familie hatte und keinen Cent verdiente, ja um die Geheimnisse des Lebens. Hubbard sollte in den nächsten Jahren mit seiner überbordenden Fantasie zum erfolgreichen Pulp- Autor werden- einer, der bei seinen Aufschneidereien dennoch unzufrieden blieb, denn, wie er immer wieder äußerte, müsse man einen Kult gründen, um ans ganz große Geld heran zu kommen.

1939 legte Hubbard - vor allem Erfolg- eine Lehrstunde in Pasadena ein- bei Jack Parson, dem Vertreter Aleister Crowleys in Amerika. Crowley selbst war bei seinem Versuch, seinen Erfolg als enfant terrible in den USA fort zu setzen, gescheitert. Parson mietete sich in einer Vorstadtsiedlung an, um mittels ritueller schwarzmagischer Handlungen ein „Moonchild“ auf dem Altar zu zeugen. Da seine eigene Frau, Helen, Parson davon gelaufen war, bot sich die 18jährige Ausreißerin Betty an: „For Jack Parsons led an extraordinary double life: respected scientist by day, dedicated occultist by night. He believed, passionately, in the power of black magic, the existence of Satan, demons and evil spirits, and the efficacy of spells to deal with his enemies. (..) In 1939, Parsons and his young wife, Helen, joined the OTO, Ordo Templi Orientis, an international organization founded by Crowley to practise sexual magic.“

Die Anwesenden waren vor allem von dem glänzenden Hubbard angetan, der einen hervorragenden Stand bei den anwesenden Damen hatte: „He was very sharp and quick, a fascinating story-teller, and he could charm the shit out of anybody. He talked interminably about his war experiences and seemed to have been everywhere. (..) Then Hubbard comes along and starts having affairs with one girl after another in the house and finally fastens on to Betty. I couldn’t believe it was happening.“ Es scheint ein früher Probelauf für einen Kult gewesen zu sein. Auch bei dieser Gelegenheit schwärmte Hubbard, durch die Gründung einer Religion reich werden zu wollen: „Whenever he was talking about being hard up he often used to say that he thought the easiest way to make money would be to start a religion.“

Selbstverständlich stellte sich Hubbard als absoluter Fachmann in Sachen Sex- Magic und Okkultismus vor und wurde auch so akzeptiert: „Although he has no formal training in Magick, he has an extraordinary amount of experience and understanding in the field. From some of his experiences I deduced that he is in direct touch with some higher intelligence, possibly his Guardian Angel. He describes his Angel as a beautiful winged woman with red hair whom he calls the Empress and who has guided him through his life and saved him many times.“- so der naive Parson Die von Hubbard und Parson avisierte Zeugung des „Moonchilds“ - die rituelle Vorbereitung des Antichrists - sollte eine neue Ära im Okkultismus dieser Richtung eröffnen- so hoffte auch Crowley zunächst noch im fernen Europa: „Aleister Crowley professed ‘the great idea of magicians of all times’ was to bring into being an Anti-Christ, a ‘living being in form resembling man, and possessing those qualities of man which distinguish him from beasts, namely intellect and power of speech, but neither begotten in the manner of human generation, nor inhabited by a human soul’“.

Anfang 1946 startet das Projekt- zunächst mit Schwierigkeiten: „Another magician [Hubbard] who had been staying at the house and studying with me, was carrying a candle across the kitchen when he was struck strongly on the right shoulder, and the candle knocked out of his hand. He called me, and we observed a brownish yellow light about seven feet high in the kitchen. I brandished a magical sword and it disappeared. His right arm was paralyzed for the rest of the night.’“ Derlei Wunder - auch das Erscheinen einer Frau mit scharlachroten Haaren - geschahen in diesen Tagen, als Ron und Jack in die Wüste torkelten, um rituelle Texte zu empfangen und aufzuschreiben. Tagsüber eröffneten sie - mit Parsons Geld- ein Geschäft, um mit Jachten zu handeln und diese zu überführen. Parsons, Hubbard und ihre Priesterin Betty führten die „Handlungen“ über mehrere Tage durch. Im fernen Europa war Guru Crowley (heroin- süchtig und pleite) schon lange nicht mehr angetan und schrieb einige Tage später „‘It seems to me on the information of our brethren in California that Parsons has got an illumination in which he has lost all his personal independence. From our brother’s account he has given away both his girl and his money. Apparently it is the ordinary confidence trick.’“

Bildschirmfoto 2015-06-11 um 17.31.18
In der Tat. Der Trickster bei der ganzen Sache war Ron Hubbard. Hubbard war auf und davon, nicht nur mit dem Schiff und damit Parsons Vermögen, sondern auch mit dessen junger Freundin Betty (eigentlich Sara Northrup). Wenige Monate später heirateten Hubbard und Northrup. Das Ziel aber blieb für Ron Hubbard bestehen, trotz der folgenden großen Karriere als Pulp- Autor: „He was really quite a character. I always knew he was exceedingly anxious to hit big money – he used to say he thought the best way to do it would be to start a cult.

Das vorliegende Buch war das erste, das sich bereits 1987 erstmalig mit den Untiefen des Scientology- Gründers beschäftigt hat. In letzter Zeit sind aktuelle und entlarvende Bücher, Dokumentationen und TV- Berichte ("Going Clear - Scientology and the Prison of Belief") erschienen. Mir war es aber wichtig, die geschilderte Episode in dieser Perspektive festzuhalten. Die Darstellung der entsprechenden Crowley- Biografie** ist entscheidend knapper gehalten: „In August of 1945, L. Ron Hubbard appeared on the scene. He had not yet written on Scientology, for which he is best known; at this time he was known simply as a science fiction writer and naval lieutenant. Lafayette Ronald Hubbard (1911–1986) was born in Tilden, Nebraska, to a military family and moved around a lot as a child. He attended George Washington University but, more interested in contributing to the school newspaper and literary journals, he left after two years without taking a degree. During the 1930s he published several novels and dozens of short stories in pulp magazines like Astounding Science Fiction and Unknown Worlds, becoming well-known in the science fiction and fantasy communities.“ Dafür wird genau dargestellt, wie der düpierte Jack das fliehende Pärchen (sie wollten sich nach Südamerika absetzen) verfluchte und durch die Polizei in Florida festsetzen konnte. Es kam zu einem gerichtlichen Vergleich. Parson hätte es wissen müssen. Schließlich hatte er schon zu Beginn des Eklats resigniert an Aleister Crowley geschrieben: „About three months ago I met Ron … a writer and explorer of whom I had known for some time.… He is a gentleman; he has red hair, green eyes, is honest and intelligent, and we have become great friends. He moved in with me about two months ago, and although Betty and I are still friendly, she has transferred her sexual affections to Ron.“

_________________________________
*Russell Miller: Bare-Faced Messiah: The True Story of L. Ron Hubbard
**Richard Kaczynski: Perdurabo, Revised and Expanded Edition: The Life of Aleister Crowley
Comments

Where the heart beats- über John Cage

john cage
Wer gern über Musik - moderne Musik-, Kunst, Kultur des 20. Jahrhunderts und insbesondere über den Komponisten John Cage informiert sein möchte, sollte vielleicht „Where the Heart Beats: John Cage, Zen Buddhism, and the Inner Life of Artists“ von Kay Larson lesen. Es handelt sich tatsächlich um eine minutiöse Biografie dieses Hyper- Musikers, der in der zweiten Hälfte seines Lebens zu seinem persönlichen Glück das meditative Leben entdeckte. Dieses gewann er im Rahmen des Zen - oder zumindest im Rahmen dessen, was er aus Zen, Buddhismus im weiteren Sinne, und der persönlichen Bekanntschaft mit D.T. Suzuki und anderen.

Auf diese innere Wandlung war Cage sicherlich vorbereitet. Sein schon früh geschriebenes, vollkommen lautloses Stück 4´33 ist, wie er kurz vor seinem Tod gestand, sein liebstes- da er täglich, ja dauernd mit ihm lebe und tief in diese Stille eindringen würde: „CAGE SAID THAT he regarded 4′33″—his “silent piece”—with utmost seriousness. For him it was a statement of essence. Three years before he died, he told an interviewer: “No day goes by without my making use of that piece in my life and in my work. I listen to it every day.…I don’t sit down to do it; I turn my attention toward it. I realize that it’s going on continuously. So, more and more, my attention, as now, is on it. More than anything else, it’s the source of my enjoyment of life.

Die Stille als Quelle der Lebensfreude - gepaart mit einem sehr kontaktfreudigen, in alle möglichen Künstler- und Schwulenszenen integrierten Komponisten. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Cage mit Freunden wie Allan Ginsberg herum gezogen war, dessen erleuchteter Zustand auf Cage gewirkt haben muss: „He felt “a sudden awakening into a totally deeper real universe” where an immense cosmic consciousness was at work. He saw it everywhere: in the gargoyles on the Harlem cornices, the workmen who made them, the sky that framed them. He walked into the Columbia University bookstore and saw in everyone’s faces that they knew they all had the consciousness—“it was like a great unconsciousness that was running between all of us that everybody was completely conscious….” Everyone was in the ridiculous position of denying it so they could sell books, wrap them in paper, and collect money. They were hiding this knowledge of the shining self from each other, Ginsberg felt, even though they “knew completely everything.” They were hiding it because of self-hatred and rejection—the twistedness born of the suffering self.“

Künstlerisch war mit den Wandlungen ebenfalls eine Neu- Fokussierung nötig, die vielen Künstlern begegnet: Die Zeit der Selbst- Zentrierheit ist vorbei. Das ganze bunte Allerlei kommt an ein Ende. Cage erlebte das so: „Cage’s deliberate turning away from self-expression begins here. The seed of a new idea was being watered by suffering.“ Ich denke, Cage´s Methoden - z.B. das I Ging als Zufallsgenerator für Musik zu nutzen- mögen nicht jedem Komponisten gefallen. Zu seiner Zeit, in dieser Szene war es sensationell.

Insgesamt: Eine Biografie für Liebhaber. Sehr detailliert, auch was den Werdegang einzelner kleiner Kompositionen betrifft, dass es für den normalen Leser langatmig wirkt. Man wird entschädigt durch entwaffnende Krisen wie diese: „Caught in the roar of his emotions, Cage was forced to confront a question totally new to him: What is the “self” that is being expressed? The self that hurts so badly it nearly kills you? The self that isn’t seen until it aches?“

Comments

Out-of-body, Meditation und die Forschung des Mind-Life-Instituts


Bildschirmfoto 2015-06-07 um 18.28.56
In der Folge der seit 1987 durch den Dalai Lama voran getriebenen Forschungen des Mind and Life- Institutes in Dharmshala hat es einen dauernden Austausch zwischen buddhistischen Mönchen und Hirnforschern aus aller Welt gegeben- mit Hilfe der neueren bildgebenden Verfahren wurden auch hirnorganische Vorgänge während der Meditation sehr erfahrener Mönche sichtbar. Nebenbei hat der fortlaufende Dialog zwischen Wissenschaftlern und nun ausgerechnet den Vertretern buddhistischer und animistischer Methoden ursprünglich tibetisch- tantrischer Art - also einer sehr alten und traditionsbehafteten spirituellen Richtung- offenbar auch zu dem gewünschten Publicity- Erfolg geführt. Als Zeichen dafür sieht Evan Thompson in „Waking, Dreaming, Being: Self and Consciousness in Neuroscience, Meditation, and Philosophy“, wie schnell -innerhalb von zehn Jahren- sich ein neu geprägter Begriff wie „Mindfulness“ sich in allen gesellschaftlichen Institutionen des Westens durchgesetzt habe- das sei bei Meditationsthemen früher nicht denkbar gewesen: „While it may have taken more than a century for “meditation” to have acquired its current usage, it seems to have taken only ten or fifteen years for the word “mindfulness”“.

Im genannten Buch geht es einerseits um die Geschichte dieser Forschungsrichtung, weiter führend aber generell um die Zusammenhänge zwischen hirnorganisch feststellbaren Prozessen und Bewusstseinszuständen- nicht nur denen in tiefer Mediation, sondern auch beim Tod, im Schlaf, in Träumen- aber auch in „hellen“ Träumen, in denen man weiß, dass man träumt. Die meditierenden Mönche, die jahrelang durchs MRT gejagt wurden, sind durch den Dalai Lama persönlich ausgesucht worden. Sie waren in der Lage, mindestens vier Stunden am Stück im „reinen Licht“ zu verbringen- d.h. in tiefster Meditation, in der keine sensorischen Informationen mehr vermittelt werden. Einer dieser Ausgesuchten ist seit langem der eloquente Autor, Mönch und Forscher Matthieu Ricard, der zum engsten Umkreis des Dalai Lama gehört: „I’m sitting in the audience at the “Investigating the Mind” conference at MIT, listening to the Dalai Lama, neuroscientists, psychologists, and Buddhist scholars talk about mental imagery. Matthieu Ricard, a French Tibetan Buddhist monk, has been talking about the experience of pure awareness, the source from which mental images arise.“

In den Forschungen mit den erfahrenen Mönchen wurde eine Vergleichs- Versuchsgruppe aus lauter Novizen mit untersucht, die die spezifischen Hirnwellen nicht ausbildeten: „Eight long-term Tibetan Buddhist meditators, when they practiced a particular kind of meditation, generated striking EEG brain waves. The same kind of gamma frequency pattern that we’ve seen to be closely associated with reportable conscious experience occurred when the monks practiced their meditation, but didn’t occur in the novice meditators, who served as the experimental control subjects. Most striking, however, the gamma frequency pattern in the monks was especially strong and well organized. Specifically, the size of the gamma brain waves (the amplitudes of the oscillations) was greater than any others previously reported in healthy individuals, and the phases of these fast oscillations were precisely synchronized.

Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung sind bekannt; die in tiefer Meditation befindlichen Mönche zeigen typische „tiefe“ Hirnwellenmuster, die synthetisch wirken; d.h. lokale Hirnwellen lösen sich in dem überlagernden Muster auf. Erlebt wird dabei eine „reine Aufmerksamkeit“: „Pure awareness witnesses these changing states of waking, dreaming, and dreamless sleep without identifying with them or with the self that appears in them.“ Eine Methode dabei ist das Bestehen in einer reinen Aufmerksamkeit, die keine Objekte des Denkens duldet: „In open monitoring meditation—or “open awareness” meditation, as I prefer to call it—you cultivate an “objectless” awareness, which doesn’t focus on any explicit object but remains open and attentive to whatever arises in experience from moment to moment. One way to do this is to relax the focus on an explicit object in focused attention meditation and to emphasize instead the watchful awareness that notices thoughts and feelings as they arise from moment to moment. Eventually, you learn to let go of the object of attention and to rest simply in open awareness without any explicit attentional selection.“

Die einmal eingenommene Position der Meta- Aufmerksamkeit beachtet alles, was im mentalen Feld auftreten mag, lässt sich aber nicht davon fesseln: „Open awareness meditation trains awareness of awareness, or what psychologists call meta-awareness. In open awareness meditation, meta-awareness takes the form of witnessing thoughts, emotions, and sensations as they arise from moment to moment, and observing their qualities. This style of practice leads to an acute sensitivity to implicit aspects of experience, such as the degree of vividness in awareness from moment to moment or the way that transitory thoughts and feelings typically capture attention and provoke more thoughts and habitual emotional reactions. One learns to see how habits of identifying with sensations, thoughts, emotions, and memories—in other words, with specific contents of awareness—create the sense of self.

So sehr meditative Praxis und Erfahrungen sich mit der Forschungsarbeit verzahnen - z.B. dass inzwischen erfahrene Mönche ihr Erleben in tiefster Versenkung rückwirkend gliedern und strukturieren, um signifikante Hirnaktivitäten damit identifizieren zu können- so gibt es doch die offene Frage, ob alle Zustände des Bewusstseins immer mit hirnorganischen Aktivitäten gekoppelt sind. Wie ist es mit Erfahrungen außer- körperlicher Art (out-of-body)? Der Dalai Lama hat sich dazu zwiespältig geäußert- in dem Sinne, dass es Rückwirkungen auf das neurologische System gäbe. Nicht aber stimmt er der Ansicht des Autors zu, dass alle Erfahrungen stets hirnorganischen Ursprungs sind, d.h. dass eine eindeutige kausale Beziehung bestehe.

Dennoch sieht auch Thompson, dass meditative Praxis langfristig Hirnstrukturen nachhaltig verändert: „All these findings together suggest that meditation is a unique kind of mental skill and that long-term meditation practice can bring about long-lasting changes in the brain.“ Neu ist, dass man diese Veränderungen messen und "sehen" kann. Tatsächlich hat sich in der Gruppe der erfahrenen Meditierenden gezeigt, dass diese wenig oder gar keine Zeit benötigten, um sich in einen Zustand reiner innerer Hingabe („compassion“) zu versetzen- einem Zustand, der sich im schon Vorhandensein spezifischer Hirnwellen zeigt. Die stets vorhandene „Hyperstruktur“ wird in der eigentlichen Meditation lediglich vertieft und verlängert. Die „Fachleute“ für meditative Praxis haben faktisch das Aktivitätsschema des Hirns dauerhaft verändert: „So there seems to be some relation between meditative expertise—the ability to generate at will certain inner states of consciousness and sustain them over time—and large-scale patterns of gamma frequency activity in the brain.“

Der anhaltende Dialog zwischen Hirnforschung und Meditation hat ein erhebliches Potential. Das vorliegende Buch ist ein Teil davon. Es wäre vielleicht übersichtlicher und interessanter gewesen, wenn sich Thompson auf das meditative Feld beschränkt hätte. Stattdessen versucht er einen General- Überschlag über alle ihm bekannten Bewusstseins- Zustände - "lucid dreaming" besonders prominent - ohne aber auch nur die Grundwidersprüche wie "Erzeugen diverse Hirnströme Bewusstseinszustände oder umgekehrt?" lösen zu können.
Comments

Sergej Prokofieffs Totenbuch

prokoff
Gewiss, in Sergej Prokofieffs „Das Erscheinen des Christus im Ätherischen“ bekommt man vordergründig konventionelle anthroposophische Kost gereicht. Es geht schließlich um die Christologie innerhalb der Anthroposophie, um den intimen Kernbereich, der untrennbar mit dem spezifischen Erkenntnisweg der Anthroposophie verbunden ist. Es wird, um es schlicht zu beschreiben, ein intellektueller Weg zur Erfahrung des auferstandenen, in allem Geschaffenenen der Natur präsenten Christus aufgezeigt- einerseits in den Aussagen und Perspektiven, aber auch bis in die konkreten Formulierungen hinein Rudolf Steiner folgend. Andererseits komponiert Prokofieff die Zitate und Aussagen unterschiedlich komplex und vielschichtig.

Diese Verdichtung findet ihren Höhepunkt in den ersten Kapiteln des Buches, die die „kosmische Dimension“ der ätherischen Wiederkunft und die damit beim Menschen einher gehenden Veränderungen und Impulse, aber auch das spezifisch anthroposophische Michaels- Mysterium darstellen. Danach verflachen die Darstellungen so weit, dass man- so scheint es mir- mit den Originalstellen genauso gut bedient wäre. Prokofieff referiert Steiner nicht nur- er beschränkt sich auf die Moderation von Zitat- Folgen. Für den ins ganze Thema vor- informierten Leser ist das nicht störend- er erhält die Gesamtsicht auf Steiners Christus- Vorstellung. Aber eben kaum je mit Einsichten oder Erklärungsversuchen Prokofieffs. Es geht ihm um das Totale der Darstellung, nicht primär um Wecken des Verständnisses beim Leser.

In der Mitte seiner Darstellung steht die mystische Verwandlung des ganzen Menschen, insbesondere was die „Ätherisation des Blutes“ betrifft. Demnach stellt das Herz eine Wandlungseinheit dar, durch die leibgebundene Kräfte ausfließen und im Gehirn zu Vorstellungen verarbeitet werden. Dadurch wird „im Kopf des Menschen das Denken überhaupt erst möglich“ (S.140). Die „noch lebendigen Gedanken“ steigen mit dem Strom auf und „ersterben im menschlichen Haupt, damit der Mensch in diesem toten Denken seine Freiheit innerlich ergreifen und ihrer gewahr werden kann“. Mit der geeigneten Willens- Schulung nach michaelisch- rosenkreuzerischem Konzept, die von oben (Denkschulung) nach unten (Herzdenken) wirkt und einer inneren Reinigung entspricht- auch einer Selbst- Konfrontation- wird auch der verborgene zweite Strom bemerkbar, der ebenfalls dem Blut entsteigt- diesmal aber als verjüngtes, imaginatives Strömendes, was der Verlebendigung durch den Auferstandenen entspringt. Dies kann zu einem - nach Steiner- „intellektuellem Hellsichtigwerden“ in voller Reife, Verantwortung und individueller Ausprägung führen. Die mystische Wandlung kann bis zur höchsten Begnadung gehen, die „in der intuitiven Verschmelzung des Menschen- Ich mit dem Christus- Ich“ gipfelt- „ohne von seiner eigenen Ich- Individualität nur das Geringste einbüßen zu müssen.“ (S. 117)

Die innere Reinigung durch das michaelische Wahrheitsprinzip erfordert, wie in jeder Schulung seit jeher bekannt, eine schonungslose Selbstkonfrontation - eine Begegnung mit den eigenen Schatten: „So kann man sagen: Michael führt heute den Geistesschüler zum Abgrund des Seins, wo er sich als absolutes Nichts vor dem völligen Nichts stehend erleben muss.“ Diese zentrale Anforderung, die in der Praxis doch die allergrößten Schwierigkeiten für den Einzelnen bedeuten muss, wird von Prokofieff wiederum mit Zitaten Steiners belegt, aber nicht wirklich erläutert. Das Michaels- Mysterium, das im Bestehen vor dem Nichts und nach dem Zerbrechen der Selbstbilder als Probe des Willens ausgelegt ist, ist zentral mit einem modernen „Erkenne dich selbst“ verbunden, begleitet von einem Aktivieren der Chakren von der Stirn über den Kehlkopfbereich bis zum Herzen und weiter. Nur so wird - nach Steiner- „das Leben des Christus (..) vom 20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen gefühlt werden als ein direktes persönliches Erlebnis“ (S. 106).

Natürlich wäre Prokofieff nicht er selbst, wenn er nicht in aller Breite gegen antichristliche Impulse anschreiben würde. Der Schwerpunkt bleibt aber - auch und gerade mit dem Schwerpunkt „Schamballa“- die Initiation im angebrochenen Michaelzeitalter- wenn „die Ideen des Menschen nicht nur „denkend“ bleiben, sondern im Denken „sehend“ werden..“ (S. 74) Es geht ja um nicht weniger als um die „Befreiung seines Herzens von den Drachenmächten durch den Michael- Impuls.“ (S. 36) Gerade die ersten Kapitel des Buches - die kosmische Dimension und Sophia behandelnd- erreichen eine solche Dichte und inhaltliche Weite, dass sie selbst als meditative Texte gelten dürfen. Da es zum nicht geringen Teil um Perspektiven menschlichen Lebens nach dem Tod und vor der Geburt geht, darf man Prokofieffs Buch als „Anthroposophisches Totenbuch“ analog zum klassischen „Tibetischen Totenbuch“ bezeichnen. Es ist eine Art Wegzehrung vor und nach den letzten Aufbrüchen. Es ist etwas, was man mitnimmt. Insofern sind gerade auch die Anfangskapitel etwas, was man mit Verstorbenen lesen kann. Insgesamt bedauerlich bei dem Buch bleibt, wie sehr es um "Insider- Literatur" geht- wie wenig schon im sprachlichen Auftreten mit der Gegenwart und dem zeitgenössischen Leser gerechnet wird. Prokofieff bleibt in den Sprachbildern Rudolf Steiners- tritt aus ihnen nicht heraus; und bleibt somit eine Vermittlung und Erläuterung schuldig, die über die Originaltexte hinaus gehen würde. An einigen Stellen verläuft sich Prokofieff regelrecht in Bildern (etwa von Isis, Sophia, usw) und verrätselt Steiner dadurch regelrecht. An anderen dagegen gelingt ihm eine meditative Verdichtung zumindest für den, der mit der Materie vertraut ist.

__________
Sergej O. Prokofieff, Das Erscheinen des Christus im Ätherischen. Geisteswissenschaftliche Aspekte der ätherischen Wiederkunft, Dornach 2010
Comments

Zeit und Zeitlosigkeit

Die Ebene, die gemeint ist, erreicht man in jüngeren Jahren nur in Momenten- etwas, so leicht wie der Schlag von Schmetterlingsflügeln. Es ist die Ebene des Essentiellen, des Wortlosen, in der sich ein existentielles Wissen ausdrückt, auf der das Individuum sich als Ganzes fühlt, als heim gekommenes Wesen. Aber diese Momente der Berührung mit dieser Ebene geben die Richtung vor.

Dann gab es Situationen, in denen durch einen Schock oder eine angeschlagene Gesundheit unvermittelt ein Eintauchen gelang, durch die über die Gewissheit hinaus eine Art Vertrautheit erlangt wurde- jedes Mal in ganz anderen Umständen und mit anderen inneren Gestaltungen, aber doch eben dies: Das Eintauchen in die Zeitlosigkeit. Eine Spur davon reichte bis in die Kindheit- es gab eine Erinnerung: Manchmal, wenn das Kind nach einem Unfall oder einer Kinderkrankheit in der Rekonvaleszenz lag, gab es einen Augenblick der Leichte unter den Schmerzen und Kümmernissen; das Erleben der aufflammenden Heilkräfte, die am Organismus wirkten. Auch diese Kräfte entstammten der Ebene, die keine Zeit und keine Worte kennt- der Ebene, der das Tagesbewusstsein entrissen wird, aber die immer darunter liegt. Oben das zerstückelte Zeitbewusstsein, unten der Ozean der Dauer, die Ebene des Lebens.

Der Erwachsene ist in der Zeit verloren. Er hat vielleicht sogar die Erinnerung an seine eigenen Quellen verloren - ist gebannt in das punktuelle Hier und Dort, Dann und Dann. Es ist ein langer Weg, aus der Zerrissenheit heraus über gelegentliche Berührungen in ein im Tagesbewusstsein jederzeit präsentes tiefes Eintauchen zu gelangen. Dazu muss, bildlich gesprochen, ein ganzes wogendes Meer beruhigt werden- um durch die gespiegelte Oberfläche hindurch bis auf den Grund zu schauen. Im Grunde dieses Meeres zu verwurzeln bedeutet in der Zeitlosigkeit heimisch zu werden. „Dort“ verliert man jegliches Zeitgefühl- man weiß nicht, wie lange man verweilt. Und es ist immer doch nur ein Anfang.

Massimo Scaligero nannte dieses Erleben ein „Zugleich“, das sich als „Strömen des Seins“ darstellt: „Die Zeit ist gleicherweise die Zukunft, die uns entgegen kommt, und die Vergangenheit, die in uns ruht. Beide sind zu einer Gegenwart verschmolzen, die augenblickshaft auftaucht, dadurch aber in ihrer währenden Gegenwart unwahrnehmbar wird. Dies ist das Zugleich: identisches Sein, identisches Fliessen, gleichzeitiges Währen, das fortwährend verloren wird.“*

Dem Verlorengehen des Währenden entspringt unser helles Tagesbewusstsein, das uns Zeit- und Raumbewusstsein gibt. Wir müssen an die Quellen der Aktivität, den Grund des Meeres heran, um die Kontinuität des Seins zu realisieren.

_________
*Massimo Scaligero, Raum und Zeit, Ostfildern 1995, S. 39
Comments

Die Reisen des Christian Rosenkreutz

Nun habe ich Jostein Saethers neues Buch über die Reisen des Christian Rosenkreutz durch die islamische Welt des 14. Jahrhunderts vorliegen. Hier, im Egoistenblog, ein Textausschnitt. Saether bezieht sich im Buch vorrangig auf die Fama Fraternitatis- eine der berühmten Rosenkreuzer- Schriften, in denen der beschriebene Reisende mit dem Kürzel C.R. auftritt. Auch Rudolf Steiner hat in einer Anmerkung bestätigt*, dass „Christian Rosenkreutz“ ein Kunst- Name sei- die damit beschriebene Person bleibe anonym, sei aber gleichwohl authentisch. Saether geht ebenfalls von der Authentizität dieser legendären Person aus- sein Anliegen ist es, im Buch dem Einfluss nach zu gehen, den die kulturellen Einflüsse dieser frühen, einzigartigen Orientreise um das Jahr 1400 auf das Denken von Rosenkreutz gehabt haben mögen.

saether
Rudolf Steiners Betrachtungen nach war CR ein besonders herausragender Repräsentant des esoterischen Christentums, ein Eingeweihter, der in dicht aufeinander folgenden Inkarnationen bis hin zu direkten politischen Interventionen (im Vorfeld der französischen Revolution) erheblichen Einfluss gehabt hatte und hat. Für Rudolf Steiner war der naturwissenschaftliche Ansatz der rosenkreuzerischen Schulung von erheblicher Bedeutung, da dieser seinem eigenen entsprach: „Und so stellte sich für die Rosenkreuzerei das Merkwürdige heraus, dass wie in einem Übergangsstadium diese Rosenkreuzer sich bekannt machten mit allem, was über die Natur in der Zeitepoche erforscht werden konnte. Das nahmen sie in sich auf, verarbeiteten es. Sie hatten wirklich dasjenige, was die anderen nur zur Wissenschaft machten, bis zur Weisheit getrieben. (..)
So dass in der Tat gerade von den Rosenkreuzern eingesehen wurde, dass dasjenige, was man zunächst in der modernen Erkenntnis erhält, erst gewissermaßen den Göttern entgegengetragen werden muss, damit sie es in ihre Sprache umsetzen und es den Menschen wiedergeben. Dass das sein kann, ist ja bis in die Gegenwart geblieben. Studieren Sie heute, indem Sie von dem hier gemeinten rosenkreuzerischen Initiationsprinzip berührt worden sind, den Haeckelismus mit all seinem Materialismus, lernen Sie alles dasjenige darüber, was man durch äußere Naturwissenschaft lernen kann, und tragen Sie das dann den Göttern entgegen, und sie bekommen dasjenige, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft» über die Evolution erzählt ist.“**

Dass ein solches naturwissenschaftliches Denken dem jungen Rosenkreutz in Form der Hochblüte islamischer Wissenschaft entgegen kam- ebenso wie die verbreitete Mystik des Orients- erscheint ganz selbstverständlich. Er ist, wie am Ende der Fama zu lesen ist, schon damals mit einer solchen Einstellung und solchen Interessen im Westen - erwähnt ist das christliche Spanien- auf Ignoranz und Ablehnung gestossen.

Saether bezieht aufgrund der dünnen Quellenlage - etwa was die adlige Herkunft Rosenkreutz´, seine kindliche Erziehung in einem Kloster eventuell am Rhein betrifft- einiges mit ein, was einer strengen historischen Betrachtung als etwas gewagt erscheinen muss. Er sammelt Hinweise und breitet ein mögliches Umfeld aus. Saether schildert ein religiöses, politisches, soziales und kulturelles Milieu. Dies unternimmt er quer durch die ganze Reise hindurch- wodurch ein stimmiges Bild des Umfeldes entsteht. Die Details- ob Rosenkreutz ein genuesisches oder anderes Handelsschiff zur Überfahrt benutzt haben mag- bleiben nachrangig. Umstürze, Kriege, Schlachten- das alles waren Szenarien, denen Rosenkreutz nicht selbst ausgesetzt war, die aber gleichwohl während seiner langen Reise im seinem Umkreis stattfanden und die er höchstwahrscheinlich wahrnahm. Saether führt die Details der historischen Umstände daher aus. So entstehen beim Leser Bilder der inneren Spannungen des osmanischen Reiches, das Rosenkreutz in dieser Zeit bereiste. Saether geht dabei bis dahin, die übliche Kleidung, die Mühsale der Seereisen, die Schiffskonstruktionen und das damals verfügbare Karten- Material zu betrachten. Bei der Betrachtung der Handelswege kommt er zu der Vermutung, dass Rosenkreutz bis in die Stadt Petra - die über Handelsposten der Templer verfügt hatte- gekommen ist, und quer durch den heutigen Jemen gereist sein muss. Die in der Fama genannten Orte wie „Damcar“ kann man nicht eindeutig zuordnen. Daher ist die Untersuchung und Verfolgung der damals üblichen Handelsrouten - etwa die Weihrauchstrasse nach Südarabien- stimmig. So bildet Saether den wahrscheinlichen Reiseweg von Rosenkreutz bis über Marokko nach Spanien nach- immer wieder auch unterlegt von Aussagen Rudolf Steiners. Auch der Sufismus und die Mystik des ganzen bereisten Raums sind ein Schwerpunkt- Thema.

Ob seine Betrachtungen zum so genannten Voynich- Manuskript, das er als Hinterlassenschaft von Rosenkreutz interpretiert, stichhaltig sind, kann ich nicht beurteilen. Auch die Frage, ob Rosenkreutz die nach ihm benannte Geheimgesellschaft im Verborgenen hielt, um dem wachsenden Druck der Inquisition zu entgehen, mag etwas spekulativ sein. Dennoch bieten Saethers umfassende Recherchen ein ungemein eindrückliches Stimmungsbild der von Rosenkreutz bereisten Gegenden und seiner Lebensumstände. Es ist ein lesenswertes Buch auch für die, die sich nicht im Speziellen für die Rosenkreuzer interessieren, sondern für eine Epoche in heftiger Bewegung und in zahlreichen Umbrüchen.

_______________
Jostein Saether: Christian Rosenkreutz und die islamische Welt. 400 Jahre Fama Fraternitatis, Hamburg 2015

*R. Steiner, GA 55, S. 176
**R. Steiner, GA 233a. S. 87f
Comments

Der Mann, der lächelte. Eine kleine Geschichte der Internet- Spionage

Bildschirmfoto 2015-03-10 um 09.50.02
Gehen wir mal ein ganzes Stück zurück - sagen wir bis ins Jahr 1989-, um zu verstehen, wo die Grundlagen liegen für heute aktuelle Problemfelder wie Total- Überwachung der Netze durch die NSA, Drohnenkriege, russische Desinformationstaktiken, chinesische Digital- Mauer gegen westliche Aufklärung, usw. Es liegt seit einigen Jahren ein aufschlussreiches Buch des Insiders Gordon Thomas vor - Gideon´s Spies: The Inside Story of Israel´s Legendary Secret Service - der darauf doch ein deutliches Licht werfen kann.

1989, als die Intifada und damit Israels Kampf gegen die PLO sich wieder einmal auf einem Höhepunkt befanden, erfolgte die Arbeit der Geheimdienste noch auf der Grundlage von klassischer Einschleusung von Agenten. Ein finanziell enttäuschter Programmierer, Earl Brian, hatte ein Telefon- und Computer- Überwachungs- Tool namens „Promis“ entwickelt, das er vermarkten wollte. US- Dienste hatten seine Idee zwar aufgegriffen - und, aber ohne ihn zu berücksichtigen, eigene Varianten entwickelt. Brian wandte sich enttäuscht an einen leitenden Führungsoffizier des Mossad, Rafi Eitan. Dieser erkannte intuitiv, dass ein solches Überwachungstool die gesamte Arbeit der Nachrichtendienste verändern würde. Konkret würde es dem Mossad bessere Möglichkeiten bieten, den Palästinenser- Führer Yassir Arafat zu überwachen: „No longer, for instance, would it be necessary to rely solely on human intelligence to understand the mind-set of a terrorist.“ Es würde eine „Brave New World“ entstehen, von der Israel profitieren konnte: „Rafi Eitan realized that Promis could then have an impact on the Intifada. For a start, the system could lock on to computers in the PLO’s seventeen offices scattered around the world to see where Arafat was going and what he could be planning. Rafi Eitan put aside his foraging for scrap metal and focused on how to exploit the brave new world Promis offered.

Ebenso wie in den USA entwickelte der Mossad aus dem ursprünglichen Tool angepasste Varianten - aus dem, was die amerikanischen Dienste daraus letztlich entwickelten, leitet sich heute die Arbeit des NSA ab. Die Bedeutung wuchs immer weiter- im Gleichschritt mit der Ausbreitung digitaler Kommunikation schlechthin. Schon 1989 übertraf das Tempo und die relative Ausbreitung der Überwachungstools alles, was Menschen - d.h. klassische Spionage- hätten leisten können, um ein Vielfaches: „Promis could be programmed to eliminate all superfluous lines of inquiry and amass and correlate data at a speed and scale beyond human capability.“ Es ging aber von Anfang an nicht nur um reine Überwachung, sondern auch um den Einbau von „Trapdoors“- verborgenen Aspekten der Programme, die zur Spionage im Hintergrund dienen konnten, wenn das Tool anderen Diensten zur Verfügung gestellt wurde oder ihnen in die Hände fiel: „Ben-Menashe later claimed he was asked to organize the insertion of a “trapdoor,” a built-in chip that, unknown to any purchaser, would allow Rafi Eitan to know what information was being sought.“ So weit war es aber noch nicht. Vorerst installierte der Mossad Promis im Nachbarland Jordanien und verknüpfte es mit ähnlichen Informationskanälen der französischen Dienste: „Jordan was selected as the site, not only because it bordered on Israel, but because it had become a haven for the leaders of the Intifada. From the desert kingdom, they directed the Arab street mobs on the West Bank and Gaza to launch further attacks inside Israel.“

Es zeigte sich bald, dass Promis auch dazu dienen konnte, bevorstehende Attentate in anderen Ländern - zunächst in Italien - zu verhindern. Aber auch die Überwachung von Arafat gelang trotz dessen geradezu paranoider Vorsicht hervorragend: „Yasser Arafat was selected as the ideal example. The PLO chairman was renowned for being security-conscious; he constantly changed his plans, never slept in the same bed two nights in succession, altered his mealtimes at the last moment. Whenever Arafat moved, the details were entered on a secure PLO computer. But Promis could hack into its defenses to discover what aliases and false passports he was using. Promis could obtain his phone bills and check the numbers called.

Der nächste folgerichtige Schritt war es, die mit der digitalen Trapdoor versehene Software weltweit zu streuen, um die Nachrichtendienste anderer Staaten auf komfortable Art - und ohne Einsatz menschlicher Agenten - zu unterwandern. Zugleich konnte Promis die Kooperation mit Diensten, die damals noch im Interesse Israels lagen, vertiefen. Zu den dunklen Kapiteln dieser Tätigkeit gehörte die damalige Unterstützung des wankenden Apartheid- Regimes Südafrikas. Man benötigte für die unauffällige Vermarktung von Promis einen scheinbar unabhängig, international agierenden Geschäftsmann, der kein Misstrauen erregte.

Dieser Verkäufer war der chronisch klamme Medien- Mogul Robert Maxwell - einer der großen, legendären Zeitungs- Verleger wie Rupert Murdoch und (in Deutschland) Kirch und Springer. Der aus der Ukraine stammende Maxwell, dessen Familie im Holocaust umgebracht worden war, benötigte 1988 Milliarden, um den britischen Verlag Macmillan zu übernehmen. Als langjähriger englischer Parlamentarier war sein Ruf trotz einer gewissen Exzentrizität hervorragend. Offenbar lieh der Mossad Maxwell erhebliche Summen. Im Gegenzug bot Maxwell das mit Trapdoors versehene Promis- Programm auf dem internationalen Markt an: „But there was no doubting Maxwell was a brilliant marketeer of Promis—or, as far as Mossad was concerned, of the effectiveness of the system.“

Nachdem nichts ahnende befreundete Dienste Promis bereits erworben hatten („By 1989, over $500 million worth of Promis programs had been sold to Britain, Australia, South Korea, and Canada.“), biss auch der KGB an. Die zerfallende Sowjetunion entwickelte sich trotz Gorbatschows Öffnung und Reformkurs auf schwer einschätzbare Art und Weise. Das sollte sich durch Promis ändern: „Shortly afterward Robert Maxwell flew to Moscow. Officially he was there to interview Mikhail Gorbachev. In reality he had come to sell Promis to the KGB. Through its secret trapdoor microchip, it gave Israel unique access to Soviet military intelligence, making Mossad one of the best-briefed services on Russian intentions.“

Leider zeigte sich im folgenden Jahr, dass Maxwells Imperium aufgrund weiterer Übernahmen finanziell schwankte. Maxwell hatte sich ganz offensichtlich übernommen. Statt seine Schulden zu begleichen, pochte er auf weitere Gelder aus Israel und griff illegal in die Pensionsfonds seiner zahlreichen Angestellten. 1991 war Maxwell - nicht zuletzt aufgrund seiner Launen - zum unkalkulierbaren Risiko geworden. Er wurde liquidiert: „Britain’s Business Age magazine subsequently claimed that a two-man hit team crossed in a dinghy during the night from a motor yacht that had shadowed the Lady Ghislaine. Boarding the yacht, they found Maxwell on the afterdeck. The men overpowered him before he could call for help. Then, “one assassin injected a bubble of air into Maxwell’s neck via his jugular vein. It took just a few moments for Maxwell to die.”

Robert Maxwell wurde durch Henning Mankell in Der Mann, der lächelte ein nicht unbedingt schmeichelhaftes Denkmal gesetzt.

Nach seinem Tod wechselte der Mossad teilweise seine politische Ausrichtung und unterstützte etwa in Südafrika von nun an den ANC Nelson Mandelas mit denselben Mitteln, mit denen er ihn bis dahin bekämpft hatte: „Mossad also increased its ties with Nelson Mandela’s security service, helping it to target white extremists, many of whom it had previously worked with.“ Auch die Verbindungen zur US- Administration waren in den Folgejahren nicht nur freundschaftlich. Nach der skandalösen Bloßstellung der engagierten CIA - Frontfrau Valerie Plame (der Skandal wurde 2010 in dem Spionage- Thriller Fair Game thematisiert) durch die graue US - Eminenz Karl Rove war es wahrscheinlich der Mossad, der die Winkelzüge der Bush- Administration mittels Überwachungs- Software auffliegen ließ: „The saga of how that happened would turn out to be a classic dirty tricks operation culminating in October 2005 with Lewis Libby, Vice President Dick Cheney’s chief of staff, being indicted on perjury charges and Karl Rove, the White House senior adviser to President Bush, facing investigation by a grand jury. Their role centered in the unmasking of a CIA field officer, Valerie Plame, the wife of a former U.S. ambassador to Niger, Joseph Wilson. It is a criminal offense in America to identify an active secret agent. Mossad’s role in the fiasco would remain untold until these pages.“

Bis heute sind die Überwachungstools wie Promis zum Universal- Werkzeug aller großen Nachrichtendienste geworden- es tobt inzwischen ein zurecht so bezeichneter Cyber- War. Insbesondere die chinesischen und russischen Desinformations- Kampagnen greifen massiv in den Datenverkehr ein- selektierend, unterminierend. Die jahrelange Flucht nicht zuletzt von Bin Laden hat mehr als deutlich gemacht, dass diese Arten von Überwachungstools an ihre Grenzen stossen. Zugleich hat die Verknüpfung mit Gesichtserkennungs- Software, Sozialen Netzwerken und Drohnen eine nie geahnte, nahezu totale Überwachung und eine neue Art der Kriegsführung möglich gemacht.
____
Bildquelle: ARD/ Degeto Bildschirmfoto von oben verlinkter Website
Comments

Technisches

Leider haben durch technische Veränderungen Auswirkungen auch auf dieses kleine Blog. Durch notwendig gewordene Updates funktionieren einige Funktionen - wie die interne Suchmaschine- nicht länger. Das ist schade, weil auch das Unter- Blog Egoistenblog bei Google- Blogspot einbezogen war- ebenso wie abgelegte Dokumente auf dem Server. Solche Funktionen müssen einzeln implementiert werden und sind meist auch kostenpflichtig. Zusätzlich zu den laufenden, stetig steigenden Kosten des gemieteten Webspace kommen die Updates der Software und der einzelnen Plugins. Viel gravierender ist aber, dass die Implementierung des Sub- Blogs Egoistenblog, das ich zusammen mit Ingrid Haselberger moderiere, hier nun gar nicht mehr möglich ist. Das liegt nicht an Kosten, sondern an den gestiegenen Sicherheitsbedenken von Google. Google sieht inzwischen in einer solchen Implementierung ein Einfallstor für Hacker. Andererseits gibt es hinter den Kulissen technische Bedenken von Google, dass in einer solchen Implementierung eine mögliche Verfälschung von Suchmaschinen- Einträgen liegen könnte. Das ist zwar bei mir nicht der Fall, aber ich kann es einem Robot nicht erklären. Kurz: Die endgültige Trennung der Websites ist nun unausweichlich und hiermit vollzogen. Schade drum.
Comments

Als ich gestorben war

kingsson
An diesem Tag gleich ins Tal hoch gefahren, im immer dichter werdenden Nebel. Es war Anfang Dezember, wir hatten nichts anderes erwartet. Gegenüber vom Kloster Sankt Trudpert in der ehemaligen Mühle der großen Klosteranlage eingecheckt. Dann ein Spaziergang, bevor es ganz dunkel wurde, steil hinauf und einmal um die ganze alte Anlage herum. Eine Pause an der Quelle, die der Einsiedler und Gründer im 6. Jahrhundert frei gelegt hatte und die bis heute gepflegt wird und in einem überdachten kleinen Bau sprudelt. So viele Orte wie diese in Europa gehen ja auf einen solchen Einsiedler und auf ein entspringendes Gewässer zurück- meist sind sie ja noch viel älter als das Christentum selbst.

Danach etwas essen und sich frisch machen. Es war eine lange, unangenehme Fahrt gewesen. Irgend etwas stimmt nicht mit mir, die Wand kommt mir plötzlich ungewohnt entgegen, der Boden wallt auf, ich lege mich lieber hin. Auf das Bett zu klettern hat etwas von einer Bootsbesteigung, kaum auf den Rücken gedreht kommt der Nebel an mich heran und hüllt mich ein. Ich bin ganz klar, aber etwas stimmt nicht. Ich bin nur Bewusstsein, nur ich, nur lose verbunden, ohne jegliche Schwere. Noch nehme ich es nicht ganz ernst- ein Schwindel, vielleicht. Aber dann wird mir klar, dass ich nur noch durch einen silbernen Faden mit dem Leben im Körper verbunden bin.

Undeutlich vor mir, gestaltlos, aber präsent, ein strenges Etwas. Wieder mache ich Scherze im Geist, sage sogar erheitert: Oh, der Abt ist da. Und wirklich scheint es mir so, offensichtlich angeregt durch die vertraute Klosterumgebung, als schaute mich ein eiserner Abt an- kühl, mit einem Blick, der alles und alle gesehen hat, eine lange Ahnenreihe von Sündern, die er neutral betrachtet. Ein letzter Scherz: Och, bitte nicht katholisch sterben!
Aber dann wird mir klar, das es ernst ist. Ich kann nicht einfach zurück. Und ich war schon mehrmals hier, an dieser Stelle, ohne das damals zu wissen, lose verbunden, einen winzigen Schritt entfernt vom reinen Bewusstsein, das keinen Spiegel mehr in einem Leib hat:

(Damals, mit 18, in Amsterdam, zwischen all den Hippies, Blumenkindern und Hare- Krishna- Sängern. Jemand hatte mir etwas ins Getränk getan, das viel zu stark für mich war- so stark, dass ich das Königreich der Schmerzen kennen lernte, aus der Bahn geworfen wurde, die silberne Schnur verwickelt, in der Hand von Notfallmedizinern. Damals, mit 35, geschwächt durch eine schwere Infektion, in der Krypta der florentinischen San Miniato del Monte, als ein Geist voller Güte vor stand und mit mir sprach - von Mensch zu Mensch, aber völlig entkörpert. Wie immer bei solchen Gelegenheiten zwischen Leben und Tod streng sachlich, das Leben und seine Möglichkeiten konkret betrachtend.)

Nun, wieder solch eine Gelegenheit. Der Abt allerdings kennt keine Güte. Ich sehe mit seinen eisernen Augen auf mein Leben. Ich weiß jetzt, dass es sehr knapp werden wird. Ich beginne mit ihm zu argumentieren. Habe ich es nicht verdient, zu leben? Habe ich nicht Güte bewiesen und mich zumindest bemüht? Und wieder beginne ich mit den eisernen Augen des Abtes durch mein ganzes Leben zu wandern, als wäre es eine Landschaft. Meine Intentionen, meine geheimen Leidenschaften, meine Verbohrtheit und die vollkommene Illusion eines Jedermann, der sich selbst für wichtig hält, wie jedermann. Ich wandere mit diesen Augen durch das Leben und erkenne, dass ich meine tiefsten Anliegen verfehlt, dass ich versagt, verzagt und nichts verdient habe. Wieder stehe ich vor dem Abt. Ich fühle, dass er mich mit sich nehmen wird. Es ist vorbei, ich habe nichts, was ich auf die Waagschale werfen könnte. Ich bin ohne Gewicht, mitten im Abgrund, eine Feder im Wind.

Dann, mit aller Demut, bitte ich, noch ein wenig verweilen zu dürfen. Ich sehe meine Schuld, die Verstrickung. Ich sehe, dass ich bin wie sieben Milliarden mit mir, sich Mühende, Bemühte, sich Verlierende, ihre Herkunft Vergessende, sich selbst entfremdete menschliche Wesen. Mein Körper ist weit unter mir. Ich bin einverstanden, wie es auch sei, was auch geschehe. Ich bin ganz ruhig, ich bin demütige Erwartung. Aber so gerne würde ich noch einen Tag lang, eine Woche lang den Wind auf der Wange fühlen und den Geruch des Frühlings wahrnehmen. Und zu meinem Erstaunen schwindet die Präsenz des Eisernen. Die Sehnsucht, ein wenig körperlich zu empfinden, wenn man es nicht mehr kann! Da, ein Stück Haut, da, ein wenig Arm. Das Körpergefühl kehrt unendlich langsam und tastend zurück. Ich bin wieder im Körper, im Bett, im Zimmer, und denke: Der Abt war sehr streng mit mir. Aber ich darf noch eine wenig hier verweilen-
Comments

Carlos Castaneda, Hexer, Magier und Trickster

castaneda
In den letzten hundert Jahren sind - wie zuvor in anderer Gestalt- viele Magier und Trickster aufgetreten- Gurus wie z.B. Gurdjieff, Baghwan, Hubbard, Crowley, Castaneda und andere windige Gestalten, deren Fähigkeiten vor allem darin bestanden, tief greifende Persönlichkeitsstörungen und Sehnsüchte Anderer erkennen und zu nutzen, um ihre Anhänger in eine konstruierte Ersatz- Wirklichkeit hinein zu ziehen und damit einen Kult zu konstruieren, der erhebliche destruktive Energie, aber auch erstaunliche Verbreitung entwickeln konnte und kann. Abkömmlinge solcher moderner Magier finden sich überall auch in politischen, weltanschaulichen oder religiösen Zusammenhängen. Die autoritäre und selbstbezügliche Struktur solcher Gruppierungen ist aufgrund des ungebremsten Hungers nach immer Mehr der unreifen Schar der Gläubigen einerseits, und aufgrund der nackten Macht-, Sex- und Geldgier der Gurus stets fragil- sie neigt dazu, irgendwann zu implodieren.

In dem Alexander Knorrs Buch "METATRICKSTER. BURTON, TAXIL, GURDJIEFF, BACKHOUSE, CROWLEY, CASTANEDA“ (2004 erschienen, inzwischen im Internet frei verfügbar) geht dieser auf die genannten Trickster und ihre Methoden ein. Dabei möchte ich, als erste Ergänzung, auf Richard Kascynskis Crowley- Biografie „Perdurabo - The Life of Aleister Crowley“ verweisen. Das ist nämlich die andere Seite der Trickster: Wie beim am Ende tief traurigen Crowley, der heroinabhängig, verarmt, verbittert und um sein verstorbenes einziges Kind trauernd eine schillernde Karriere beendete, wendet sich der Mythos nicht selten gegen den Trickster selbst. Dies auch darum, weil mancher der magischen Grenzgänger schließlich seinen eigenen Geschichten verfällt: "Es ist schwer zu sagen, wie weit Gurdjieff selbst an den modernen Mythos glaubte, den er ersonnen hatte. – dasselbe gilt für (..) CASTANEDA: „Du schreibst von der Tricksterfigur, die sich selbst hereinlegt. Das trifft sicherlich auf Castaneda zu. Er hat fast bis zum Ende geglaubt, er könne sich in pure Energie verwandeln und mit Guccisandalen und Armanianzug verschwinden. In Wahrheit (haha) können wir nur spekulieren, was Castaneda dachte, tat und fühlte.“ Dies ist eine Anspielung auf das Auftreten und Leben von Castaneda und seinen „Hexen“, die keinesfalls in der mexikanischen Wüste dem Don- Juan- Mythos huldigten, sondern kalifornische Luxus- Restaurants, millionenschwere Konten und entsprechende Kleidung bevorzugten. Man kann das in dem an anderer Stelle zu besprechenden Enthüllungsbuch einer jahrzehntelangen Freundin und Partnerin Amy Wallace entnehmen („Sorcerer´s Apprentice. My life with Carlos Castaneda, 2007/2). Danach waren Castanedas „Hexen“ über Jahrzehnte hinweg eine eifersüchtige Bande von seinen Ex- Frauen, denen er einredete, ihm ständig neue, junge Anhängerinnen zuführen zu müssen- ein Sex- Kult mit esoterischem Schmieröl.

Aber auch er geriet dabei zwischen seinen Rollen ebenso wie Crowley immer wieder durcheinander: "So hatte CROWLEY einen kleinen Rosenkranz, der ihm half, in seine verschiedenen Persönlichkeiten zu schlüpfen. Je nach dem, ob er ihn trug oder nicht, erinnerte er ihn daran, wer er gerade war und wie er sich benehmen musste. Das erinnert an eine Kreuzung aus Schauspieltechnik und spirituell-meditativer Übung.“ (Knorr) Zu Castanedas Techniken des Herrschers gehörte die Verstossung aus dem Kult (und regelmäßige Wieder- Aufnahme der demütigen Novizin) ebenso wie andere sadistische und demütigende Methoden unbedingt dazu- die Gewissenlosigkeit kennen wir von Crowley, dessen Lebensweg gespickt war von psychisch kranken, alkoholkranken und suizidalen weiblichen „Medien“: "Auf der Meta-Ebene zeigt uns der Trickster den Weg, um die eigenen Kategorien- und Wertesysteme zu überwinden. Dass CROWLEY eine eigene Religion konstruieren konnte, die heute noch Anhänger hat, zeigt uns die Konstruiertheit der etablierten Religionen auf. Um so mehr, als Leuten wie HUBBARD und CASTANEDA, die von CROWLEY gelernt haben, das gleiche gelungen ist.“ (Knorr)

Im Gegensatz zu Crowley funktionierte aber Castaneda Geschäftssinn stets verlässlich: „Ich traf zwei Castanedas. Der erste ist der, den ich mir vorgestellt habe, als mir seine früheren Bücher so viel gaben. Der zweite, der auf Profit ausgelegte Unternehmen gründet, der selbsternannte Nagual, der Rechtsstreite führt, um seine Geschäfte zu schützen, der vorgibt, eine einzigartige Chance auf Freiheit für den ganzen Planeten zu sein, der von „Fliegenden“ spricht – das ist derjenige, mit dem ich in keiner Weise auch nur irgendetwas zu tun haben will.“ (nach Knorr) Mit diesen Methoden - ebenso wie mit den Inhalten der späten Don- Juan- Bücher - fügte sich Castaneda ein in eine dunkle Tradition südamerikanischer Schwarzmagie, auch wenn seine Bücher, wie Amy Wallace ausführt, hauptsächlich von Lektoren seines Verlags geschrieben worden sind, denen lediglich wirre, unter Drogeneinfluss hingeworfene Notizbücher vorlagen: "Am 3. Dezember 1994 läßt sich CASTANEDA seit langem zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit sehen. In Sunnyvale in Kalifornien hält er vor etwa 100 Menschen eine Art Vortrag, d.h. mehr eine Frage-und-Antwort Stunde. Beides, Fragen wie Antworten, könnten aus einem seiner Bücher entnommen sein. ... Oder aus denen anderer: Seine Aussagen über die „linke Seite der zweiten Aufmerksamkeit“ hören sich gleichermaßen nach CROWLEYs „left hand path“ und nach der „dunklen Seite der Macht“ an (..) FLORINDA knüpft dann auch noch an ein mythisches Motiv an, das wir vom Golden Dawn her schon kennen: „Die Energie öffnete sich für Castaneda, als er in den Abgrund [abyss] sprang.“ (Knorr) So stellt sich auch Castaneda als Täter und Opfer seines eigenen Kults dar: "Wahrscheinlich beginnt CASTANEDA die Arbeit an seiner großen Illusion (..) getrieben von des Tricksters Lust am Streichespielen. Durch die Veröffentlichungen und sein Auftreten (..) tritt er Entwicklungen los, die ihn irgendwann in einen Strudel reißen. Es kommt zur Firmengründung und zur Vermarktung, er beginnt seine ersten Werke wieder aufzugießen (..) Ab diesem Zeitpunkt kann man ihm den moralischen Vorwurf der Geldgier machen, doch das reicht bei weitem nicht als Erklärung des Gesamtphänomens aus. Es ist nur ein Aspekt des Tricksterprinzips, (..) Die Entwicklung hin zum, von materiellen Gelüsten getriebenen, Betrüger ist ein diachroner Strang seiner Biographie als Trickstergestalt.“ Nach Amy Wallace hatte Castaneda lange an Diabetes gelitten, behauptete aber, sich auf magische Weise davon geheilt zu haben. Zwei Jahre später, am 19. 6. 1998, war er tot.

Zu dem (damals noch nicht erschienenen) Buch von Amy Wallace schreibt Knorz noch:

Eine Frau aus dem inneren Castaneda-Kreis hat sich entschlossen ’auszupacken’, schreibt gerade an einem Buch, das Simon & Schuster (..) im nächsten Frühjahr publizieren wird. Ihr Name is Amy Wallace, sie ist die Tochter von Irving Wallace, mit welchem sie mehrere Bücher zusammen autorisiert hat. Ihre Beziehung zu Castaneda streckt sich über 30 Jahre (als Freund ihres Vaters), wobei sie in den letzten 10 Jahren eine persönliche Liebesbeziehung mit ihm aufrechterhalten hat. (..)
Die Publizierung ihres Buches wurde mehrfach verschoben, weil der Editor mit dem Gesamteindruck des Buchinhalts nicht zufrieden war. Amy möchte am liebsten den ganzen Dreck auftischen,(..) Der Publisher möchte sich jedoch nicht die alten Carlos Fans vergraulen und will eine mehr ausgewogene Beschreibung haben, mit weniger grotesken Sexdetails und negativer Vermenschlichung des grossen Ikons. Sie war ganz aufgelöst, dass sie ihr ganzes Buch noch einmal überarbeiten musste. Wir haben nur losen persönlichen Kontakt mit ihr, der zwar freundlich ist aber nicht vertrauensvoll. In uns ist immer noch das alte Misstrauen gegen die lügenlistigen Hexer, die keine Skrupel kennen
.“

Fotonachweis: Castaneda mit 36 Jahren, aus dem genannten Buch von Amy Wallace



Comments

Zu schön, um nicht wahr zu sein - wie man zu Intuitionen, Ideen und Erfindungen kommt

seeingwhat
Nein, wir sprechen nicht von Esoterik, Mystik oder Magie, sondern von Wissenschaft im umfassenden Sinn - und beziehen uns dabei auf Gary Kleins Buch „Seeing What Others Don't: The remarkable ways we gain INSIGHTS“. Klein hat über hundert Wissenschafts-, Finanzmarkt-, Militär- und historische verbriefte Geschichten gesammelt- von der Entdeckung des AIDS- Virus bis hin zur Enttarnung des Finanzmarkt- Betrügers Bernie Madoff. Es geht um die Voraussetzungen für plötzliche Einsichten, die Einzelne trotz massiver Widerstände, konkurrierender Forscher, widersprüchlicher Faktenlage, und/ oder scheinbar widersprechender Dogmen haben. Ein seltenes Beispiel für eine solche Intuition (hier im Titel zitiert) stammt von den Erforschern der Struktur der menschlichen DNS, Watson und Crick, die ästhetisch von deren Schönheit berührt waren: „We may even have an aesthetic reaction to the beauty of the insight. Watson and Crick felt that their double helix model was too beautiful not to be true.“

Viele aber, wie Marshall und Warren, mussten über ein Jahrzehnt lang nicht nur Ignoranz, sondern auch Häme der gesamten wissenschaftlichen Welt ertragen, als sie entdeckten, dass die chronische Entzündung der Magenschleimhaut - und in Folge Magenkrebs - auf einen bakteriellen Infekt zurück geht und einfach durch ein Antibiotikum gestoppt werden kann. Dass diese Art von Erkrankung Stress- bedingt und durch schwer wiegende Operationen, spezielle Medikamente und Antidepressiva zu behandeln war, galt nicht nur als Dogma, sondern hatte auch milliardenschwere wirtschaftliche Interessen bedient. Letztlich kamen den Forschern glückliche Umstände als auch ein damals verzweifelter, aber sensationeller Selbstversuch entgegen.

Diese Betrachtungen führen zu der Schlussfolgerung des Historikers Daniel Boorstin „The greatest obstacle to knowledge is not ignorance; it is the illusion of knowledge“- wir kontextualisieren zu viel. Wir bewegen uns im Status Quo des vertrauten Denkens, betten Beobachtungen und Erfahrungen in die bekannten Bezüge ein und verhindern so tatsächlich neue Erkenntnisse- sei es in der Wissenschaft, im privaten Leben oder auch - so dürfen wir folgern- in der meditativen Arbeit.

Andererseits hat es schon seinen Grund, dass wir denkend vorsichtig taktieren. Schließlich ist die Welt voll von Spinnern und Ideologen, und wir alle neigen zu assoziativen Verbindungen, um Zusammenhänge zu verstehen und Verständnismodelle zur eigenen Orientierung zu entwickeln: „We are all attuned to coincidences. We are sensitive to associations. Sometimes we are too sensitive and see connections that aren’t real.“ Der fatale Hang, Zusammenhänge sehen zu wollen, korrumpiert das Denken also ebenso wie die Neigung, an einmal gefundenen Kontextualisierungen fest zu halten.

Trotz allem gibt es ihn- den Blitz einer Erkenntnis, die Erfahrung einer Idee, das Schauen eines tatsächlichen, aber bisher nie gesehenen Zusammenhangs, „the flash of illumination“. Der Einschlag des Gedankens wird nicht selten von einer Empfindung der Evidenz begleitet- „a feeling of certainty“. Georg Kühlewind, der anthroposophische Forscher, der übrigens auch Wissenschaftler war, hielt dieses Evidenz- Empfinden übrigens für eine innere spirituelle Orientierung. Überhaupt meinte er, dass aktive meditative Arbeit eine Art Verlängerung im Sinne von Andauern des „Flash of illumination“ ist, ein inneres Einleben in das kreativ intuitive geistige Arbeiten als Ich- Erfahrung.

So weit geht Klein nicht. Aber auch er denkt, dass einmal gewonnene reale Ideen auf uns als Person zurück wirken- eine einmal gefundene tatsächliche Einsicht befreit und flügelt uns und ändert unsere Art, Phänomenen zu begegnen, auf nachhaltige Art und Weise: „Our insights transform us in several ways. They change how we understand, act, see, feel, and desire. They change how we understand.“ Dabei sind eine fundierte Grundkenntnis, ein systematisches Arbeiten an einem Problem, zwar häufig Voraussetzung im Sinne einer begründeten Fokussierung auf ein Thema oder eine Fragestellung, führen aber nicht zwangsläufig zur gedanklichen Intuition: „So I don’t think deliberate preparation is necessary or even practical for many insights.“ Er folgt dabei teilweise einem Denk- Modell von Helmholtz, der verschiedene Phasen zur Entstehung von echten Einsichten propagierte. Ihm zufolge kommt der „Blitz“ der Einsicht häufig in einer zweiten Phase zustande, in der der Forschende nicht mehr eigentlich fokussiert ist, sondern losgelassen hat - sich entspannt und eigentlich eher „weich“ in seinem Bewusstsein („in fringe consciousness“) agiert - im Sinne eines „sanften Willens“: „After working hard on a project, Helmholtz explained that “happy ideas come unexpectedly without effort, like an inspiration. So far as I am concerned, they have never come to me when my mind was fatigued, or when I was at my working table. They came particularly readily during the slow ascent of wooded hills on a sunny day.““

Dem war aber der Aufbau des gedanklichen Netzes im Sinne einer Vorbereitung voraus gegangen: „During the preparation stage we investigate a problem, applying ourselves to an analysis that is hard, conscious, systematic, but fruitless. Then we shift to the incubation stage, in which we stop consciously thinking about the problem and let our unconscious mind take over.“ Wie anders als „meditativ“ könnte man diesen Zustand der „Inkubations- Phase“ bezeichnen? In allen meditativen Schulen kennt man diese Phase, die man dort die Erfahrung der Leere nennt- frei vom fokussierten Inhalt, frei vom eigentlichen Thema, offen und bewusst im Sinne eines „weichen“, empfangenden Bewusstseins. Wissenschaftliche Einsichten kommen, so sehen wir, nicht anders zustande als spirituelle. Erst nach der Erkenntnis- Phase („when insight bursts forth with conciseness, suddenness, and immediate certainty.“) folgt die nächste Ebene der Vergewisserung und Verifikation, in der die gewonnene Einsicht wieder und wieder geprüft wird: „Finally, during the verification stage we test whether the idea is valid.“

Klein wendet gegen das Modell von Wallace ein, dass es keine Gewähr geben kann, dass eine Einsicht im Sinne von gedanklicher Intuition tatsächlich erfolgt. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Mechanismus, kein Rezept, keine Gewähr, sonst wären wir alle Genies. Auch die vage Theorie von Wallace, dass sich in der Inkubations- Phase im Unterbewussten irgendwie etwas formt und dann aufsteigt, erscheint ihm konstruiert. Dies gilt, wenn wir das wieder übertragen wollen, auch für die meditative Arbeit: Auch das systematische Arbeiten, das gelungene Loslassen, der fokussierte und der weiche Wille, garantieren nicht im geringsten, dass der Flow der aktiv- imaginativen Meditation gelingt. Die Geduld, ja sogar eine gewisse Demut - also emotionale Tugenden - sind zusätzlich erforderlich. Aber letztlich lässt sich auf diesem Gebiet so wenig wie im wissenschaftlichen Feld erzwingen.
Comments

Flötentöne & Sehnsucht

Das ist immer dieselbe Sehnsucht, lebenslänglich, unerklärlich für den, der sie nicht kennt.

Es ist die Sehnsucht des Seglers nach offenem Meer, nach Wind und Gischt,dem Rollen des Bootes. Aber die Sehnsucht, die ich meine, verbirgt sich nicht in Wasser, unter Steinen, in Höhlen oder im weiten gebirgigem Blick. Die Sehnsucht weht uns an, wie anderen etwas zustößt. Sie spielt Flötentöne auf unseren Knochen. Sie erhebt uns, aber lässt uns zugleich Blicke werfen ins eigene Unauslotbare, das tiefer ist als die See und an manchen Stellen so dunkel und kalt, dass der Atem gefrieren kann.
Nun, rüste Dein Boot, setz die Segel und befestige die offene Takelage. Wir brechen ständig auf, schauen ins Nichts und lassen vom Boden der Stille die erste Brise aufkommen. Unser Blick, der in die Weite schaut, ohne zu schauen, unser Denken, das bis zu einem einzigen Punkt fokussiert, sich von Innen öffnet wie die Romantische Blume- exakt und offen, flüssig geworden wie das Wasser unter dem Kiel: Aufbruch.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, // Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, // Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, // Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet, // Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.”


Odyssee
Comments

Neues aus dem anthroposophischen Minenfeld

Bildschirmfoto 2015-01-27 um 15.39.41
Wirre Leute mit rechtem Brett vor dem Kopf treffen nicht ungern auf anthroposophische Esoteriker, die, mehr oder weniger abgedreht, in Kernhaltungen wie dem offenen Anti- Amerikanismus und der weniger offen geäußerten wahnhaften Sorge vor allerlei Geheimgesellschaften, einander in die Arme fallen. Die geistigen Gartenzwerge entdecken gemeinsame Schnittmengen- gleichgültig übrigens, ob die rechts oder links oder einfach nur bekloppt sind.
Natürlich berichten manche Medien mit Wonne darüber- so gerade die selten zimperliche VICE, die "merkwürdige Geschichten" bei den Waldorfschulen ausmacht: Wenn der notorische Ken Jepsen, selber Ex-Waldorfschüler, in der Waldorfschule in Überlingen zum Vortrag eingeladen wird (und später wieder ausgeladen, was Vice verschweigt), wenn der Ex- Nazi und Ex- Waldorflehrer Andreas Molau einfach gar nichts macht, wenn der Ex- Waldorflehrer Bernhard Schaub sich im Holocaust- Leugner- Seminar Collegium Humanum zeigte, dann schließt VICE daraus: "Offensichtlich hat man in Waldorfschulen ein Problem damit, sich eindeutig von abseitigen Ideologien abzugrenzen."

So ganz offensichtlich ist das nicht, da die angesprochenen Figuren ja aus ihren Ämtern entfernt worden sind. Allerdings gibt es, wie auch Anfragen aus dem Ausland zeigen, Versuche, nach Entlassungen dieser Art anderswo erneut Fuß zu fassen, aber auch weiter und mit erheblichem Nachdruck mitteleuropäische anthroposophische Institutionen zu unterwandern. Daher folgt nun eine klare Stellungnahme des Bundes der freien Waldorfschulen, die insbesondere vor den sich so bezeichnenden "Reichsbürgern" warnt: "Weniger bekannt ist, dass die alternative Szene, zu der auch viele anthroposophisch inspirierte Initiativen in der Landwirtschaft, Medizin und Pädagogik gehören, eine große Anziehungskraft auf Reichsbürger hat. Da diese sich nicht immer als »Reichsbürger« zu erkennen geben, oft aber eng mit der rechten Szene verflochten sind und rassistische und rechtsextreme Positionen vertreten, ist Aufklärung geboten." Die ganze Broschüre ist frei herunter zu laden.

Die "Reichsbürger" definiert genannte Broschüre so: "Selbsternannte „Reichsbürger“, die meist aus einem nationalen bis rechtsradikalen Spektrum kommen, halten die Bundesrepublik Deutschland für völkerrechtlich illegal bzw. für juristisch nicht existent, im Gegensatz zu einem fiktiven „Deutschen Reich“, womit mal Nazideutschland, mal das Kaiserreich oder ein beliebiger Phantasiestaat gemeint sein kann. Deutschland, wie sie es sich vorstellen, sei nach wie vor im Kriegszustand mit den Alliierten bzw. von den USA „besetzt“. Doch das sei nur die Spitze des Eisbergs: Je nachdem, welchen „Reichsbürgern“ man glaubt, stecken hinter der Misere entweder das angeblich jüdische „Finanzkapital“, oder „die Zionisten“, irgendwelche Geheimbünde, außerirdische Mächte wie das „Plutonium-Imperium“ oder sie alle zusammen, die angeblich planen, uns fernzusteuern. Nicht zum ersten Mal gehen hier esoterische Vorstellungen und Rechtsradikalismus Hand in Hand."
Comments

Mind- Tuning, neue chemische Drogen und der Umgang damit



Vielleicht gehört es zu einer notwendig- rationalen Liberalität gegenüber so genannten Drogen, daran zu erinnern, dass der Mensch schon immer in seinen bio- chemischen Haushalt eingegriffen hat, dass unser Konzept von „Nahrung“ schon - in der Würze, Zubereitung und Substanz - immer auch auf das Seelische wirkt. Beginnt die Droge bei der Schokolade, die direkt auf passende Transmitter einwirkt, bis hin zum Liebhaber des „First Flush“ Tees- bestehend aus den ersten sprossenden Blättern des Jahres, die von Stimulantien strotzen. Und der Alkohol, natürlich, die niederschmetterndste und heimtückischste aller Drogen.

Wie soll man es dagegen bewerten, wenn ein heute typischer überdrehter Mittdreißiger, der in seiner Workaholic- Manie ganz von Ferne das Scheppern eines Burnouts hören könnte, wenn er Zeit hätte, zu hören. Er hat die Redaktion über seine Wahrnehmung und seine Erinnerungen- daher vergisst er einfach alle Gelegenheiten, in denen er deutliche Anzeichen von Überdrehtheit gezeigt hatte. Sie häufen sich- er ist manchmal zu schroff, manchmal zu direkt, manchmal zu erschöpft. Er versucht ein so genanntes Beruhigungsmittel, aber es reizt ihn noch mehr und lässt ihn schlaflos zurück. Als er auf einer Party einer bestimmten Droge begegnet - sei es MDMA oder ein Xstacy- Verwandter, sei es einer der legalen LegalHighs, synthetische Kräutermischung oder psychedelischen Pilzen, die aus den Niederlanden via Internet weltweit gehandelt werden, usw. - ist es sicherlich einmal auch eine Substanz, mit deren Hilfe und unter deren Einfluss der Mittdreissiger plötzlich inne halten, ruhig werden, auf sich schauen kann.

Das Nervös- Werden, die innere Zersplitterung, aber auch Wandlungsfähigkeit, der Bruch im emotionalen Selbstgefühl mit der eigenen Erscheinung, die sich unaufhaltsam entwickelnden inneren Widersprüche- das Alles als notwendige Umstände der Bewusstseinsseelen- Kultur, des selbstkritischen Zeitgenossen. Wer will es ihm verdenken, ein seine sich vereinseitigende Bio- Chemie zu gewissen Gelegenheiten mittels eines Antagonisten in Form einer Droge zu korrigieren? Es geht ihm nicht um Rausch oder Exzess, es geht um die Möglichkeit eines Ausgeglichenseins, das er im Alltag nicht mehr finden kann. Vielleicht hat er auch eine seelische Neigung in sich entdeckt, der er nicht von sich aus entkommen kann- eine Schwäche, eine Einseitigkeit. Es wird in chemischen Baukasten des Mind- Variierens genau die Substanzen entdecken, die zumindest zeitweise seine individuelle Schwäche kompensieren. Die Möglichkeiten sind zahllos, und fast immer ist ein Preis zu zahlen. Und vor allem die neuen synthetischen Drogen - von künstlichem, aber ungemein scharf wirkendem künstlichem Marihuana (teilweise legal zu beziehen) bis hin zu Metylphenidat (Behandlung bei ADS, Konzentrationssteigerung, Gedächtsnisstärkung, vor Prüfungen verbreitet) und Crystal Meth, der ultimativen Glückssteigerung mit dem schnellsten körperlich, seelisch und geistig folgenden Verfall- überschwemmen geradezu die Kontinente. Es klingt befremdlich, Schwärmereien über MDMA (Bestandteil von Xstacy) mit anzuhören, in dessen Verlauf User davon schwärmen, sich unter dem Einfluss der Droge emotional zu kommen und sich wahrhaft zuzuhören. Benötigt man heute dafür einen Ausnahmezustand?

Vielen geht es - heute offenbar Normalfall in deutschen Universitätsstädten - zumindest vor Prüfungen um eine Art Hirn- Tunings mit Hilfe von Ritalin. Es hilft beim Auswendiglernen und der allgemeinen Fokussierung, mit dem Preis möglicher Appetit- und Schlaflosigkeit. Der Übergang zwischen ärztlich verschriebenen Medikamenten und illegalen Drogen ist fliessend. Man darf davon ausgehen, dass es in heutiger Sozialisation nahe irgend einer der Metropolen dazu gehört, einen gewissen ausgeglichenen Umgang mit den Potenzialen legaler, illegaler und kulturell erwünschter (Alkohol) oder gerade wieder verpönter (Nikotin) Substanzen zu erlernen. Eine relativ brave Mittelklasse- Droge wie Marihuana zu ächten, erscheint gegenüber den realen Gefahren von Heroin, Alkohol, Nikotin und dem chemischen Bio- Baukasten, der seit Jahren alle Kontinente überschwemmt, absurd.

Das anthroposophische Standardwerk Ron Dunselmanns über Drogen ist 30 Jahre alt und somit eher Ausläufer der Hippie- Jahre als Betrachtung der ganz anders gearteten heutigen Herausforderungen. Es wird Zeit, darüber wieder mehr zu sprechen, ohne Scham, ohne Moralpredikt, ohne erhobenem Zeigefinger.
Comments